Ch. Eisenberg: 'English Sports' und deutsche Bürger

Titel
'English Sports' und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939


Autor(en)
Eisenberg, Christiane
Erschienen
Umfang
523 S. + 24 S. Abb.
Preis
€ 70,60
Rezensiert für H-Soz-Kult
Marc Schalenberg

Juli 1999: Zum letzten Mal tritt ein rotblonder deutscher Tennisspieler, dessen Frau behauptet, für die Familie gebe es drei Jahreszeiten, nämlich vor Wimbledon, Wimbledon und nach Wimbledon, an jenem mythischen Ursprungsort des Lawn Tennis auf. Der noch einmal alle Kräfte mobilisierende "Leimener", der in oft kühnen Metaphern vom Centre Court schwärmte und sich als Teil von dessen Geschichte versteht, scheidet zwar vorzeitig aus, doch hat er fest vor, bis an sein Lebensende immer wieder als Zuschauer zurückzukehren.

Ebenfalls Juli 1999: Im wasserdurchzogenen märkischen Sand bei Grünau gehen mit eigentümlich anmutenden Crews besetzte Ruderboote zu Wasser. Die an der Effizienz und Zukunftsfähigkeit ihrer jeweiligen Hochschule orientierten Leitungen der drei Berliner Universitäten verleihen ihrer Vertrautheit mit angelsächsischen Riten Ausdruck und greifen im Sinne der corporate identity beherzt zum Ruder. Die Steuerfrau des siegreichen Humboldt-Achters wird anschließend stilecht ins Wasser geworfen und man beschließt eine Neuauflage des "boat race" auf der Dahme im kommenden Jahr.

Wie konnte es dazu kommen? Über Hintergründe der deutschen Aneignung vormals "englischer" Sportarten, aber auch über spezifisch deutsche Kontinuitäten klärt jetzt Christiane Eisenberg auf, die mit dem anzuzeigenden Buch die überarbeitete Fassung ihrer Hamburger Habilitationsschrift vorlegt. Sie thematisiert darin einen zentralen Bestandteil moderner Gesellschaften, der von der Geschichtswissenschaft hierzulande dennoch fast gänzlich vernachlässigt wird - es scheint bezeichnend, daß die bislang vielleicht anregendste sporthistorische Monographie aus der Feder eines Kunsthistorikers stammt und sich zudem der Frühen Neuzeit zuwendet [1]. Die Verfasserin selbst trägt freilich seit einigen Jahren aktiv dazu bei, sowohl empirisch als auch programmatisch, das Potential einer zwischen Gesellschafts- und Kulturgeschichte positionierten Sportgeschichte zu verdeutlichen [2] und hat - so viel ist vorwegzunehmen - mit dem vorliegenden Buch die in Zukunft zu überspringende Forschungslatte erkennbar höher gelegt.

Ausgangspunkt ihrer Untersuchung ist die fundamentale Asymmetrie zwischen England und Deutschland hinsichtlich des Begriffs "Sport" und der damit gemeinten Sache, die sich zumindest bis ins spätere 19. Jahrhundert hinein verfolgen läßt. Machte sich auf der Insel seit der Frühen Neuzeit der von Eisenberg als zentrales Interpretament gebrauchte "doux commerce" geltend, so entstand im Umfeld der Befreiungskriege in den deutschen Staaten mit dem Turnen eine grundlegend andere Konzeption von "Leibesübungen" (dies der im frühen 20. Jahrhundert gefundene Terminus, der beides umfassen und in gewisser Weise miteinander versöhnen sollte). Als Scharnierphase in beiden Ländern präsentiert die Verfasserin die Zeit um 1900: Prallten in England damals das hergebrachte aristokratische Ideal und ein neues bürgerlich-professionelles Ethos aufeinander, so kam es in Deutschland zur gleichen Zeit zu einem "Kulturkampf" (250ff.) zwischen dem Turnen und den neuen, meistenteils aus England übernommenen und von den wilhelminischen Eliten rasch adaptierten Sportarten wie Tennis, Segeln, Reiten, Rudern oder Golf. Als charakteristisch wird im übrigen die Bedeutungsverschiebung des englischen "record" im Sinne der Notierung eines sportlichen Leistung hin zum deutschen "Rekord" als kampfbetonte Bemühung um eine Höchstleitung gewertet (232f.). Dennoch habe der Sport auch in Deutschland eine positive Auswirkung auf die Vergesellschaftung des Bürgertums besessen.

