Forum: G. Vogeler: Digitale Quellenkritik in der Forschungspraxis

Von
Georg Vogeler, Zentrum für Informationsmodellierung in den Geisteswissenschaften, Karl-Franzens-Universität Graz

Quellenkritik im digitalen Zeitalter und die Einbindung der dafür nötigen Kompetenzen in die universitäre Lehre tun not. Beide Themen sind genuine Aufgaben der historischen Grundwissenschaften als Fachdisziplin. Diese Grundposition des Papiers von Eva Schlotheuber und Frank Bösch teile ich vollständig. Ich komme dorthin auf einem etwas anderen Weg und hätte deshalb ergänzende Bemerkungen.

1. Instrumente zur Bewertung von born-digital Unterlagen existieren. Die prospektive Arbeit im Rahmen der Langzeitsicherungsprojekte, die digitale Forensik, die Fortführung von Ideen aus der Diplomatik durch Luciana Duranti[1], die pragmatische Herangehensweise des Archivars Rainer Hering[2] mögen dazu als Beispiele dienen. Sie versuchen, die technischen Bedingungen der Unterlagen besser zu verstehen: Welche Spuren hinterlassen Erzeugung und Benutzung von Bitstreams? Sie setzen sich auch mit den gesellschaftlichen Bedingungen der Entstehung und Bewahrung auseinander: Von welchen Personen/Institutionen kann man Spuren finden und was bedeuten sie? So entstehen Kategorien für die Bewertung von born-digital Quellen, die an der Grenze zu einer Philosophie des Vertrauens stehen, die also zur Epistemologie der Geschichtswissenschaften beisteuern: Was ist „Authentizität“, was ist „Integrität“? All diese Fragen sind genuine Fragen der Historischen Grundwissenschaften und sollten deshalb auch an den Universitäten unter diesem Label unterrichtet und erforscht werden.

2. Es ist eine eigenartige Position, den Bedarf an quellenkritischer Kompetenz erst durch die Digitalisierung gesteigert zu sehen. Die jetzt digitalisierten Quellen waren vorher auch schon da. Es ergeben sich durch ihre Digitalisierung aber wirklich besondere Notwendigkeiten: Diese Quellen werden zunächst besser verfügbar und damit „demokratischer“ – also müssen auch die Kompetenzen zu ihrer kritischen Bewertung demokratischer werden. Die Grundwissenschaften müssen also Konzepte entwickeln, wie sie ihre Kompetenzen an Personenkreise vermitteln können, die sich zwar für Relikte der Vergangenheit interessieren, die aber nicht eine klassische philologisch orientierte Ausbildung genossen haben: Eine Paläographie, die mit den den p(er), p(rae) und p(ro)-Kürzeln beginnt und die feinen Unterscheidungen zwischen ic-, ci-, cc- und oc-a lehrt, um die Schreibstile frühmittelalterlicher Klöster zu unterscheiden, übersieht, dass die Fähigkeit, deutsche Texte in Fraktur zu lesen, keine Selbstverständlichkeit ist, dass stenographische Notizen nur für Spezialisten entzifferbar sind, und wird unaufmerksam gegenüber der Möglichkeit, dass heranwachsende Generationen eventuell auch schon in der Entzifferung von Kursivschrift der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterrichtet werden müssen. Dazu braucht es Ressourcen, damit die Historischen Grundwissenschaften Lehrmaterialien erstellen können, die über den Wissenskanon der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinausgehen und die einer weit größeren Bevölkerungsgruppe als nur den Universitätsstudierenden zugänglich sind. Solche Angebote schließen sich bestens direkt an digitalisierte Quellen an.

