Cover
Titel
Transnationale Geschichte.


Autor(en)
Pernau, Margrit
Erschienen
Göttingen 2012: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
188 S.
Preis
€ 16,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Matthias Middell, Global and European Studies Institute, Universität Leipzig

Innerhalb eines knappen Jahrzehnts hat es die transnationale Geschichte vom Geheimtipp für Innovationsjünger in eine Buchreihe für Studienanfänger geschafft. Gelegentliches Grummeln konjunkturerhitzter Nationalhistoriker, so ein Ansatz sei allenfalls für die imperial ausgreifenden Geschichten Frankreichs oder Großbritanniens geeignet, ist in der allgemeinen Begeisterung für die Überschreitung nationalstaatlicher Grenzen untergegangen. Das Transnationale erscheint heute beinahe als das Selbstverständliche. Dies führen viele Autoren wie auch die Verfasserin der vorliegenden knappen Einführung auf eine geänderte Umwelt zurück: „Nationale Grenzen prägen heute nicht mehr die Erfahrungswelt der meisten Europäer.“ (S. 7) Dem ist schwerlich zu widersprechen, auch wenn in der jüngsten Krise des Europa-Projektes immer wieder Warnungen vor einer Renationalisierung laut werden. Allerdings verkürzt das Argument die Wirkungskette m.E. unzulässig. Transnationale Geschichte ist nicht auf Europa beschränkt, vielmehr haben europäische Historiker(innen) zahlreiche Anregungen aus Übersee aufgenommen [1], wo bereits erste Versuche einer Gesamtdarstellung zur transnationalen Geschichte der USA vorliegen.[2] Die transnationale Geschichte, wie wir sie heute sehen können, ist wohl eher ein Produkt (neben anderen) einer Suche nach neuen historischen Begründungen für eine Weltordnung, die nach dem Ende des Kalten Krieges notwendig wurde, aber noch immer nicht vollständig erkennbar ist. Die Transzendierung nationaler Grenzen gehört ebenso zum Projekt einer stärkeren Integration der Weltwirtschaft wie zur Idee einer globalen Zivilgesellschaft, aber auch zur Neuverhandlung globaler Ungleichheit im Licht kolonialer und postkolonialer Verhältnisse.

Margrit Pernau, die mit einem Beitrag zur Bürgertums- und Bürgerlichkeitsforschung viel Anerkennung gefunden hat, weil sie das Weitwinkelobjektiv benutzt und damit den indischen Fall eingefangen hat [3], beginnt ihre Darstellung mit dem Argument, die Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung und der Aufstieg des Nationalstaates zur zentralen Referenzgröße für Identifikationsprozesse haben in Deutschland am Ende des 19. Jahrhunderts in enger Verflechtung stattgefunden und damit die Sicht auf das Transnationale auch dort, wo es – wie im Falle von Kultur-, Wirtschafts- oder Regionalgeschichte – eigentlich nahe gelegen hätte, verstellt. Die Sekundärliteratur, die sie dafür heranzieht, stammt von Experten der Historiographiegeschichte, die eben dieses Bild als das dominante seit vielen Jahren gezeichnet haben. Allerdings wird dabei übersehen, dass es gerade im Methodenstreit der 1890er Jahre und in der Auseinandersetzung um Probleme einer Universalgeschichte Anfang des 20. Jahrhunderts gerade um Notwendigkeit und Möglichkeit einer die Nation transzendierenden Geschichtswissenschaft gegangen war. Pernau vermerkt zu Recht, dass führende Berliner Historiker 1903 sehr ablehnend auf die Idee eines internationalen Historikerkongresses in Berlin reagierten, weil sie sich nicht vorstellen wollten, dass ihr Projekt der Nationalisierung dem ihrer französischen oder italienischen Kollegen gleichen könnte. Ein kleines Detail ist dann aber der Anekdote anzufügen: 1908 fand der Kongress doch in Berlin statt und auf ihm wurde gerade die Frage verhandelt, welche Infrastruktur und Ausbildung eine weit über das Nationale hinausgehende Historiographie notwendig machen würde.

Dies mag wie ein lässliches historiographiegeschichtliches Detail aus längst vergangenen Epochen erscheinen. Allerdings sind daran mindestens drei Gesichtspunkte geknüpft, die für die aktuelle Debatte von Relevanz sind:
Erstens blickt die transnationale Geschichte auf eine mindestens rund 100 Jahre lange Tradition zurück und ist keineswegs eine Erfindung der letzten Jahre. Als Konsequenz bietet es sich an, auch ältere Bücher nicht einfach aus den Regalen zu entfernen.
Zweitens schließt diese Einsicht an den Befund in der Globalgeschichte an, dass der Nationalstaat eine Reaktion auf die Zunahme globaler Verflechtungen im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts war, um die wachsenden transnationalen Flüsse von Menschen, Waren, Kapital und Ideen zu bändigen. National- und transnationale Geschichte sind spätestens seitdem aufeinander bezogen, wenn auch in wechselnden Verhältnissen. Dies belegt übrigens Pernau selbst mit ihrem Beispiel der indischen Historiographiegeschichte, das nicht ohne den Bezug zur britischen Empire-Geschichte (und wohl auch zu zahlreichen anderen transnationalen Verflechtungen) zu verstehen ist.
Drittens erinnert uns der Streit von 1903/08 daran, dass Innovationen in der Geschichtswissenschaft nicht einfach durchsetzen, weil sich die (machtpolitische, diskursive usw.) Umwelt geändert hat. Es bedarf bestimmter Konstellationen innerhalb des Faches. Und die waren offenkundig am Anfang des 21. Jahrhunderts viel günstiger als während der Herrschaft der Neo-Rankeaner. Ohne die Transnationalisierung des Faches, die angestammte Dominanzstrukturen unterspülte, und die Bereitschaft zu einem größeren Methodenpluralismus wäre auch ein anderer Ausgang der Debatte denkbar gewesen.