Bei alledem werden die gängigen Kategorien der "Bielefelder" Sozialgeschichtsschreibung bemüht; so ist England der "Pionier" und Deutschland der "Nachfolger", der freilich im Zeitalter der Hochindustrialisierung erstaunlich "modern" und selbstbewusst-offensiv auftritt; "Zeitgeist" wird pflichtgemäß in Anführungszeichen gesetzt -obwohl dieser Kategorie doch offenbar eine gewisse Erklärungskompetenz zugesprochen wird - und als Ursache für Wandel müssen in der Regel "Krisen" herhalten. Letztlich basiert die Studie auf den Prämissen der vergleichenden Gesellschaftsgeschichte, wiewohl für das Thema ein stärkeres Eingehen auf "Kulturtransfer"-ansätze mindestens ebenso nahegelegen hätte [3]. Die Autorin ist fraglos bemüht um eine differenzierte Darstellung, die nicht in voreiligen Sonderwegsetikettierungen steckenbleibt und oftmals überraschende Nuancierungen bereithält, bis hin zu der erstaunlich deutlichen Rehabilitierung der Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin (410ff.), die wesentlich zukunftsweisender und weniger dem Zugriff der Nationalsozialisten unterstellt gewesen seien als gemeinhin angenommen. Doch bleibt der konkrete Aneignungs- bzw. Abstossungsprozeß der Sportarten englischer Provenienz mit dem pauschalen Urteil, ihnen sei in Deutschland "Kulturbedeutung" (Max Weber) attribuiert worden, doch ein wenig unterbelichtet. Ob schon das späte 19. Jahrhundert seinen Boris Becker oder seine publicity-bedachten Universitätspräsidenten hatte, die "English sports" für ihre spezifischen Belange in Anspruch nahmen, erfährt man auf diesem Wege jedenfalls nicht.

Auch in methodischer Hinsicht bleiben Bedenken zurück. Mag man das zu Beginn der Darstellung skizzierte Szenario, das dem englischen "Sport" im späten 18. Jahrhundert einigen Platz einräumt, während für das wirtschaftlich und kulturell unterentwickelte Deutschland erst mit GutsMuths und dem Turnvater Jahn die Geschichte so richtig beginnt, noch als in der Sache begründet akzeptieren, so scheint die praktisch alleinige Konzentration auf Deutschland nach 1918 doch etwas willkürlich. Gerade zu der von Eisenberg so überzeugend herausgearbeiteten fortschreitenden Militarisierung des deutschen Sports hätte man sich, zumal nach dem in der Studie geschilderten Vorlauf, einen Vergleich gewünscht. Es mag ja sein, daß die Weimarer Republik und die Nationalsozialisten einen eigenen Weg, losgelöst vom britischen Vorbild, zu beschreiten gedachten, aber lassen sich die Planungen für das Berliner Olympiastadion wirklich ohne einen Bezug auf das 1924 eingeweihte Wembley Stadium und seinen (spät-)imperialen Anspruch schildern? Wenn sportliche Innovationskraft und -wille in England im 20. Jahrhundert tatsächlich erlahmten, traten dann nicht die USA in ihre Fußstapfen, wenn ja, ab wann und wie verhielten sich die deutschen Sportsleute ihnen gegenüber? Die letzten drei, im wesentlichen eine Organisationsgeschichte des deutschen Sports zwischen den beiden Weltkriegen liefernden Kapitel ließen sich sicherlich hervorragend zu einer zweiten Monographie verwenden (oder gar zu einer Biographie des von der Autorin sehr in den Vordergrund gerückten Sportfunktionärs Carl Diem); die Fragestellung der vorangehenden fünf Kapiteln scheinen sie dagegen aus den Augen zu verlieren. Das statt dessen erfolgende Aufweisen von Kontinuitäten zur Nachkriegsgeschichte des deutschen Sports - interessant, wie sie sind - bestätigen diesen Befund eher noch.

