L. Just: Briefe an Hermann Cardauns

Titel
Briefe an Hermann Cardauns, Paul Fridolin Kehr, Aloys Schulte, Heinrich Finke, Albert Brackmann und Martin Spahn 1923-1944. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Michael F. Feldkamp


Autor(en)
Just, Leo
Erschienen
Frankfurt am Main 2002: Peter Lang/Frankfurt am Main
Preis
€ 50,10
Rezensiert für H-Soz-Kult
Stefan Hirschmann, Historisches Seminar I, Universität Düsseldorf

Um die Rolle der deutschen Geschichtswissenschaft während der Zeit des Nationalsozialismus hat sich seit den 1990er Jahren eine stark emotionsbeladene und mitunter auch sehr kontrovers geführte Diskussion entzündet. Spätestens seit dem Frankfurter Historikertag von 1998 hat sich die wissenschaftliche Erforschung des eigenen Faches als Teildisziplin der modernen Geschichtswissenschaft vollends etabliert. Vor allem jüngere Historiker wie Götz Aly, Michael Fahlbusch oder Ingo Haar haben mit ihren Arbeiten in diesem Bereich die Forschung der letzten Jahre nachhaltig voran getrieben und eine Abkehr von den vielfach unkritischen und ehrenreichen, meist durch die eigenen Schüler verfassten Biographien der großen Wissenschaftsmagnaten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begünstigt. Worüber lange Zeit absichtlich geschwiegen wurde, interessiert die heutige historische Forschung besonders: die wissenschaftliche Tätigkeit von deutschen Historikern im Nationalsozialismus.

Ein ausgewiesener Kenner dieser Materie ist der Berliner Historiker Michael F. Feldkamp, der sich u.a. mit der Rolle der katholischen Kirche und ihrem Verhältnis zur Wissenschaft während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur auseinandergesetzt hat und durch Forschungen im Deutschen Bundestag und im Auswärtigen Amt neben wissenschaftlichen Editionen bereits mehrere Darstellungen zu zentralen Fragen der deutschen Nachkriegsgeschichte vorgelegt hat. Quasi als Nebenprodukt seiner Forschungen über die Geschichte der Kölner Nuntiatur hat er sich immer wieder dem Bonner und später Mainzer Historiker Leo Just (1901-1964) zugewandt, der wie die meisten katholischen Historiker von der Forschung bisher wenig berücksichtigt wurde. Von Just liegt ein umfangreicher Nachlass vor (S. XXXI-XXXVII), der u.a. eine Sammlung bemerkenswerter Briefe an Freunde und Kollegen sowie an wissenschaftliche Mentoren enthält. Aus mehr als einem Dutzend verschiedenen Archiven und Bibliotheken hat Feldkamp insgesamt 216 Briefe, Post- und Ansichtskarten zur Edition herangezogen, die eine hervorragende Quellenbasis zur Versachlichung der Diskussion darstellen und persönliche Verbindungen Justs zu Historikern, Germanisten und Romanisten aufzeigen.

Um es vorwegzunehmen: Was hier zur Veröffentlichung gebracht wurde, ist ein fulminantes Werk von Dauer, hervorragend eingeleitet (S. XLIX-CI) und nach modernsten Kriterien editiert, dazu mit der entsprechenden Literatur und biographischen Angaben unterlegt sowie mit einem Verzeichnis des Nachlasses, einem vollständigen Schriftenverzeichnis sowie einem Personenindex erschlossen. Dem Leser verlangt die Lektüre der Briefe hohe Konzentration und mehr als nur rudimentäres Hintergrundwissen ab, doch erleichtert die mitgelieferte biographische Skizze Justs die Einarbeitung ungemein und muss als Maßstab für weitere Auswertungen der Brief-Texte gesehen werden. Der Lebenslauf Leo Justs erschließt sich in diesem Buch auf ganz eindrucksvolle Weise.

Den Adressaten der Briefe hat die moderne Forschung bislang weit mehr Aufmerksamkeit geschenkt als dem Verfasser. Das älteste bisher erhaltene Schreiben entstammt dem Jahr 1923 und war an den damals bereits 76-jährigen Hermann Cardauns gerichtet, mit dem Just (damals 22-jährig) die gemeinsame Verehrung der rheinischen Romatiker verband (S. 5-8). Der Großteil der edierten Briefe richtet sich allerdings an Justs Mentor Martin Spahn und umfasst die Jahre 1931-1944 (S. 115-268). Neben den Schreiben an Aloys Schulte und Heinrich Finke (S. 91-108), die aus den Jahren 1929-1940 stammen, bietet dieser Textblock für die Diskussion um die Rolle der deutschen Historiker während der NS-Zeit dann auch die breiteste Quellenbasis. Es ist das Verdienst des Herausgebers, mit der Edition der Briefe an Paul Fridolin Kehr, die mit insgesamt 58 Dokumenten (S. 9-90) zahlenmäßig nur durch die Spahn-Schreiben übertroffen werden, auch der persönlichen Vorgeschichte gebührend Rechnung getragen zu haben. Die Verbundenheit zu Kehr rührte durch Justs Aufenthalt am Preußischen Historischen Institut in Rom (1929-1933) her, dessen Leiter Kehr seit 1924 war. Offenbar genoss Just dort im Vergleich zu den oft nur als "Urkundensammler" von Kehr eingesetzten Mediävisten-Kollegen ungewohnte Freiheiten und legte den Grundstein für seine späteren Forschungstätigkeiten (S. LX-LXIV). Die Person Kehrs strahlte auf die Wissenschaftsgeschichte, Mediävistik und Diplomatik aus bekannten Gründen schon immer besonderen Reiz aus, so dass mit der vorliegenden Edition auch ein weiterer Leserkreis angesprochen werden dürfte. Zudem stellen die Briefe für eine immer noch ausstehende wissenschaftliche Biographie Kehrs wertvolle Quellen dar [1]. Gleiches gilt übrigens auch für die Person Albert Brackmanns, der allerdings nur einmal als Adressat in den Briefen Justs erscheint (S. 109-113). So ist im Grunde das einzige, angesichts der Gesamtkonzeption aber verzeihliche Manko des Werks, dass es sich hier um eine einseitige Korrespondenzausgabe handelt. Oft hätte man sich doch die Antwort – sofern es sie denn gegeben hat – des jeweiligen Gegenübers gewünscht.

