I. Wallerstein: The Modern World-System IV

Cover
Titel
The Modern World-System IV. Centrist Liberalism Triumphant, 1789-1914


Autor(en)
Wallerstein, Immanuel
Erschienen
Umfang
377 S.
Preis
€ 22,80
Rezensiert für H-Soz-Kult
Hans-Heinrich Nolte, Barsinghausen

Immanuel Wallerstein setzt mit diesem Band sein 1974 begonnenes magnum opus zur Geschichte des modernen Weltsystems fort.* Man beginnt diesen Band am leichtesten mit dem Nachwort – Wallerstein hat, so führt er aus, in früheren Bänden gegen das Konzept „Industrielle Revolution“ argumentiert und begründet hier, warum er die Französische Revolution vor allem als Kampf um Hegemonie interpretiert. Er legt der Wirtschaftsgeschichte kondratjewsche Wellen als Gliederungsschema zugrunde und verweist auf den 3. Band für die Inklusion wichtiger Gebiete in das System. Neu im 19. Jahrhundert sei der Triumph des „zentristischen Liberalismus“, der nun zum „Kern der Geokultur“ wurde (S. 19).

Der vierte Band unterscheidet sich schon in der Anlage von den drei vorangegangenen, da dort den verschiedenen Großregionen des Weltsystems (Zentrum, Halbperipherie und Peripherie) eigene Kapitel gewidmet sind. Stattdessen steht hier die Geschichte des Zentrums im Mittelpunkt, das der Autor westeuropäisch als Frankreich, Großbritannien und angrenzende Staaten sieht. Hier kommt es zur Herausbildung des liberalen Staates im 19. Jahrhundert. Dieser Ansatz überrascht.[1] Der Band spiegelt darin nicht nur die prägende Bedeutung des ‚cultural turn’ für die Sozialwissenschaften insgesamt, sondern auch Wallersteins Jahre in Paris und den Niederlanden wieder. Er hat an den Diskussionen der letzten Jahrzehnte aufmerksam teilgenommen, unter anderem in Zusammenarbeit mit Jürgen Kocka als Vorsitzender der Gulbenkian-Kommission [2] und mit der Sammlung eigener Aufsätze unter dem Titel „Unthinking Social Science“.[3]

Die Geschichte des Weltsystems Band vier ist in fünf Kapiteln aufgebaut: „Centrist Liberalism as Ideology“, „Constructing the Liberal State“, „The Liberal State and Class Conflict”, „The Citizen in a Liberal State” und „Liberalism as Social Science“. Im ersten Kapitel entwickelt Wallerstein den „Liberalismus der Mitte“, wie es in der Übersetzung heißt, „als politische Metastrategie“ (S. 1). Die Ideologie betont die Stabilität und wendet sich sowohl gegen die Konservativen als auch die Demokraten. Für die entsprechende Politik brauchen die Liberalen einen starken Staat, entgegen allem Schwärmen vom Nachtwächterstaat. Ab 1848 wird das Modell in die Realität umgesetzt und „ein neues System des bürokratischen Despotismus errichtet, das von bezahlten Beamten verwaltet wird“ (S. 15).

Im zweiten Kapitel erklärt der Verfasser den Aufbau des liberalen Staates im Kontext des Bündnisses zwischen Groß-Britannien und Frankreich. Er ist skeptisch, wie weit ersteres ökonomisch überlegen war, und sieht Englands Stärke vor allem durch hohe Zölle und niedrige Löhne begründet. Außenpolitisch erzwang Groß-Britannien 1818 die Bestätigung Frankreichs als Mitglied der Pentarchie, womit die 1815 geschlossene „Heilige Allianz“ der Mächte östlich des Rheins an Bedeutung verlor und das europäische Gleichgewicht gestärkt wurde. Der innenpolitisch schwache König von Frankreich garantierte Zugeständnisse – Gleichheit vor dem Gesetz, bei der Besteuerung und im Militärdienst, Freiheit des Worts und der Religion. Mit diesen Zugeständnissen wurde Frankreich zum Modell des liberalen Staats, das mit den Revolutionen von 1830 ausgebreitet wurde.

