Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa sechzig Jahre nach Kriegsende

Ort
Frankfurt am Main
Veranstalter
Hans-Heino Ewers, Universität Frankfurt am Main; Insa Fooken, Universität Siegen; Gereon Heuft, Universitätsklinikum Münster; Hartmut Radebold, Universität Kassel; Jürgen Reulecke, Universität Gießen; Jürgen Zinnecker, Universität Siegen in Kooperation mit dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, dem Sigmund-Freud-Institut und dem Fritz-Bauer-Institut.
Datum
14.04.2005 - 16.04.2005
Von
Lu Seegers, Institut für Geschichte, Universität Siegen

Die historische Erfahrung des Zweiten Weltkrieges spielt eine zentrale Rolle in der Erinnerungskultur aller daran beteiligten Länder. Seit den späten 1990er Jahren kommen im Zuge des Wandels der Erinnerungskultur in der Bundesrepublik die so genannten "Kriegskinder" der Jahrgänge 1930 bis ca. 1945 in den Blick, für die - ohne von organisierter Vernichtung bedroht zu sein - Erfahrungen von Gewalt, Trennung und Verlust zum Teil lebenslang prägend waren. Demzufolge ging es bei dem ersten internationalen und interdisziplinär angelegten Kriegskinder-Kongress in Frankfurt nicht nur um die unmittelbaren Kriegs- und Nachkriegsjahre, sondern auch um die vielfältigen Folgen der Kriegskindheit für die weitere individuelle und generationelle Lebensgeschichte der Betroffenen. Ziel des Kongresses war zum einen, den Zweiten Weltkrieg in Europa aus der Perspektive von damaligen Kindern zu vergegenwärtigen. Zum anderen ging es darum, die offizielle Erinnerungskultur von der Nachkriegszeit bis heute sowie die Rolle der Kriegskinder dabei zu beleuchten. Drittens sollten anhaltende psychische Belastungen der Kriegskinder thematisiert werden. Die Resonanz war beträchtlich: Mehr als 600 Experten und Zeitzeugen kamen in Frankfurt zusammen.

Die Diskussion um die Erfahrungen von deutschen Kriegskindern stellt - wie nicht anders zu erwarten - eine sensible Gratwanderung dar. Dieter Graumann, Vorstandsmitglied der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, artikulierte in seinem Grußwort "Bauchschmerzen und Unbehagen". Er beklagte, dass die Kinder der Shoah nicht genügend im Tagungsprogramm berücksichtigt worden seien und die Vernichtung der Juden nicht gegen das Leiden der Verursacher aufgerechnet werden dürfte. Graumann warnte vor einem "Einheitsopferbrei" mit dem Tenor "Alle haben doch irgendwie gelitten - gut, dass wir darüber gesprochen haben". Auf dieses Problem kam dann der Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Micha Brumlik, in seinem Vortrag am Ende der Tagung noch einmal zurück. Auch wurde bereits im Lauf der Konferenz deutlich, dass es den vertretenen Experten und den meisten anwesenden "Kriegkindern" nicht darum ging, eine "Opferkonkurrenz" aufzumachen, sondern im Gegenteil die eigenen Erfahrungen differenziert in das europäische Gedächtnis einzuordnen sowie das Leiden an dem Verschweigen der "Taten" durch die Elterngeneration zu benennen.