Wesentliche Beweggründe für das Verhalten Justs während der nationalsozialistischen Diktatur finden ihren Ursprung in der Zeit vor 1933, in der er sich thematisch besonders mit der Reichskirche sowie der Papstdiplomatie und Papstdiplomatik befasste. An diesen Arbeiten hatten die späteren Machthaber wenig Interesse, so dass Just seine eigenen Studien zur Reichskirche in der Frühen Neuzeit als Grenzlandforschung verbrämte. Aus seiner Sicht bot sich durch die Instrumentalisierung der Grenzlandforschung durch die nationalsozialistische Ideologie die Möglichkeit, seine ursprünglich unter reichskirchenrechtlichen Aspekten betriebenen Untersuchungen den Vorstellungen der Nationalsozialisten anzupassen, um auf diese Weise Anerkennung und letztlich einen Lehrstuhl an einer deutschen Universität zu erlangen. Dass Just offensichtlich "nicht ganz wohl dabei" (S. 148) gewesen ist, ändert zwar nichts an seiner Selbstverleugnung mit dem Ziel, im nationalsozialistischen Hochschulbetrieb bestehen zu können, gibt aber dennoch tiefen Einblick in das Gefühlsleben eines eher «durchschnittlichen» Historikers dieser Zeit. Im Vorfeld des Westfeldzugs (Mai 1940) stellte sich Just dem «wissenschaftlichen Einsatz gegen die französische Kriegspropaganda» (S. 236) zur Verfügung und begründete den vermeintlichen Selbstbehauptungskampf der Deutschen am Rhein aus historischer Sicht (S. LXXXII). Er adaptierte den NS-Sprachgebrauch (S. 240-244), trat 1938 in die NSDAP ein (S. 203-204) und leistete sich eine ganze Reihe verbaler Entgleisungen im Rahmen der nationalsozialistischen antifranzösischen Stimmungsmache (S. LXXXIIff.). Damit hatte er die deutschen Kriegsaktivitäten in der Öffentlichkeit mit vorbereitet, sie im vornherein legitimiert und sich somit als ideologischer Vordenker schuldig gemacht. Obgleich die schriftlichen Auswüchse Justs bei der Verbreitung nationalsozialistischer Gedankengänge vermutlich weniger aus innerer Überzeugung als vielmehr aus purem Opportunismus erfolgten, liegen hier wesentliche Gründe für sein Scheitern. Just selbst sah sich – wie so viele seiner Kollegen – mehr als Opfer, denn als Nutznießer des Systems. Schon Ende 1933 äußerte er gegenüber Paul Kehr, dass er keine Möglichkeit sehe, sich im Wissenschaftsbetrieb einzubringen, da er «weder von Rassenkunde, noch von Vorgeschichte, noch von Wehrwissenschaft etwas verstehe» (S. 76). Dennoch versuchte er sich unter größten Mühen bei den nationalsozialistischen Kulturbürokraten in Szene zu setzen und schreckte dabei auch nicht vor der Denunzierung eines jüngeren französischen Autors beim Reichsministerium zurück (S. LXX).
Noch zurzeit des Krieges, besonders aber nach 1945 versuchte Just, sich von seinen «literarischen Notgeburten» (S. 243) zu distanzieren. Auch wenn Just durch das universitätsinterne Entnazifizierungsverfahren als entlastet eingestuft und von den Alliierten Anfang März 1946 rehabilitiert wurde, so belastete sein Versagen nicht nur seine spätere berufliche Laufbahn bis zu seinem krankheitsbedingten Tod (1964), sondern auch sein Gewissen. Den Weg in die zeitgeschichtliche Forschung der jungen Bundesrepublik hat Just trotz unbestrittener wissenschaftlicher Befähigung nicht mehr gefunden. Für die Beurteilung dieser schwankenden, von großem Mitteilungsbedürfnis getriebenen Persönlichkeit, die sich vorrangig aus Karrieregründen und Opportunismus dem Nationalsozialismus anbiederte, aber auch für die Beurteilung der deutschen Geschichtswissenschaft während der NS-Zeit insgesamt, ist der Band von Michael Feldkamp ein wahrer Gewinn und fügt sich trefflich in die Bemühungen deutscher Historiker, die Geschichte des eigenen Fachs in der Zeit zwischen 1933 und 1945 aufzuhellen.

Anmerkung:
[1] Viel Aufmerksamkeit zog im Vorfeld bereits der Beitrag Michael F. Feldkamp: Pius XI. und Paul Fridolin Kehr. Begegnungen zweier Gelehrter, in: AHP 32 (1994) S. 293-327, auf sich.

Zitation
Stefan Hirschmann: Rezension zu: Just, Leo: Briefe an Hermann Cardauns, Paul Fridolin Kehr, Aloys Schulte, Heinrich Finke, Albert Brackmann und Martin Spahn 1923-1944. Herausgegeben, eingeleitet und kommentiert von Michael F. Feldkamp. Frankfurt am Main 2002, in: H-Soz-Kult, 18.04.2002, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1408>.
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18.04.2002
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