Das dritte Kapitel beschreibt, wie der liberale Staat die weniger Vermögenden an wirtschaftlicher Teilhabe hinderte, indem er Handwerkern und Arbeitern verbot, als Gewerkschaften oder Genossenschaften Verträge mit den Produzenten zu schließen. Aufstände wurden niedergeworfen, zum Beispiel in Lyon 1831 und 1834. Im realen Klassenkampf waren die Liberalen sich meist einig, dass der Feind links stand und dass man ihn nur mit Entgegenkommen dauerhaft bekämpfen konnte. Beispiel ist die Rücknahme der britischen Cornlaws, also der hohen Importzölle auf Getreide, die Robert Peel gegen seine eigene Partei durchsetzte. In der Folge wurden die Brotpreise gesenkt, womit die Regierung den Ärmeren entgegen kam. Der „Repeal“ strukturierte nicht nur den Welthandel, sondern auch das britische politische System neu: die Konstellation Whigs and Tories verschwand. Einen starken Staat fanden auch die britischen Liberalen nützlich, selbst wenn es angenehm war, auf ihn verzichten zu können, wenn man ihn nicht brauchte – etwa im berühmten „free-trade-Imperialism“. Der liberale Staat wurde in den Außenbeziehungen zum „liberal-imperial state“ (S. 125), der auf Expansion angelegt war. Das Ende dieser Periode sieht Wallerstein in den Jahren 1866 – 1873 mit dem Aufstieg der USA und der Einigung Deutschlands.

Das vierte Kapitel analysiert den grundlegenden Widerspruch des liberalen Staates – die fundamentale Ungleichheit im modernen Weltsystem und die Forderung nach Gleichheit: Gleichheit am Markt, vor dem Gesetz und im Genuss der Menschenrechte. Mit der Französischen Revolution von 1789 wurde Eigentum zur Voraussetzung für politische Bürgerschaft. Frauen und Sklaven (auf Haiti) wurden ausgegrenzt (wenn dies auch oft mit einem Verweis auf den „nur vorübergehenden“ Charakter der Regelung legitimiert wurde). Mit Zensusmethoden wurden auch die städtischen Handwerker und Arbeiter zur outgroup gemacht, aber sie waren die ersten, welche ihre Forderung nach Gleichberechtigung zum politischen Thema machen konnten und in England 1867 eine Erweiterung der Stimmrechte sowie in Deutschland 1871 das allgemeine Stimmrecht der Männer durchsetzten. Ausgegrenzt blieben bis zum 1. Weltkrieg aber nicht nur die Frauen, sondern auch Männer nicht europäischer Herkunft. Rassismus als Legitimation für Nichtgewährung der Bürgerschaft nahm sogar in den USA (trotz der Niederlage der Rassisten im Bürgerkrieg) zu.

Im fünften Kapitel beschreibt Wallerstein die Entstehung der modernen Sozialwissenschaften. Ihn interessiert vor allem das Auseinanderdriften der säkularen Wissenschaften zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, also die Entstehung der „zwei Kulturen“. Den Anfang sieht er in der „Sezession“ (S. 223) der empirischen Wissenschaften aus der alten Universität, auf welche die Geisteswissenschaften mit der Errichtung einer eigenen Nische antworteten. Die Sozialwissenschaften im engeren Sinn entstanden (auch hier folgt er Bernard) aus den Statistik-Vereinigungen in England und den USA im ersten Dritteln des 19. Jahrhunderts; dabei stand die Furcht Pate, dass die Armut des Volkes zu einem Aufstand führen könnte. Das linksliberale Konzept, durch Reformen eine Revolution zu verhindern, stand auch hinter der Gründung des Vereins für Socialpolitik in Deutschland 1890. Die Entwicklung der Geschichte als quellenorientierte Wissenschaft gehörte ebenfalls zu den Reaktionen auf die starke Stellung der Naturwissenschaften, wobei aber gerade die Konzentration auf die isolierten „Fakten“ es erleichterte, Geschichte zur nationalen Religion zu machen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich oder England. Hier „bewies“ die Geschichte, dass alles, was Großbritannien zur Hegemonialmacht machte, „sowohl unausweichlich als auch progressiv war“ (S. 240).

Zur idiographischen Geschichtswissenschaft kamen die drei nomothetischen Wissenschaften Ökonomie, Soziologie und Politikwissenschaft – „Disziplinen, in denen der Westen sich selbst studierte, und seine eigene Funktionen erklärte, um besser kontrollieren zu können, was geschah“ (S.269). Für den Rest der Welt wurden zwei weitere Wissenschaften eingerichtet: Anthropologie und Orientalistik.

