Der I. Weltkrieg und die belgisch-deutsche Grenzregion

Ort
Eupen
Datum
21.09.2013
Veranstalter
Arbeitskreis Belgisch-Deutsche Grenzgeschichte; Staatsarchiv in Eupen
Von
Susanne Kreins, Lehr- und Forschungsgebiet Wirtschafts-, Sozial- und Technologiegeschichte, Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen; René Rohrkamp, Staatsarchiv in Eupen

Vor allem die Stimmung der Zivilbevölkerung im belgisch-deutschen Grenzgebiet im Vorfeld des Ersten Weltkrieges und deren Alltagsleben zwischen 1914 und 1918 standen im Mittelpunkt der zweiten Tagung zur Ostbelgischen Zeitgeschichte im Staatsarchiv in Eupen. Neben diesem Fokus wurde auch die militärisch-strategische Bedeutung des deutsch-belgischen Grenzlandes im Kontext des Kriegsbeginns thematisiert. Fünf Vorträge belgischer und deutscher Wissenschaftler gingen hierzu aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Kriegsjahre im Grenzraum ein, bevor eine Podiumsdiskussion mit der Leitfrage: „Was kann uns der Erste Weltkrieg heute noch sagen?“ einen Ausblick auf die Erinnerungsveranstaltungen aus Anlass der 100-Jahr-Feierlichkeiten zum Kriegsbeginn im kommenden Jahr bot.

Die geistige Vorbereitung auf den Kriegsausbruch in Deutschland thematisierte, nach einleitenden Worten von René Rohrkamp (Eupen) und Christoph Brüll (Lüttich), SEBASTIAN SCHARTE (Bonn) in seinem Auftaktvortrag. Hierzu ging Scharte in Schlaglichtern auf Nation und Nationalismus im deutschen Grenzgebiet am Vorabend des Ersten Weltkriegs ein. Dabei konzentrierte er sich auf die damals preußische Stadt Eupen in den letzten beiden Jahren vor Kriegsbeginn. Anhand der Einweihung des lokalen Kriegerdenkmals im Spätsommer 1912 und der örtlichen Gedenkfeierlichkeiten zur Leipziger Völkerschlacht im Oktober 1913 zeigte Scharte symbolpolitische Kulminationspunkte für die zur Schau getragene Loyalität zu Kaiser und Vaterland auf. Er bezeichnete den „Prozess der Verselbständigung von Erinnerungskultur und der Nationalisierung“ der Bevölkerung in Eupen als „repräsentativ für das Rheinland am Vorabend des Ersten Weltkriegs“ – Grenzlage und gute nachbarschaftliche Verbindungen nach Belgien führten also in keiner Weise zu einer Abmilderung des zeittypischen Nationalismus.

BERNHARD LIEMANN (Münster/Gent) beschrieb in seinem Vortrag die Transformation der belgisch-deutschen Grenzregion „vom Frieden zum Krieg“ und legte dabei einen Schwerpunkt auf die öffentliche Stimmung und die zivile Kriegserfahrung im Grenzland in der Julikrise und in den ersten Tagen und Wochen des Krieges. Er illustrierte seine Thesen mit Hilfe von Tagebucheinträgen und Augenzeugenberichten aus dem grenznahen Eupener Raum. Liemann betonte, dass das „Augusterlebnis 1914“, also die kollektive Begeisterung nach dem Kriegsausbruch, für die Bevölkerung des Grenzlandes als Mythos betrachtet werden kann. Bei einer Analyse der „Kriegsbegeisterung“ muss zudem zwischen Gruppen mit unterschiedlichen sozialen Determinanten (Geschlecht, Alter, Region und Konfession) unterschieden werden. Liemann unterschied drei Phasen: Die erste Phase, umschrieben mit „Spannung, Ungewissheit, vaterländische Elemente und karnevaleskes Verhalten“, umfasste die Zeitspanne von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajewo bis zur letzten Juliwoche, in der die grenznahe Bevölkerung darauf hoffte, dass der sich abzeichnende Krieg auf die Balkanregion beschränkt blieb. Die zweite Phase erstreckte sich von ersten Spekulationen über die Position Belgiens im Kriegsfall bis hin zum Ultimatum Deutschlands an Belgien am 2. August. Liemann ordnete ihr insbesondere die Schlagworte „Gerüchte“ und „Invasionsfurcht“ zu. Nicht die allgemeine „Hurra“-Stimmung bestimmte im Grenzland die öffentliche Meinung, sondern die Furcht, bald selbst unmittelbar von den Kampfhandlungen betroffen zu sein. Die dritte Phase war gekennzeichnet durch tatsächliche Kriegserfahrungen ab dem 4. August. Die Grenzbevölkerung wurde Zeuge des Truppendurchzuges und indirekt auch erster Gräueltaten an belgischen Zivilisten. Diese Kriegsverbrechen, der anhaltende und auch sichtbare Kanonendonner bei den Kämpfen um Lüttich und die Ungewissheit über das weitere Geschehen, hätten – so Liemann – zu Traumata in der Grenzbevölkerung geführt.

