H. Kohl u.a.: Von der Quelle zum Tafelbild I

Titel
Von der Quelle zum Tafelbild I. Tafelarbeit im Geschichtsunterricht. Von der russischen Revolution bis zum 11. September 2001


Autor(en)
Kohl, Herbert; Wunderer, Hartmann
Erschienen
Schwalbach/Ts. 2008: Wochenschau-Verlag
Umfang
ca. 120 S. mit CD-ROM
Preis
€ 36,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Jeannette van Laak, Universität Gießen

Es gibt sie noch: Die Tafel! Während Schüler in den Pausen auf der Schiefertafel ihrer Kreativität freien Lauf lassen, brauchen Lehrer sie im Unterricht: meist für wichtige Informationen oder, und hierum soll es gehen, um Unterrichtsinhalte zu visualisieren bzw. um Unterrichtsergebnisse von den Schülern visualisieren zu lassen. Im konkreten Fall geht es um die Visualisierung historischer Unterrichtsinhalte und -ergebnisse, wie das Umschlagbild intendiert. Angesichts neuer Medien und moderner Technik scheint das fast ein Wunder! Herbert Kohl und Hartmann Wunderer wundern sich darüber nicht. Vielmehr konstatieren sie, dass Tafelarbeit noch immer beliebt sei. Somit haben sie sich aufgemacht, in diesem Heft des Wochenschau Verlags historische Quellen zum 20. Jahrhundert auszuwählen und entsprechende Tafelbilder für den Einsatz in der Sekundarstufe I und II beizufügen. Tafelbilder oder Tafelskizzen gibt es in verschiedenen Formaten, doch das Nebeneinander von Quellen und Tafelbildern ist ein Novum.[1]

In der Zusammenstellung des Materials orientierten sich Kohl und Wunderer an den Dekaden bzw. Zäsuren des 20. Jahrhunderts und, ebenfalls ein Novum, nicht an Lehrplänen oder Lehrbüchern. Damit liegen 50 Tafelbilder vor, die sich thematisch wie folgt zusammensetzen: Russland vor und während der Revolution, der Erste Weltkrieg und seine Folgen, die Weimarer Republik und ihre Feinde, Aufstieg des Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg und seine Folgen, Entwicklungen in der Bundesrepublik und der DDR nach 1945, Europäische Union, das Ende des Kalten Krieges 1989, Probleme der Globalisierung. Einhundert Jahre Geschichte können damit an der Tafel visualisiert werden. Die Quellenauswahl ist nicht auf das „kurze“ 20. Jahrhundert beschränkt. Auch das Ende des Kalten Krieges wird berücksichtigt, ebenso der 11. September 2001 oder die Entwicklungsprobleme in der Dritten Welt. Ihre Textbeispiele beziehen die Autoren aus der Fachliteratur bzw. aus Quellen der jeweiligen Zeit. So wird, um ein Beispiel zu nennen, ein Text von Leo Trotzki dem Tafelbildentwurf zum Thema „Russland um 1900“ vorangestellt. Beim Thema „Inflation von 1914 bis 1923“ stehen Forschungsergebnisse aus verschiedenen Dekaden einander gegenüber.
Bei der Zusammenstellung der Quellen achteten die Autoren auch darauf, unterschiedliche Perspektiven zu vermitteln, wie etwa bei den Themen „Der Zweite Weltkrieg“ und „Die Ermordung der europäischen Juden“. Ergebnisse von Internetrecherchen ergänzen die Textauswahl. Aus diesem Grunde geht das Heft inhaltlich weit über das Fachcurriculum hinaus. Zudem hält es Anregungen für andere Fächer bereit, etwa für die Fächer Politik oder Wirtschaft und Recht, wie das Thema „Massenarbeitslosigkeit – ein unlösbares Problem?“ zeigt. Die Autoren versuchen sich an Inhalten, die bislang kaum für die Tafel visualisiert wurden, wie z.B. zur „Neuen Weltordnung – unipolar oder multipolar?“, zum „Ersten militärischen Auslandseinsatz der Bundeswehr“ oder zum „Islamismus“.

Die Quellenauswahl ist, es wurde bereits angedeutet, vielfältig. So hält „Der Zweite Weltkrieg“ beispielsweise eine Goebbels-Rede vom Februar 1943, Auszüge aus dem Befehl eines an der Ostfront eingesetzten Armeekommandos sowie einen Feldpostbrief eines Wehrmachtsoldaten aus Stalingrad bereit. Damit können den Schülern die Ansichten unterschiedlicher Akteure zur Thematik durchaus nahe gebracht werden. Das dazugehörende Tafelbild verdichtet den „Zweiten Weltkrieg“ unter den Rubriken „Blitzkriege“, „Weltkrieg“, „Die Wirklichkeit“, „Vernichtungskrieg“ sowie „Totaler Krieg“ und verweist im Anschluss an die Folgen bzw. die „Ergebnisse“. Dieses sehr komplexe Tafelbild ist aus den angebotenen Quellen jedoch kaum zu rekonstruieren. Vielmehr scheinen die Autoren das „fertige“ Tafelbild mit entsprechenden Quellen ausgestattet zu haben. Somit liegt das Verdienst der Autoren darin, zum Großteil sehr komplexe Tafelbilder vorzulegen und diese mit Quellen anzureichern. Eine Einszueins-Übertragung in den eigenen Unterricht ermöglicht es jedoch selten. Zumal Hinweise fehlen, wie im Unterricht mit einzelnen Tafel-Modellen gearbeitet wurde. Zwar betonten die Autoren einleitend, dass die Tafelbilder gemeinsam mit den Schülern entwickelt werden sollten. Doch auf eine Darstellung dieses „Entwicklungsprozesses“ wurde, aus welchen Gründen auch immer, verzichtet. Somit muss jeder Lehrer selbst ausprobieren, ob die Tafelbilder Resultate eines Frage entwickelnden Unterrichtsgesprächs oder von Gruppenarbeit der Schüler werden.