Die Literaturliste macht mit 78 Seiten fast ein Viertel des ganzen Buches aus. Angegeben sind vor allem englisch- und französischsprachige Sekundärliteratur, wobei einige der älteren Werke eher Quellencharakter haben. Aber die großen historisch-kritischen Editionen von Autoren des 19. Jahrhunderts werden nicht aufgeführt, das Manifest der Kommunistischen Partei von 1848 wird nach einer englischen Werkausgabe von 1967 zitiert. Sombart und Weber sind nicht mit eigenen Werken vertreten (aber Dahrendorf über Weber), dagegen Wehler und Kocka. Zum Thema hätten aus dem deutschsprachigen Bereich sicher auch H.-A. Winklers „Geschichte des Westens“ und J. Osterhammels „Verwandlung der Welt“ gehört. Anders als beim ersten Band, dessen Aufbau ohne die polnische Geschichtsschreibung nicht erklärt werden kann [4], spielt aus Osteuropa stammende Literatur im vierten Band keine Rolle, weder Lenins oder Trotzkis zeitgenössische Kritik des Liberalismus noch die Historiographie der Leipziger Schule der DDR oder die Arbeiten zum 19. Jahrhundert aus der Akademie der Wissenschaften der UdSSR bzw. Russlands. Auch Ivan Berends Arbeiten zu Zentrum und Peripherie in Osteuropa werden nicht aufgeführt (erwähnt wird Berends Beitrag zur Einaudi-Geschichte Europas).

Ein bibliographischer Schatz ist durch Wallersteins Arbeit an alten Journalen entstanden. Er zitiert weit über 100 Zeitschriften, vom ‚Economic History Review’ bis zur ‚Revue historique’, vom ‚History Workshop Journal’ bis zum ‚Womens Studies International Forum’. Einige der Aufsätze haben Quellenwert, etwa aus dem ‚Journal des économists’ von der Mitte des 19. Jahrhunderts oder der ‚Revue d’histoire moderne et contemporaine’ und dem ‚Economic Journal’ vom Anfang des 20. Insgesamt bestätigt die Literaturliste also den Schwerpunkt des vierten Bandes – er hat zum „Westen“ in dieser Periode wirklich breit gelesen. Der Rezensent hat nicht nur viel über die französischsprachige Literatur zu dieser Periode zur Kenntnis genommen, sondern auch über ältere englischsprachige Arbeiten (zum Beispiel Jacques Barzun, Frederick Burwick und Frederick Beiser zur deutschen Romantik).

Zwei kleine Kritiken: Offenbar meint Wallerstein S. 264, dass 95% der Gelehrten der Welt damals in fünf Ländern lebten – Großbritannien, Frankreich, USA, Deutschland und Italien. Wo bleiben die Wissenschaftler aus Österreich-Ungarn (etwa Thomas Masaryk, der seine sozialwissenschaftlichen Arbeiten, zum Beispiel zum Selbstmord, vor 1914 in deutscher Sprache schrieb)? S. 85 überträgt er die Entente cordiale auf den Anfang des 19. Jahrhunderts, was trotz der Zusammenarbeit von Frankreich und Großbritannien im Krimkrieg eher irreführend scheint, da der Aufstieg Preußens nach 1866 kaum vorstellbar gewesen wäre, wenn das Konzert der Mächte gegen Bismarck zusammen gearbeitet hätte.

Gegenüber der verbreiteten Tendenz, Großbritannien als das prägende Land des 19. Jahrhunderts zu sehen, arbeitet Wallerstein immer wieder die Bedeutung Frankreichs und der Französischen Revolution heraus „die außerordentliche Konsequenzen für die Realgeschichte der kapitalistischen Welt besaß“ (S. 219) [5] und zur Konstruktion der modernen Ideologie und des liberalen Staats, aber auch zur Entstehung antisystemischer Bewegungen und der historischen Sozialwissenschaften führte. Die Etablierung des liberalen Staats in Westeuropa als Modell mit dem Anspruch umfassender Gültigkeit sieht er als Ergebnis der Allianz zwischen Frankreich und Großbritannien. Das Konzept „Industrielle Revolution“ lehnt Wallerstein ab; nicht nur in Frankreich, sondern auch in Großbritannien war seiner Meinung nach die Bedeutung der Mechanisierung der Produktion für den Kapitalismus geringer, als oft angenommen. Das kann man als Argument gegen das Marxsche Konzept der organischen Zusammensetzung und des Anstiegs des konstanten Kapitals lesen, man hätte hier aber auch eine Auseinandersetzung mit David Landes Apologie der technologischen Entwicklung von 1998 [6] erwartet.

