H. Duchhardt: Mythos Stein

Titel
Mythos Stein. Vom Nachleben, von der Stilisierung und von der Instrumentalisierung des preußischen Reformers


Autor(en)
Duchhardt, Heinz
Erschienen
Göttingen 2008: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
XI, 180 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Gabriele B. Clemens, Lehrstuhl für Neuere Geschichte, Universität des Saarlandes

2007 jährte sich der Geburtstag des Freiherren Karl vom und zum Stein weitgehend unbemerkt von der Geschichtswissenschaft zum 250. Mal. Heinz Duchardt, derzeit zweifellos der ausgewiesenste Steinexperte, unternahm gleich mehrere Versuche, um den Freiherren in der aktuellen Diskussion zu verankern. Neben dem hier vorzustellenden Band zum Mythos Stein hat er in den letzten Jahren eine mustergültige Steinbiographie und mehrere Aufsatzbände herausgegeben, die sich mit vielfältigen Facetten des Werkes des preußischen Reformers befassen.[1] Basierend auf seinen profunden Forschungskenntnissen zeigt er nun auf, wie Stein und sein Oeuvre von Zeitgenossen und nachfolgende Generationen verehrt, vereinnahmt und benutzt wurden. Dabei beschäftigt er sich zunächst mit den Arbeiten der eigenen Zunft, dann mit dem im 19. Jahrhundert üblichen Denkmalkult, der auch vor dem Freiherren nicht Halt machte und noch im 20. Jahrhundert Fortsetzung fand. Weitere Kapitel widmet er dem Stein-Gedenkjahr 1931, in dem das öffentliche Interesse kulminierte, der Rezeption während der nationalsozialistischen Zeit und schließlich im geteilten Deutschland.

Gleich in der Einleitung wird deutlich, dass der Freiherr aufgrund seines Schicksals in Zeiten „nationaler“ Bedrohung, seines Widerstands gegen Napoleon und seines umfangreichen Werks vor fast jeden Karren gespannt wurde. Stein hatte Deutschland nicht nur von der napoleonischen „Fremdherrschaft“ befreit und zukunftsweisende Reformen eingeleitet, er galt zudem als Schutzpatron der Reichsritterschaft auf dem Wiener Kongress. Nach 1815 sah man in ihm zunächst den konservativen Staatsmann, später die liberale Lichtgestalt, den nationalen Helden und Vorreiter völkischer Ideen, am Ende gar einen wackeren Demokraten. Er wurde von fast allen politischen Lagern reklamiert und als Ahnherr der eigenen Ideen interpretiert.

Die Steinhistoriographie nahm ihren Anfang zeittypisch schon wenige Jahre nach seinem Tod 1831 im Kreis vertrauter Mitarbeiter. Georg Heinrich Pertz, der als Geschäftsführer der von Stein gegründeten Gesellschaft für ältere Geschichtskunde fungierte, widmete dem von ihm Verehrten gleich ein sechsbändiges Werk. Hier begegnet uns noch ein schroffer, durchsetzungswilliger Stein als antirevolutionärer Staatsmann. Steins Weggefährte und Freund, Ernst Moritz Arndt, widmete diesem an seinem Lebensabend in den 1850er-Jahren eine kleinere biographische Studie in der Form eines Doppelportraits. Er rückte den Verstorbenen in die Nähe von Arminius und Martin Luther und nutzte seine Erinnerungen geschickt, um nach der gescheiterten Revolution von 1848 seinen Lesern zu suggerieren, dass man zugleich national, liberal und fortschrittlich sein könne, ohne gleich Revolutionär zu werden.

Der nächste Meilenstein der Steinforschung stammte aus der Feder des Berliner Archivars und späteren Göttinger Professors Max Lehmann. Er warf – allerdings nicht als erster – die interessante Frage auf, was bei dem Reformwerk eigentlich Stein direkt zuzuschreiben ist und welchen Beitrag seine Mitarbeiter geleistet haben. Wenig Begeisterung dürfte zu Beginn des 20. Jahrhunderts im frankophoben Kaiserreich die These hervorgerufen haben, dass Steins Werk und Ideen von den Errungenschaften der Französischen Revolution beeinflusst waren. In den 1920er-Jahren stritten dann Franz Schnabel und Gerhard Ritter vehement um die Deutungshoheit über Steins Werk. Letzterer positionierte sich ganz klar in Opposition zu Lehmann. Er sah den ihm letztendlich unsympathisch gebliebenen Freiherrn als gemäßigten Borussen, dem er immer wieder Fehler und Versäumnisse vorwarf. Die Reformen habe er lediglich koordiniert. Ritter stürzte seinen Protagonisten vom Denkmalsockel, sympathisierte eindeutig mit den preußischen Junkern und lehnte den von Stein geschätzten westfälischen Adel ab. Ganz anders wiederum der Katholik Franz Schnabel. Er interpretierte vom Stein wie Lehmann als eine liberale Lichtgestalt, den preußischen Staat skizzierte er hingegen als marode und reformunfähig.

