Fälschung als Mittel der Politik? Pseudoisidor im Licht der neuen Forschung

Ort
Köln
Datum
22.02.2013 - 23.02.2013
Veranstalter
Karl Ubl, Historisches Institut, Universität zu Köln; Daniel Ziemann, Department of Medieval Studies, Central European University, Budapest
Von
Lioba Geis, Historisches Institut, Universität zu Köln

Die Erforschung Pseudoisidors, einer einzigartigen und wirkmächtigen Kirchenrechtsfälschung aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts, ist eng mit dem Kölner Mediävisten Klaus Zechiel-Eckes (1959-2010) verbunden. Seit seiner sensationellen Entdeckung der Arbeitshandschriften des Fälschers, die auf das Kloster Corbie als Entstehungsort und auf den Mönch und späteren Abt von Corbie Paschasius Radbertus als spiritus rector der Fälschung verweisen[1], bewegt sich die Forschung in neuen wissenschaftlichen Bahnen. Die Tagung, zu der Pseudoisidor-Spezialisten aus Deutschland, den USA und Kanada eingeladen waren, würdigte daher die Verdienste von Zechiel-Eckes und diskutierte zugleich die Folgen, die sich aus seinen Studien für die Erforschung der Kirchenrechtsfälschung ergeben.

KARL UBL (Köln) eröffnete die Tagung und verwies auf offene Forschungsfragen. Diese betreffen zum einen die Rolle des Paschasius Radbertus und des Klosters Corbie bei der Entstehung der Fälschungen. Wie sind die Fälschungen mit den theologischen Werken des Paschasius Radbertus in Beziehung zu setzen? Weshalb wurden die Fälschungen in einem Kloster angefertigt, obwohl monastische Themen im Werk selbst nicht angesprochen werden, sondern ein Schwerpunkt auf dem Schutz des Episkopats liegt? Zum anderen stehen die politischen Absichten des Fälschungswerks zur Diskussion. Weshalb entstanden die Fälschungen in den 830er-Jahren, wurden aber in den Konflikten um Ludwig den Frommen kaum verwendet, sondern erfuhren erst zwanzig Jahre nach ihrer Entstehung eine erste Rezeption? Schließlich sind in der Forschung bislang keine endgültigen Aussagen über die Chronologie der einzelnen Fälschungsteile und ihr inneres Verhältnis zueinander getroffen worden, so dass eine umfassende textkritische Studie derzeit noch aussteht.

WILFRIED HARTMANN (Tübingen) erinnerte an die Forschungen von Zechiel-Eckes zu Fragen des frühmittelalterlichen Kirchenrechts. Seine Editionen und Studien zu verschiedenen Kirchenrechtssammlungen, insbesondere der Concordia canonum des Cresconius, zu innerklerikalen Konflikten oder auch zur Admonitio generalis Karls des Großen waren stets von dem Bestreben geprägt, die handschriftliche Überlieferung der Quellenzeugnisse ins Zentrum der Untersuchung zu stellen. Auch wenn die Mediävistik der 1990er Jahre wenig Interesse an kanonistischen Editionsprojekten zeigte, wirkten die Arbeiten von Zechiel-Eckes doch langfristig nach. Seine Entdeckung etwa, dass der Gelehrte und Theologe Florus von Lyon (gest. 860) Markierungen in Handschriften anfügte, um die Übernahme bestimmter Textpassagen aus einer Vorlage für einen Abschreiber kenntlich zu machen, ließ Zechiel-Eckes erst auf die Spur Pseudoisidors gelangen, denn auch der Fälscher nutzte dieses Prinzip, um Passagen aus echten Rechtstexten zu kennzeichnen, die mit den erfundenen Textprodukten verwoben werden sollten. Auf diese Weise schärfte Zechiel-Eckes den Blick der Forschung für die Bedeutung von Annotationen und Makulaturen und regte nachhaltig zu einer akribischen Untersuchung handschriftlicher Überlieferungs- und Verbreitungszusammenhänge an.

STEFFEN PATZOLD (Tübingen) ordnete das Fälschungswerk in seinen historischen Kontext ein. Dabei sprach er sich gegen die von Zechiel-Eckes aufgestellte These aus, in der Absetzung des Erzbischofs Ebo von Reims 835 den Anlass für die Fälschungen zu sehen. Vielmehr seien die Jahre 830/31 als Auslöser zu betrachten, da zu diesem Zeitpunkt die Reformbemühungen, an denen Abt Wala von Corbie beteiligt gewesen war, und der erste Aufstand gegen Ludwig den Frommen gescheitert waren und nicht nur Wala von Corbie verbannt, sondern auch Bischof Jesse von Amiens durch den Metropoliten Ebo von Reims abgesetzt wurde. Ein Treffen Walas mit Paschasius Radbertus während seiner Verbannung könnte schließlich zur Idee der Fälschungen geführt haben, um auf diese Weise den Schutz der Bischöfe vor den Metropoliten zu garantieren und die gottgewollte Ordnung, die mit dem Scheitern der Reform nicht erreicht worden war, wiederherzustellen. Patzold setzte damit den monastischen Entstehungskontext der Fälschungen mit ihrer starken inhaltlichen Fokussierung auf den Episkopat in Beziehung, wenngleich er betonte, dass sich kein harter Beweis für seine Datierung finden ließe.