In diesem Sinne verwies der Psychoanalytiker Hartmut Radebold (Kassel) in einem Auftaktvortrag auf die Langzeitfolgen des Krieges bei den zwischen 1930 und 1945 Geborenen. Mehr als 30 Prozent von ihnen hätten als Kinder und Jugendliche den Verlust und die Trennung von wichtigen Bezugspersonen (insbesondere vom Vater) sowie vielfältige Formen von Gewalt erlebt. Eine frühe Parentifizierung, drückende Verantwortungsgefühle sowie Erschöpfungszustände hätten das weitere Leben der Kinder geprägt. Bis in die siebziger Jahre hinein seien die Folgen des Krieges in psychologischen Studien tabuisiert worden. Mittlerweile in einem Lebensalter zwischen 60 und 75 Jahren angelangt, brächen nun in einer Phase der Lebensbilanzierung, oftmals bedingt durch den Tod der Eltern und dem Ausscheiden aus dem Beruf, schmerzliche Kindheits- und Jugenderinnerungen wieder hervor. Dies alles beeinträchtige Gesundheit und Wohlbefinden in vielen Fällen schwerwiegend.[1] Das Thema habe über die individuelle Ebene hinaus auch eine kollektive Tragweite: Die heutigen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Eliten gehören zu einem beträchtlichen Teil diesen Jahrgängen an. Politiker wie Gerhard Schröder, Wolfgang Thierse und Bundespräsident Horst Köhler seien "typische Kriegskinder". Ihre generationenspezifischen Erfahrungshintergründe auszuleuchten, stelle einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation dar.

Am zweiten Tag bemühten sich die Teilnehmer in fünf verschiedenen Sektionen, die von der Zeitgeschichte, der historischen Bildungsforschung, der Gerontologie, der Psychoanalyse und der Literaturwissenschaft ausgerichtet worden waren und jeweils vier Workshops beinhalteten, um eine differenzierte Annäherung an das weite Thema. Aufgrund des begrenzten Raums werden hier vor allem Ergebnisse der Sektion der Zeithistoriker vorgestellt, zumal diese interdisziplinär ausgerichtet war.
Der erste Workshop dieser Sektion trug den Titel "Kriegsfolgen und Generationengeschichte im 20. Jahrhundert. Kriegskindheiten in und nach dem Zweiten Weltkrieg". Die Moderatorin Ute Daniel (Braunschweig) betonte einleitend, dass Kriegserfahrungen und -verarbeitungen leider erst sehr spät in die Forschungen aufgenommen wurden, weil die Geschichtswissenschaft "ursachen-versessen" sei und wenig nach individuellen und kollektiven Verarbeitungsformen von tiefgreifenden Umbruchsituationen frage. Daniel plädierte für eine Differenzierung der Kriegskindergeneration nach alters-, geschlechts- und sozialspezifischen Faktoren sowie nach Konfessionszugehörigkeit und Wohnort. Im ersten Referat sprach Jürgen Reulecke (Gießen) über die Beziehungen der männlichen Kriegskinder zu ihren Vätern, die selbst durch Krieg und Gewalt sozialisiert worden waren. Klaus Latzel (Jena) fragte in seinem Vortrag nach weiblichen Kriegskindern. Er zeigte, dass insbesondere die älteren von ihnen keineswegs nur traumatisierte Opfer waren, sondern dass viele sich "kriegsbegeistert" zeigten und den Vätern ihre "Kriegskompetenz" im Alltag beweisen wollten, um emotional an- und ernst genommen zu werden. Erst später seien sie dann infolge von Bombenkrieg, Flucht und Vertreibung auch zu Opfern geworden. Den Titel der Tagung ("Botschaft der Kriegskinder") nahm Lutz Niethammer (Jena) zum Anlass, um bisherige Generationenkonzepte zu kritisieren, bei denen Generationen immer noch qua männlich geprägter geistesgeschichtlicher Aufladung definiert werden und deshalb jede Generation eine für die Öffentlichkeit präsente "Botschaft" haben müsste. Die Kriegskinder seien, obgleich sich ein Teil von ihnen zu den 68ern zähle, jedoch keine Deutungskohorte. Sie hätten eher passive Erfahrungen gemacht und ihr eigenes Schicksal nicht emphatisch ausgespielt, sondern eher bagatellisiert.

