Forum: T. Hiltmann: Hilfswissenschaften in Zeiten der Digitalisierung

Von
Torsten Hiltmann, Historisches Seminar, Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Jochen Johrendt hat in seinem Beitrag zu Recht darauf hingewiesen, dass mit der Digitalisierung gerade auch für die Hilfswissenschaften große Chancen verbunden sind. Eine Einschätzung, die ich uneingeschränkt teile, die ich aber zugleich noch weiter akzentuieren würde. Wenn es darum geht, die besonderen Kompetenzen der Hilfswissenschaften zu bewahren und sie im Umfeld eines „entgrenzten Zugangs zu historischen Originalquellen“ neu zu positionieren, sind digitale Techniken und Methoden nicht nur eine Chance, sondern vielleicht auch die einzige Möglichkeit für eine sinnvolle Weiterentwicklung der Hilfswissenschaften. Wie das konkret aussehen könnte, möchte ich im Folgenden kurz als Gedankenspiel umreißen.

Hilfswissenschaften und die Kulturgeschichte jenseits der Texte
Dabei würde ich zunächst, wie schon Harald Müller, für einen möglichst breiten Blick auf die Hilfswissenschaften plädieren.

Haben sich die Geschichtswissenschaften lange Zeit vorrangig als eine textbasierte Wissenschaft verstanden, wurde ihr Quellenkorpus in den letzten Jahren im Rahmen neuer kulturhistorischer Ansätze deutlich erweitert. Quellengruppen wie Siegel, Inschriften, Wappen, aber auch Bildquellen und materielle Objekte, die früher allein den Hilfswissenschaften überlassen wurden, sind selbst in den Fokus der historischen Forschung gerückt. Was nicht nur an einer epistemologischen Weiterentwicklung innerhalb des Faches liegt, sondern auch eine direkte Konsequenz der Digitalisierung ist. Denn im Rahmen der Digitalisierung von Kulturgut werden nicht nur Texte online gestellt sondern auch Abbildungen von Wappen, Siegeln, Inschriften usw., womit es heute unendlich viel einfacher ist mit diesen visuellen Quellen zu arbeiten, als noch vor einigen Jahren.[1]

Und gerade auch für diese „neu“ hinzugekommenen Quellenbestände gilt: Will man sie ernsthaft für die (kultur-)historische Forschung erschließen, geht das nicht ohne die hierfür notwendigen hilfswissenschaftlichen Kenntnisse. Das heißt, auch innovative Kulturgeschichte geht nicht ohne die Expertise der oft als recht konservativ wahrgenommenen Hilfswissenschaften. Das heißt aber auch, dass der Bedarf an hilfswissenschaftlichen Kompetenzen tendenziell sogar noch steigen dürfte, und zwar in ihrer ganzen Breite – wenn wir alle historischen Quellen angemessen nutzen wollen, die uns zur Verfügung stehen.

Digitalisierung und die Digital Humanities – worüber sprechen wir?
Die Digitalisierung erweitert also unsere Arbeitsmöglichkeiten. Aber was ist mit Digitalisierung eigentlich gemeint? Für die Diskussion um die Konsequenzen der „Digitalen Wende“ wäre es hilfreich, unsere Begriffe zu präzisieren. Dabei wäre sicherlich zwischen der Digitalisierung im Allgemeinen und den Digital Humanities im Besonderen zu unterscheiden, wobei die Digitalisierung ganz generell auf den Medienwandel verweist, während die Digital Humanities die sich daraus ergebenden Methoden und Techniken in den Geisteswissenschaften beschreiben.

Wenn wir also von der großen Zahl an Digitalisaten von Originalquellen sprechen, dann sprechen wir zunächst einmal von einem Medienwechsel in der Präsentation der Quellen (oder, wie Karl Ubl schrieb: die Quellen waren schon immer da, nur der Zugang ist einfacher). Auch mit dem Digitalisat haben wir dabei nicht das Original vor uns liegen, sondern nur eine weitere Edition, die einen Teil der visuellen Erscheinung der Quelle publiziert. Auch diese Editionsform verfügt über Besonderheiten, Einschränkungen usw. und es gilt, sie ebenso kritisch zu evaluieren wie Texteditionen.

