Fürstliche Witwen und Witwensitze in Schleswig-Holstein

Ort
Husum
Veranstalter
Oliver Auge, Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel; Thomas Steensen, Nordfriisk Instituut, Bredstedt
Datum
24.03.2017
Von
Stefan Brenner / Jan Ocker, Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Ausgewählte Witwen des schleswig-holsteinischen Adels, deren Witwensitze sowie deren soziales und fürstliches Leben standen im Mittelpunkt des eintägigen Symposiums, zu dem die Abteilung für Regionalgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und das in Bredstedt beheimatete Nordfriisk Instituut gemeinsam in das Schloss vor Husum einluden. Im altehrwürdigen, prächtig ausgestatteten Rittersaal bestand das übergeordnete Interesse der Tagung darin, anhand unterschiedlicher Beispiele – in vergleichender Perspektive – nach dem Leben und Wirken der verwitweten Fürstinnen zu fragen und Gemeinsamkeiten, aber eben auch Unterschiede herauszustellen.

Zum Auftakt der wissenschaftlichen Zusammenkunft hoben die beiden Tagungsveranstalter OLIVER AUGE (Kiel) und THOMAS STEENSEN (Bredstedt) in ihrer Begrüßung hervor, dass es sich bei dem Thema der fürstlichen Witwen mitsamt ihren Witwensitzen um kein primär friesisches handele. Denn friesische Geschichte sei keine Adelsgeschichte, wie Steensen ausführte. Vor diesem Hintergrund nahm das Schloss vor Husum, das im 17. Jahrhundert den Herzoginnen Augusta (1580–1639) und Maria Elisabeth (1610–1684) von Schleswig-Holstein-Gottorf als Altersresidenz diente, eine besondere Stellung ein. Dabei soll es auch Maria Elisabeth gewesen sein, die für ihre eigene Zuckerbäckerei die heute für Husum charakteristischen Krokusse nach Nordfriesland gebracht hat, wenngleich hierüber (berechtigterweise) erhebliche Zweifel bestehen. Die Frage nach dem wahren Ursprung der Krokusblütenpracht in Husum – das nach Aussage der Initiatoren für einen Tag das „Zentrum für die schleswig-holsteinische Regionalgeschichte“ bildete – müsse hingegen unbeantwortet bleiben.

In seiner daran anschließenden inhaltlichen Einführung konstatierte OLIVER AUGE (Kiel) zunächst, dass es sich bei dem Tagungsthema erfreulicherweise keineswegs mehr um einen randständigen Bereich innerhalb der Forschung handele und die entsprechende Literatur im Wachsen begriffen sei. Die im Gesamtkontext der frühneuzeitlichen Witwenbetrachtung bedeutenden Termini des Wittums und des Leibgedinges aufgreifend, stellte Auge den Reichtum einiger Frauen sowie die Repräsentation der Witwensitze heraus, um jedoch alsbald die Grundvorstellung der Witwe als reiche Frau zu relativieren. So habe es neben den vermögenden, begüterten Damen, die ihren festen Platz in der Historiographie einnehmen, auch zahlreiche Fürstinnen gegeben, deren Schicksale sich davon deutlich unterschieden. Der Referent erinnerte hierbei etwa an Auseinandersetzungen, die zwischen den fürstlichen Räten und den Witwen geführt wurden. In Anlehnung an die Fürsten des Landes, die in dem gleichnamigen Werk aufgearbeitet sind,[1] beabsichtige die Tagung, sich dezidiert den Fürstinnen zuzuwenden.