3. Es verwirrt, wenn in der Diskussion über die Verteilung von Ressourcen die Digitalisierung von historischen Quellen und ihre kritische Erforschung bzw. die Ausbildung in ihrer Benutzung als Konkurrenten wahrgenommen werden. Sind sie nicht eher ihre logische Fortsetzung? Erstens sind viele Protagonisten der Digitalisierung von Quellenmaterial Personen, die als Vorbild für den grundwissenschaftlichen Nachwuchs dienen können: Sie sind nämlich meistens in genau den Fächern ausgebildet, deren Niedergang beklagt wird. So wird das Münchner Digitalisierungszentrum von einem Absolventen der Geschichtlichen Hilfswissenschaften geleitet.[3] So kann James Cummings, ein führendes Mitglied des technischen Leitungsgremiums der Text Encoding Initiative und Mitarbeiter beim IT-Forschungsservice der Universität Oxford, twittern: „Didn't mean to ruin @mishaoutloud's example of unreadable handwriting by being able to read it. Go Palaeography! #dixit1“.[4] Heißt das nicht, dass der Nachwuchs der kompetenten digitalen Geisteswissenschaften auch in der Zukunft aus grundwissenschaftlichen Studiengängen stammen könnte? Zweitens werden umfangreiche Finanzmittel in den Digitalen Geisteswissenschaften für die Weiterentwicklung von grundwissenschaftlichen Forschungsmethoden aufgewendet. E-Codicology[5], digipal[6] oder DiXiT[7] mögen als Hinweise dienen. Die Historischen Grundwissenschaften haben mit der Digitalisierung ihres Quellenmaterials die besten Voraussetzungen für eine Renaissance, wenn sie sich der Aufgabe stellen, digitale Methoden zu integrieren, wenn also digitale Methoden selbstverständlicher Bestandteil der grundwissenschaftlichen Ausbildung werden.

Was ist daraus zu lernen? Ja, es ist richtig, dass die historischen Seminare, die deutschen Fakultäten und die von ihnen wahrgenommene Wissenschaftspolitik sich neu orientieren müssen. Das Lippenbekenntnis, dass die Historischen Grundwissenschaften ein lebendiger Forschungszweig sind, der Wissensbestände und Kompetenzen ausbaut, die für die Beschäftigung mit historischer Überlieferung fundamental sind, ist in Handlungen umzuwandeln. Das heißt: Schaffung von Professuren für Historische Grundwissenschaften und Berufung von Personen, die sich den Herausforderungen in Forschung und Lehre stellen.

Das heißt aber auch, dass sich die historische Forschung fragen muss, wie viel der notwendigen Quellenkritik sie eigentlich noch in ihre konkrete Forschungspraxis einfließen lässt. Welche Bedeutung hat der Umgang mit Originalmaterial für das eigene Forschungsthema? Sind die eigenen Forschungsfragen mit einer theoretischen Reflexion über Aussagen der Kollegen ausreichend fundiert operationalisierbar? Wie wird die Berührung mit Relikten aus der Vergangenheit in die Narrationen über Geschichte eingebaut? Und um den Bezug zur Digitalisierung herzustellen: Sind sich universitäre Lehrer/innen in Themengebieten, die nicht explizit „grundwissenschaftlich“ sind, der Möglichkeiten bewusst, die Arbeit mit Originalquellen durch die Digitalisierung in ihre Lehre zu integrieren?

Die Historischen Grundwissenschaften müssen sich eingestehen, dass sich ihr Forschungsprogramm nicht in der Vertiefung des Wissens in den etablierten Forschungsgebieten unter Verwendung etablierter Methoden erschöpfen darf. Sie müssen experimentieren mit Problemstellungen, die die Kolleg/innen in der Geschichtswissenschaft wahrnehmen. Sie müssen sich einmischen.

Sie sollten aber auch willens sein, zur Demokratisierung des Wissens beizutragen. Und dazu sind die digitalen Kommunikationsmittel ein gutes Werkzeug: solide Informationen zur Diplomatik und Paläographie in der dominanten enzyklopädischen Ressource der Gegenwart zu liefern[8]; e-Learning-Angebote wie palaeographie-online oder die verschiedenen Archivangebote[9]; Angebote wie Holger Berwinkels Blog „Aktenkunde“[10]; Konzeption und Unterstützung von Crowdsourcing-Projekten wie Old-Weather[11] oder Itineranova[12], in denen umfangreich Archivmaterial transkribiert wird.

Sie müssen schließlich auch Gebrauch machen von den Werkzeugen, die mit den digitalisierten Quellen möglich geworden sind. Dazu gehört, sich selbst fortzubilden in den digitalen Methoden, sich an der Diskussion über ihre Entwicklung zu beteiligen und die Entwicklung der Methoden nicht den „Technikern“ zu überlassen, die nämlich viel seltener die eigentliche Problemstellung durchschauen, als es den Anschein hat. Willard McCarthy hat schon 2005 gut beschrieben, wie der Einsatz des Computers als Forschungswerkzeug nur dann produktiv werden kann, wenn die Geisteswissenschaftler willens sind, Denkweisen aus der Informatik auf ihren Nutzen für die eigenen Fragestellungen zu prüfen.[13] Es ist selbstverständlich, dass quellenkritische Forschung sich auch der digitalen Überlieferung wird stellen müssen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass grundwissenschaftliche Forschung in der Zukunft nicht ohne die Fähigkeit auskommen wird, editorische Erkenntnisse in maschinenlesbarer Form zu kodieren. Es ist möglich, dass grundwissenschaftliche Forschung in der Zukunft nicht auskommen wird ohne die Fähigkeit, z.B. die Algorithmen für automatische Mustererkennung umschreiben zu können, so dass grundwissenschaftlich nachvollziehbare Kategorien verwendet werden. Digitale Methoden werden also selbstverständlicher Bestandteil der quellenkritischen Arbeit in der Zukunft sein.

