Techniken der Globalisierung. Kann die Globalgeschichte von Bruno Latour lernen?

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Lateinamerika-Institut Freie Universität Berlin Tagungsraum 201 Rüdesheimer Str. 54–56 14197 Berlin
Veranstalter
Lateinamerika-Institut, Freie Universität Berlin
Datum
05.06.2014 - 06.06.2014
Bewerbungsschluss
05.06.2014
Von
Debora Gerstenberger & Joel Glasman

Die Globalgeschichte lässt sich in zwei Hauptlager unterteilen. Auf der einen Seite gibt es jene, die auf der Suche nach der "Geburt der Moderne" (Bayly) sind und die Verdichtung der Interaktionen innerhalb weltumspannender Systeme untersuchen. Ihnen geht es darum, die (meist technisch-wirtschaftlichen) "realen" Triebkräfte und die (meist soziokulturellen) Effekte von Globalisierungsprozessen zu analysieren. Vertreter der postkolonialen bzw. post-modernen Variante auf der anderen Seite wollen die Einheit der globalisierten Welt de-konstruieren und die soziale bzw. kulturelle Entstehung politischer Einheiten (Zivilisationen, Nationen, Ethnien, usw.) nachzeichnen. Hier stehen symbolische Dimensionen sowie der Konstruktionscharakter von Räumen im Vordergrund.

Doch Globalisierung kann weder in der schieren Diffusion "realer" Phänomene gefunden werden (die niemals jeden Winkel des Globus erreichen) noch in der puren Imagination globaler Räume (die sich niemals konkret verwirklichen).

Bruno Latour eröffnet einen anderen Weg. Die von ihm entworfene "Akteur-Netzwerk-Theorie" (ANT) bietet die Möglichkeit, eine Globalgeschichte jenseits von Moderne und Postmoderne zu begründen. Denn mithilfe der ANT lassen sich technische Produktionsprozesse aus einem akteurszentrierten Blickwinkel heraus betrachten.

Globalisierung kann, so die Hypothese dieser Tagung, am ehesten in den Techniken gefunden werden, die Menschen mit dem Ziel der universellen Gültigkeit erschaffen. Nur dort, in den Bemühungen um Universalität und in den Versuchen, diese Universalität durch Weitergabe und Zirkulation von Techniken durchzusetzen, ist Globalisierung auch "real".

Techniken der Globalisierung sind demnach Sets von Konzepten, Praktiken und Apparaten, mit denen Akteure global zu agieren beanspruchen. Diese Sets können so unterschiedlich sein wie Armillarsphären, Bibliotheken, Frachtbriefe, ISO-Normen, Kernreaktoren, Öltanker, Serversysteme, Handelsbörsen, Wirtschaftsindikatoren, Mikroben oder die Vereinten Nationen: alle haben gemeinsam, dass sie zugleich Vorstellung und Wirklichkeit sind, dass sie gleichzeitig repräsentieren und formieren.

Die Untersuchung dieser Techniken und Praktiken ermöglichte es, Globalisierung als Ergebnis performativen Handelns in den Blick zu nehmen. Globalisierung kann mit anderen Worten in der Analyse nur als ein zu erklärendes Phänomen auftauchen, nicht mehr als ein "Kontext", als mysteriöse Triebkraft menschlichen Handelns oder als erklärenderFaktor für Synchronitäten.

Die Untersuchung von - stets kostenintensiven und anfangs fragilen - Techniken, die in der Vergangenheit zur Herstellung weit reichender Netzwerke geeignet waren, bietet daher die Chance, Prozesse der Globalisierung in einer konkreten, jedoch nicht essentialisierenden Weise zu analysieren.

Programm

Donnerstag, 5. Juni 2014

13.30–14.00 UhR
Anmeldung / Registrierung

14.00–14.10 Uhr
Grußworte
Susanne Klengel (FU Berlin)

14.10–15.15 Uhr
Einführung
Debora Gerstenberger (FU Berlin) & Joël Glasman (HU Berlin)

Kommentar
Achim Landwehr (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)
Diskussion

15.15–15.30 Uhr
Kaffeepause

15.30–17.00 Uhr
Verwaltung & Herrschaft

Information systems and the assessment of poverty in Brazil: reframing the globalisation of information technology with the Actor-Network-Theory
João Albuquerque (Universidade de São Paulo)

Subversion 1.0. Die Einführung von Computertechnik in den brasilianischen Geheimdienst (1970er–1980er Jahre)
Debora Gerstenberger (FU Berlin)

Kommentar
Frank Bösch (ZZF Potsdam)
Diskussion

Freitag, 6. Juni 2014

10.00-12.15 Uhr
Handel & Konsum

Accounting Things Together. Die Globalisierung von Kaufkraft im British Empire um 1700
Tim Neu (Georg-August-Universität Göttingen)

Nachsüßen. Kulturanthropologische Perspektiven auf Zucker als Handels- und Konsumgut
Kerstin Poehls (Universität Hamburg)

Lebensmittelstandards im globalen Agrar- und Ernährungssystem – Japans Vermittlung zwischen lokalen und globalen Ansprüchen
Cornelia Reiher (FU Berlin)

Kommentar
Sherin Abu Chouka (FU Berlin) & Kevin Niebauer (FU Berlin)

Diskussion

14.00–15.30 Uhr
Bevölkerung & Gesundheit

Das ‚Matlab Experiment‘: ein ‚population laboratory‘ in Bangladesch als Modell für globale Bevölkerungspolitik?
Claudia Prinz (HU Berlin)

‚Bracelet of Life‘. Humanitäre Hilfe und die Globalisierung von Unterernährung
Joël Glasman (HU Berlin)

Kommentar
Markus-Michael Müller (FU Berlin)

Diskussion

15.30–15.45
Kaffeepause

15.45–17.15 Uhr
Planung & Entwicklung

Stadtplanung international? Die performative Konstruktion von internationalem Expertenwissen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Phillip Wagner (HU Berlin)

Staudämme und Globalisierung. Welchen Mehrwert bringt die Akteur-Netzwerk-Theorie?
Julia Tischler (re:work)

Kommentar
Frederik Schulze (WWU Münster)

Diskussion

17.15–17.30 Uhr
Abschluss

Kontakt

Joel Glasman
glasmanj@staff.hu-berlin.de

Debora Gerstenberger
debora.gerstenberger@fu-berlin.de

Zitation
Techniken der Globalisierung. Kann die Globalgeschichte von Bruno Latour lernen?, 05.06.2014 – 06.06.2014 Berlin, in: H-Soz-Kult, 25.05.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-25063>.