Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur

Ort
München
Datum
09.03.2012
Veranstalter
Deutsches Historisches Institut Paris; Institut für Kunstgeschichte, LMU
Von
Christof Schöch, Lehrstuhl für Computerphilologie, Universität Würzburg

Hartnäckige Skepsis bei stark zunehmendem Interesse, so charakterisierte Hubertus Kohle (Institut für Kunstgeschichte, LMU) in der Abschlussdiskussion der Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur” sehr treffend den gegenwärtigen Stand der Dinge rund um Soziale Medien und das wissenschaftliche Bloggen. Einerseits häufen sich Tagungen, Workshops und vor allem auch die mediale Präsenz des Themas “Wissenschaftsblog” - das zeigte sich auch am großen Medienecho dieser Tagung[1]. Andererseits belegen Untersuchungen die große Zurückhaltung der Wissenschaftler/innen bei der Nutzung von Blogs: Nur 8% der Befragten gaben in einer kürzlich veröffentlichten Studie an, selbst ein Blog zu schreiben, Blogs zu lesen, oder dort zu kommentieren[2]. Gerade in den Geisteswissenschaften, so scheint es, ist das Potential dieser neuen Form der Kommunikation und Publikation noch lange nicht ausgeschöpft.

Die gemeinsam vom Deutschen Historischen Institut Paris und dem Institut für Kunstgeschichte der LMU organisierte Tagung begleitete zum einen den Onlinegang des deutschsprachigen Blogportals für die Geisteswissenschaften de.hypotheses.org und ging zum anderen der Frage nach, inwieweit wissenschaftliche Blogs derzeit unsere Forschungskultur verändern.[3] Den Auftakt machte CORNELIUS PUSCHMANN (Düsseldorf), der in seinem Beitrag "Was ist ein Wissenschaftsblog?" zunächst definitorische Grundlinien festlegte. Er stellte einerseits fest, dass sich wissenschaftliche Blogs bereits spürbar professionalisierten, ohne dass dies zu einer Vereinheitlichung bestehender Formen führe. Andererseits referierte er das überraschende Ergebnis einer aktuellen Studie zum Bloggen[4], die keine signifikanten Unterschiede in der Nutzung von Blogs in Abhängigkeit vom Alter feststellen konnte: Bedeutet das, dass aus rein demographischer Sicht keine Steigerung in der Nutzung von Blogs zu erwarten ist?

MELISSA TERRAS (London), die unter dem schönen und provokativen Titel "Whispers Into the Void" über ihre persönlichen Erfahrungen mit wissenschaftlichem Bloggen berichtete, beobachtet ebenfalls eine Veränderung des Bloggens. Dies führt sie auf die Dienste von Twitter zurück, da kurze Link-Postings dort verbreitet werden und Blogs sich wieder stärker auf Beiträge mit eigens geschriebenen Texten konzentrieren. Neben vielen anderen Anekdoten berichtete sie auch von einem Experiment zur Verbindung von Blogs und Open Access: Auf ihrem Blog erzählte sie zu jedem ihrer schon vor längerer Zeit erschienenen Zeitschriften-Beiträge eine kleine Geschichte, und veröffentlichte gleichzeitig den Beitrag selbst in einem Open Access Repository. Das Ergebnis: In kürzester Zeit fanden die Beiträge enorm viele neue Leser, was natürlich nur funktioniert, wenn man sich bereits eine große Gemeinde von Followern auf Twitter aufgebaut hat. Im Übrigen stellte sie fest, dass an ihrem Institut am University College London Bewerber, die sich keine umfassende "digitale Identität" aufgebaut haben, kaum eine Chance auf eine Stelle haben.