Im ersten Vortrag präsentierte MELANIE GREINERT (Kiel) die Geschichte des Husumer Schlosses vornehmlich als eine Geschichte des Wirkens und Waltens der Witwen Augusta, welche 1606 das Schloss als Witwensitz zugesprochen bekam, und Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf, der 1639 das Schloss als Wittum vertraglich zugesichert wurde. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die architektonische Entwicklung des Schlosses unter den Witwen – ausgehend von der Errichtung des „Fürstlich Huß“ vor Husum im Jahre 1582 durch den Gottorfer Herzog Adolf I. (1526–1586) bis zum Tod Maria Elisabeths 1684 – gelegt. Neben der Bautätigkeit und dem verhältnismäßig großen Hofstaat der zwei Witwen, beides Belege für ihren weitreichenden finanziellen Spielraum und ihren fürstlichen Lebensstil, widmete sich Greinert auch dem kulturellen und religiösen Engagement der Herzogswitwen – in Form von Prestigebauten, der Unterhaltung von Musikern wie dem bekannten Kapellmeister Hans Conrad Kapeler (circa 1615–1667) oder der Veranlassung der Schleswiger Bibel.

Im Folgenden befasste sich der Kunsthistoriker JENS NEUMANN (Kiel) mit der Herzogin Friederike Amalie von Schleswig-Holstein-Gottorf (1649–1704) – Gattin des Kieler Universitätsgründers Christian Albrecht (1641–1695) – und dem nach ihr benannten Amalienbau des heute in dieser Form nicht mehr existierenden Kieler Schlosses. Dabei skizzierte Neumann zuerst den Altbau der herzoglichen Residenz, um dann auf den von Domenico Pelli (1657–1728) errichteten und im Jahre 1697 vollendeten Neubau einzugehen, der als ein aussagekräftiges „Zeugnis der Auftraggeberin“ bezeichnet werden könne. Den italienischen Stil des Bauwerkes anhand überzeugender Beispiele darstellend, widmete sich der Referent neben der Innenausstattung beispielsweise auch dem Portal, um hierbei auf die allegorische Lesart aufmerksam zu machen. Mittels der Inszenierung, der das Gebäude unterlag, habe sich die Witwe Friederike Amalie – der allgemeinen Witwentheorie entsprechend – als idealtypisch darzustellen versucht.

Nach einer Mittagspause, die nicht nur die Gelegenheit bot, sich zu stärken, sondern auch mit den Referenten und Besuchern ins Gespräch zu kommen, bestand die Möglichkeit, an einer Schlossführung mit ULF VON HIELMCRONE teilzunehmen. Die Führung bot umfangreiche Einblicke in die unterschiedlichen Räumlichkeiten des Schlosses, deren Architektur und schmuckvolle Ausgestaltung. Von Hielmcrone ging dabei detailliert auf einige Gemälde und besonders auf die prächtige Replik des „Todeskampfkamins“ ein, die sich im Rittersaal – dem Veranstaltungsort der Tagung – befindet.

Daran anschließend setzte SILKE HUNZINGER (Plön) die Vorträge mit einer Darstellung der Witwen und Witwensitze der Herzöge von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Plön, der sogenannten abgeteilten Herren, fort. Hunzinger widmete sich in ihren Ausführungen vier Generationen von Witwen von dem Entstehen des Herzogtums 1622 bis zu dessen Ende 1761. Aus dem Potpourri an unterschiedlichen Witwenviten, die von tatkräftigen Regentinnen bis zu wohltätigen Stifterinnen reichen, sticht doch vor allem die Stammmutter der Linie Sonderburg-Plön, Dorothea Augusta von Schleswig-Holstein-Gottorf (1602–1682), hervor. An ihrem Beispiel lässt sich erkennen, wie eine Witwe aktiv politischen Einfluss auf die Entwicklung im Herzogtum ausüben konnte, vertrat sie doch immer wieder ihren regierenden Sohn in Amtsangelegenheiten. Darüber hinaus trat sie 1630 der „Tugendlichen Gesellschaft“, dem weiblichen Pendant zur kulturschaffenden „Fruchtbringenden Gesellschaft“, bei, was zusammen mit ihrem religiösen Engagement als protestantische Fürstin und Witwe das Bild einer frommen und klugen Landesmutter abrundet.

