J. Reuter u.a. (Hrsg.): Postkoloniale Soziologie

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Titel
Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Intervention


Hrsg. v.
Reuter, Julia; Villa, Paula-Irene
Umfang
338 S.
Preis
€ 28,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Eva Bischoff, Fachbereich III Geschichte, Universität Trier

„Es ging zu Ende“, das „Goldene Zeitalter“ des Imperialismus. Und „die Münder öffneten sich allein; die gelben und schwarzen Stimmen sprachen zwar noch von unserem Humanismus, aber nur, um uns unsere Unmenschlichkeit vorzuwerfen.“[1] So beschrieb Jean-Paul Sartre zu Beginn der 1960er-Jahre einen der zentralen Aspekte des Prozesses der Dekolonialisierung: die bisher als stumm wahrgenommenen Kolonialisierten erhoben ihre Stimmen und formulierten ihre Kritik an Europa und seinem Anspruch auf Vorherrschaft. Aus dieser Kritik heraus entwickelte sich nicht nur ein Streben nach politischer Unabhängigkeit sondern auch ein intellektueller Zusammenhang, der heute unter den Begriffen Postkolonialismus, Postcolonial Theory oder auch Postcolonial Studies zusammengefasst wird.[2] Es handelt es sich hierbei um ein sehr heterogenes Forschungsfeld. Die beteiligten Forscher/innen verfolgen eine Vielzahl von unterschiedlichen Zugängen, die von marxistisch geprägten Ansätzen bis hin zu poststrukturalistischen Theorien reichen.[3]

Trotz dieser Vielfalt haben sich in den vergangenen Jahren einige Gemeinsamkeiten herauskristallisiert: So lag der Schwerpunkt postkolonialer Forschung bislang in doppelter Hinsicht im anglophonen Raum. Erstens beschäftigte sich die überwiegende Mehrheit der Studien mit dem britischen Kolonialreich und seinen Folgen; mit einem Schwerpunkt auf Indien als ‚Kronjuwel‘ des Empire. Die weißen Siedlungsgesellschaften, etwa die Vereinigten Staaten, wurden dem gegenüber lange Zeit eher vernachlässigt.[4] Zweitens hatten die Postcolonial Studies zwar viele Stimmen, allerdings sprachen sie meist nur eine Sprache: Englisch. Diese doppelte Beschränkung wird in den letzten Jahren zunehmend kritisiert und eine disziplinäre sowie inhaltliche Differenzierung eingefordert.[5]

Gerade aber nicht nur mit Blick auf diese internationalen Debatten verdient der von Julia Reuter und Paula-Irene Villa herausgegebene Sammelband besondere Aufmerksamkeit. Die hier versammelten Texte leisten einen dreifachen Beitrag: Sie übersetzen postkoloniale Perspektiven und Fragestellungen in den deutschsprachigen Kontext, weiten dabei die disziplinäre Reichweite der Postcolonial Studies aus und führen gleichzeitig postkoloniale Theorien und Methoden an ihre Grenze, um sie von hier aus kritisch auf Anwendbarkeit und Erkenntnisgewinn zu hinterfragen. Insgesamt zielen Villa und Reuter, in Anlehnung an Dipesh Chakrabarty, auf nichts Geringeres als auf eine „‚Provinzialisierung‘“ der deutschen Soziologie, der „Ver-Ortung der Soziologie als einer notwendigerweise partikularen“ (S. 12).[6]

Aus der Lektüre der insgesamt dreizehn Beiträge kristallisieren sich vier thematische Schwerpunkte heraus: Erstens eine Dekolonialisierung der Soziologie durch die exemplarische Bearbeitung von Fragestellungen, die traditionell in diejenige Wissenschaften verwiesen worden wären, die sich mit dem kolonialen Anderen beschäftigt, namentlich der Ethnologie. In diesem Sinne rekonstruiert Miriam Nandi die „Sozialdeterminiertheit postkolonialer Intellektueller“ (S. 110) im Kontext der indischen Gesellschaft der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Auch Susanne Schröter wendet einen soziologischen Blick auf eine Gesellschaft und ein Problemfeld, welche in der traditionellen Soziologie nicht als ‚modern‘ wahrgenommen würden: die Gesellschaft Indonesiens und die Frage nach der Rolle des islamischen Fundamentalismus. Islamismus, so folgert Schröter am Ende ihre Beitrages, sei nicht das orientalische Andere der westlichen Moderne, sondern Teil einer „gemeinsam geteilten globalen Moderne“ in der säkulare und religiöse „Erklärungen der Welt […] intrinsisch miteinander verflochten“ seien (S. 154). Helma Lutz schließlich hinterfragt die gängigen Narrative zur Beschreibung migrantischer und transnationaler Biographien und zeigt eine zentrale Schwierigkeit von Migrationsgeschichte(n) auf: das „Sprechen im hegemonialen Feld“, welches stets zwischen „Selbstethnisierung“ sowie „Dissens oder Widerstandsakt“ oszilliere (S. 130).