Um die Frage, wie die Erfahrungen der Kriegskindheit als Thema historischen Lernens in Schule und Öffentlichkeit vermittelt wird, ging es im zweiten Workshop. Saskia Handro (Bochum) verfolgte in einer diachronen Analyse die Thematisierung von Kriegskindheit in Schulbüchern als Medien des kulturellen Gedächtnisses. Besonders Kriegskinderbilder visualisierten sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR der fünfziger und sechziger Jahre - wenn auch unter unterschiedlichen Vorzeichen - den vorherrschenden Opferdiskurs; sie galten als Metapher für Wehrlosigkeit, Ohnmacht und Unschuld. Seit den 1970er Jahren seien Kriegskinder in der Bundesrepublik dann als Objekte der NS-Sozialisation aber auch als Opfer von Holocaust, Euthanasie und Bombenkrieg gezeigt worden. Erst seit den späten 1980er Jahren würden Kriegskinder als Subjekte historischer Erfahrungen präsentiert werden, ohne dass ein Opferdiskurs wieder aufgenommen wurde. Auch Gerhard Henke-Bockschatz plädierte dafür, durch die Arbeit mit Ego-Dokumenten, der Lektüre von historischen Romanen sowie durch Zeitzeugengespräche die Schicksale von Kriegskindern zu personifizieren und somit den Schülern näher zu bringen. Der Blick auf die Zivilbevölkerung müsse jedoch in den historischen Kontext eingebettet sein und dürfte nicht den Blick auf die Opfer des Rassenwahns des Nationalsozialismus verstellen. Peter Schulz-Hageleit (Berlin) definierte den Begriff des "historischen Lernens" weit über den Schulunterricht hinaus. Auch die Gesellschaft, Politiker und Historiker seien Teil dieser "Veranstaltung". Umso wichtiger sei es im Sinne eines selbstreflexiven Geschichtsbewusstseins für die Lehrenden, sich bewusst zu machen, dass sie selbst zum Teil durch den Nationalsozialismus geprägt worden seien. Man müsste sich deshalb klar machen, dass "Didaktik des historischen Erzählens auch immer den Phantomschmerz des Nicht-Erzählten und Nicht-Erzählbaren" beinhalte.

Der dritte Workshop hatte die Verarbeitung von Kriegskindheitserfahrungen in der Familie und in der Selbsthistorisierung zum Thema. Die Historikerin Ursula Becher (Düsseldorf), machte die lebenslangen Belastung für die Kriegskinder deutlich. Man habe früh erwachsen werden, hohen Leistungsansprüchen nachkommen und funktionieren müssen. Diffus habe man Schuld gespürt, aber sich angesichts des Schweigens der Älteren nicht getraut nachzufragen. Eine gestörtes Urvertrauen und eine fragile Identität seien die Folge gewesen - ein mentales Gepäck, das viele Kriegskinder unbewusst auch an die nächste Generation weitergegeben hätten, so Becher. Diese Erfahrungen wurden von vielen Teilnehmern bestätigt. und der Bedarf der Integration psychohistorischer Ansätze in der Zeitgeschichte deutlich. Barbara Stambolis und Dieter Pfau (Siegen) analysierten den Symbolgehalt von Kriegskinderbildern. Sie verwiesen auf die Anmutungsqualität und Ikonographie der Bilder, die oftmals Frauen mit "traurigen, kleinen Jungen" zeigten. Diese Bildsprache fand auch Eingang in den deutschen Nachkriegsfilm. Die "kleinen Jungen" standen, so die Referenten, für männliche Unschuld, da sie nicht für den Krieg und seine Folgen verantwortlich gemacht werden konnten. Insofern stellten sie eine ideale Projektions- und Ersatzfigur dar für die desavouierte Gesellschaft der Nachkriegszeit dar.