Doch werden im Rahmen der Digitalisierung nicht nur die Bilder der verschiedenen Quellen ins Netz gestellt, sondern auch die mit diesen verbundenen (Meta-)Daten – nicht zuletzt in Form digitaler Handschriften- und Objektkataloge, Findbücher und sonstiger Datenbanken und Repositorien. Wenn wir nun aber auch auf diese zurückgreifen, geht es nicht mehr nur um einen veränderten Zugang zu den Quellen, sondern um einen veränderten Umgang mit den damit verbundenen Informationen und Wissensbeständen. Und erst hier, denke ich, beginnen auch die Digital Humanities: in der Anwendung computergestützter Techniken und Methoden zur Analyse dieser Bilder, Daten und Informationen zur Generierung neuer Erkenntnisse.

Die Hilfswissenschaften neu gedacht
Die Hilfswissenschaften haben sicherlich auch deswegen einen eher schlechten Ruf, weil sie sich mitunter allein auf ein rein deskriptives Sammeln, Beschreiben und Kategorisieren beschränken, auf das Anlegen umfangreicher Kataloge und Repertorien. Was nichtsdestotrotz dem Historiker unter den unterschiedlichsten Fragestellungen dabei hilft, seine Quellen besser erschließen, einordnen und verifizieren zu können. Hierin besteht m.E. ein wichtiger Teil der Aufgaben und Inhalte der Hilfswissenschaften als Hilfswissenschaften.

Und genau diese Aufgaben könnten die Hilfswissenschaften dank digitaler Methoden und Techniken auf einer völlig neuen Ebene erfüllen. Denn die ganzen Material- aber auch Methodensammlungen, die bisher in gedruckter Form zusammengetragen wurden und die zum Teil bereits als Daten im Netz bereitliegen, lassen sich digital auf völlig neue Art und Weise aufbereiten und verwenden.

Als Beispiel sei hier nur der Grotefend für die Chronologie erwähnt, mit dem wir unsere Studierenden in den Proseminaren malträtieren – und zwar zu Recht. Denn, und das ist die hilfswissenschaftliche Kompetenz, sie müssen verstehen, wie die Auswertung und Berechnung der unterschiedlichen Datumsangaben funktioniert, um auch kritisch damit umgehen zu können. In der Praxis jedoch werden die meisten wohl schon längst auf digitale Tools wie den „Grotefend online“ zurückgreifen, welche die im Grotefend enthaltenen Regeln und Informationen direkt anwenden. Nichts anderes ist perspektivisch auch für die anderen Hilfswissenschaften möglich.

Viele Aufgaben, die bisher noch Teil unserer Arbeit in der Quellenerschließung und Quellenkritik sind, wie z.B. Wasserzeichen oder Schriftproben zu datieren und einem bestimmten Raum zuzuordnen, Siegel oder Wappen zu identifizieren und die familiären Hintergründe des Besitzers aufzuschlüsseln, die bekannten Handschriftenzeugnisse für einen Text zusammenzutragen und deren Materialität und Zusammensetzung zu vergleichen, all das lässt sich drastisch verkürzen und um ein vielfaches effizienter gestalten. Was früher also oft der Endpunkt langwieriger Arbeiten war, kann dank digitaler Methoden der Anfangspunkt unserer Recherchen sein.[2]

Dabei können die einzelnen Wissensrepertorien der Hilfswissenschaften nicht nur einzeln befragbar gemacht werden. Dank solcher Techniken wie Linked Data und Semantic Web ist es darüber hinaus möglich, die in den verschiedenen Sammlungen der unterschiedlichen Teildisziplinen der Historischen Hilfswissenschaftlichen vorhandenen Daten miteinander zu verbinden und gemeinsam abfragbar zu machen. Was wiederum zur Entwicklung neuer Fragen und Methoden führen kann und vor allem zu einer Weiterentwicklung des bisherigen Wissensstandes.[3]

Die Schwelle im Zugang zur hilfswissenschaftlichen Expertise ließe sich dadurch deutlich absenken und die Abläufe in der Quellenkritik erheblich effizienter gestalten. Was wiederum dazu beitragen könnte, den durch die Digitalisierung erheblich erweiterten Quellenbestand handhabbarer zu machen und damit das von Harald Müller erwähnte „krasse Missverhältnis“ zwischen der Sicherung und Verfügbarmachung des historischen Erbes und dessen Aufschlüsselbarkeit wieder etwas mehr ins Lot zu bringen. Die Technik wie die Daten hierfür sind vorhanden.

