POLIN. Museum der Geschichte der polnischen Juden

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Ort
Warschau
Veranstalter
POLIN. Museum der Geschichte der polnischen Juden
Datum
28.10.2014
Publikation
Kirshenblatt-Gimblett, Barbara; Polonsky, Antony (Hrsg.): POLIN. 1000 lat historii Żydów polskich / 1000 Year History of Polish Jews. Warschau : Selbstverlag 2014 ISBN 978-83-938434-5-9, 429 S., zahlr. Abb. zł 95,00.
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruth Leiserowitz, Deutsches Historisches Institut Warschau

Im Warschauer Stadtteil Muranów lädt seit Ende Oktober 2014 „POLIN“, das Museum der Geschichte der polnischen Juden (polnisch: Muzeum Historii Żydów Polskich), Besucher in die Dauerausstellung ein. Das von den Finnen Ilmari Lahdelma und Rainer Mahlamäki konzipierte Gebäude aus Glas, Kupfer und Beton befindet sich auf dem Terrain des ehemaligen Warschauer Ghettos gegenüber dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghetto-Aufstandes, vor dem Willy Brandt 1970 niederkniete. 1994 war dieser Platz von der Stadt Warschau für den Standort des künftigen Museums bestimmt worden. Jahrzehnte wurde an diesem Ort der umgekommenen Juden gedacht, jetzt soll hier an jüdisches Leben erinnert werden. 20 Jahre dauerte es, bis der jüdische Trägerverein, Polens Kulturministerium und die Stadt Warschau mithilfe vieler ausländischer Spenden dieses ambitionierte Projekt umsetzen konnten.

Die nun zu besichtigende Dauerausstellung wurde von einem internationalen Team aus Wissenschaftlern und Museumsfachleuten unter der Leitung der kanadischen Kulturanthropologin Barbara Kirshenblatt-Gimblett erstellt. Anlässlich der Eröffnung publizierte sie einen grundlegenden Essay dazu, in dem sie zwölf Prinzipien der Konzeption erläutert.[1] Sie legt dar, dass die Ausstellung ein breites Beziehungsspektrum präsentiere, das die Besucher als Narrativ von Koexistenz und Wettbewerb, Konflikt und Kooperation, Separation und Integration wahrnehmen könnten, ohne die Geschichte der polnischen Juden auf die Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen zu reduzieren. Die Juden seien Akteure der Geschichte und nicht nur Objekte, auf die man Fantasien und Ängste projiziert habe. Ferner hätten die Kuratoren der Ausstellung das große Ziel gehegt, das historische Präsens anzuwenden und ausschließlich die Stimmen der jeweils vorzustellenden Zeit zu Wort kommen zu lassen. Darüber hinaus habe man sich vorgenommen, Geschichte pars pro toto darzustellen.

Die Ausstellung beginnt für die Besucher mit einer Überraschung: Man betritt einen symbolischen Wald aus grünen animierten Displays.[2] Hier im ersten Bereich der Ausstellung wird in die Legende eingeführt, wie den Juden auf ihrer Flucht aus Westeuropa in der neuen Gegend das Wort „po lin“ (so lautet der hebräische Ausdruck für „Polen“, er bedeutet aber ebenso „verweile hier“) erschienen sei und sie so nach Polen gekommen seien. Aus diesem Zufluchtsort habe sich innerhalb der nächsten 1.000 Jahre die größte europaweite Heimat für die Juden entwickelt. So setzt das Narrativ der tausendjährigen Geschichte der polnischen Juden ein, das die Besucher nun in seinen Bann zieht, wobei alle erdenklichen Ausdrucksmittel genutzt werden, um historische Situationen und Befindlichkeiten nachzuempfinden. Schließlich geht es darum, Geschichte darzustellen, obwohl es an klassischen Exponaten mangelt. Zum einen werden die jeweiligen Medien der Zeit eingesetzt, zum anderen wird mit Raumdimensionen gearbeitet. War die Situation für die Juden entspannt, öffnen sich die Ausstellungsabschnitte breit; zeigten sich Bedrohungen, verengen sich auch die Räume. Hinzu kommen klug arrangierte und technisch brillant eingesetzte Klangelemente, die eher subtil wirken.

Die zweite Galerie mit dem Titel „Erste Begegnungen“ zeichnet jüdische Ansiedlungen im mittelalterlichen Polen nach; alte Stadtpläne sind an die Wände gemalt.[3] Zudem werden Geschichten von Händlern und Reisenden interaktiv nachgestellt. Einen zentralen Punkt der Erzählung stellt ein kleines Exponat dar – eine Münze aus der Zeit der Piasten, der ersten Könige Polens. Dieser Brakteat zeigt hebräische Buchstaben, denn Juden waren die königlichen Münzpächter. Zum einen beweist dieses Exponat, wie früh Juden in Polen schon eine Rolle spielten. Zum anderen wird den polnischen Besuchern anhand der Münze klar, dass sie täglich hebräische Buchstaben in ihrem Portemonnaie mit sich herumtragen – denn der polnische 10-Złoty-Schein zeigt das Abbild dieses Brakteats. Schlagartig beginnen polnische Besucher anhand des kleinen Beispiels zu begreifen, dass weitaus ältere und engere Beziehungen zwischen polnischer und jüdischer Geschichte existieren, als sie je gedacht hatten.

