‚Ethnizität‘ – Vom Nutzen und den Grenzen eines Konzepts

Ort
Köln
Datum
25.01.2013 - 26.01.2013
Veranstalter
Ingo Eser, Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Universität zu Köln; Felix Heinert, a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne (Integrated Track)/ Historisches Institut, Universität zu Köln; Sarah Panter, Lehrstuhl für Geschichte des Romanischen Westeuropa, Universität Freiburg
Von
Mario Dunkel, Institut für Anglistik und Amerikanistik, Technische Universität Dortmund

Auf dieser aus Mitteln der Promotionsförderung der Studienstiftung des deutschen Volkes finanzierten Doktorandentagung, die in den Räumen des Internationalen Kollegs Morphomata in Köln stattfand, beleuchteten Doktorand/innen der Soziologie, Geschichtswissenschaft, Ethnologie sowie der Kultur- und Literaturwissenschaft die Möglichkeiten und Grenzen des Konzepts ‚Ethnizität‘. Der Nutzen des Ethnizitätsbegriffs ist unter dem Hinweis auf Gefahren des Essentialismus und der Reduktion spätestens seit Fredrik Barths Ethnic Groups and Boundaries: The Social Organization of Culture Difference[1] häufig infrage gestellt worden. Schließlich handelt es sich bei Ethnizität um ein Konzept, welches stets re-konstruiert bzw. re-imaginiert wird – selbst wenn es häufig eine eigenständige Wirkungsmacht entfalten kann. Ausgehend von diesen kritischen Überlegungen versuchte der Doktorandenworkshop sich der Frage anzunähern, inwiefern der Begriff ‚Ethnizität‘ noch ein Entwicklungspotential für Zugänge zu kultureller Differenz bieten kann.

Grundlegend erörterte diese Problemstellung zunächst FELIX HEINERT (Köln) in seinen Ausgangsüberlegungen. Dabei bekannte sich Heinert zum Konstruktivismus und unterstrich, dass Redeweisen und Sprechakte als solche ernst genommen werden müssten. Er verwies auf das grundsätzliche Spannungsverhältnis zwischen Partikularismus und Universalismus und bemerkte, dass auch universalistische Ansätze stets standortgebunden sind. Anstatt nach größtmöglicher Neutralität zu streben, sollte viel eher nach den Logiken und Argumenten der Akteure gefragt werden, die versuchen, eine solche einzufordern bzw. zurückzuweisen. Heinert lieferte somit ein Plädoyer für eine Rückkopplung der Diskurse an die Akteure und Adressaten.

INGO ESER (Köln) erkundete anschließend die „Irrwege des Ethnischen“ anhand des Beispiels von Vertreibungen aus Oberschlesien nach dem Zweiten Weltkrieg. Obgleich die Sachlage in diesem Fall einfach zu sein schien (deutsche Vertriebene, polnische Vertreiber), war die Realität wesentlich komplexer. Beispielsweise gab es häufig Klagen, dass auch polnische Bürger/innen aus Oberschlesien ausgesiedelt wurden, und vermeintlich Deutsche sangen bei ihrer Aussiedlung polnische Schlager. Dabei kritisierte Eser die „Ethnisierung“ des Vertreibungsgeschehens in der zeitgenössischen Historiografie. Dennoch plädierte er dafür, Fragen der Ethnizität nachzugehen. Denn obwohl Ethnizität selbst ein erklärungsbedürftiges Phänomen sei, habe das Konzept – unter Berücksichtigung seines konstruierten Charakters – nichtsdestotrotz eine große Bedeutung für die Geschichtswissenschaft.