Mit den Witwen und Witwensitzen der Eutiner Fürstbischöfe setzte sich im Folgenden ANKE SCHARRENBERG (Eutin) auseinander. In der knapp 200 Jahre andauernden Regentschaft jener Fürstbischöfe sind lediglich drei Witwen vorgekommen, was damit zusammenhängt, dass diese Fürsten einer jüngeren Linie der Schleswig-Holstein-Gottorfer entstammten, die als „genealogische Reserve“ fungierten. Dennoch weisen auch diese Witwenviten im Grundsatz typische Charakteristika wie etwa monetäre Streitigkeiten auf, wobei die entsprechenden Regelungen – Scharrenberg verwies auf das Fideikommiss – wiederum einen Sonderfall in der schleswig-holsteinischen Geschichte ausmachen. Besonders erwähnenswert erscheint Albertine Friederike von Baden-Durlach (1682–1755), nicht nur weil sie sich nach dem Tod ihres Gatten Herzog Christian August von Schleswig-Holstein-Gottorf (1673–1726) vehement für die Wahl ihres Sohnes Adolf Friedrich (1710–1771) zum Bischof einsetzte und somit als eigenständige Akteurin der Interessen der Linie auftrat, sondern auch weil sie am Ende ihres Lebens Mutter des schwedischen Königs, des Lübecker Fürstbischofs und nicht zuletzt Großmutter des russischen Zaren war.

Die Grenzen des heutigen Bundeslandes Schleswig-Holstein gen Norden verlassend, widmete sich der dänische Historiker CARSTEN PORSKROG-RASMUSSEN (Aarhus / Sonderburg) den Witwensitzen auf Alsen. Dabei nahm er als hochadeliges Beispiel Dorothea von Sachsen-Lauenburg (1511–1571) – Ehefrau des dänischen Königs Christian III. (1503–1559) – in den Blickpunkt, die sich für die Nebenresidenz in Sonderburg als Witwensitz entschied. Der Vortragende verwies auf die eigens errichtete Schlosskirche mit den zwei Ahnentafeln, die er als „Form von Fürstenfeminismus“ versteht. Im Weiteren beleuchtete Porskrog-Rasmussen zudem auf der Ebene des deutlich niederer angesiedelten Hochadels ausgewählte Witwen der 1622 entstandenen Herzogtümer Sonderburg und Norburg, die über Witwensitze in Gammelgaard beziehungsweise Osterholm verfügten. Der Referent erinnerte für die Beschäftigung mit den Herzoginnen an die überlieferten Dorfordnungen. Sowohl für die Witwen des Hoch- als auch des Niederadels erweise es sich hingegen als schwierig, den tatsächlichen Grad der Herrschaft messen zu können.

Den letzten Vortrag des Nachmittags lieferte FRANZISKA HORMUTH (Marburg) mit einer Darstellung der Witwen und Witwensitze der Herzöge von Sachsen-Lauenburg. Nach einer allgemeinen Einordnung in jenem Herzogtum lieferte Hormuth einige Fallbeispiele dafür, mit welchen Konflikten Witwen konfrontiert waren. Im Zentrum dieser Betrachtungen standen immer wieder finanzielle Nöte und Erbschaftsstreitigkeiten der Witwen, aber auch Wiederverheiratungen und die damit verbundenen Chancen der verwitweten Frauen. Insgesamt lässt sich allerdings für das Herzogtum konstatieren, dass viele der dortigen Witwen ihren Lebensabend ohne größere Zerwürfnisse verbringen konnten.

In der Zusammenfassung hielt OLIVER AUGE (Kiel) den Erfolg der wissenschaftlichen Tagung fest. Die gelieferten Ergebnisse zu den unterschiedlichen Witwen und ihren Witwensitzen können als Grundlagenarbeit verstanden werden und hätten klar aufgezeigt, dass es sich bei diesem Thema keineswegs nur um eine Randerscheinung der frühneuzeitlichen Geschichte handele. Von besonderer Bedeutung und auch Brisanz seien die Eheverträge mit den entsprechenden Passagen zu der (finanziellen) Versorgung der Fürstinnen nach dem Ableben der Ehegatten. Darüber hinaus griff Auge auch den von Porskrog-Rasmussen angesprochenen „Fürstenfeminismus“ auf, der sich etwa in der Architektur ausgedrückt habe. Neben etwaigen Fragen nach beispielsweise dem Herrschaftsgrad der Witwen oder der möglichen Sonderrolle einiger Fürstinnen habe die Zusammenkunft viele Ansatzpunkte für weitere Forschungen gegeben. So äußerte Auge in seinem Resümee das Desiderat, sich in gleicher Weise, wie dies auf dem Symposium für die Witwen unternommen wurde, mit den Witwern auseinanderzusetzen, da diesbezüglich noch (nahezu) überhaupt keine Arbeiten vorlägen.