CHRISTOPHE BECHET (Lüttich) betrachtete in seinem Vortrag die Rolle der Eisenbahnverbindungen in den strategischen Planungen des belgischen Militärs und die Umsetzung dieser Pläne beim deutschen Einmarsch 1914. In einer anschaulichen Kartenpräsentation beschrieb er das Dilemma des neutralen Belgien als Staat mit drei Außengrenzen, die vom Eisenbahnverkehr betroffen sind. So traf das belgische Pionierkorps durch die Anlage von Minenkammern in Tunneln und bei Brücken sowohl nach Frankreich als auch zum Deutschen Reich hin Vorkehrungen, um Verzögerungen eines feindlichen Vormarsches herbeiführen zu können. Bechet hob hervor, dass die Bedeutung der Vennbahn und der Vennquerbahn auf belgischer Seite früh erkannt worden war, was in der belgischen Verteidigungsstrategie zur Bildung neuer Abwehrschwerpunkte führte. Mit einer Bilanz der Wirksamkeit der belgischen Maßnahmen – beispielsweise von Tunnelsperrungen und –sprengungen –, die aufgrund von Material- und Lagerungsproblemen in der Breite nicht als erfolgreich angesehen werden können, schloss der Vortrag.

TOM SIMOENS (Brüssel) stellte mit der 1. Armeedivision einen belgischen Infanteriegroßverband und seinen Weg durch die Anfangsphase des Ersten Weltkriegs vor. Die zwischen dem 29. Juli und 3. August in Flandern aus 17.800 Mannschaften und Unteroffizieren sowie 400 Offizieren aufgestellte Division griff am 10. August 1914 erstmals in die Kämpfe ein: Simoens Ausführungen führten die Perspektive der Division auf den Kampfverlauf, die aufgetretenen Verluste, aber auch aus Ego-Dokumenten collagierte individuelle Perspektiven auf den Einsatz der Division anhand der Oberbegriffe Enthusiasmus, Angst, Stress und letztlich Panik zusammen.

LUC VANDEWEYER (Brüssel) berichtete anschließend über die unmittelbaren Folgen des Krieges für den belgischen Teil der Grenzregion. Zunächst konzentrierte er sich dabei auf den Sprachgebrauch. Das vor dem Krieg in Belgien als Minderheitensprache anerkannte Deutsch verlor durch den Überfall radikal an Popularität. Doch nicht nur der Sprachgebrauch wandelte sich. Belgische Familien in der Grenzregion, die beruflich oder familiär mit dem Aachener Raum vernetzt gewesen waren, sahen sich nach dem Krieg gezwungen, das Land zu verlassen. In seiner Präsentation vermittelte Vandeweyer neben der Sprachenfrage durch zeitgenössische Bilder und Karikaturen auch den Kriegsalltag und die Lage der belgischen Zivilbevölkerung. Im Mittelpunkt standen hierbei Plünderungen durch deutsche Soldaten, die eine nachhaltige Schädigung der Beziehung zwischen der belgischen und der deutschen Grenzbevölkerung hervorriefen.

Die abschließende Podiumsdiskussion thematisierte die Frage des Ersten Weltkriegs in regionalgeschichtlicher Perspektive. Dabei stellten die vier Teilnehmer der Diskussion aktuelle Projekte zur Förderung der Erinnerungskultur in Bezug auf den Ersten Weltkrieg vor.

STEFAN HENKES (Sankt Vith) berichtete über seine Erfahrungen bei einem fächer- und länderübergreifenden Geschichtsprojekt zum Ersten Weltkrieg, das durch Schüler erarbeitet wurde. An der Bischöflichen Schule in Sankt Vith sowie an einer französischen, zwei polnischen und zwei deutschen Schulen suchten die Schüler im eigenen familiären und lokalen Umfeld nach Quellen zum Ersten Weltkrieg, die sie textlich aufbereiteten.[1]

HERBERT RULAND (Eupen), Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Landschaftsverbandes Rheinland, berichtete über die Projekte des Verbandes in den Gedenkjahren 2014 bis 2020 und betonte dabei die große Rolle, die dem Ersten Weltkrieg in der Erinnerungslandschaft der belgisch-deutschen Grenzregion zukommt.