ABIGAIL FIREY (Lexington) nahm die Bibliothek des Klosters Corbie in den Blick. Am Beispiel der Handschrift Hamilton 132 (Berlin, Staatsbibliothek, Preußischer Kulturbesitz), die die älteste Fassung der von Pseudoisidor angefertigten Collectio Hispana Gallica Augustodunensis enthält, konnte Firey zeigen, dass die Frage einer handschriftlichen Verortung des Fälschungswerks nach Corbie deutlich schwieriger ist, als dies die Forschung bisher angenommen hat: Die Handschrift wurde nicht nur von 26 verschiedenen Schreibern mit 110 Handwechseln geschrieben, sondern sie ist auch über weite Teile in „ab-Minuskel“ gehalten, ein Schreibstil, der nicht nur in Corbie, sondern auch im Skriptorium des Nonnenklosters Notre Dame de Soissons verwendet wurde. Aufgrund der hohen Mobilität von Schriften, Handschriften und Schreibern gab Firey zu bedenken, dass sich der Ausgangspunkt für die handschriftliche Produktion der Pseudoisidorischen Fälschungen nicht auf einen Standort beschränken musste und eine Entstehung auch außerhalb von Corbie, etwa in Soissons, möglich war.

COURTNEY BOOKER (Vancouver) reflektierte das Bild des Erzbischofs Ebo von Reims in zeitgenössischen und neuzeitlichen Texten. Bis ins 19. Jahrhundert überwog ein negativer Blick auf Ebo, der aufgrund seiner niedrigen sozialen Herkunft, seines als unkanonisch gewerteten Wechsels auf den Bischofssitz von Hildesheim und seiner Verwicklungen in weltliche Angelegenheiten als Opportunist galt. Erst neuere Studien zu sozialer Mobilität und zur Kunstförderung des Erzbischofs trugen zu seiner Rehabilitierung bei. Entsprechend ambivalent wurden auch Ebos Verbindungen zu Pseudoisidor eingeschätzt, dem entweder aufgrund seiner schlechten Charaktereigenschaften ein Fälschungswerk zugetraut oder dessen Absetzung als Ausgangspunkt für die Abfassung der Fälschung gewertet wurde. Seit den Arbeiten von Zechiel-Eckes geht die Forschung nicht mehr von einer Identität Ebos mit Pseudoisidor aus, untersucht dafür aber das Verhältnis zwischen dem Reimser Erzbischof und Paschasius Radbertus, um die Diskrepanz zwischen einer durch die Absetzung Ebos motivierten Entstehung der Fälschungen und seiner negativen Charakterisierung im Epitaphium Arsenii des Paschasius Radbertus zu erklären.

GERHARD SCHMITZ (München/Tübingen) rückte das innere Gefüge der einzelnen Fälschungsteile ins Zentrum und untersuchte die Verbindungen zwischen den Pseudoisidorischen Dekretalen und der Kapitulariensammlung des Benedictus Levita, dessen Identität im Unterschied zu Pseudoisidor noch immer nicht geklärt ist. Entgegen der älteren Forschung kam Schmitz zu dem Ergebnis, dass sich unmittelbare textliche Abhängigkeiten zwischen beiden Fälschungsteilen nicht ermitteln lassen. Infolgedessen kann eine chronologische Entstehungsabfolge beider Werke nicht festgelegt werden, so dass die von Paul Hinschius (1835-1898) getroffene Feststellung, die Pseudoisidorischen Dekretalen hätten aus der Kapitulariensammlung des Benedictus Levita geschöpft und seien damit zeitlich später anzusetzen, nicht mehr haltbar ist. Vielmehr, so betonte Schmitz, sei das Verhältnis zwischen den Dekretalen und der Kapitulariensammlung neu zu diskutieren, indem nach gemeinsamen Vorlagen gesucht werden müsse, die beide Texte unabhängig voneinander für ihre Zwecke verwenden konnten.

