Hof und Homosexualität: Praktiken und Diskurse von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert

Ort
Würzburg
Veranstaltungsort
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Veranstalter
Norman Domeier (Universität Stuttgart /Universität Wien); Christian Mühling (Universität Würzburg)
Datum
05.10.2017 - 07.10.2017
Bewerbungsschluss
28.07.2016
Von
Norman Domeier

Der Hof ist in den letzten Jahren unter den Vorzeichen einer erneuerten Politik- und Kulturgeschichte wieder in den Fokus der Geschichtswissenschaft gerückt, nachdem er jahrelang als veraltete, überschätzte oder gar vollständig erforschte historische Institution galt. Die Sexualitätsgeschichte des Hofes, außerhalb der Mätressenwirtschaft, wurde bis heute jedoch nur am Rande in den Blick genommen. Geradezu tabuisiert wurde das Thema Homosexualität und Hof, obgleich die Quellen eine andere Sprache sprechen und ein Hof ohne die immer wiederkehrende Figur des homosexuellen Höflings und des homosexuellen Monarchen kaum denkbar erscheint. Zahlreich sind die Beispiele für Monarchen, die in Populärdarstellungen als Homosexuelle kursieren, ohne dass die Forschung sich kritisch mit den zur Verfügung stehenden Quellenbeständen auseinander gesetzt hätte.

Im Hinblick auf die Quellen soll auch der teilweise fließende Übergang von klassischen Beständen (Chronistik, Korrespondenzen, Memorialliteratur, Rechtstexte, Flugblätter, Massenpresse) zu fiktionalen Textsorten, künstlerisch-bildlichen und musikalischen Quellen, berücksichtigt werden, deren Betrachtung einen interdisziplinären Austausch zwischen Geschichtswissenschaft, alt- und neusprachlicher Literaturwissenschaft, Kirchengeschichte, Kunstgeschichte und historischer Musikwissenschaft herausfordert.

Der Austausch zwischen den Disziplinen verspricht ein umfassendes Bild homosexueller Lebenswirklichkeiten sowie homosexueller Selbst- und Fremdsichten an Höfen freizugeben, denn gerade in Literatur, Kunst und Musik konnten mit Hilfe mythologischer Verweise und Allegorien relativ offen homosexuelle Beziehungen dargestellt und diskutiert werden. Homosexuelle politische Handlungsträger konnten dort als Kulturschaffende und Mäzene ihre Liebe inszenieren.

Durch die epochenübergreifende Betrachtung des Themas Hof und Homosexualität hoffen wir, ein vielschichtiges Bild höfischer Homosexualität herausarbeiten zu können, welches das gegenwärtige Geschichtsbild des Skandalösen zu differenzieren vermag. Im Gegensatz zu Einzelstudien sollen durch den epochenübergreifenden und interdisziplinären Ansatz Entwicklungslinien, Kontinuitäten, Brüche und Gegenläufigkeiten in der Geschichte der Homosexualität rekonstruiert und analysiert werden.

Dabei eignet sich der Terminus Homosexualität aufgrund seiner späten Entstehung Ende des 19. Jahrhunderts und damit gerade wegen seiner weitgehenden Quellenferne als produktiver und reflektierter Anachronismus ganz besonders zur Analyse gleichgeschlechtlicher Beziehungen in der Vergangenheit.

Auf Grundlage dieser Analysekategorie strebt unser Tagungsprojekt an, Diskurs und Praxis homosexueller Lebenswelten an Höfen von der Spätantike bis ins 20. nachzuzeichnen. Hierfür lassen sich folgende Leitfragen formulieren:

- Welche politische, kulturell-künstlerische und militärische Relevanz besaßen homosexuelle Beziehungen in der Geschichte der Höfe?

- Welchen Niederschlag hat das Thema Hof und Homosexualität in Kunst, Literatur und Musik gefunden?

- Wie wurde die Figur des homosexuellen Höflings und des homosexuellen Monarchen gezeichnet und ggf. in Beziehung zu anderen Epochen sowie anderen Regimen und Herrschaftsformen gesetzt?

- Wie kann das Verhältnis von Homosexualität und Nationen-/Nationaldiskursen bzw. zu bestimmten Kulturen beschrieben werden?

- Welche Rolle spielte Homosexualität als Bestandteil von Hofkritik?

- Welche (politischen, kulturellen, religiösen) Instrumentalisierungen von höfischer Homosexualität gab es?

- Welche homosexuellen Patronagenetzwerke lassen sich nachweisen?

- Welche homosexuellen Identitätskonstruktionen (Zuschreibungen von außen sowie Selbstbilder) lassen sich finden?

- Wie stark ist höfische Homosexualität dem Wandel gesellschaftlicher, auch religiöser Moralvorstellungen unterworfen?

Zur Beantwortung dieser Leitfragen sind Themenvorschläge herzlich willkommen. Die Tagungsergebnisse werden in einem Sammelband veröffentlicht. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Eine Kostenerstattung für Reise und Unterkunft wird angestrebt.

Wir freuen uns über Abstracts von ein bis zwei Seiten sowie ein kurzes CV bis 28. Juli 2016 an: norman.domeier@hi.uni-stuttgart.de

Kontakt

Norman.Domeier@hi.uni-stuttgart.de

Zitation
Hof und Homosexualität: Praktiken und Diskurse von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert, 05.10.2017 – 07.10.2017 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 08.06.2016, <www.hsozkult.de/event/id/termine-31290>.
Redaktion
Veröffentlicht am
08.06.2016
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