ACHIM KONEJUNG (Vettweiß-Müddersheim) von der Konejungstiftung: Kultur stellte sein Projekt „‘Siegfrieds Fluch‘ – Das Rheinland und der Erste Weltkrieg“ vor: eine Multivision mit historischem Bild- und Filmmaterial. Im Zentrum dieser Multivision mit Livekommentar stehen die Fragen, wie die Rheinländer den Ersten Weltkrieg erlebt haben und wie dieser Konflikt das Rheinland als Aufmarschgebiet, Heimatfront und Besatzungszone geprägt hat. In Kooperation mit dem Landschaftsverband Rheinland und dem Exkursionsprogramm der Thomas-Morus-Akademie Bensberg plant die Konejungstiftung: Kultur im Themenjahr zudem eine Reihe von Exkursionen zu Schauplätzen des Ersten Weltkrieges.

ELS HERREBOUT (Eupen) berichtete über die Aktivitäten des Staatsarchivs in Eupen. Mit dem Ziel, die Aufmerksamkeit von Wissenschaftlern und Interessierten gezielt auf die eigenen Bestände richten zu können, stellt das Archiv seine Bestände zum Ersten Weltkrieg in einem Archivführer der Öffentlichkeit vor. Ein weiteres Projekt dient in Kooperation mit der Volkshochschule Aachen der Digitalisierung der Gefallenenregister in der Region Aachen und in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Auf diese Weise soll ein biographisches sowie geographisches Gefallenenkataster entstehen, das die Auswirkungen der menschlichen Verluste für die Regionen, Städte und Ortschaften visualisieren soll. Daneben steht die Mitherausgeberschaft des Staatsarchivs bei der Neuauflage des ersten belgischen Buchs in deutscher Sprache, dem 1937 erschienenen Antikriegsroman „Golgatha“ von Peter Schmitz, der als Eupener im Ersten Weltkrieg für das Deutsche Kaiserreich in den Krieg zog und seine Erlebnisse in einem Roman verarbeitete.

Die Beiträge der zweiten Tagung zur ostbelgischen Zeitgeschichte haben den Blick auf verschiedene Aspekte des Ersten Weltkriegs beiderseits der belgisch-deutschen Grenze ermöglicht: Die Vorkriegsmentalitäten der deutschen Bevölkerung an der belgischen Grenze und die Auswirkungen dieser Mentalitäten auf Gesellschaft und öffentliches Leben im Rahmen der sogenannten Julikrise bzw. des sogenannten Augusterlebnisses schufen einen Hintergrund für den Perspektivenwechsel: Der belgische Blick auf die strategische Vorkriegssituation am Beispiel der Eisenbahnverbindungen, aber auch das Schicksal einer belgischen Infanteriedivision in den Abwehrkämpfen der ersten Kriegswochen führten hin zu Betrachtungen über die Veränderungen im Zusammenleben an der Grenze, aber auch die Veränderung der Beziehungen der Bevölkerungen beiderseits der Grenze durch die deutsche Besatzung. Die Vorstellung der aktuellen regionalen Initiativen, die an den Ersten Weltkrieg in der belgisch-deutschen Grenzregion erinnern, gab einen Ausblick auf das kommende große Gedenkjahr.

Konferenzübersicht:

Sebastian Scharte (Bonn): Nationale Identitäten im deutsch-belgischen Grenzgebiet am Vorabend des I. Weltkriegs

Bernhard Liemann (Münster/Gent): Vom Frieden zum Krieg: der deutsch-belgische Grenzraum im August 1914

Christophe Bechet (Lüttich): Les lignes du chemin de fer transfrontalières et leur rôle dans la stratégie militaire belge en 1914

Tom Simoens (Brüssel): La 1ère Division d’Armée 1914/15: les opérations militaires

Luc Vandeweyer (Brüssel): Die Entwicklung des Kriegsalltags in Belgien 1914

Anmerkung:
[1] Die Resultate werden auf der Homepage <http://www.traces1914.eu> dokumentiert, auf der man einen von den Schülern erstellten „virtuellen Erinnerungsschrank“ findet.

Zitation
Tagungsbericht: Der I. Weltkrieg und die belgisch-deutsche Grenzregion, 21.09.2013 Eupen, in: H-Soz-Kult, 01.02.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5209>.