CLARA HARDER (Köln) diskutierte die bisherige Auffassung der Forschung, das Papsttum sei für Pseudoisidor lediglich ein Mittel zum Zweck gewesen, um die Stellung des Episkopats zu stärken. Insbesondere in den Pseudoisidorischen Dekretalen und in den sog. Chalkedon-Exzerpten lässt sich eine Steigerung der Stellung des römischen Bischofs nachweisen, wenn Synoden in ihren Entscheidungen vom Papst abhängig waren, wenn sprachlich die übergeordnete Funktion Roms herausgestellt wurde und historische Ereignisse – etwa das Konzil von Chalkedon 451 – zugunsten einer Aufwertung des Papsttums verfälschend umgedeutet wurden. Eine Reflexion dieser Auffassung findet sich bezeichnenderweise in den zeitgenössischen Quellen nur im Epitaphium Arsenii des Paschasius Radbertus. Dennoch habe sich, so Harder, die Einstellung des karolingischen Klerus gegenüber dem Papsttum durch die Fälschungen in der Folgezeit so grundsätzlich verändert, dass von einer „pseudoisidorischen Wende“ gesprochen werden könne.

SEMIH HEINEN (Köln) widmete sich zunächst der Überlieferung der Pseudoisidorischen Dekretalen in zwei ihrer Versionen, der älteren Kurzversion (A2) und der jüngeren Langversion (A1), und erläuterte, dass die Fragmenthaftigkeit der A2-Fassung einerseits ein hohes Alter der Texte suggerieren und damit Glaubwürdigkeit herstellen sollte, andererseits aber auch einen Anreiz für Kopisten schaffen sollte, die gefälschten Papstbriefe über andere Sammlungen zu verbreiten. Zudem bot die Form der A2-Fassung für die Fälscher selbst die Möglichkeit, ihr Werk geschickt weiter zu ergänzen und fortzuführen. In einem zweiten Schritt fragte Heinen nach der „Markteinführung“ der falschen Dekretalen. Entgegen der These von Zechiel-Eckes, dass die Akten der Synode von Aachen 836 als jüngste Quelle für die Fälschungen zu werten seien, machte Heinen deutlich, dass textliche Übereinstimmungen zwischen den Dekretalen und den Synodalakten stets auf eine gemeinsame Vorlage oder allgemein bekanntes Gedankengut zurückgeführt werden können. In einem Fall aber, der Bestimmung zur Weihe des Chrisam an Gründonnerstag, zeige der Textvergleich eine umgekehrte Rezeption, da die Pseudoisidorischen Dekretalen die Vorlage für die entsprechende Synodalbestimmung darstellten und damit 836 bereits in der A2-Fassung vorgelegen haben dürften.

ERIC KNIBBS (Williamstown) vertiefte die Frage nach der Genese der Pseudoisidorischen Fälschungen. Ausgehend von der Beobachtung, dass drei Handschriften der A1-Fassung (New Haven, Beinecke Rare Book and Manuscript Library Ms. 442, Paris, Bibliothèque Nationale de France, Ms. lat. 9629 und Vatikan, Biblioteca Apostolica Ottobonianus lat. 93) Abweichungen gegenüber den übrigen Handschriften aufweisen, verglich Knibbs die drei Textzeugen miteinander und führte sie auf einen gemeinsamen, von A1 abweichenden Archetyp (A3) zurück. Dieser Überlieferungszweig dürfte unter Bischof Hinkmar von Laon (gest. 879) unabhängig vom Fälschungszentrum in Corbie, aber mithilfe einer ähnlichen Materialsammlung entstanden sein. Hinkmar, der sich in scharfem Konflikt mit Karl dem Kahlen und seinem Onkel und Metropoliten Hinkmar von Reims befand, appellierte nicht nur im Sinne Pseudoisidors mehrfach an den Papst, sondern stellte auch selbst eine Kirchenrechtssammlung zusammen, in die Zitate pseudoisidorischen Gedankenguts wohl aus der Pariser Handschrift eingingen. Auch wenn Hinkmar seine Absetzung nicht verhindern konnte, so dürfte die Verbreitung der A3-Fassung dazu beigetragen haben, dass die Pseudoisidorischen Dekretalen am Ende des 9. Jahrhunderts europaweit ihren Weg in Kloster- und Kathedralbibliotheken fanden.