Im Anschluss daran präsentierten JONAS KOLB (Wien) und SABINE KIEFER (München/Köln) konzeptionelle Positionen und empirische Annäherungen an Ethnizität. Kolb beleuchtete zunächst den Begriff ‚Ethnizität‘ von einer praxistheoretischen Perspektive, welche Akteure als „Partizipanden von Praktiken, aber nicht als deren Urheber“ sehe. Diesen anti-essentialistischen, sozialkonstruktivistischen Ansatz wendete er auf das empirische Beispiel slowenischsprachiger Jugendlicher in Kärnten/Koroška und deren soziale Praktiken im Schulkontext an. Ethnizität stelle dabei „die Summe der Auswirkungen sozialer Praktiken“ dar.

Zu Beginn ihres Vortrages griff die Ethnologin Sabine Kiefer den vorangegangenen Beitrag auf und wies auf die Unterschiede zwischen Kolbs soziologischer und ihrer eigenen ethnologischen Herangehensweise an das Phänomen Ethnizität hin. Beide Ansätze spiegelten damit immer auch die jeweiligen wissenschaftlichen Disziplinen. Kiefers Präsentation befasste sich mit der brasilianischen Stadt Blumenau, in die es bis in die 1930er-Jahre eine organisierte deutsche Einwanderung und dadurch auch anschließend eine „sprachlich-kulturelle Hegemonie der Deutschen“ gegeben habe. Kiefer reflektierte dabei ihre teilnehmende Beobachtung der kulturellen Praktiken Blumenaus und verwies darauf, dass ihre Anwesenheit selbst ethnisierende Auswirkungen gehabt habe. Laut Kiefer exemplifiziert Blumenau einen „Prozess der Reinstitutionalisierung deutscher Ethnizität“ und eine „Inszenierung deutscher Kultur“.

TILL VAN RAHDENs (Montreal/Köln) Beitrag diskutierte anschließend Andreas Wimmers Artikel „The Making and Unmaking of Ethnic Boundaries: A Multilevel Process Theory“[2]. Van Rahden betonte, dass sich hinter dem Begriff der Ethnizität die „semantische Tradition des Begriffspaares der Mehrheit und Minderheit“ verberge, in dem sich ein Gewaltverhältnis ausdrücke, welches gerade auch für pluralistische Gesellschaften problematisch sei. Angesichts der Gefahren essentialistischer Ansätze hob van Rahden die Bedeutung der situativen Ethnizität, also der „Fluidität und Fragilität von Zugehörigkeitsgefühlen“ hervor, unterstrich den Gegensatz zwischen konzentrischen und exzentrischen Konzepten der Ethnizität und plädierte dafür, sich bewusst der Forschungstradition zu stellen.

MARTIN HAUTER (Enkenbach) zeigte daraufhin die Möglichkeiten des Ethnizitätbegriffs für das Verständnis des frühen Mittelalters auf, indem er der Frage nachging, inwiefern die Burgunder als ethnische Gruppe verstanden werden können. Gerade die zeitgenössische Historiografie vertrete bis heute oftmals noch die Position, dass die Burgunder lediglich eine „Ansammlung von Soldaten unter einer militärischen Führung eines Königs waren“. Diese These gilt es laut Hauter jedoch zu hinterfragen. Es gebe keinen Grund, Ethnizität als Analysekategorie aufzugeben – allerdings müsse man sich stets ihrer Problemdimensionen bewusst sein, um eine essentialistische Lesart zu vermeiden.

Der zweite Konferenztag wurde durch den Vortrag von FRIEDEMANN PESTEL (Freiburg) zur „(post )kolonialen Dichotomisierung von Konfliktmustern in Frankreich durch die Erfahrung der Haitianischen Revolution (1790-1848)“ eröffnet. Pestel wies auf das gewachsene Interesse zeitgenössischer Historiker des Age of Revolution an den transatlantischen Beziehungen zwischen der Französischen Revolution und den Unabhängigkeitsbestrebungen in den französischen Kolonien der Karibik hin und stellte dabei fest, dass „semantisch-kategoriale Transfers“ zwischen dem revolutionären Frankreich, der Diaspora der französischen Emigration und den kolonialen Aufstandsbewegungen bislang „weitgehend unbeachtet“ geblieben seien. Pestel zeigte anschließend, inwiefern französische und haitianische Akteure versuchten, in einem transatlantischen Kategorientransfer die historische Wirklichkeit in den Kolonien durch Analogiebildungen und Dichotomisierungsstrategien bzw. deren Umkehrung zu erfassen.

