M. Dinges: Hausväter, Priester, Kastraten

Titel
Hausväter, Priester, Kastraten. Zur Konstruktion von Männlichkeit in Spaetmittelalter und Frueher Neuzeit


Hrsg. v.
Dinges, Martin
Erschienen
Göttingen 1998: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
297 S.
Preis
€ 9,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Antje Stannek, TU Braunschweig Historisches Seminar

Maenner werden seit einiger Zeit unter dem Aspekt ihrer Geschlechtlichkeit beobachtet. Die anglo-amerikanische Forschung liefert im Rahmen der sogenannten 'men's studies' interessante Analysen historischer Virilitaetsformen, die mittlerweile schon so manche Selbstverstaendlichkeit relativiert haben. Allerdings befassen sich diese Studien in der Regel mit den Lebenswelten nord-amerikanischer Maenner des 20. Jahrhunderts. Umso begruessenswerter ist der Umstand, dass nun ein Sammelband vorliegt, der sich der Konstruktion von Maennlichkeit in Spaetmittelalter und Frueher Neuzeit widmet.

Wie Martin Dinges in seiner Einleitung 'Geschlechtergeschichte - mit Maennern!' treffend aufzeigt, haben die Untersuchungen zur Maennlichkeit in der europaeischen Vormoderne Konsequenzen fuer unser bisheriges Verstaendnis von Geschlechtercharakteren, -rollen, -identitaeten und -beziehungen. Zu Recht wird als Defizit erkannt, dass bisher vornehmlich der weibliche Teil der Menschheit in seiner Geschlechtlichkeit thematisiert wurde. Damit seien die ueberkommenden Vorstellungen vom Mann als einem geschlechtlichen Neutrum (der Mann = der Mensch) gleichsam reproduziert worden.

Die vorliegenden neun Beitraege des Sammelbandes belehren uns nun eines Besseren und zeigen eine solche Vielfalt von Maennlichkeiten auf, dass die im Titel angezeigten Rollen 'Hausvaeter, Priester, Kastraten' allenfalls exemplarisch verstanden werden koennen. Die ersten fuenf Beitraege firmieren unter der Kategorie "Diskurse ueber 'zentrale' und 'periphere' Maennerrollen", die folgenden vier unter der Rubrik "Praktiken zur Konstruktion von 'Maennlichkeit'":

Heike Talkenberger rekonstruiert die 'Maennerrollen in wuerttembergischen Leichenpredigten des 16.-18. Jahrhunderts'. Sie geht davon aus, dass diese Quellengattung vorwiegend ueber die gesellschaftlichen Erwartungen und Rollenklischees unterrichtet, weshalb die im Personalteil der Leichenpredigten geschilderten Lebenslaeufe keineswegs mit den Lebensrealitaeten der Verstorbenen verwechselt werden duerften. Talkenberger kommt zu dem interessanten Ergebnis, dass adeligen Maennern eine groessere Breite an Verhaltensmodellen zur Verfuegung gestanden haben als den Maennern niederer sozialer Herkunft. Allerdings lesen sich die von ihr rekonstruierten Maennerrollen (der erfolgreiche Kriegsheld, der weise Regent, der liebende Ehemann, der fromme Adelige, der arbeitsame Buerger) doch ein wenig wie 'tatsaechlich' absolvierte Karrieren.

Renate Duerr untersucht das Selbstverstaendnis katholischer Seelsorgegeistlicher des 17. und 18. Jahrhunderts anhand von 30 Predigtsammlungen aus den Bestaenden der Wiener Staatsbibliothek. Die Predigtvorlagen, die aus Anlass einer Primizfeier, eines Amtsjubilaeums oder eines Todesfalls herangezogen wurden, geben Einblick in die Selbststilisierung katholischer Geistlicher, wobei der propagierte Tugendkanon durchaus 'weibliche' Eigenschaften, wie etwas Fuersorglichkeit und Sanftmut, umfassen konnte. Duerr zeigt ferner, wie im Verlauf zweier Jahrhunderte das Selbstverstaendnis der Priester immer allmaechtiger wurde bis es in letzter Konsequenz sogar Gott selbst uebertraf.

Bernd-Ulrich Hergemoeller berichtet davon, wie sich die Demarkationslinien zwischen den gesellschaftlich anerkannten Geschlechtermodellen in Zeiten politischen und wirtschaftlichen Drucks verengen. Seine Beispiele stammen aus der Stadt Venedig des 15. Jahrhunderts. Anhand von rund 500 Einzelprozessen des staedtischen 'Collegium contra sodomitas' identifiziert Hergemoeller drei 'Sodomiter-Modelle': den 'Dauersodomiten', der in einer langfristigen, ehe-aehnlichen Lebensgemeinschaft lebte; den minderjaehrigen Sodomiten, den die Obrigkeit zunaechst als passives Opfer betrachtete und spaeter ebenfalls kriminalisierte; und schliesslich die 'Sodomiterin', eine Prostituierte, die angeblich verbotenen Sexualpraktiken nachging. Gerade in den Schauprozessen gegen die Bordellbesitzerinnen betrieb die staedtische Obrigkeit nach Hergemoeller in schlechten Zeiten die Verfolgung 'innerer Feinde'.

