Zahnärzte und Dentisten vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus

Ort
Aachen
Veranstalter
Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin, Medizinische Fakultät der RWTH Aachen
Datum
17.03.2015
Bewerbungsschluss
15.02.2015
Von
Enno Schwanke

Während Wolfgang Uwe Eckhart für den Großteil der historischen Aufarbeitung hinsichtlich der Medizin im Nationalsozialismus konstatiert, dass kaum ein Gegenstand der neueren Medizin- und Wissenschaftsgeschichte in den letzten Jahrzehnten intensiver beforscht und dichter rekonstruiert worden wäre als das verbrecherische Agieren deutscher Ärzte unter der nationalsozialistischen Diktatur, kann ein solches Urteil bezüglich der zahnmedizinischen Standesgeschichte noch nicht gefällt werden.

Das mag zunächst verwundern, existierten doch zu Beginn der 1930er Jahre in Deutschland etwa 10.000 akademisch ausgebildete Zahnärzte und 17.000 handwerklich ausgebildete Dentisten. Allein 1.300 Zahnärzte waren bereits vor 1933 Mitglieder der NSDAP, mindestens 74 von ihnen erhielten in der Folge das Goldene Parteiabzeichen und mindestens 6 waren Blutsordensträger. Während sich der Anteil der NSDAP-Mitglieder in der gesamten Ärzteschaft vor 1933 um die 7% bewegte, lag er bei den Zahnärzten bei 12%.

Dennoch waren auch Zahnärzte und Dentisten vom politischen Umschwung massiv betroffen. So wurden bereits 1933 ein „Reichszahnärzteführer“, ein „Reichsdozentenführer“ für die Zahnärzteschaft und ein „Reichsdentistenführer“ eingesetzt, die Fachgesellschaften gleichgeschaltet, bzw. aktiv in diesen Prozess involviert, und jüdische oder politisch missliebige Zahnärzte und Dentisten wurden aus dem Beruf gedrängt. Zahlreiche Zahnärzte und Dentisten waren Mitglieder der NSDAP oder nationalsozialistischer Organisationen wie der des NSDÄB, der SA oder SS. In diesen Positionen gestalteten sie die NS-Gesundheitspolitik mit, wobei das wohl prominenteste Verbrechen die Zahngoldextraktionen in den Konzentrationslagern war.

Die Zahnärzteschaft selbst hat ihre Beteiligung an nationalsozialistischen Verbrechen im Gegensatz zu einigen anderen medizinischen Gesellschaften bis heute nicht umfassend aufgearbeitet. Während in der Frühphase der Aufarbeitung der Medizin im „Dritten Reich“ einige wegweisende Beiträge zur Zahnheilkunde erschienen, sind seit Mitte der 1990er Jahre nur noch wenige Arbeiten veröffentlicht worden, die den Ansprüchen einer vertieften historiographischen Betrachtung entsprechen.

Hier möchte die Fachtagung, die im März 2015 am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen stattfinden wird, ansetzen. Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, die Zahnärzteschaft in der Zeit vor, während und nach dem Nationalsozialismus vielschichtig zu beleuchten. Im Mittelpunkt stehen nicht nur die verschiedenen Opfer, Profiteure oder jeweiligen Organisationen, sondern auch der Anspruch einen breiteren Zugang zu wählen, um die Zahnmedizin in den allgemeinen Kontext der NS-Medizin einzuordnen.

Durchgeführt wird die Veranstaltung als Mischung aus eingeladenen Vortragenden und einem Call for Papers, mit dem vor allem der wissenschaftliche Nachwuchs angesprochen werden soll.
Mögliche Themenbereiche für Vorträge sind:
- Politisch und „rassisch“ verfolgte Zahnärzte und Dentisten
- Zahnmedizin und Konzentrationslager
- Politische Zusammensetzung der Zahnärzteschaft
- Organisationsformen der Zahnärzteschaft/ der Dentisten
- Soziale Zahnheilkunde
- Politisches Verhalten der zahnärztlichen Standesführer im „Dritten Reich“/ Die Rolle der Nationalsozialisten bei den Initiativen zur Gründung eines „Einheitsstandes“
- Berufliche und standespolitische Kontinuitäten in der Karrierebildung von zahnärztlichen NS-Tätern vor und nach 1945/ Rechtfertigungsstrategien vs. Selbstkritik zahnärztlicher NS-Täter nach 1945
- Biografien führender Protagonisten
- Charakteristische Rollenzuweisungen und Funktionen der Zahnärzteschaft innerhalb der „NS-Gesundheits- und Rassepolitik“ und Beteiligung der Zahnärzteschaft an verschiedenen nationalsozialistischen Verbrechen
- Zahnmedizin in den Kriegsjahren/ Zahnärzteschaft in den besetzten Gebieten
- Geschichte der (De-)Professionalisierung von Dentisten und. Zahnärzten

Besonders willkommen sind Beiträge, die nach Kontinuitäten oder Brüchen nach und vor den einschneidenden Jahren 1933 und 1945 fragen sowie Ansätze, die einen Brückenschlag zu den Nachbarschaftsdisziplinen der Geschichtswissenschaft ermöglichen (Soziologie, Politikwissenschaft, Gender Studies, usw.).

Bitte schicken Sie Ihr Abstract (ca. 300 Wörter) und einen kurzen Lebenslauf bis zum 16.02.2015 an Enno Schwanke (eschwanke@ukaachen.de).

Nachwuchswissenschaftler/innen werden ausdrücklich zur Teilnahme aufgefordert. Etwaige Reisekosten von Nachwuchswissenschaftler/innen können auf Antrag übernommen werden, wenn keine Möglichkeit der Förderung durch ihre Heimatinstitutionen besteht.

Enno Schwanke
Dr. phil Matthis Krischel
Univ.-Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. phil. Dominik Groß

Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin
Medizinische Fakultät der RWTH Aachen
Universitätsklinikum Aachen
Wendlingweg 2 52074 Aachen

Kontakt

Enno Schwanke

Wendlingweg 2 52074 Aachen

eschwanke@ukaachen.de

Zitation
Zahnärzte und Dentisten vor, während und nach der Zeit des Nationalsozialismus, 17.03.2015 Aachen, in: H-Soz-Kult, 23.01.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-26902>.
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Veröffentlicht am
23.01.2015
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