Im folgenden Kapitel bietet Duchhardt weitere Erkenntnisse zum allgegenwärtigen Denkmalkult des langen 19. Jahrhunderts. Wie für Arminius, Schiller oder für die Fertigstellung des Kölner Doms wurden überregionale Unterstützungsvereine von hohen Beamten, Adligen und Bürgern gegründet, die versuchten auch die gekrönten Häupter für ihre Projekte zu gewinnen. Für die Stein gewidmeten Denkmalprojekte lässt sich nachweisen, dass sie über die Grenzen Preußens hinaus kaum spendenfreudige Anhänger fanden. Darüber hinaus wurde auch mit der symbolisch aufgeladenen Ausgestaltung der Denkmäler wieder Politik gemacht. Die Gedenkfeiern zum 100. Todestag führten dann zu einem neuen Rezeptionshöhepunkt, wobei man sich anlässlich der unendlichen Liste der Feierlichkeiten fragt, wie weit es hier überhaupt noch um den Reformer ging. Duchhardt zeigt überzeugend auf, dass die republikfeindlichen Eliten Stein benutzten, um in einer als demütigend empfundenen Situation das Augenmerk auf historische Krisen und deren Lösung zu richten. Der frankophobe Blick fiel natürlich auf die existentielle Krise Preußens 1806/'07 und vom Stein als Retter aus der Nation. Die wissenschaftlichen Publikationen dieses Jahres waren Legion. Ricarda Huch schrieb einen historischen Roman, Schulfeiern wurden in sämtlichen deutschen Schulen organisiert und die Gedenkfeiern im Reichstag im Radio übertragen. Beanspruchte vom Stein vor allem das rechtskonservativ-nationalistische Lager, so fiel kritischen Zeitgenossen bereits auf, dass politischen Positionen von ganz links bis ganz rechts Stein für sich reklamierten. Hier deutete sich auch schon die Vereinnahmung seitens völkischer bzw. nationalsozialistischer Politiker an. Als Wegbereiter derartiger Interpretationen wirkte nicht zuletzt Erich Botzenhart, der in den 1920er-Jahren eine Reihe von Studien publizierte. Nach 1933 deklarierte er Stein zum Ahnherrn des Nationalsozialismus. Im Mittelpunkt des Interesses standen nun seine Ideen zum Bauernstand, zu korporativ-berufsständischen Strukturen sowie zur Deutschen Gemeindeordnung, obwohl Steins kommunalpolitische Grundüberzeugungen diesen Vorstellungen eigentlich entgegenliefen.

Im Nachkriegsdeutschland blieben große Forschungskontroversen aus, doch die Steinforschung erfuhr neue Impulse vor allem aufgrund des Engagements der 1952 in Essen gegründeten Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft. Diese setzte sich nicht zuletzt mit ihrer zehnbändigen Steinedition (1957-1974) zum Ziel, das Gedankengut des preußischen Reformers zu aktualisieren und zu verbreiten. In der DDR tat man sich zunächst schwer mit dem adligen preußischen Staatsbeamten, doch 1981 sah man ihn anlässlich eines weiteren Jubiläums auch hier als vorbildlichen Reformer, unbeugsamen Patrioten und Kraft der nationalen Selbstbehauptung. In der BRD setzte hingegen seit den 1970er-Jahren Kritik ein. Hardenberg galt nun als der modernere, effektivere Reformer, Stein hingegen als altständisch und rückwärtsgewandt. Daran hat sich zum Bedauern des Autors bis heute wenig geändert. In den Deutschen Erinnerungsorten, herausgegeben von Etienne Francois und Hagen Schulze, fand vom Stein keine Aufnahme.

Das inhaltlich und stilistisch überzeugende Bändchen bietet auf das Schönste eine Bestätigung der Sentenz von Benedetto Croce, dass Geschichte immer auch Zeitgeschichte ist. Es eignet sich hervorragend für den universitären Unterricht, um den Studierenden die Zeitgebundenheit der historischen Analysen vor Augen zu führen. Wer denn nun wissen will, „wie es wirklich war“, der muss dann aber doch auf die voluminösere Steinbiographie Duchhardts zurückgreifen, auf die der vorliegende Band auf jeden Fall neugierig macht.

Anmerkung:
[1] Heinz Duchhardt, Karl Teppe (Hrsg.), Karl vom und zum Stein. Der Akteur, der Autor, seine Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte, Mainz 2003; Heinz Duchhardt (Hrsg.), Stein. Die späten Jahre des preußischen Reformers 1815-1831, Göttingen 2007, ders., Stein - Eine Biographie, Münster 2007; ders., Stein-Facetten. Studien zu Karl vom und zum Stein, Münster 2007.

Zitation
Gabriele B. Clemens: Rezension zu: Duchhardt, Heinz: Mythos Stein. Vom Nachleben, von der Stilisierung und von der Instrumentalisierung des preußischen Reformers. Göttingen 2008, in: H-Soz-Kult, 25.01.2010, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-12183>.