All dies schmälert aber nicht die Leistung, ein weitgehend unbestelltes Feld, das eher in Hektaren denn in Quadratmetern zu messen ist, in den großen Zügen, und zumal in wirtschafts-, presse- und geschlechterhistorischer Perspektive, so durchfurcht zu haben, daß sich weitere sozial- wie kulturgeschichtliche Forschungen in Zukunft relativ mühelos werden einpflanzen lassen. Das 67-seitige Quellen- und Literaturverzeichnis stellt schon in sich eine wichtige Syntheseleistung bezüglich der verfolgten Thematik und Methodik dar und macht zumindest bis in die frühen 1990er Jahre hinein einen vollständigen Eindruck [4]. Instruktiv und das im Text Ausgeführte gut ergänzend sind auch die 32 ausgewählten Abbildungen. Die Untersuchung ist zudem transparent und flüssig geschrieben, auch wenn ein wenig zu gerne auf "nicht nur..."- Konstruktionen zurückgegriffen wird. Dagegen erweist sich das Register, das Namens-, Orts- und Sachlemmata vergleichsweise willkürlich vereinigt, nicht immer als verläßlich. Das Tabellenverzeichnis ist im Angesicht fehlender Seitenzahlen schlichtweg unbrauchbar. Und in einem Flüchtigkeitsfehler verwechselt die Autorin Thomas Arnold mit dessen Sohn Matthew (24). Dennoch: Wer sich künftig mit dem Sport als integralem Faktor der englischen Geschichte des 18. und 19. resp. der deutschen Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts beschäftigt, wird an Eisenbergs Buch nicht vorbeikommen.

Anmerkungen:

[1] Horst Bredekamp, Florentiner Fußball: Die Renaissance der Spiele. Calcio als Fest der Medici. Frankfurt a.M. 1993.

[2] Vgl. nur: Christiane Eisenberg, Sportgeschichte. Eine Dimension der modernen Kulturgeschichte, in: Geschichte und Gesellschaft 23 (1997), 295-310; Dies., Massensport in der Weimarer Republik. Ein statistischer Überblick, in: Archiv für Sozialgeschichte 33 (1993), 137-178; Dies. (Hg.), Fußball, soccer, calcio. Ein englischer Sport auf seinem Weg um die Welt. München 1997.

[3] In der Bibliographie ist aus diesem Forschungszusammenhang lediglich ein einziger Aufsatz von Michel Espagne aufgeführt.

[4] Ergänzen könnte man etwa: M.C. Curthoys/H.S. Jones, Oxford athleticism, 1815-1914: a reappraisal, in: History of Education 24/4 (1995), 305-317 (ein Aufsatz, der sich kritisch mit den von Eisenberg aufgeführten Arbeiten J.A. Mangans auseinandersetzt); Dietmar Klenke, Nationalkriegerisches Gemeinschaftsideal als politische Religion. Zum Vereinsnationalismus der Sänger, Schützen und Turner am Vorabend der Einigungskriege, in: HZ 260 (1995), 395-448. Bei der Diskussion der "Nervosität" des wilhelminischen Deutschlands vermißt man einen Verweis auf die Arbeiten von Joachim Radkau.

Zitation
Marc Schalenberg: Rezension zu: Eisenberg, Christiane: 'English Sports' und deutsche Bürger. Eine Gesellschaftsgeschichte 1800-1939. Paderborn 1999, in: H-Soz-Kult, 11.08.1999, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-126>.
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Veröffentlicht am
11.08.1999
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