Daran anknüpfend griff Felix Heinerts Beitrag Pestels Diskussion der Deutungsmacht in imperialen Aushandlungen auf. In seiner Diskussion hob er die Rolle der imperial definierten Korbsteuer (korobočnyj sbor) für die Konstituierung der jüdischen Gemeinde Rigas hervor und beschrieb anschließend im Rahmen einer Fallstudie den Konflikt zwischen unterschiedlichen Akteuren während Rigas ‚koscherer Revolution‘ im Umfeld der allgemeinen Revolutionsereignisse von 1905. Heinert unterstrich, dass dieser situative Konflikt – trotz langfristiger Kontinuitätslinien – nicht als ein permanenter Zustand begriffen werden sollte, denn auch die jüdische Gemeinde Rigas sei ein in hohem Maße imaginiertes und fragmentiertes Phänomen gewesen. Er betonte dabei die Bedeutung von Spannungen zwischen Vorstellungen von Gemeinschaft und deren Zurückweisungen (community versus noncommunity). Zusammenfassend resümierte er, dass für die Gemeinde als Ganzes nicht zuletzt die Spannung zwischen imaginierter und zugleich imperial definierter Gemeinschaft, situativer Vergemeinschaftung, gelegentlicher Konfliktgemeinschaft, und situativ imaginierter Nicht-Gemeinschaft konstitutiv gewesen sei, wobei letztere Imagination immer wieder an der imperialen Judengesetzgebung gescheitert sei.

Die Grenzen ethnischer Differenzierung untersuchte anschließend auch ANDRZEJ MICHALCZYK (Bochum) anhand eines Vergleichs der deutsch-polnischen Grenzregion Oberschlesien und der deutsch-dänischen Grenzregion Schleswig in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dabei fragte er nach der „Durchsetzungskraft des ethnischen Gruppismus gegenüber religiösen, sozialen oder ökonomischen Bedingungen“ und stellte fest, dass Ethnisierung zu einem großen Teil durch Fremdzuschreibungen von überlokalen national-politisch engagierten Akteuren bedingt sei. Er unterstrich, dass ethnische Vielfalt in Grenzregionen zwar existiere und mitunter auch signifikant sei, allerdings vorwiegend in politisch aufgeladenen Perioden eine bedeutende Rolle spiele.

Der Methode des Vergleichs bediente sich auch DANIEL MÜNZNER (Rostock) in seiner Diskussion von (postmortalen) Zuschreibungen des Jüdischen bei Kurt Hiller, Kurt Tucholsky und Egon Erwin Kisch. Bei diesen drei „linken Intellektuellen“ stellte er historiografische Fremdzuschreibungen einer jüdischen Identität infrage und forderte dazu auf, die Akteursperspektive stärker zu berücksichtigen. Basierend auf seiner Fokussierung auf Selbstzuschreibungen stellte Münzner schließlich die These auf, dass es sich bei keinem der drei Intellektuellen um Juden handele. Vielmehr gebe es in der Historiografie und Biografik eine Gefahr des „subtilen Antisemitismus“ durch ethnische Fremdzuschreibungen. Eine Weiterentwicklung des Ansatzes bestünde in einer stärkeren Konzentration auf den Umgang der drei Akteure mit Erfahrungen des Antisemitismus in unterschiedlichen Kontexten.