MARC SCHELOSKE (Wissenswerkstatt) provozierte mit seinem Beitrag "Wege aus der Nische" einige Zuhörer, da er einige aus seiner Sicht grundlegende Regeln formulierte, um ein erfolgreiches, und das hieß hier vor allem publikumswirksames, Wissenschaftsblog nach dem Vorbild einiger naturwissenschaftlicher Blogs führen möchte. Diese Regeln fasste er in drei Leitsätzen zusammen: Gute Blogs leben von der Persönlichkeit des Bloggers (und sollten keine Gruppenblogs sein; statt dessen sollte man “ich” schreiben); gute Blogs beruhen auf einer Post-Frequenz von mindestens 2-3 Posts pro Woche; gute Blogs leben von der Dialogbereitschaft des Bloggers, der auf Kommentare schnell antwortet und die Konversation weiter antreibt. In der Diskussion wurde eingeworfen, dass auch Themenblogs und Gruppenblogs funktionieren können. Auch sei die technische Vernetzung der Blogposts mit anderen digitalen Medien (Twitter, RSS) wichtig. Aus dem Publikum wurde auch für Experimente und thematische und formale Offenheit während der aktuellen frühen Phase des Bloggens plädiert.

Weniger provokant, aber nicht weniger spannend war der Einblick in die französische "Hyposphäre", den AURÉLIEN BERRA (Paris) anbot. Mit der Hyposphäre ist das Netzwerk von Blogs und Bloggern auf der französischen Plattform hypotheses.org gemeint, das von der OpenEdition-Initiative koordiniert wird und aus dem nun auch de.hypotheses.org entstanden ist. Interessant war hier beispielsweise, dass der enorme Erfolg dieser Plattform, und das heißt auch die Akzeptanz des Bloggens in den französischen Geisteswissenschaften, nicht nur an technischen Eigenschaften des Portals liegt (Langzeitverfügbarkeit, Sichtbarkeit, Möglichkeit Fußnoten einzufügen etc.), sondern auch an einer strategischen Umbenennung der Blogs in "carnets de recherche". Aktuell gibt es 330 solcher Forschungsnotizbücher mit 11.000 Einträgen und 500.000 Besuchern. Da wundert es nicht, dass die von Berra vorgetragene Typologie der Blogs 15 verschiedene Typen unterscheidet, von "individual research blogs" über "seminar blogs" bis hin zu "blogs linked to a journal". Damit wurde auch wieder die Öffnung des Genres angeboten, die manche im vorigen Beitrag vermisst hatten.

Im letzten Beitrag vor der Mittagspause eröffnete MAREIKE KÖNIG (Paris) feierlich das neue deutschsprachige Blogportal für die Geisteswissenschaften: de.hypotheses.org. Das Portal stellt kostenlos einen Service zur Verfügung, der das Eröffnen von Wissenschaftsblogs aus allen Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften erleichtert, diese unter einem Dach versammelt und für eine größere Sichtbarkeit wie auch für die Archivierung der Inhalte sorgt. Das Portal will damit zum einen den Hauptvorwürfen der Unübersichtlichkeit der Blogosphere und dem ephemeren Charakter von Blogbeiträgen begegnen, gleichzeitig technischen Support bieten und eine Community aufbauen. Auf besonderes Interesse stieß die Vergabe von ISSN durch die französische Nationalbibliothek für die Blogs bei hypotheses.org, ein Qualitätsmerkmal, das die Zitierbarkeit von Beiträgen sicherstellt.

Am Nachmittag setzte EVA PFANZELTER (Innsbruck) die Kombination von konkreten Erfahrungen mit Blogs und theoretischer Verortung fort. Der Beitrag zum Thema "Blogging the Holocaust" stellte die Ergebnisse einer Studie zu Blogs in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA vor, die sich in der einen oder anderen Weise mit dem Holocaust auseinandersetzen. In der Tat finden die intensiven Kontroversen um den Holocaust zunehmend auch im Internet statt. Sie zeichneten sich dort systembedingt durch besondere Dynamik und ein besonders breites Spektrum aus, das von Zeugnisblogs über die Blogs größerer Vereine bis zu revisionistischen und anti-revisionistischen Blogs reiche, wobei die großen Museen kaum vertreten seien. Wie anhand der zahlreichen Beispiele und in der Diskussion deutlich wurde, scheinen auch in diesem Bereich Wissenschaftler/innen das neue Medium eher für Dissemination und Persönliches zu nutzen als für die Publikation von Forschungsergebnissen.