'Ueber die Maennlichkeit der Kastraten' weiss Patrick Barbier in seinem Beitrag verblueffend Unspektakulaeres zu berichten. Da er die Praxis der Kastration in den zeitgenoessischen Kontext einordnet, kann er zeigen, dass diese Praxis in Sueditalien als ein Dienst an der Kirche verstanden wurde. Das dargebrachte 'Opfer' sei angesichts der Substitenznoete relativ gewesen und zeitgenoessische Theologen haetten die Stimme eines werdenden Mannes mitunter fuer ein wertvolleres Koerperglied als dessen Hoden betrachtet. Mit dieser Relativierung kann Barbier dann auch ueberzeugend darlegen, dass es dem Publikum des Barockzeitalters keineswegs in den Sinn kam, die Kastraten nicht als Maenner zu betrachten.

Auch Cordula Bischoff analysiert das nur scheinbare Paradox eines unmaennlichen Mannes. Sie waehlt das Herkules und Omphale Motiv zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert. Der griechische Held verliert durch seine Liebe zu Omphale seine Maennlichkeit, so die Erzaehlung. Er wird in Frauenkleidern und mit einem Spinnrocken ausgestattet dargestellt, waehrend Omphale die Keule als Herrschaftszeichen schwingt. In der zweiten Haelfte des 17. Jahrhunderts sei dieser Satire auf die Herrschaftsverhaeltnisse zwischen Mann und Frau dann nicht mehr viel abgewonnen worden, berichtet Bischoff, das Thema sei fortan als Liebesgeschichte dargestellt worden. Ursaechlich verbunden mit dieser Veraenderung ging eine Neuorientierung der adeligen Maennlichkeitskonzepte in der zweiten Haelfte des siebzehnten Jahrhunderts einher. Die Einfuehrung (Erfindung?, A.St.) der Maetresse habe dem adeligen Mann die Erfahrung einer sinnlichen Liebe erst ermoeglicht und anschliessend auch in der Kunst ihren Niederschlag gefunden.

Michael Frank befasst sich mit der scheinbar anthropologischen Konstante, ein 'richtiger' Mann demonstriere seine Maennlichkeit im Konsum von Rauschmitteln. Er zeigt, dass Geschlechterrollen durch den Konsum von Alkohol nicht nur konstituiert sondern auch gefaehrdet werden konnten. Der Alkoholkonsum trage zur Verstaerkung des Mannes bei, wenn er ohne den Verlust von Selbstkontrolle vonstatten gehe. Trinkende Frauen wurden hingegen schaerfer kritisiert, da sie sich mit dem oeffentlichen Trinken Maennerrollen aneigneten. Frank haelt die am Becher ausgefochtenen agonalen Trinkrituale fuer eine Ersatzleistung anderwaertig nicht mehr zu vollbringender Heldentaten und uebertraegt damit ethnologische Forschungsergebnisse auf historische Lebenswelten.

Heinrich R. Schmidt gewinnt dem Patriarchalismus eine neue Sichtweise ab. In der Analyse von Berner Ehegerichtsprozessen kommt er zu dem Ergebnis, dass die staedtische Obrigkeit in den Verfahren haeufiger mit Frauen paktierte. Die Ehefrauen nutzen diese Unterstuetzung, um ihre Maenner zu arbeitsamen Hausmaennern zu erziehen. Mit dem Ideal des disziplinierten Hausvaters lag ihnen ein Mittel in der Hand, welches bei Gericht Anerkennung fand und mit welchem sie die Gewaltanwendung verurteilen sowie die oekonomische Versorgung der Familie durch den Mann einfordern konnten. Schmidt zeigt anhand der Berner Beispiele, dass Maenner sich diese neuen Rollen und Verhaltensanforderungen des arbeitsamen und familientreuen Hausvaters nicht ohne Widerstand aneigneten.

