K. Latzel. u.a. (Hrsg.): Soldatinnen

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Titel
Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute


Hrsg. v.
Latzel, Klaus; Maubach, Franka; Satjukow, Silke
Erschienen
Umfang
486 S.
Preis
€ 58,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Gabriella Hauch, Institut für Geschichte, Universität Wien

Grausame Rächerinnen, Xanthippen, Amazonen, Flintenweiber, Rote Schwestern, Mannweiber oder das „dritte Geschlecht“, wie in den Sexualwissenschaften um 1900 bezeichnet – Frauen in Waffen bieten seit langem Projektionsflächen für Rettungs- und Untergangsphantasien. Es handelt sich dabei um Selbstentwürfe und Fremddefinitionen von Frauen, die geschlechtliche Begrenzungen überqueren und sich auf den Terrains der öffentlichen Konflikte und der Gewalt bewegen. Diese Überschreitung der normativen und juristischen Geschlechtergrenzen durch handelnde Akteur/innen mit weiblichem Ausgangsgeschlecht wurde als „Transgression“ definiert.[1] Selbst als im Rahmen der bürgerlichen Geschlechterordnung versucht wurde, die Geschlechterdifferenz auch in der so genannten Allgemeinen Wehrpflicht zu systematisieren, die potentiell alle Männer ein- und Frauen per Geschlecht ausschließen sollte, blieb dies in der Praxis nicht durchgängig gültig: Kam es zu Kampf und Krieg, waren Frauen dabei.

Die Verschränkung von Kampf, Militär und Krieg mit Geschlecht wurde in den letzten Jahrzehnten durch Kooperationen von Militär- und Geschlechtergeschichte eindrucksvoll auch in der deutschsprachigen Historiographie beleuchtet.[2] Der von Klaus Latzel, Franka Maubach und Silke Satjukow herausgegebene Band 60 der Reihe „Krieg in der Geschichte“ steht in dieser Tradition. Er thematisiert erstmals explizit „Soldatinnen“ anhand von zeitlich, räumlich und sachlich weit auseinander liegenden Beispielen, die die historische Vielfalt der Erscheinungsweisen von kämpfenden Frauen illustrieren. Das Ergebnis ist ein durchwegs flüssig zu lesender, spannender Sammelband. Nur die im Untertitel vorgenommene Periodisierung „vom Mittelalter bis heute“ erweckt zeitliche Erwartungen, die in ihrer Ausgewogenheit nicht erfüllt werden.

Wie die HerausgeberInnen in ihrem einleitenden Beitrag darlegen, konzipieren sie das Geschlecht des Krieges im Spannungsfeld von „Verletzungsmacht“ und „Verletzungsoffenheit“ (nach Heinrich Popitz) und problematisieren den dieser Dualität zugrundeliegenden Geschlechtertext von männlichem Schutz und weiblicher Schutzbedürftigkeit, von männlichem Täter und weiblichem Opfer. Damit ist kein einfacher Anspruch formuliert, changiert doch das Themenfeld Frauen, Krieg und Gewalt zwischen Feminismus und Antimilitarismus und emotionalisiert – eine politisch-wissenschaftliche Ambivalenz, die die Herausgeberinnen offen diskutieren (S. 15–18). Die meisten der Beiträge thematisieren die Untersuchungsfelder (Selbst-)Mobilisierung von Frauen, Formen ihres Einsatzes und Demobilisierung sowie die Erinnerung an die „Soldatinnen“. Sie alle tragen implizit oder explizit Tod und Töten in sich und dekonstruieren die weibliche Lebensspenderin und damit verbunden die weiblich konnotierte Sphäre der Friedfertigkeit.