Den zweiten inhaltlichen Fokus des Bandes bildet die kritische Auseinandersetzung mit den analytischen Kategorien der Soziologie, welche sie als eine zutiefst eurozentrische Wissenschaft kennzeichnen. So setzen sich Wolfgang Gabbert und Benedikt Köhler mit den beiden zurzeit geläufigsten Gegenmodellen zum „methodologischen Nationalismus“ (Beck), den Globalisierungstheorien sowie dem Kosmopolitanismus, auseinander. Beide Autoren sehen im Postkolonialismus eine Alternative, die es erlaube Globalisierung als einen mehrfach gebrochenen, ungleichmäßigen Prozess zu beschreiben sowie den Neuen Kosmopolitanismus als „neokoloniale Vereinnahmungsstrategie“ (S. 208) zu entlarven. Nirmal Puwar unternimmt eine exemplarische Verortung eines Klassikers der soziologischen Forschung, Pierre Bourdieu, innerhalb des Kontextes des französischen Kolonialismus sowie antikolonialer Bewegungen, um die traditionelle Lesart soziologischer Texte, ihre Fokussierung auf Europa sowie die Analysekategorie Klasse aufzubrechen. Boike Rehbein entwickelt die Methode der „kaleidoskopische[n] Dialektik“ (S. 228) als ein „explizites Gesprächsangebot“ (S. 233) an einen Postkolonialismus, der seiner Ansicht nach „auf die Feststellung von Vielfalt und multiplen Modernen“ (S. 224) beschränkt sei.

Einen dritten Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit Kategorien der sozialen Ungleichheit, wie etwa race, class und gender, sowie dem Verhältnis von Postkolonialismus und Intersektionalitätsforschung. Hier kommen die Autor/innen zu sehr unterschiedlichen Bewertungen. Für Ina Kerner gehen die beiden Forschungsfelder trotz vieler Gemeinsamkeiten nicht ineinander auf. Hauptursache dafür sei, so Kerner, dass die Forschung zur Intersektionalität „von einem lokalen Fokus geprägt“ (S. 239) sei. Postkoloniale Studien hingegen seien „eher global ausgerichtet“ (ibid.). Im Gegensatz dazu betrachtet Kien Nghi Ha die globale Perspektive als konzeptionelle Stärke des Postkolonialismus. Eine Einschätzung, die von einer weiteren Autorin, Ceren Türkmen, geteilt wird. Postkoloniale Ansätze stellen ihrer Ansicht nach ein wichtiges Gegengewicht zu „neoliberal geprägten Debatten um Diversity“ dar, in denen „soziale Ungleichheit“ oft „‚kulturalisiert’ beziehungsweise ‚ethnisiert’“ werde (S. 282). Diesen positiven Einschätzungen gegenüber nehmen María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan eine skeptische Haltung ein. Sie argumentieren, dass Postkolonialismus in Deutschland als „Euphemismus für bedrohlichere Konzepte“ aus dem Feld des politischen Kampfes um Dekolonialisierung fungiere und so zu einer „Banalisierung der Imperialismuskritik“ (S. 305) beitrage. Studien zur Intersektionalität begrenzten durch ihre Konzentration auf das „race-class-gender-Mantra“ (S. 313) den analytischen Blick auf Differenzkategorien, die lediglich im metropolitanen Kontext sinnvoll seien.

Wie für einen programmatischen Band angemessen, durchzieht die Auseinandersetzung mit den Herausforderungen und den Potenzialen, die sich für die Soziologie durch die Öffnung gegenüber postkolonialen Fragestellungen und Konzepten bieten, jedes einzelne Kapitel. Entsprechend stellt dies einen vierten inhaltlichen Fokus dar. Darüber hinaus ist diese Frage aber auch Gegenstand einer eigenen Darstellung, dem Beitrag Manuela Boatcăs und Sérgio Costas. Ihre Überlegungen zum Programm einer postkolonialen Soziologie bilden mit Reuters und Villas Einleitung eine konzeptionelle Klammer. Boatcă und Costa greifen die dort geforderte ‚Provinzialisierung‘ der Soziologie auf und argumentieren, dass ein „‚postcolonial turn‘“ mehr als eine „Trendwende“ oder einen „Paradigmenwechsel“ umfasse. Vielmehr gelte es „den colonial turn zurückzuverfolgen, der der Institutionalisierung der Soziologie vorausgegangen“ (S. 70f.) sei. Auf diese Weise könne die für die Soziologie konstitutive Identifikation von Europa und Moderne aufgebrochen und die disziplinäre Trennung zwischen der Ethnologie als Wissenschaft vom kolonialen Anderen einerseits und der Soziologie als Wissenschaft vom Eigenen andererseits hinterfragt werden.