Gerd Schwerhoff betrachtet die Inszenierung von Maennlichkeit am Beispiel der Blasphemie, die er als einen performativen Sprechakt begreift. Die mit der Todesstrafe belegte Gotteslaesterung identifiziert er als maennliches Delikt. Wie bei den von Frank analysierten Trinkritualen handelt es sich beim Fluchen, Schwoeren und Gotteslaestern um agonale Rituale zur Herstellung und Wahrung maennlicher Identitaet. Die demonstrative Furchtlosigkeit der Gotteslaesterer sieht Schwerhoff in enger Verbindung zu anderen Formen aggressiv zur Schau gestellter Virilitaeten, wie zum Beispiel dem Herausfordern aus dem Haus, dem Zuecken der Waffe oder den Karten- und Wuerfelspielen. Diese Formen individuell verkoerperter Herrschaft seien kennzeichnend fuer vormoderne face-to-face Gesellschaften. Schwerhoff kommt anhand der Analyse der Gotteslaesterung auf allgemeine Bedingungen der Konstruktion von Maennlichkeiten zu sprechen, an die weitere Forschungen anknuepfen koennen, in dem sie zum Beispiel nach der Verlagerung und Veraenderung dieser Rituale im Zuge einer zunehmenden Disziplinierung des Mannes fragen.

Francisca Loetz analysiert die Gesten streitender Maenner im fruehneuzeitlichen Stadtstaat Zuerich als koerperliche Kommunikationsformen. Wiederum erweisen sich Konfliktsituationen mit Geschlechtergenossen als Orte, an denen Maennlichkeit konstituiert wurde. Die Gesten waren erwartungsgemaess bunt und vielfaeltig und reichten vom Strecken des Hinterteils ueber das Fletschen der Zaehne und das Beissen auf die Finger bis zum Faustschlag auf den Tisch, dem Aufstapfen mit dem Fuss und Demonstrationen der Waffe. Von dort ging die fruehneuzeitliche Drohkultur ueber zu den Verbalinjurien und diversen physischen Konflikthandlungen (Ohrfeigen, Haareziehen, Hutabsetzen und Bartzerren etc.). Loetz zeigt, dass vermeintlich chaotische Gesten und Handlungen einer festgelegten und allgemein bekannten Wertigkeit unterlagen und zum Beispiel die Trefferflaechen am Koerper eines Gegenuebers eindeutig identifizierbar waren. Ein Schlag auf den Arm rief andere Reaktionen hervor als ein Hieb auf den Kehlkopf.

Fuer die von Dinges angekuendigten 'Umrisse einer empirisch gesaettigten Theorie der Konstruktion von Maennerrollen' liefern die hier versammelten Beitraege erste Bausteine. Sie zeigen eine Vielfalt von Konstruktionsmoeglichkeiten und eine Vielzahl von Maennlichkeiten in einem geographischen Raum, der sich von Wuerttemberg ueber Venedig, Neapel, Basel und Bern bis nach Zuerich erstreckt.

Mehrere Beitraege greifen die maennliche Ehre als ein zentrales Konzept von Maennlichkeit auf. Ob und wie sich der Raum fuer die individuelle Performanz in den Ehrenhaendeln in spaeteren Zeiten verkleinert, bleibt ein spannendes Forschungsfeld. Auch koennte gefragt werden, inwieweit zum Beispiel das im mediterranen oder mittel- und suedamerikanischen Raum angesiedelte Maennlichkeitsmuster 'Machismo' mit den fruehneuzeitlichen Ehrenhaendeln vergleichbar ist?

Unterschiedliche Stellungnahmen zu der von Karin Hausen formulierten Leitthese ueber die Polarisierung der Geschlechtercharaktere am Ende des 18. Jahrhunderts (1) melden Klaerungsbedarf an. Waehrend Talkenberger der These skeptisch gegenuebersteht und eine Polarisierung der Geschlechtercharaktere bereits vor dem 18. Jahrhunderts konstatiert, beschreibt Duerr die vergleichsweise groesseren Gestaltungsmoeglichkeiten von Tugendanforderungen und Standesaufgaben vor einer Ausbildung der Geschlechtercharaktere am Ende des 18. Jahrhunderts.

Die vorliegenden Beitraege versprechen weitere interessante Analysen zur Historizitaet des unbekannten Wesens Mann. Kuenftige Analysen spaetmittelalterlicher und fruehneuzeitlicher Maennlichkeiten koennen hier mit grossem Gewinn ansetzen.

Anmerkungen:
(1) Karin Hausen: Die Polarisierung der 'Geschlechtercharaktere'. Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben, in: Werner Conze (Hg.): Sozialgeschichte der Familie in der Neuzeit Europas, Stuttgart 1976, S. 363-393.

Zitation
Antje Stannek: Rezension zu: Dinges, Martin (Hrsg.): Hausväter, Priester, Kastraten. Zur Konstruktion von Männlichkeit in Spaetmittelalter und Frueher Neuzeit. Göttingen 1998, in: H-Soz-Kult, 18.01.1999, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-137>.
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18.01.1999
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