JOHANNES FRIED (Frankfurt am Main) stellte zum Abschluss das Tagungsthema in einen größeren Zusammenhang, indem er die Wahrnehmung der stadtrömischen Topographie vor und nach der Entstehung des Constitutum Constantini reflektierte. In dieser nach Fried um 830 im Frankenreich entstandenen Fälschung wurde dem Papst neben weiteren Zugeständnissen der kaiserliche Lateranpalast in Rom als Residenz übertragen. Zuvor war der päpstliche Amtssitz, der erst unter Leo III. als palatium bezeichnet wurde, vom kaiserlichen Palast räumlich streng getrennt gewesen. Karl der Große, dem die Inhalte des Constitutum Constantini noch nicht bekannt gewesen sein konnten, habe sich, so Fried, daher bei seinen Romaufenthalten mit einer konstantinischen Tradition konfrontiert gesehen, die sich topographisch im Lateranpalast, im vermeintlichen Reiterstandbild Konstantins und in der von Konstantin gestifteten Salvatorbasilika niedergeschlagen habe. Das Wissen um diese Tradition habe Karl schließlich dazu veranlasst, mit seiner Pfalzanlage in Aachen den Laterankomplex präzise nachzuahmen. Durch den Einfluss des Constitutum Constantini und die darin verankerte imitatio imperii der Päpste sei schließlich ein neues Rombild entstanden, das die stadtrömischen Verhältnisse nun verändert ausdeutete.

Die Kölner Tagung zeigte eindrucksvoll, dass die Forschungen von Klaus Zechiel-Eckes zu Pseudoisidor auf fruchtbaren Boden gefallen sind. Seine Ergebnisse wurden, wie DANIEL ZIEMANN (Budapest) in seiner Zusammenfassung betonte, nicht nur breit rezipiert, sie werden gegenwärtig auch weitergedacht und modifiziert. Fragen nach der politischen Intention und Wirkung des Fälschungswerks, nach seinem Entstehungs- und Verbreitungsprozess, nach der inneren Chronologie seiner einzelnen Teile, nach der thematischen Bandbreite der Fälschungen oder auch nach den in unterschiedlichen Phasen am Fälschungswerk beteiligten Personen sind noch längst nicht abschließend geklärt und bedürfen weiterer Untersuchungen. Es bleibt also dabei: Die „Beschäftigung mit Pseudoisidor verheißt Spannung […].“[2]

Konferenzübersicht:

Karl Ubl (Köln): Begrüßung und Einführung in das Tagungsthema

Wilfried Hartmann (Tübingen): Klaus Zechiel-Eckes und das Kirchenrecht

Steffen Patzold (Tübingen): 830/31 oder 834/35? Zum politischen Anlass und historischen Kontext des Fälschungsprojekts

Abigail Firey (Lexington): Canon Law Studies at Corbie

Courtney Booker (Vancouver): The False Decretals and Ebbo’s fama ambigua: A Verdict Revisited

Gerhard Schmitz (München/Tübingen): Benedict und Isidor. Verfilzungen

Clara Harder (Köln): Das Papsttum in den pseudoisidorischen Fälschungen

Semih Heinen (Köln): Pseudoisidor auf dem Konzil von Aachen im Jahr 836

Eric Knibbs (Williamstown): Pseudo-Isidore in the A1 Recension

Daniel Ziemann (Budapest): Zusammenfassung der Tagungsergebnisse

Johannes Fried (Frankfurt am Main): Karl der Große. Das alte und das neue Rom

Anmerkungen:
[1] Klaus Zechiel-Eckes, Zwei Arbeitshandschriften Pseudoisidors (Codd. St. Petersburg F. v. I. 11 und Paris lat. 11611), in: Francia 27,1 (2000), S. 205-210; ders., Ein Blick in Pseudoisidors Werkstatt. Studien zum Entstehungsprozeß der falschen Dekretalen. Mit einem exemplarischen editorischen Anhang (Pseudo-Julius an die orientalischen Bischöfe, JK +196), in: Francia 28,1 (2001), S. 37-90; ders., Auf Pseudoisidors Spur. Oder: Versuch, einen dichten Schleier zu lüften, in: Wilfried Hartmann / Gerhard Schmitz (Hrsg.), Fortschritt durch Fälschungen? Ursprung, Gestalt und Wirkungen der pseudoisidorischen Fälschungen. Beiträge zum gleichnamigen Symposium an der Universität Tübingen vom 27. und 28. Juli 2001, Hannover 2002, S. 1-28; ders., Fälschung als Mittel politischer Auseinandersetzung. Ludwig der Fromme (814-840) und die Genese der pseudoisidorischen Dekretalen, Paderborn 2011.
[2] Klaus Zechiel-Eckes, Verecundus oder Pseudosidior? Zur Genese der Excerptiones de gestis Chalcedonensis concilii, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 56 (2000), S. 413-446, hier S. 413.

Zitation
Tagungsbericht: Fälschung als Mittel der Politik? Pseudoisidor im Licht der neuen Forschung, 22.02.2013 – 23.02.2013 Köln, in: H-Soz-Kult, 12.03.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4721>.