Wissensgesellschaften vom 16. bis zum 20. Jahrhundert / Societies of Knowledge, 16th to 20th centuries

Ort
Sigriswil (Schweiz)
Datum
29.08.2012 - 01.09.2012
Veranstalter
Kaspar von Greyerz, Departement Geschichte, Universität Basel
Von
Roberto Zaugg / Tanja Hammel / Simone Zweifel, Universität Basel

Die diesjährige Summer School der Basel Graduate School of History zum Thema „Wissensgesellschaften“ setzte sich mit einem Feld auseinander, dem die Geschichtswissenschaft der letzten Jahre eine wachsende Aufmerksamkeit schenkt. Zentrale Diskussionsachsen waren dabei Kontinuitäten und Diskontinuitäten im Übergang zwischen Früher Neuzeit und Neuzeit, die wechselseitigen Beziehungen zwischen Religion und Wissenschaft, die sozial konstruierten Hierarchien unterschiedlicher Wissenssysteme sowie der analytische Fokus auf Gender, Praktiken und Netzwerke.

In seiner Einführung hob KASPAR VON GREYERZ (Basel) die verschiedenen sozial- und kulturhistorischen Strömungen, die – in Verbindung mit den Debatten zwischen den sogenannten Internalisten und Externalisten – zu einer methodologischen Öffnung der Wissenschaftsgeschichte und einer beidseitigen Verschränkung zwischen Wissenschaftsgeschichte und Geschichte des Wissens geführt haben, hervor. Diese ermöglichten eine verstärkte Sensibilität für die vielfachen Übergänge zwischen popularen Wissenskulturen und akademisch institutionalisierten wissenschaftlichen Disziplinen. Im Bezug auf die transepochale Perspektive, die in den Debatten der Summer School eine strukturierende Rolle spielte, hob von Greyerz einerseits einige signifikante Charakteristika der neuzeitlichen Wissenschaftsgeschichte hervor, wie etwa die zunehmende disziplinäre Fragmentierung des Wissens oder das im 20. Jahrhundert aufgekommene Bewusstsein für die destruktiven Potentialitäten wissenschaftlich generierter Techniken. Er argumentierte andererseits aber gegen einen epochal eng begrenzten Zugang zum Thema „Wissensgesellschaft“ und unterstrich diesbezüglich wichtige Kontinuitätselemente zwischen Vormoderne und Moderne, wie z.B. die Relevanz von wissenschaftlichen Medien und den im Rahmen von gelehrten Netzwerken entwickelten Kooperationspraktiken.

GIANNA POMATA (Baltimore) erörterte in ihrem Referat die analytischen Möglichkeiten der von ihr formulierten Kategorie der „epistemischen Genres“. Die Wahl eines textuellen Genres durch den Autor, so Pomata, habe für die Produktion und die Verfügbarmachung von Wissen weitreichende Folgen: Genres wirken stabilisierend und legitimierend – sie produzieren aber gerade deshalb auch „path dependencies“. Die benachbarte Kategorie des „Denkstils“ verwarf Pomata nicht grundsätzlich: Sie argumentierte allerdings, dass die „epistemischen Genres“ eine stärkere Fokussierung auf die Praktiken und die Textualität ermöglichen. Insofern situierte sie die Auseinandersetzung mit „epistemischen Genres“ – die sie mit den frühneuzeitlichen Beispielen den europäischen „observationes“ und den chinesischen „an“ (medizinischen Fallstudien) exemplifizierte – auf einem middle ground zwischen der intellektuell ausgerichteten Geschichte der Denkstile und der sozialhistorischen Analyse kognitiver Praktiken.