Aus all dem leitet sich der gleiche Appell ab, wie in der Stellungnahme von Eva Schlotheuber und Frank Bösch: Quellenkritik ist eine zentrale Kompetenz geschichtswissenschaftlicher Forschung. Sie hat eine gute Tradition in Deutschland. Die Digitalisierung schafft dafür neue Möglichkeiten und stellt neue Herausforderungen. Diese auf wissenschaftlichem Niveau zu bewältigen und die quellenkritischen Grundkompetenzen im Lehralltag der Universitäten zu erhalten braucht Personal: existierendes Personal, das willens ist, die Möglichkeiten zu nutzen, und neues Personal, das befähigt ist, die Herausforderungen anzunehmen. Bilden wir es aus!

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. Luciana Duranti, The return of diplomatics as a forensic discipline, in: Digital Diplomatics (AfD Beiheft 14), Köln 2014, S. 89–98 und insbesondere Luciana Duranti, Diplomatics. New Uses for an Old Science, Lanham 1998.
[2] Vgl. Rainer Hering, Archive und Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter. Probleme und Herausforderungen aus der Sicht eines deutschen Archivars und Historikers, in: MIÖG 120 (2012), S. 116–138; ders., Digitale Quellen und historische Forschung, in: GWU 62 (2011), S. 705–71 und ders., Von der Urkunde zur E-Mail. Herausforderungen an Archive und historische Hilfswissenschaften, in: Der Vertrag von Ripen 1460 und die Anfänge der politischen Partizipation in Schleswig-Holstein, im Reich und in Nordeuropa, hrsg. v. Oliver Auge u. Burkhard Büsing (Kieler historische Schriften 43), Ostfildern 2012, S. 509–520.
[3] Seine Doktorarbeit beschäftigte sich mit den Urkunden König Manfreds von Sizilien und die von ihm erstellen Regesten sind als XML-Daten verfügbar unter <http://www.cei.lmu.de/examples/IRM/IRM_CEI.xml> (17.09.2015).
[4] <https://twitter.com/jamescummings/status/644423485574541312> (17.09.2015) („Ich wollte @mishaoutloud's Beispiel unlesbarer Handschriften nicht ruinieren, indem ich es entzifferte. Hurra, Paläographie! #dixit1“ (Übers. d. Hrsg.)
[5] <http://www.ecodicology.org/> (17.09.2015).
[6] <http://digipal.eu/> (17.09.2015).
[7] <http://dixit.uni-koeln.de/> (17.09.2015).
[8] Die Wikipedia hat eine eigene Rubrik „Quellenarbeit“: <https://de.wikipedia.org/wiki/Kategorie:Quellenarbeit> (17.09.2015), die noch deutlich ausgebaut werden könnte.
[9] Vgl. zum e-Learning z.B. Georg Vogeler, e-Learning Historische Hilfswissenschaften. Projekte und Perspektiven, in: Hiram Kümper (Hrsg.), eLearning & Mediävistik. Mittelalter lehren und lernen im neumedialen Zeitalter (Beihefte zur Mediaevistik 16), Frankfurt am Main 2011, S. 154–176. Jüngst das von Absolventen der historischen Grundwissenschaften erstellte Angebot der Generaldirektion der Staatlichen Archive Bayerns: „Digitale Schriftkunde“ <http://www.gda.bayern.de/DigitaleSchriftkunde/index.html> (17.09.2015).
[10] <http://aktenkunde.hypotheses.org> (17.09.2015).
[11] <http://www.oldweather.org/> (17.09.2015).
[12] <http://itineranova.be/in/home> (17.09.2015).
[13] Willard McCarty, Humanities Computing, Basingstoke 2005, 2. Aufl. 2014.

Eine Übersicht über alle Beiträge des Diskussionsforums finden Sie hier: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890>.

Zitation
Forum: G. Vogeler: Digitale Quellenkritik in der Forschungspraxis, in: H-Soz-Kult, 28.11.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2893>.