ALBERT PANTEN (Niebüll) beschäftigte sich im abschließenden Abendvortrag noch einmal ausführlich mit den beiden einst im Schloss vor Husum lebenden Witwen Augusta und Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf. Primär das Verhältnis der beiden Fürstinnen zu ihren Untertanen sowie deren Verdienste untersuchend, zog der Referent für seine weit ausgreifenden Betrachtungen zahlreiche Quellenbelege heran. So widmete sich Panten etwa detailliert den erhaltenen und von den beiden Herzoginnen abgeschlossenen Kaufverträgen. Darüber hinaus konnten die ausgewerteten Schriften beispielsweise Informationen zum Kirchen- und Gerichtswesen sowie zu der nordfriesischen Wirtschaft des 17. Jahrhunderts geben. Im Zuge der intensiven Recherchen stieß der Vortragende etwa auch auf ein Witwenkleid, das Maria Elisabeth gestiftet hatte. Pantens dargebotener Detailreichtum konnte somit aufzeigen, welches Potential die Erforschung dieser Archivalien für die schleswig-holsteinische Regionalgeschichte insgesamt bietet.

Die Tagung im Schloss vor Husum vermochte wichtige Kenntnisse zu den unterschiedlichen adeligen Witwen und ihren Witwensitzen für das Gebiet des heutigen Schleswig-Holsteins (und darüber hinaus) zu liefern. Die ertragreichen Vorträge des Symposiums sollen – ergänzt um einen Beitrag von ANTJE WENDT (Schleswig) zum Schloss Reinbek als Witwensitz und von STEFAN MAGNUSSEN (Kiel) zu niederadeligen Witwen – in einem Tagungsband zusammengestellt werden und auf diese Weise einen wichtigen Beitrag zur noch längst nicht abgeschlossenen Witwenforschung im norddeutschen Raum leisten.

Konferenzübersicht:

Begrüßung:
Oliver Auge (Kiel); Thomas Steensen (Bredstedt)

Einführung in das Tagungsthema:
Oliver Auge (Kiel)

Melanie Greinert (Kiel): Das »Fürstlich Huß« zu Husum als Witwensitz der Herzoginnen Augusta und Maria Elisabeth von Schleswig-Holstein-Gottorf

Jens Neumann (Kiel): Der Amalienbau des Kieler Schlosses. Zur Rhetorik des barocken Witwensitzes

Silke Hunzinger (Plön): Witwen und Witwensitze der Plöner Herzöge

Anke Scharrenberg (Eutin): Witwen und Witwensitze der Eutiner Fürstbischöfe

Carsten Porskrog-Rasmussen (Aarhus/Sonderburg): Schloss Sonderburg als Witwensitz

Franziska Hormuth (Marburg): Witwen und Witwensitze der Herzöge von Sachsen-Lauenburg

Zusammenfassung:
Oliver Auge (Kiel)

Abendvortrag:
Albert Panten (Niebüll): Die Witwen im Schloss vor Husum und ihre Untertanen

Anmerkung:
[1] Carsten Porskrog-Rasmussen u.a. (Hrsg.), Die Fürsten des Landes. Herzöge und Grafen von Schleswig, Holstein und Lauenburg, Neumünster 2008.

Zitation
Tagungsbericht: Fürstliche Witwen und Witwensitze in Schleswig-Holstein, 24.03.2017 Husum, in: H-Soz-Kult, 28.08.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7302>.