Am Beginn der chronologisch gereihten Beiträge steht die literaturgeschichtliche Analyse der Rezeption von populären Volksheldinnen (Sabine Wienker-Piepho), in der bei der Figur der „Warrior Women“ auch eine erotische Facette festzustellen ist. Kulturgeschichtlich und psychoanalytisch gedeutet tragen Waffen, wie das Schwert oder das Gewehr, eine sexuell aufgeladene Symbolik. Deren männliche Konnotation setzt eine „Demarkationslinie“, die zu überschreiten Frauen zu „vollwertigen Soldatinnen“ machen würde, wie Urte Evert in ihrem kulturanthropologisch fokussierten Aufsatz konstatiert. Nach diesen beiden, die historische Sichtweise auf „Soldatinnen“ interdisziplinär anreichernden Beiträgen folgen Aufsätze zum Mittelalter: über Frauen in der Armee der Mongolei rund um die Herrschaft Tschingis Khans (Bruno des Nicola) und eine Analyse der Stilisierung von Jeanne d’Arc zur Ikone des Volkskrieges von Gottes Gnaden (Gerd Krumreich). Auch der anschließende Aufsatz, der einen zeitlichen Schwerpunkt des Bandes, das 17. und 18. Jahrhundert einleitet, behandelt Frankreich. Die Rezeption einer „christlichen Amazone“ und ihr Verhältnis zu den vorhandenen Selbstzeugnissen stehen im Mittelpunkt der Analyse (Valentina Denzel). Für Jeanne d’Arc und Alberte-Barbe d’Ernecourt de Saint-Balmont galten Sittlichkeit und christliche Gesinnung als Basis ihres militärischen Handelns. Sie agierten damit in einem Kontext, der für die Frauen, die in den vielfältigsten Positionen in den Armeen der Frühen Neuzeit agierten, nicht wirksam war. Die Bezeichnung als „weibliche Soldaten“ (Martin Füssel) verweist auf die angenommene männliche Geschlechtsidentität derjenigen, die im Alten Reich, in Frankreich, England und Nordamerika in Armeen kämpften.

Die meisten Aufsätze des Bandes widmen sich dem 20. Jahrhundert, als die weibliche Teilhabe am Krieg zu Massen- und Regelerscheinung wurde. Sie zeugen auch von der seit dem 19. Jahrhundert einsetzenden Geschichtsmächtigkeit des Nationalismus. Die Kämpferinnen in polnischen und ukrainischen Heeresabteilungen in der Armee des Habsburgerstaates im Ersten Weltkrieg (Angelique Leszczawski-Schwerk) trugen zum nationalen Befreiungskampf bei. Dieser Beitrag gibt einen Einblick in den geschlechtsspezifischen Alltag in den Frontverbänden. Das Motiv der nationalen Selbstmobilisierung wurde auch in mit kommunistischen beziehungsweise sozialistischen Ideologien ausgestatteten ‚Befreiungsarmeen‘ offensichtlich. Außerdem nannten jugoslawische Partisaninnen (Barbara N. Wiesinger) Selbstschutz und Rache an deutschen Besatzern, die kommunistischen Chinesinnen (Nicola Spakowski) auch emanzipatorische Motive und die ehemaligen Kämpferinnen der Roten Armee (Beate Fieseler) ebenso patriotische Gründe für ihren Kriegseinsatz wie die Angehörigen der Ukrainischen Aufstandsarmee (Olena Petrenko). Das Phantasma der „slawischen Flintenweiber“ leitete gleichzeitig auf der anderen Seite der Front die geschlechtsspezifische, die international geltende Kriegsgefangenenkonvention missachtende Behandlung dieser Soldatinnen durch deutsche Wehrmachtssoldaten an der Ostfront (Felix Römer). Soldatinnen in den Armeen der westlichen Alliierten hatten im Gegensatz zu den Flakhelferinnen in der Deutschen Wehrmacht (Franka Maubach) die Möglichkeit, frei über ihren Kriegseinsatz zu entscheiden. Um Hilfsverbände handelte es sich beim U.S. Women’s Army Corps (Michaela Hampf), wohingegen die britischen Frauen an den Luftabwehrbatterien als Teil der regulären Kampftruppen eingestuft wurden (Jutta Schwarzkopf). Die Beiträge machen deutlich, dass diese Soldatinnen in der Erinnerungskultur des Zweiten Weltkrieges, im Gegensatz zu den geehrten männlichen Soldaten, ausgeblendet wurden. Wie sich das Verhältnis von Männern und Frauen in den Veteranenverbänden der Deutschen Wehrmacht nach 1945 gestaltete, stellt dagegen noch ein Forschungsdesiderat dar. Der Geschlechtercode der Erinnerung zeigt, dass der Kampfeinsatz mit Waffe als männliches Terrain konnotiert wurde und wird, ungeachtet der Funktionen der Soldatinnen in den Gefechten. Dieser Befund gilt auch für die Forschungsergebnisse über Soldatinnen in jüngster Zeit, die Israel (Nurith Gillath), den Nationalen Befreiungskrieg in Simbabwe (Rita Schäfer), die Selbstmordattentäterinnen aus dem Iran (Abraham Pournazaree) und Geschlechterverhältnisse in den westlichen Streitkräften der „Neuen“ Kriege (Maja Appelt) behandeln.