Wie eingangs von den Herausgeberinnen gefordert, gehen die einzelnen Beiträge eine kritische Auseinandersetzung mit dem Postkolonialismus ein, die über eine schlichte Übertragung in den deutschen, soziologischen Forschungskontext hinausgeht. Diesen selbstbewussten und kenntnisreichen Aneignungen steht die Übersetzung von Gayatri Chakravorty Spivaks Kapitel zur Kultur aus ihrer Studie A Critique of Postcolonial Reason gegenüber.[7] Inhaltlich liefert der Beitrag eine Reflexion auf die SprecherInnenposition postkolonialer Forschung. Zwar bildet Übersetzung einen Teil der Aufgabenstellung des Bandes, jedoch verdeutlicht Spivaks Text, dass es dabei mit einer wörtlichen Übertragung nicht getan ist. Übersetzung beinhaltet darüber hinaus auch Transformation alter und neuer Wissensbestände sowie die Etablierung neuer Konnexionen. Aufgaben, die von den anderen Autor/innen des Bandes ausgezeichnet gelöst werden. Es stellt sich daher die Frage, ob eine solche Hommage an die grande dame der postkolonialen Theorie nötig gewesen wäre.

Die von den Herausgeberinnen angestrebte ‚Provinzialisierung der Soziologie’ kann sicherlich nicht durch einen Sammelband allein erreicht werden. Die zusammengetragenen Beiträge dokumentieren jedoch, dass eine kritische Auseinandersetzung begonnen hat. Diese Kritik hat, typisch postkolonial, viele Stimmen und kommt nicht immer zum gleichen Ergebnis. Alle Autor/innen sind sich jedoch darüber einig, dass die Integration postkolonialer Perspektiven zu einer Überwindung des in der Soziologie immer noch vorherrschenden Eurozentrismus beitragen, den methodologischen Nationalismus des Faches überwinden und neue Impulse zur Analyse von Machtverhältnissen, sozialer Ungleichheit und der agency subalterner Bevölkerungsgruppen liefern kann. Angesichts der traditionell großen Bedeutung der Soziologie als Leitwissenschaft, beispielsweise für die Historiographie, sowie dem zunehmenden Interesse an transnationalen und globalen Fragestellungen ist die Lektüre von Reuters und Villas Sammelband nicht nur für ein soziologisches sondern auch für ein interdisziplinäres Fachpublikum lohnend.

Anmerkungen:
[1] Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, Vorwort von Jean-Paul Sartre, Aus dem Franz. von Traugott König, Frankfurt am Main 1981, S. 7.
[2] Es gibt innerhalb des Forschungsfeldes eine lang anhaltende und intensive Debatte um die verwendete Terminologie, die in ihrer Gesamtheit hier nicht dargestellt werden kann. Besonders häufig wird in dabei angemerkt, dass das Präfix „post“ im doppelten Sinne irreführend sei. Zum einen postuliere es eine historische Entwicklung und knüpfe damit einerseits an koloniale Diskurse von der Teleologie zivilisatorischer Evolution an. Zum anderen suggeriere es, dass der Kolonialismus als Phase dieses historischen Prozesses abgeschlossen sei. Als ersten Einstieg in diese Debatte siehe: Ania Loomba, Colonialism/ Postcolonialism, 2. Aufl., London 2005, S. 7-22.
[3] Robert Young, Postcolonialism. A Very Short Introduction, Oxford 2003, S. 6f.
[4] Vgl. dazu: Gesa Mackenthun, America’s Troubled Postcoloniality. Some Reflections from Abroad, in: Discourse 22 (2000) 3, S. 34-45.
[5] Vor allem südamerikanische Forscher/innen haben auf die Notwendigkeit hingewiesen, die postkoloniale Wissensproduktion historisch und machtpolitisch zu verorten: Mabel Moraña / Enrique Dussel / Carlos A. Jáuregui (Hrsg.), Coloniality at Large. Latin America and the Postcolonial Debate, Durham 2008.
[6] Chakrabartys Studie, urspünglich veröffentlicht im Jahr 2000, erschien im gleichen Jahr wie der hier vorliegende Sammelband in deutscher Übersetzung: Dipesh Chakrabarty, Europa als Provinz. Perspektiven postkolonialer Geschichtsschreibung. Aus dem Engl. von Robin Crackett. Frankfurt am Main, 2010.
[7] Gayatri Chakravorty Spivak, A Critique of Postcolonial Reason. Toward a History of the Vanishing Present, Cambridge 1999.

Zitation
Eva Bischoff: Rezension zu: Reuter, Julia; Villa, Paula-Irene (Hrsg.): Postkoloniale Soziologie. Empirische Befunde, theoretische Anschlüsse, politische Intervention. Bielefeld 2010, in: H-Soz-Kult, 07.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-13167>.
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Veröffentlicht am
07.09.2012
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