Anschließend wurde KLAUS GRAF (Aachen) seinem Ruf für klare Worte gerecht. Zunächst zeichnete er seinen eigenen Weg zum Bloggen und seine zahlreichen Aktivitäten in diesem Bereich nach. Dann erläuterte er seine These: "Ein Wissenschaftler, der nicht bloggt, ist kein guter Wissenschaftler". Warum? Graf argumentierte in zwei Schritten: Ein Wissenschaftler muss erstens nicht nur die Inhalte seines Fachs in der Lehre vermitteln, sondern auch die Methodenkompetenzen, mit denen man diese Inhalte erarbeiten kann. Zu diesen Kompetenzen gehören heute vielfältige digitale Informationsquellen, darunter auch Blogs; und um diese wirklich zu verstehen und effizient zu nutzen, muss man sie – zweitens – auch praktizieren, womit Graf sich mit Melissa Terras in guter Gesellschaft wiederfand. Anschließend kündigte Klaus Graf das Projekt für die Gründung einer historischen Fachzeitschrift "Historische Miszellen" auf der hypothèses-Plattform an. Diese Zeitschrift soll kürzere wissenschaftliche Beiträge aus der Geschichtswissenschaft aufnehmen und ein Open Access-Modell mit Peer Review verbinden. Man darf gespannt sein!

Von Erfahrungen mit dem gut etablierten Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung, L.I.S.A, berichtete GEORGIOS CHATZOUDIS (Düsseldorf) unter dem Leitthema "Interaktivität als Herausforderung". Ausgangsbeobachtung war, dass auf dem Portal trotz 9,5 Mio. Seitenaufrufen in 2 Jahren relativ wenig Kommentare hinterlassen werden. Chatzoudis changierte in der Analyse zwischen zwei Ansätzen zu diesem Befund: Man könne entweder versuchen, diese geringe Interaktivität mit spezifischen Hemmnissen in den Geisteswissenschaften zu erklären (Generationenproblem, sehr spezialisierte Themen, etc.); oder man definiere Interaktivität nicht nur über Kommentare, sondern auch über die Originalbeiträge und die Seitenaufrufe selbst (wobei in der Diskussion klar wurde, das dies nicht alle überzeugte). Klar sei, dass eine lebendige Plattform nicht von alleine entsteht, sondern eine Redaktion notwendig ist, die selbst kommentiert, über "social media" interessierte Besucher auf die Plattform führt und beispielsweise auch Interviews führt und veröffentlicht.

Den Abschluss der Tagung bildeten zwei dezidiert in die Zukunft blickende, programmatische Beiträge. Zunächst plädierte HUBERTUS KOHLE (München) überzeugend für eine bewusste Abgrenzung von Bloggen und wissenschaftlichen Artikeln. Es ist ihm zufolge nicht sinnvoll, mit Blogs etablierte Formen der Wissenschaftskommunikation zu imitieren. Vielmehr gelte es, die medienspezifische Eigenständigkeit des neuen Formats stark zu machen. Dazu gehört für ihn unter anderem, mit "open peer review" zu experimentieren, und zwar nach dem Motto "publish first, filter later", denn im Internet finden dank Suchmaschinen auch spezialisierte Themen ihre Adressaten. Darüber hinaus machte er den Gedanken stark, dass Blogs ein Format seien, die als Instrument der Legitimation von Wissenschaft gegenüber der sie finanzierenden Gesellschaft fungieren können, weil sie anschaulich, persönlich und leicht zugänglich sind.