Wallerstein geht in diesem Band nicht auf das Argument ein, dass die Realität der liberalen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts auch in Paris und London durch Kooperationen zwischen Peripherie, Halbperipherie und Zentrum geprägt war und dass den in das System am Rande Einbezogenen doch auch „agency“ blieb. Auch im Rahmen des Weltsystemkonzepts vorgelegte Versuche, solche Interaktionen zu analysieren, hat er nicht rezipiert. Ramón Grosfoguel hat im Unterschied dazu den Beitrag der Peripherien zu Ökonomie und Kultur des Zentrums sogar dahin pointiert, dass das Zentrum mit dem Ende des Kolonialismus genauso entkolonialisiert werden müsse, wie die Kolonien.[7] Man kann annehmen, dass die Auseinandersetzung mit dem Beitrag von Peripherien und Halbperipherien für den fünften Band geplant ist, was der Kritik aber nur zur Hälfte entgegenkommen würde, da sie die Kultur des ganzen „centrist liberalism“ durch diesen Nexus geprägt sieht.

Die Wechselbeziehungen zwischen den Regionen des Systems werden im vierten Band also nur eingeschränkt dargestellt – vor allem innerhalb eines westeuropäisch verstandenen Zentrums. Aber auch die Interaktionen zwischen Wirtschaftsentwicklung und Herausbildung der neuen „Geokultur“ werden nicht aufgezeigt, etwa die Bedeutung der neuen Informationsmedien (Schreibmaschine, Telegraph) und sogar die inzwischen ja vielfältige Literatur zu den kulturellen Wirkungen der Beschleunigung, zur Verringerung der Reisezeiten (Eisenbahn, Dampfer) bleiben außen vor. Insofern bleibt der Band hinter dem Anspruch von System-Studien zurück.

Der vierte Band ist so etwas wie ein Innehalten: was ist der politische, soziale und intellektuelle Kern des Weltsystems? Die Frage hat einen essentialistischen Unterton, will er das „Wesen“ fassen? Aber Wallerstein bleibt bei kontrollierbaren, wissenschaftlichen Aussagen – er analysiert das System auf einem Höhepunkt seiner Entwicklung, dem Westen im 19. Jahrhundert. Der Leser kann unterstellen, dass ein organologisches Narrativ – Geburt, Blüte, Frucht, Absterben – hinter dieser Organisation des Stoffes steht, auch weil er in seiner 1998 erschienen Schrift „Utopistics“ auf das nahende Ende des Systems setzt.[8] Aber es bleibt eine Unterstellung, eine eigene Zuordnung durch den Leser. Wallersteins Arbeitsweise bleibt sozialhistorisch und offen für unterschiedliche Endszenarien.[9]

Das erhält auch die Spannung. Wie wird er Hobsbawms „Urkatastrophe“, das Jahr 1914, einordnen? Wie Aufstieg und Niedergang des Sozialismus?

Anmerkungen:
* Dieser vierte Band von Immanuel Wallersteins "Modernem Weltsystem" ist im Wiener Verlag Promedia in deutscher Übersetzung erschienen.
[1] So Klemens Kaps.
[2] Deutsch: Immanuel Wallerstein u. a., Die Sozialwissenschaften öffnen. Ein Bericht der Gulbenkian-Kommission zur Neustrukturierung der Sozialwissenschaft, Frankfurt am Main 1996.
[3] Deutsch: Immanuel Wallerstein: Die Sozialwissenschaften ‚kaputt denken’. Die Grenzen der Paradigmen des 19. Jahrhunderts, Weinheim 1995.
[4] Dariusz Adamczyk, Zur Stellung Polens im modernen Weltsystem der Frühen Neuzeit, Hamburg 2001, besonders S. 57-79.
[5] Der Übersetzer Gregor Kneussel schreibt „enorme reale Auswirkungen auf die kapitalistische Weltwirtschaft" Immanuel Wallerstein: Der Siegeszug des Liberalismus (1789 - 1914). Das Moderne Weltsystem Bd. 4, Wien 2012. S. 257.
[6] Deutsch: David Landes, Wohlstand und Armut der Nationen, Darmstadt 1999.
[7] Ramón Grosfoguel, Die Dekolonisation polit-ökonomischer und postkolonialer Strukturen, in: Manuela Boatcă / Willfried Spohn (Hrsg.), Globale, multiple und postkoloniale Modernen, München 2010, S. 309-338.
[8] Deutsch: Immanuel Wallerstein, Utopistik, Wien 2002.
[9] Immanuel Wallerstein, Wegbeschreibung der Analyse von Weltsystemen, oder: wie vermeidet man, eine Theorie zu werden?, in: Zeitschrift für Weltgeschichte 2 (2001) 2, S. 9-31.

Zitation
Hans-Heinrich Nolte: Rezension zu: Wallerstein, Immanuel: The Modern World-System IV. Centrist Liberalism Triumphant, 1789-1914. Berkeley 2011, in: H-Soz-Kult, 12.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16657>.
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Veröffentlicht am
12.10.2012
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