Trotz ihrer thematischen Disparität eröffnen die Beiträge neue Blickwinkel auf Praktiken und Repräsentationen von Frauen in jeweils spezifischen historischen Handlungsräumen. Der steigende Einsatz von Soldatinnen im 20. Jahrhundert zeigt, dass das weibliche Geschlecht keineswegs von den konkreten Formen der Kriegspraktiken ausgeschlossen war. Vielmehr wird der Anpassungsdruck an die männlich codierten militärischen Normen deutlich, sobald etwa Soldatinnen Teilhabe an der Kameradschaft beanspruchen. Von den Frauen selbst wurde der Kriegseinsatz in unterschiedlicher Weise als Erweiterung ihrer Handlungsräume definiert. Ob für das 20. Jahrhundert ein Zusammenhang von weiblichem Kriegseinsatz und erweiterten gesellschaftspolitischen Handlungsräumen besteht – wie für die Allgemeine Männerwehrpflicht und das Staatsbürgertum im 19. Jahrhundert – müssen weitergehende Forschungen zeigen. Die Beiträge des Bandes zeigen eindrücklich, dass die Gleichsetzung von Friedenssphäre und Weiblichkeit nicht existiert. Am Ende ihrer Einleitung (S. 48f.) suchen die HerausgeberInnen diese Erkenntnis gesellschaftspolitisch zu wenden: Es müsse einen Raum jenseits der Kriegsgewalt geben, da Menschen auf Dauer nicht „in dieser Gewalt“ existieren können. Diese „Friedlichkeit“ sollte als übergeordnete geschlechterübergreifende anthropologische Existenzform in Opposition zu den „Imperativen des Krieges“ positioniert werden, lautet ihre zukunftsweisende Utopie für eine Welt, in der Geschlecht keine hierarchisierende Funktion mehr zukommen sollte.

Anmerkungen:
[1] Hanna Hacker, Gewalt ist: keine Frau. Der Akteurin oder eine Geschichte der Transgressionen, Königstein im Taunus 1998, S. 10f. und S. 143–227.
[2] Vgl. Karen Hagemann / Ralf Pröve (Hrsg.), Landsknechte: Soldatenfrauen und Nationalkrieger. Militär, Krieg und Geschlechterordnung im historischen Wandel, Frankfurt am Main 1998; Thomas Kühne / Benjamin Ziemann (Hrsg.), Was ist Militärgeschichte? Paderborn 2000; Karen Hagemann / Stefanie Schüler-Springorum (Hrsg.), Heimat – Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der Weltkriege, Frankfurt am Main 2002; Michael Epkenhans / Karen Hagemann / Stig Förster (Hrsg.), Militärische Erinnerungskultur. Soldaten im Spiegel von Biographien, Memoiren und Selbstzeugnissen, Paderborn 2006.

Zitation
Gabriella Hauch: Rezension zu: Latzel, Klaus; Maubach, Franka; Satjukow, Silke (Hrsg.): Soldatinnen. Gewalt und Geschlecht im Krieg vom Mittelalter bis heute. Paderborn 2011, in: H-Soz-Kult, 25.07.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-14587>.
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25.07.2013
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