Der letzte Punkt erinnert im Übrigen auch daran, dass Historiographiegeschichte keine lineare Fortschrittsstory ist, sondern auch immer wieder Rückschläge kennt. Grund genug, sich mit der Begründung für einmal erreichte Neuerungen anzustrengen.

Dazu lädt der Band von Margrit Pernau auf geradezu vorbildliche Weise ein. Im zweiten Kapitel widmet sie sich Internationaler Geschichte, Imperialismusforschung und Komparatistik als älteren Verwandten der transnationalen Geschichte. Indem sie am Ende die Kritik an einem konfrontativen Komparatismus skizziert, leitet die Vf. über zur Darstellung verschiedener Varianten einer Geschichte der Vernetzungen in Kapotel 3 (connected history, Transfergeschichte, Histoire croisée, Verflechtungsgeschichte und new imperial history, Translokalität, Welt- und Globalgeschichte). Indem Pernau die knappe Skizze der Forschungsdiskussion jeweils konfrontiert mit ihren Erfahrungen aus Kontexten der Kolonialgeschichte, bereichert sie das Spektrum um originelle Vorschläge, die hier weiter zu diskutieren zu viel Platz einnehmen würde. Der Hinweis mag genügen, dass gerade diese methodischen Abschnitt keineswegs nur an Studierende gerichtet sind, sondern es verdienen in der Debatte um Gemeinsamkeiten und Differenzen der verschiedenen Ansätze aufgegriffen zu werden.

Kapitel 4 zeigt dem neugierig gewordenen Leser, wie man all diesen Forderungen an konkreten Gegenständen auch wirklich gerecht werden kann. Hier greift die Vf. auf eigene Untersuchungen zum Indischen Ozean zurück und verbindet sie vergleichend mit dem älteren Beispiel der Mittelmeer-Geschichtsschreibung, führt anhand von Migration und Religion um die Fallstricke einer kulturgeschichtlichen Erweiterung der Verflechtungsgeschichte herum.

Im abschließenden Kapitel greift Margrit Pernau ein Thema auf, mit dem sie schon früh in die Diskussion um Schwierigkeiten der transnationalen Geschichte eingegriffen hat. Die Sprache der Historiker(in) ist nicht unschuldig oder objektiv, sondern mit Vorannahmen und Referenzrahmen für die Deutung des beschriebenen Phänomens verbunden. Dies erscheint im Rahmen der Nationalgeschichte weit weniger problematisch (oder wird weniger problematisiert), weil angenommen wird, dass die Nation eine Sprache spricht und sich auf einen Deutungsrahmen verständigt habe. Die transnationale Geschichte dekonstruiert diese Annahme, zeigt auf, wie viel Aneignung „fremder“ Referenzen in diesem scheinbar eindeutigen Rahmen enthalten sind und an welchen Stellen die Nation über ihre nur scheinbar deutlichen Grenzen hinausgreift. Und das keineswegs nur im geografischen Sinne nach „außen“, sondern auch bei den Integrations- und Assimilationsstrategien gegenüber jenen, die sich nicht per se zur Nation rechnen, aber auf dem von ihr beanspruchten Territorium leben, oder sich zur Nation zählen, aber von der Mehrheit darin nicht anerkannt werden. Das schöne Programm führt jedoch gleich wieder in ein Dilemma, denn in irgendeiner Sprache müssen die Historiker(innen) ihre Dekonstruktion und ihren Neuentwurf ausdrücken. Pernau bietet als Lösung an, sich erstens zunächst einmal des Dilemmas überhaupt bewusst zu werden, zweitens den Sprechern anderer Sprachen und Begrifflichkeiten mehr Gehör zu verschaffen, drittens auf dem Wege der Übersetzungen das Prekäre der Begriffsbildungen allein aus einem europäisch-atlantischen Erfahrungsschatz sichtbar werden zu lassen und viertens schlicht die eigene Mehrsprachigkeit zu befördern.

Die Nachricht dieser Einführung an die Studierenden lautet mithin: Ohne zusätzliche Anstrengungen ist das scheinbar Selbstverständliche einer transnationalen Geschichtsbetrachtung nicht zu erreichen. Man kann nur hoffen, dass dieses überzeugende Programm bei seinen Adressaten ankommt.

Anmerkungen:
[1] Zwei Beispiele unter vielen sind die Foren in der American Historical Review 1991, Heft 4 und 2006, Heft 5.
[2] Ian Tyrell, Transnational Nation. United States History in Global Perspective since 1789, New York 2007.
[3] Margrit Pernau, Bürger mit Turban. Muslime in Delhi im 19. Jahrhundert. Göttingen 2008.

Zitation
Matthias Middell: Rezension zu: Pernau, Margrit: Transnationale Geschichte. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 21.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17210>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.12.2012
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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