Abschließend plädierte PETER HABER (Basel) ebenfalls für einen veränderten Umgang mit dem Medium Weblog. Es habe wenig Sinn, so Haber, über die mangelnde Reputation von Blogs und ähnlicher digital unterstützer Wissenschaftskommunikation zu lamentieren und ihnen den gleichen Status wie Zeitschriftenbeiträgen zu wünschen. Dies nicht nur, weil Blogs zum Beispiel in den USA (und am UCL in London, wie Melissa Terras berichtete) allmählich Anerkennung gewonnen haben. Vielmehr erscheint es Peter Haber viel wichtiger, Blogs mit ihren spezifischen Funktionen und Stärken komplementär und produktiv in das vorhandene "Ökosystem der Wissenschaftspublikation" einzubinden. Wenn der Nutzen da ist, folgt die Nutzung und die Anerkennung von selbst, so seine These. Abschließend skizzierte Peter Haber ein neues Projekt mit dem ambitionierten Namen "Global Perspectives on Digital History". Hier werden emergente, fluide digitale Publikationen (Blogs, Tweets uvm.) aus der weltweiten Geschichtswissenschaft aggregiert und auf verschiedenen Wegen ausgewählt: durch eine Redaktion, aber auch über Mechanismen wie die Retweet-Frequenz und in Zukunft dann auch auf der Grundlage von komplexeren Algorithmen. Auch dies ein Projekt, das man im Auge behalten sollte.

Im Sinne einer Auftaktveranstaltung versprechen die Münchener Tagung und der offizielle Startschuss für die Plattform de.hypotheses.org sowohl der Praxis des geisteswissenschaftlichen Bloggens und der Reflexion darüber im deutschsprachigen Raum eine neue Dynamik zu geben.

Konferenzübersicht:

Gudrun Gersmann (DHIP), Hubertus Kohle (Institut für Kunstgeschichte, LMU): Begrüßung und Einleitung

Cornelius Puschmann (Humboldt Universität zu Berlin/Alexander-von-Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft): Was ist ein Wissenschaftsblog? Form, Funktion und Ökonomie einer emergenten Kommunikationsform

Melissa Terras (University College London): Whispers into the Void: Personal Reflections on Academic Blogging

Marc Scheloske (Wissenswerkstatt): Wege aus der Nische: Was man von erfolgreichen (Natur-)Wissenschaftsblogs lernen kann

Aurélien Berra (Universität Paris-Ouest): News from the Hyposphere. Scholarly Blogging in France

Mareike König (DHI Paris): de.hypotheses.org – ein Blogportal für die deutschsprachigen Geisteswissenschaften

Eva Pfanzelter (Universität Innsbruck): Blogging the Holocaust

Klaus Graf (RWTH Aachen): Wissenschaftsbloggen in Archivalia & Co.

Georgios Chatzoudis (Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf): Wissenskommunikation im Netz: Interaktivität als Herausforderung am Beispiel von „L.I.S.A. – Das Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung“

Hubertus Kohle (Ludwig-Maximilians-Universität München): Open Peer Review: eine Möglichkeit zur Qualitätssicherung bei Wissenschaftsblogs?

Peter Haber (Universität Basel): Aufbruch in eine neue Wissenschaftskultur? Wohin treibt die wissenschaftliche Blogosphäre?

Anmerkungen:
[1] Eine Zusammenstellung der Artikel und Berichte über die Tagung findet sich auf dem Redaktionsblog von de.hypotheses.org: Rückblicke auf die Münchner Tagung “Weblogs in den Geisteswissenschaften”, Redaktionsblog vom 12.3.2012 <http://redaktionsblog.hypotheses.org/407>.
[2] Anita Bader, Gerd Fritz und Thomas Gloning, Digitale Wissenschaftskommunikation 2010-2011: Eine Online Befragung, Justus-Liebig-Universität 2012. <http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2012/8539/> (29.3.2012).
[3] Die Vorträge der Tagung stehen bereits als Videos online zur Verfügung unter der Adresse: <https://cast.itunes.uni-muenchen.de/vod/playlists/9ZCbi60VjW.html> (29.3.2012).
[4] Bader/Fritz/Glonig, Digitale Wissenschaftskommunikation.

Zitation
Tagungsbericht: Weblogs in den Geisteswissenschaften oder: Vom Entstehen einer neuen Forschungskultur, 09.03.2012 München, in: H-Soz-Kult, 05.04.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4185>.