Im letzten Workshop der Sektion ging es darum, den "Langfristfolgen der Kriegskindheit auf die Spur zu kommen". Moderator Harald Welzer konstatierte, dass es noch keine Theorie über die kollektive Erfahrung von Gewalt und ihre Bedeutung für die nachfolgenden Generationen gibt. Er beobachte bei den Kriegskindern die Selbsterfindung einer Generation, gefördert durch in eine in der Gesellschaft kursierende "memory mania". Die Psychotherapeutin Astrid von Friesen beschrieb aus ihrer Praxis Erfahrungen mit Patienten, die am posttraumatischen Belastungssyndrom litten und besonders in Täter-Familien Wut, Trauer, Bindungslosigkeit und Schweigen erlebt hätten. Sybille Hübner-Funk (München) wies daraufhin, dass die Kriegsfolgen stärkeren Eingang in die Sozialgeschichtsschreibung der Bundesrepublik finden müssten, die bislang vor allem als Erfolgsgeschichte konturiert worden sei. Denn es sei die im Nationalsozialismus sozialisierte HJ-Generation gewesen, die die Geschichte der Bundesrepublik maßgeblich mitgeprägt habe. Die Bedeutung von sozialpsychologischen Erklärungsmustern für die Geschichtswissenschaft wurde einmal mehr deutlich, auch wenn die eigene "Betroffenheit" der Referentinnen zu sehr dominierte.

In einem beeindruckenden Vortrag sprach sich Micha Brumlik (Frankfurt/Main), dafür aus, die Erfahrungen der Kriegskinder-Generation in das kollektive Gedächtnis zu integrieren. Dabei müsse allerdings sichtbar bleiben, dass die zwischen 1930 und 1945 geborenen Deutschen nicht die Opfer eines Völkermordes gewesen seien, sondern die Leidtragenden der Taten vor allem ihrer Väter. Es sei angesichts der Tatsache, dass die nachrückenden Generationen zu einem Großteil aus Immigranten und jungen Menschen ohne Bezug zum Schicksal der europäischen Juden vor 60 Jahren beständen notwendig, beide "Leidensspuren", die der Holocaust-Opfer und ihrer Nachkommen und die der Kriegskinder im Sinne einer lebendigen Erinnerungskultur zu bewahren. Der Blick auf alle Opfer erfordere eine neue Ambivalenztoleranz, auch wenn es vielen Menschen schwer falle, Leiden von Menschen zu akzeptieren, deren Eltern Nutznießer oder Verursacher des Schreckens waren. Jörn Rüsen (Essen) schließlich skizzierte Leitlinien einer künftigen europäischen Geschichtskultur, die - multizentrisch und multiperspektivisch ausgerichtet - auf der Erinnerung an die "europäische Katastrophe" im 20. Jahrhundert basieren sollte. Nur wer in diesem Sinne vergangenheitsfähig sei, könne auch zukunftsfähig sein.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion, an der neben Moderator Jürgen Reulecke, Margarethe Mitscherlich, Hilmar Kopper, Helga Hirsch, Hilke Lorenz, Peter Härtling und Lutz Niethammer teilnahmen, mahnte der polnische Literaturwissenschaftler Karol Sauerland an, sowohl die ostdeutschen als auch die osteuropäischen Kriegskinder und ihre Erfahrungen, die im Sozialismus vielfach tabuisiert waren, künftig stärker zu berücksichtigen. Kriegsfolgen, so ein Fazit des Kongress, sind langfristig und die Erfahrungen und Lebensgeschichten von männlichen und vor allem auch weiblichen Kriegskindern bedürfen einer interdisziplinär und international ausgerichteten Erforschung. Auch wenn am Ende manche Frage offen blieb und die Diskussion nichts von ihrer emotionalen Brisanz verloren hatte, sind die auf dem Kongress entstandenen Initiativen als erfolgreich zu bezeichnen.

Anmerkung:
[1] Zu diesem Thema nimmt Hartmut Radebold auch in einem Interview im aktuellen SPIEGEL Stellung. Siehe: "Dir ist was Schreckliches passiert". Der Alternsforscher Hartmut Radebold über die psychischen Spätfolgen von Kriegsgräueln, die Macht der verdrängten Erinnerungen und seine eigene Kindheit während des Krieges, in: DER SPIEGEL, Nr. 17, 2005, S. 172-177.

Zitation
Tagungsbericht: Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa sechzig Jahre nach Kriegsende, 14.04.2005 – 16.04.2005 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 01.05.2005, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-766>.