Abschließend untersuchte die Literaturwissenschaftlerin VERENA JAIN-WARDEN (Bonn) die Interkonnektivität von Rasse, Ethnizität, Sexualität und Gender im südafrikanischen Roman der Post-Apartheid. Dabei beleuchtete sie die Repräsentation von Schmerz und Lust und unterstrich die Bedeutung des Körpers, der „im Mittelpunkt des Seins und Erlebens“ stehe. Anschließend zeigte sie in ihrer postkolonialen Analyse der Romane David’s Story von Zoë Wicomb und The Quiet Violence of Dreams von K. Sello Duiker auf, „wie die Repräsentation von Schmerz und Lust die Dekonstruktion und Neuverhandlung von Identitäten und sozialen (Macht )Strukturen in Südafrika reflektiert und mitbestimmt“. Der Beitrag verdeutlichte nicht nur die Konstruktivität von Ethnizität und Gender im Allgemeinen, sondern veranschaulichte darüber hinaus die Interdependenz von Ethnizitäts- und Gender-Diskursen, die sich immer auch gegenseitig definieren.

In der Abschlussdiskussion wurde Ethnizität noch einmal als Spannungsfeld umrissen, das man konzeptionell-analytisch, historisch-semantisch und wissenschaftlich-normativ betrachten kann. Einigkeit herrschte darüber, dass es wichtig ist, die Konstruktivität von Ethnizität immer mitzudenken und das Sprechen über Ethnizität zu analysieren. Gleichwohl wurde auch dafür plädiert, Ethnizität als ein Konzept zu begreifen, das dazu befähigt, sich über kulturelle Vielfalt auszutauschen. Die Gefahren der Essentialisierung und Reduzierung, die der Begriff zweifelsohne mit sich bringt, sollten jedenfalls nicht zu einer Tabuisierung der Thematisierung von kultureller Differenz führen.

Konferenzübersicht:

Begrüßung und Vorstellung: Ingo Eser (Köln) / Felix Heinert (Köln) / Sarah Panter (Freiburg)

Felix Heinert: „Ethnicity talk“. Ausgangsüberlegungen und Selbstverortung

Ingo Eser: Irrwege des Ethnischen. Beobachtungen aus der geschichtswissenschaftlichen Praxis

Jonas Kolb (Wien): Soziale Praktiken und die soziologische Analyse des ‚Ethnischen‘. Potentiale und Grenzen einer praxistheoretischen Forschungsperspektive am Beispiel slowenischsprachiger Jugendlicher in Kärnten/Koroška

Sabine Kiefer (München/Köln): Doing ethnicity? „Deutsche Kultur“ in Blumenau, Südbrasilien

Till van Rahden (Montreal/Köln): Textlektüre: Andreas Wimmer, The Making and Unmaking of ethnic Boundaries

Martin Hauter (Enkenbach): Ethnische Tradition und politische Struktur im frühen Mittelalter. Das Beispiel der Burgunder

Friedemann Pestel (Freiburg): Les mulâtres de la Restauration: Die (post-)koloniale Dichotomisierung von Konfliktmustern in Frankreich durch die Erfahrung der Haitianischen Revolution (1790-1848)

Felix Heinert: Topographien jüdischer Selbstverortungen im lokalen Raum Rigas vor 1914

Andrzej Michalczyk (Bochum): Ist ethnische Vielfalt typisch osteuropäisch? „Ethnisch gemischte“ Grenzgebiete im östlichen und nordwestlichen Europa im Vergleich

Daniel Münzner (Rostock): Juden wider Willen. Postmortale Zuschreibungen des Jüdischen bei Kurt Hiller, Kurt Tucholsky und Egon Erwin Kisch

Verena Jain-Warden (Bonn): Ethnische Identität in der Krise? Südafrika nach dem Ende der Apartheid

Anmerkungen:
[1] Fredrik Barth (Hrsg.), Ethnic Groups and Boundaries: The Social Organization of Culture Difference, London 1969.
[2] Andreas Wimmer, The Making and Unmaking of Ethnic Boundaries: A Multilevel Process Theory, in: American Journal of Sociology 113,4 (2008), S. 970-1022.

Zitation
Tagungsbericht: ‚Ethnizität‘ – Vom Nutzen und den Grenzen eines Konzepts, 25.01.2013 – 26.01.2013 Köln, in: H-Soz-Kult, 06.04.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4746>.