Eine zentrale Rolle spielte in der Summer School die Vorstellung und Diskussion von Dissertationsprojekten. SILVIA FLUBACHER (Basel) thematisierte in ihrem Paper die Klassifikation von Tieren in Johann Jakob Wagners (1641-1695) und Johann Jakob Scheuchzers (1672-1733) Werken. Dadurch untersuchte sie die Produktion und Ordnung von Wissen in der frühneuzeitlichen Naturgeschichte, in der sowohl eine enthusiastische curiositas für das Wunderbare als auch eine theologisch motivierte Suche nach der göttlichen Ordnung der Welt Ausdruck fanden. SIMONE ZWEIFEL (Basel) beschäftigte sich in ihrem Paper mit der Dokumentation, der Produktion und dem Austausch von Wissen anhand frühneuzeitlicher Rezeptbücher. Im Zentrum ihrer Arbeit steht das Colmarer Ärzte-Ehepaar Anna (gest. 1596/97) und Johann Jacob Wecker (1528-1586/88), die beide Rezeptbücher publizierten. Da das soziale Umfeld eines/r Herausgebers/in für die zeitgenössische Wissensproduktion von großer Bedeutung war, wurde eine Analyse des sozialen Umfelds in die Reflexionen über wissenschaftliche Praktiken miteinbezogen. SIEGFRIED BODENMANN (Bern/Basel) widmete sich in seinem Vortrag den wissenschaftlichen Korrespondenzbeziehungen von Leonhard Euler (1707-1783). Einerseits revidierte er dabei das Bild des einsam arbeitenden Individuums zugunsten einer nuancierten Darstellung eines vernetzt handelnden Wissenschaftlers und andererseits zeigte er, dass die Kontroversen nicht unbedingt eine außerordentliche Negation der gelehrten Kooperation waren, sondern relativ oft vorkamen und mit letzteren durchaus koexistierten. JASMIN BRÖTZ (Koblenz) ging in ihrem Paper mit einem begriffsgeschichtlichen Ansatz den Termini „Wissen“, „Wissenschaft“ und „Wissensgesellschaft“ in Konversationslexika des 19. und 20. Jahrhunderts nach. Sie zeigte auf, dass sich der Begriff des Wissens im frühen 20. Jahrhundert in den von ihr untersuchten Quellen von jenem der Wissenschaft gelöst hat. Dies hänge nach Brötz mit der zunehmenden Spezialisierung der Wissenschaften im Untersuchungszeitraum zusammen. LUKAS AFFENTRANGER (Basel) hob in seinem Paper hervor, welche Bedeutung afrikanische urbane Räume in der naturhistorischen Wissensproduktion auf Wilhelm Peters (1818-1883) Forschungsreisen durch Mozambique in den 1840er-Jahren hatten. Dem bisher kaum beachteten Peters verhalf das transkulturell produzierte zoologische Wissen zum sozialen Aufstieg und zur Etablierung der Zoologie als wissenschaftliche Disziplin. TANJA HAMMEL (Basel) illustrierte, dass die Einrichtung in südafrikanischen „heritage houses“ Einblick in die epistemische Kultur, wissenschaftliche Praktiken und die Sicht-/Darstellbarkeit von Wissen gewähren können. Durch die Untersuchung der wissenschaftlichen Korrespondenz Mary E. Barbers (1818-1899) zeichnete sie den Austausch der Praxisgemeinschaften nach und plädierte für einen breiten Wissensbegriff.

Ein weiteres strukturierendes Element waren die über epochale und regionale Grenzen hinweg geführten Diskussionen zu einigen im Vorfeld zur Summer School gelesenen Texten. In der von Gianna Pomata geleiteten Sektion wurde einerseits ein Teil aus Kwas „Styles of Knowing“[1], andererseits die Beiträge von Park, Pomata und Daston aus „Histories of Scientific Observation“ besprochen.[2] Kwa gibt eine Einführung in die „History of Science“ anhand sechs unterschiedlicher „Styles of Knowing“: Dem deduktiven, experimentellen, hypothetischen, taxonomischen, statistischen sowie dem evolutionären Stil. Diskutiert wurden unter anderem Zuordnungen einiger zeitgenössischer Akteure zu bestimmten „Styles of Knowing“ sowie die Tatsache, dass Kwas Ausführungen im Genre des „textbooks“ für junge Studierende verfasst wurden. Es wurde deutlich, dass auch Historiker/-innen in „Genres“ schreiben und sich letztere auf den Inhalt der Publikationen auswirken. Mit „observationes“, die man nach Kwa zum „experimental style“ zählen kann, beschäftigen sich Park, Pomata und Daston, wobei jeweils unterschiedliche Zeitperioden im Vordergrund stehen. Stark auf die anderen Beiträge des Bandes Bezug nehmend, geben sie einen Einblick in die „observational science“ der Frühen Neuzeit. Diese Grundlagentexte zusammen mit Pomatas Ausführungen zu den „epistemic genres“ schufen weiteres Diskussionspotential.

Durch die erläuternde Abgrenzung des Gegenstandes der Wissenschaften von demjenigen der Wissenschaftsgeschichte, argumentiert Canguilhem[3], dass es in der Wissenschaftsgeschichte darum gehe, die Geschichte von Objekten der Wissenschaft zu rekonstruieren. Es geht ihm dabei nicht so sehr um eine Kritik an den Internalisten oder Externalisten: Vielmehr will er zeigen, dass Wissenschaftsgeschichte eine Aufgabe der philosophischen Epistemologie ist. Galisons zehn Fragen, die sich der Wissenschaftsgeschichte und -philosophie stellen,[4] ließen die Diskussion auf die „fabricated fundamentals“, d.h. die Fabrikation von Wissen fokussieren. Am wichtigsten erschien seine erste Frage nach dem Kontext. Die Kontextualisierung von Quellen ist von fundamentaler Bedeutung und erfolgt nicht durch theoretische Texte, sondern durch die Einbettung der Fallstudie in größere historische und lokale Zusammenhänge. Sarasins[5] programmatische Ausführungen zur Wissensgeschichte, seine endgültige Abgrenzung der Wissens- von der Sozialgeschichte, die in einer Substituierung letzterer durch erstere endet, wurden besonders intensiv diskutiert. In der Diskussion von Sivasundarams[6] Reflexionen zum Globalen der Wissenschaftsgeschichte wurde insbesondere sein Verständnis von globaler Wissenschaftsgeschichte als vernetzte Lokalstudien unter Einbezug des transnationalen Kontexts und die Methode der „cross-contextualisation“ von kolonialen britischen und lokalen Quellen aus Sri Lanka beachtet. Gleichzeitig wurde auch unterstrichen, dass diese Vorgehensweise aufgrund der oft extrem asymmetrischen Quellenlage nicht beliebig operationalisierbar sei.