Die Autoren beabsichtigen mit ihrer Quellenauswahl und den entsprechenden Tafelbilden, dass und wie Geschichte „auf wesentliche Grundmuster“ (S. 5) zurückgeführt werden kann und dass sich historische Entwicklungen transparent darstellen lassen. Dabei vertrauen sie darauf, dass dem Lehrer die unterschiedlichen Formen von Tafelbildern bekannt sind und er mit der Tafelarbeit allgemein vertraut ist.[2] Kohl und Wunderer verstehen Tafelbilder als Elementarisierung wichtiger Informationen und Erkenntnisse, und halten dies für nachhaltiges Lernen unverzichtbar.

Es wurde bereits erwähnt, dass der Leser oft die Fragstellung vermisst, die zu diesem oder jenen Tafelbild führten. Damit wird das Versprechen des Titels „Von der Quelle zum Tafelbild“ nicht immer eingehalten, weshalb der Eindruck entsteht, die Quelle illustriere das Tafelbild, deren zu vermittelnde historische Inhalte bereits vorhanden und erprobt sind. Diesen Eindruck kann auch die Einleitung nicht ganz aufheben. In kompakter Weise werden die Vor- und Nachteilen der Tafelarbeit vorgestellt, eine Auseinandersetzung mit bereits vorliegender fachdidaktischer Literatur sucht man jedoch vergebens. [3]

Das Titelbild versprach, dass die Schüler die Unterrichtsergebnisse an der Tafel sichern. Das entspricht durchaus dem handlungsorientierten Ansatz. Vereinzelt gibt es auch Hinweise zum Unterrichtseinsatz oder die eine oder andere didaktische Anregungen im Anschluss an die Quellen. Doch wie man nun von der Quelle zum Tafelbild kommt, also wie der intendierte handlungsorientierte Ansatz umgesetzt werden kann, führen die Autoren nicht aus. Dabei muss man wohl berücksichtigen, dass die Schülerantworten den hier vorliegenden Tafelbildern kaum so klar entsprechen dürften. Somit wird der Lehrer sich entscheiden müssen, ob er flexibel mit den Schülerantworten umgeht und sie zudem in der Fähigkeit schult, historisches Wissen so zu strukturieren, dass es nachhaltig haften bzw. leicht abrufbar bleibt – zweifellos eine Herausforderung. Oder er entscheidet sich, die vorliegenden Inhalte im Frontalunterricht zu vermitteln.

Das Heft ist also eher an bereits praktizierende Lehrer und Lehrerinnen gerichtet, die die Autoren zum Weiterdenken anregen möchten. Denen muss, so bleibt zu vermuten, nicht mehr erklärt werden, wie man Quellenarbeit an der Tafel visualisiert. Interessierte Lehrer finden zudem neue Anregungen, eigene Tafelbilder vielleicht moderner zu strukturieren.

Studenten und Lehramtsanwärter sollten auf Florian Osburgs „Tafelskizzen für den Geschichtsunterricht“ zurückgreifen, der grundlegende Informationen zum Tafelbild und seinen Einsatz im Geschichtsunterricht gibt.[4]

Trotz aller Einwände liegt eine Arbeitsgrundlage für Lehrer vor, die so einfach wie kompakt daherkommt: Auf der linken Seite finden sich ein oder mehrere Textauszüge und auf der rechten Seite das zum Thema gehörende Tafelbild. Diese Vorlagen sind, es sei noch einmal betont, als Entwürfe oder Skizzen zu verstehen, die dank der beiliegenden CD-ROM, die alle 50 Tafelbilder enthält, dem eigenen Unterricht angepasst werden können. Erfreulich und hervorzuheben ist, dass der Verlag sowohl der Papierauswahl wie dem Layout viel Sorgfalt widmete, weshalb man dieses Unterrichtsmaterial noch einmal so gerne zur Hand nimmt.

Anmerkungen:
[1]Florian Osburg, Tafelskizzen für den Geschichtsunterricht, Frankfurt am Main 1994.
[2]Florian Osburg, Tafelbilder im Geschichtsunterricht, 5. Auflage Berlin(Ost) 1983, S. 15-34; sowie Florian Osburg, Tafelskizzen für den Geschichtsunterricht, Frankfurt am Main 1994, S. 14-20.
[3] Margarete Dörr, Tafelarbeit. In: Hans-Jürgen Pandel / Gerhard Schneider; Handbuch Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach/Ts. 1999, S. 87-145; Hilke Günther-Arndt, Geschichtsmethodik. Handbuch für die Sekundarstufe I und II, Berlin 2007, S. 236 ff.
[4] Vgl. Anm. 1.

Zitation
Jeannette van Laak: Rezension zu: Kohl, Herbert; Wunderer, Hartmann: Von der Quelle zum Tafelbild I. Tafelarbeit im Geschichtsunterricht. Von der russischen Revolution bis zum 11. September 2001. Schwalbach/Ts. 2008, in: H-Soz-Kult, 17.11.2008, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-11326>.
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17.11.2008
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