Der dritte großräumige Abschnitt der Ausstellung steht unter dem Motto „Paradisus Iudaeorum“.[4] Hier wird anhand eines interaktiven Stadtmodells von Krakau und dem jüdischen Kasimierz gezeigt, wie sich die jüdische Gemeinde im 15. und 16. Jahrhundert organisierte und welche Rolle Juden in der Wirtschaft des Landes spielten. Dieses goldene Zeitalter für die Juden in Polen endete mit dem Chmielnicki-Aufstand (1648–1657), der durch einen flammenlodernden, leicht abwärts führenden Durchgang symbolisiert wird.

Eine weitere Galerie präsentiert „Das jüdische Städtchen“ des 17. und 18. Jahrhunderts. Den Besuchern zeigt sich die Nachbildung eines typischen Markplatzes mit allen erdenklichen Attributen. (Der Begriff des „Schtetl“ wird hier generell nicht verwandt – augenscheinlich sollten Anklänge an das nostalgische Stereotyp vermieden werden.) Glanzstück dieser Abteilung und das Herzstück der gesamten Dauerausstellung ist jedoch die einzigartige farbenfrohe Rekonstruktion einer Holzsynagoge von 1650 aus Gwoździec, dem heutigen ukrainischen Hwisdez im Rajon Kolomyja.[5] Flankierende Exponate machen begreiflich, warum gerade diese Synagoge rekonstruiert wurde. Um 1900 hatten unterschiedliche Personen diesen außerordentlichen Bau bereits zur Kenntnis genommen und seine Architektur und Malereien ausführlich dokumentiert.

„Begegnungen mit der Moderne“ lautet der Titel des fünften Ausstellungsabschnittes, der sich mit den vielfach unterschiedlichen Lebenswegen im Zeitraum der polnischen Teilungen befasst.[6] So wird die Rolle jüdischer Unternehmer während der Industriellen Revolution und ganz besonders auch beim Eisenbahnbau illustriert. Gleichfalls wird der Wandel im jüdischen Alltag gezeigt, wobei auch das Aufkommen neuer sozialer, religiöser und politischer Bewegungen und erste Erscheinungen des modernen Antisemitismus thematisiert werden. Die anschließende Galerie mit der Überschrift „Auf der jüdischen Straße“ präsentiert Plakate, Bücher und Zeitungen aus der Zwischenkriegszeit, der Periode der Zweiten polnischen Republik, und weist neben politischen Verflechtungen auf jüdische Beiträge in Film, Theater, Literatur und Musik hin.[7]

Der darauffolgende Abschnitt versucht das Ausmaß des Holocaust zu dokumentieren, währenddessen ca. 90 Prozent der 3,3 Millionen polnischer Juden ermordet wurden. Exemplarisch wird das Geschehen anhand des Warschauer Ghettos dargestellt, auf dessen Terrain das Museum steht. In Kontrast zu den Präsentationen zahlreicher Holocaust-Museen, die Nachkriegsinterviews zeigen, stehen an den Wänden des grauen, eng verschachtelten Labyrinths Äußerungen der Ghettoinsassen in ihrer Zeit.[8] Die Zitate von Emanuel Ringelblum und Adam Czerniakowski evozieren gleichsam die Situation der Warschauer Juden. Hier wirkt die Absicht des historischen Präsens ungeheuer stark.

Die letzte und achte Galerie befasst sich mit dem Zeitraum nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, wobei der Ausstellungsraum eine eher unterschwellig wahrzunehmende Teilung aufweist. Auf der linken Seite werden die Ereignisse behandelt, die mit dem Wiederaufbau jüdischen Lebens in Polen zu tun hatten; auf der rechten Seite wird dargestellt, welche Ereignisse Juden dazu brachten, das Land zu verlassen. Der Besucher schwankt so ständig zwischen „Gehen oder Bleiben“ – die Grundfrage, die die Juden Polens damals beschäftigte. Bei der Darstellung der antisemitischen Kampagne von 1968 werden die Besucher mit einer Wand voller Schwarzweißfernseher und Lautsprecher konfrontiert.[9]

Das gesamte Narrativ ist hoch virtuell. Die Besucher werden durch die Exponate in jüdisch geprägte Umgebungen und Plätze versetzt, deren Bewohner selten visualisiert sind. Vorstellungen über sie ergeben sich aus der Wahrnehmung der konstruierten Räume. Die Fülle des Materials, das auf einer Fläche von über 4.000 Quadratmetern geboten wird, lässt sich bei einem einzigen Besuch keinesfalls erfassen. Die Ausstellung ist durchgängig polnisch und englisch beschriftet. Audioguides sind in Polnisch, Englisch und Hebräisch erhältlich, in Kürze auch in Deutsch und Französisch. Anhand dieses elektronischen Führers, der kurze prägnante Erläuterungen gibt, kann man sich in ca. 100 Minuten einen guten ersten Eindruck über die gesamte Ausstellung verschaffen. Der ausführliche und reich bebilderte Katalog, den es in einer polnischen und einer englischen Version gibt, enthält neben den Abbildungen und Beschreibungen zahlreicher Exponate Fotos der Galerien und Essays der führenden an der Konzeption beteiligten Wissenschaftler.