In der Schlussdiskussion wurden die vier zentralen Aspekte, die während der Summer School diskutiert wurden, rekapituliert. Am Einfluss der Religion auf die Wissenschaft beispielsweise zeigen sich Kontinuitäten zwischen Früher Neuzeit und Moderne. Ebenfalls über die Epochengrenzen hinweg beobachtet wurde eine soziale Hierarchie der „Wissen-Schaffenden“ – sowohl aus zeitgenössischer Sicht als zum Teil auch bezüglich ihrer Erforschung. Einige Teilnehmende beschäftigen sich aber gerade mit Akteuren/-innen, die bislang in der Forschung kaum Beachtung fanden. Neben der Definitionsproblematik von „Wissen“ und „Wissenschaft“ war die Gender-Kategorie in allen diskutierten Texten präsent. Aus den Beiträgen der Promovierenden erwuchs die Überzeugung, dass die Wissensgeschichte Fallstudien braucht, die dem Historiker erlauben, herein ins Detail und wieder heraus in einen breiten Kontext zu zoomen.[7]

Konferenzübersicht:

Kaspar von Greyerz (Basel): Einführung

Gianna Pomata (John Hopkins University, Baltimore): Epistemic Genres or Styles of Knowing? Tools for the Cultural History of Knowledge

Gianna Pomata: Seminar Frühe Neuzeit. Textdiskussion zu Katherine Park, Gianna Pomata, Lorraine Daston und Chunglin Kwa.

Silvia Flubacher (Basel): Wonderful Creatures. Classifying the Animal Kingdom in Early Modern Swiss Natural History

Simone Zweifel (Basel): Early Modern Recipe Books: Documentation, Production and Exchange of Knowledge

Siegfried Bodenmann (Bern/Basel): War and Peace in the Republic of Letters. Between Collaboration and Cotroversies. Practices and Forms of Learned Communication in Leonhard Euler’s Scientific Network

Caroline Arni (Basel) und Christina Brandt (Bochum): Seminar 19.-20. Jahrhundert. Textdiskussion zu Georges Canguilhem und Peter Galison. Jasmin Brötz (Koblenz): Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft

Exkursion in die Beatus-Höhlen

Caroline Arni (Basel) und Christina Brandt (Bochum): Seminar 19.-20. Jahrhundert (Fortsetzung). Textdiskussion zu Philipp Sarasin und Sujit Sivasundaram.

Lukas Affentranger (Basel): From Berlin to Mozambique and back. Wilhelm Peters and Transcultural Production of Knowledge

Tanja Hammel (Basel): Mary Elizabeth Barber (1818-1899), a Nineteenth-Century Naturalist – Imagined Communities of Practices, Epistemic Culture and Knowledge Societies

Schlussdiskussion

Anmerkungen:

[1] Chunglin Kwa, Styles of Knowing. A New History of Science from Ancient Times to the Present, Pittsburgh 2011.
[2] Katherine Park, Observation in the Margins, 500-1500, in: Lorraine Daston / Elizabeth Lunbeck (Hrsg.), Histories of Scientific Observation, Chicago/London 2011, S. 15-44; Gianna Pomata, Observation Rising. Birth of an Epistemic Genre, 1500-1650, in: Daston / Lunbeck (Hrsg.), Histories of Scientific Observation, S. 45-80; Loraine Daston, The Empire of Observation, 1600-1800, in: Daston / Lunbeck (Hrsg.), Histories of Scientific Observation, S. 81-113.
[3] Georges Canguilhem, Der Gegenstand der Wissenschaftsgeschichte, in: Ders., Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze, Frankfurt am Main 1979, S. 22-37.
[4] Peter Galison, Ten Problems in History and Philosophy of Science, in: Isis 99 (2008), 1, S. 111-124.
[5] Philipp Sarasin, Was ist Wissensgeschichte?, in: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 36 (2011), 1, S.159-172.
[6] Sujit Sivasundaram, Sciences and the Global. On Methods, Questions and Theory, in: Isis 101 (2010), S. 146-158.
[7] Vgl. Carlo Ginzburg, Microhistory. Two or Three Things That I Know about It, in: Critical Inquiry 20 (1993), 1, S. 10-35.

Zitation
Tagungsbericht: Wissensgesellschaften vom 16. bis zum 20. Jahrhundert / Societies of Knowledge, 16th to 20th centuries, 29.08.2012 – 01.09.2012 Sigriswil (Schweiz), in: H-Soz-Kult, 27.10.2012, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4443>.
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Veröffentlicht am
27.10.2012
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