Wo aber bleibt dann die hilfswissenschaftliche Kompetenz?
Die Befürchtung liegt nahe, dass durch den Einsatz digitaler Methoden und Techniken die Hilfswissenschaften selbst obsolet würden. Das Gegenteil ist der Fall. Die Kompetenzen der Hilfswissenschaftler wären gefragter denn je. Nur würden sich deren Aufgaben verändern. Statt vorrangig deskriptiv zu arbeiten, müssten sie die vorhandenen Daten konzeptionell aufbereiten und auf neue Art und Weise analysieren und strukturieren, müssten neue Methoden entwickeln – wozu es einer möglichst tiefen Kenntnis des Gegenstandes bedarf. Denn jede Datenbank und jedes Analysetool ist nur so gut, wie die Kenntnisse desjenigen, der sie konzipiert.

Nicht nur für die „Serviceleistungen“ der Hilfswissenschaften brächte dies erhebliche Neuerungen. Auch die explizit hilfswissenschaftliche Forschung müsste ihre hergebrachten Kenntnisse auf den Prüfstand stellen und neue, technisch-quantifizierenden Methoden für die Analyse der umfangreichen Daten entwickeln. Wodurch sich unsere hilfswissenschaftlichen Kenntnisse und Methoden wiederum deutlich erweitern und präzisieren ließen.

Fazit
Ausgangspunkt der Diskussion war die Frage, wie sich die „anschwellende ‚Flut‘ historischer Quellen in Deckung bringen lässt mit der tradierten historisch-kritischen Methode“, so dass die Investitionen in die Digitalisierung umfangreicher Quellenbestände nicht ins Leere laufen. Mit den bestehenden Angeboten der Historischen Hilfswissenschaften und deren traditionellen Methoden ist dies m.E. nicht zu bewältigen. Möglich wäre dies hingegen, wenn man die Methoden dem vorhandenen Material anpasst und den digitalen Wandel konsequent zu Ende denkt. Das hieße also: Statt die Digital Humanities als weiteres Teilfach in den Kanon der Historischen Hilfswissenschaften aufzunehmen, ginge es vielmehr darum, die Historischen Hilfswissenschaften methodisch zu digitalisieren.

Das meint, dass man der Forschung wie den Studierenden Hilfsmittel an die Hand gibt, die sie bei der Erschließung und Kritik der immer umfangreicher zugänglichen Quellen begleiten und die diesen Prozess deutlich effizienter gestalten. Das heißt aber nicht, dass man damit Schlüsselkompetenzen aufgibt und sozusagen dem Computer überlässt. Aber einzelne Teilaufgaben. Um diese Hilfsmittel auch kritisch nutzen zu können, braucht es, wie auch schon bei der Verwendung gedruckter Texteditionen, ein grundlegendes Verständnis für deren Arbeitsweise und damit für deren hilfswissenschaftliche Grundlagen. Damit zumindest wäre eine Möglichkeit umrissen, auf die Herausforderungen der Zeit zu antworten und zugleich mögliche Rahmenbedingungen zu schaffen für neue, innovative Forschung im Bereich der Hilfswissenschaften wie in den Geschichtswissenschaften insgesamt.

Eine Übersicht über alle Beiträge des Diskussionsforums finden Sie hier: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890>.

Anmerkungen:
[1] Vgl. z.B. die von unserem Projekt geführte Liste der digitalisierten Wappenbücher auf unserem Heraldica nova-Blog: Digitised Armorials, in: Heraldica nova. Medieval and Early modern Heraldry from the perspective of Cultural History, <http://heraldica.hypotheses.org/1770> (08.12.2015).
[2] Wie das praktisch funktionieren kann, zeigen Projekte wie Biblissima <http://www.biblissima-condorcet.fr/en/> oder Nomisma mit CRRO <http://numismatics.org/crro/> und OCRE <http://numismatics.org/ocre/> (08.12.2015).
[3] Ein einfaches Anwendungsbeispiel für Linked Data bietet z.B. die Deutschen Biographie, welche die einzelnen Personeneinträge mit Daten aus weiteren Datenbanken (wie z.B. Porträtdatenbanken) und Geodaten verbindet <http://www.deutsche-biographie.de/> (08.12.2015).

Zitation
Forum: T. Hiltmann: Hilfswissenschaften in Zeiten der Digitalisierung, in: H-Soz-Kult, 14.12.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2936>.