Diese komplexe Ausstellung stellt eine großartige Leistung dar. Nie zuvor ist es gelungen, die dichte Verwobenheit von polnischer und jüdischer Geschichte so bildhaft und facettenreich zu erzählen. Die Strategien des Teams von Barbara Kirshenblatt-Gimblett sind aufgegangen. Die Prinzipien des langen Narrativs, des historischen Präsens und der Darstellung pars pro toto überzeugen. Auch Marian Turski, der älteste Initiator des gesamten Vorhabens, resümiert, die neue Art des Museums sei gelungen.[10] „Die Ausstellung erfüllt ihren Zweck, sie ist vor allem für Jugendliche und ausländische Besucher gemacht“, sagt Artur Hofman, Vorsitzender der landesweit aktiven Sozialkulturellen Gesellschaft der Juden (TSKZ) aus Warschau.[11] Als Hofman Ende Oktober diese Meinung äußerte, konnte er nicht ahnen, dass polnische Besucher in Scharen in das Museum strömen würden. Die Verantwortlichen – auch der Direktor Dariusz Stola[12] – sind erleichtert, dass die Dauerausstellung so positiv aufgenommen wird. Nicht zuletzt formulierte der polnische Journalist Roman Pawłowski, was viele polnische Besucher empfinden: „Diese Erzählung über die Geschichte der polnischen Juden ist gleichzeitig das erste Museum der Geschichte Polens.“[13] Die Ausstellung hat einen neuen Standard gesetzt. Die Latte für künftige Vorhaben, etwa für das geplante Museum der Geschichte Polens in Warschau, liegt hoch.

Anmerkungen:
[1] Barbara Kirshenblatt-Gimblett, Teatr historii: 12 zasad, in Tygodnik powszechny, 28.10.2014, <http://tygodnik.onet.pl/historia/teatr-historii-12-zasad/e1s3d> (17.02.2015); dies., Theater of History, in: dies./Antony Polonsky (Hrsg.), POLIN. 1000 Year History of Polish Jews, Warsaw 2014, S. 19-35.
[2] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_Forest_Gallery.JPG> (17.02.2015).
[3] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_First_ecounters_02.jpg> (17.02.2015).
[4] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_Paradisus_Iudaeorum_01.jpg> (17.02.2015).
[5] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_Gwo%C5%BAdziec_synagogue.jpg> (17.02.2015).
[6] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_Encounters_with_modernity_01.jpg> (17.02.2015).
[7] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_Street_02.jpg> (17.02.2015).
[8] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_Holocaust_02.jpg> (17.02.2015).
[9] Abbildung unter <https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Museum_of_the_History_of_Polish_Jews_in_Warsaw_Main_exhibition_Postwar_02.jpg> (17.02.2015).
[10] Joanna Podgórska, Marian Turski opowiada o Muzeum Historii Żydów Polskich. Muzeum życia, in: Polityka, 21.10.2014, <http://www.polityka.pl/tygodnikpolityka/spoleczenstwo/1596477,1,marian-turski-opowiada-o-muzeum-historii-zydow-polskich.read/> (17.02.2015).
[11] Zit. nach Jan Opielka, Mehr als nur Nachbarn, in: Frankfurter Rundschau, 28.10.2014, <http://www.fr-online.de/kultur/juedisches-museum-warschau-mehr-als-nur-nachbarn,1472786,28879550.html/> (17.02.2015).
[12] „W Polin nie wierzymy w cuda“. Z Dariuszem Stolą rozmawia Karolina Wigura, in: Kultura liberalna, 16.12.2014, <http://kulturaliberalna.pl/2014/12/16/polin-muzeum-historii-zydow-dariusz-stola-rozmowa/> (17.02.2015); Israel ist auch ein Erbe Polens. Ein Gespräch mit Dariusz Stola, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.10.2014, S. 12.
[13] Roman Pawłowski, Otwiera się interaktywne Muzeum Historii Żydów Polskich. Czyli pierwsze muzeum historii Polski, in: Gazeta wyborcza, 27.10.2014, <http://m.wyborcza.pl/wyborcza/1,105406,16869612,Otwiera_sie_interaktywne_Muzeum_Historii_Zydow_Polskich.html> (17.02.2015).

Zitation
Ruth Leiserowitz: Rezension zu: POLIN. Museum der Geschichte der polnischen Juden, 28.10.2014 Warschau, in: H-Soz-Kult, 21.02.2015, <http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-210>.