W. Freitag (Hrsg.): Die Pfarre in der Stadt

Titel
Die Pfarre in der Stadt. Siedlungskern – Bürgerkirche – Urbanes Zentrum


Hrsg. v.
Freitag, Werner
Erschienen
Umfang
269 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Dennis Hormuth, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Der hier zu besprechende Sammelband geht zurück auf die 38. Frühjahrstagung des Instituts für vergleichende Städtegeschichte, die im März 2008 unter dem Titel „Die Pfarre in der Stadt. Von der Vergesellschaftung des Bürgerverbandes zur Mahlgemeinschaft der Wenigen“ stattfand. Die zehn Beiträge befassen sich mit dem Zusammenhang zwischen Pfarrei und Stadtwerdung bzw. -entwicklung, mit gegenseitigen Bedingtheiten und Einflüssen sowie mit den Handlungsmotivationen und -möglichkeiten der Akteure.

Werner Freitag leitet als Herausgeber den Sammelband ein, indem er prägnant Grundannahmen und Tendenzen der historischen Forschung referiert und die folgenden Beiträge zum Mittelalter, zur Frühen Neuzeit und zum 19./20. Jahrhundert kurz vorstellt. Er geht davon aus, dass die Pfarre in allen drei Epochen eine notwendige Bedingung für Stadtwerdung und Urbanität darstellte (S. XII).

Manfred Balzer untersucht die Rolle von Kirchen im Prozess der hochmittelalterlichen Stadtbildung in Westfalen. Die Gründung von Kirchen in einer spärlich besiedelten Landschaft habe ein Netz aus Orten mit zentralen kultisch-religiösen Funktionen neu entstehen lassen. An einigen Beispielen weist Balzer unter Zuhilfenahme der Stadtkernarchäologie die topographisch zentrale Lage der Stadtpfarrkirchen in der frühstädtischen Phase nach. Aufgrund der hohen Bedeutung der Stadttopographie in seiner Argumentation wären rekonstruierte Stadtpläne der Beispielstädte für ortsfremde Leser eine hilfreiche Orientierung gewesen.

Felicitas Schmieder geht dem Ringen um die Kontrolle der Pfarrseelsorge in Frankfurt am Main im 15. Jahrhundert nach. In Frankfurt existierte nur eine einzige Pfarrei, und der zuständige Bischof habe aus Machtambitionen kein Interesse daran gehabt, weitere Pfarreien einzurichten. Durch kontinuierliche Gewichtsverschiebungen sei es schließlich dem Rat gelungen, sich in einem mehrere Generationen dauernden Prozess immer mehr Einfluss auf die Pfarrseelsorge in der Stadt zu sichern.

Franz-Josef Arlinghaus wendet sich dem spätmittelalterlichen Braunschweig zu. Er verweist auf die hohe Bedeutung der Stadtviertel im politischen Gefüge der Gesamtstadt und hinterfragt die immer wieder postulierte Einheit von politischer und religiöser Stadtgemeinde in der vormodernen Stadt. Am Beispiel von Prozessionen und Gerichtstagen zeigt er, dass diese als rituelle und performative Akte verstanden nicht die Stiftung von Einheit widerspiegelten, sondern ihr Wesen im Austarieren der gegensätzlichen Elemente Einheit und Differenz im Spannungsfeld von Gesamtstadt und Stadtteilen fänden.

Renate Dürr weist anhand der Einführung der Hildesheimer Konsistorialordnung von 1678 die lange Wirkmächtigkeit der lutherischen Dreiständelehre nach, die sie als eine „ins Gesellschaftliche gewendete Beziehungstheologie“ (S. 100) versteht. In der Auseinandersetzung um diese Konsistorialordnung hätten beide Seiten – Rat und opponierender Pfarrer – Luthers Dreiständelehre als Argument für Kompetenzbeschränkungen der Gegenseite genutzt. Zudem sei das Hildesheimer Pfarrerwahlrecht so angelegt gewesen, dass ein Verfahren nur dann erfolgreich abgeschlossen werden konnte, wenn alle drei Stände – Stadtrat, Geistlichkeit und Gemeinde – zusammenarbeiteten.

Christine Schneider untersucht die Wiener Pfarren und Pfarrer im Zusammenhang der Josephinischen Kirchenreform. Inklusive der Vorstädte stieg die Anzahl der Wiener Pfarren schlagartig von acht auf 28. Trotz der zeitgleichen ersten Welle von Klosteraufhebungen führte der Anstieg der Pfarren zu einem als erheblich empfundenen Pfarrermangel. Die Ausbildung der Pfarrer wurde verbessert, ihre Aufgaben erweitert und die – auch und gerade staatliche – Aufsicht über sie intensiviert. Fortan habe sich ein doppelter Druck auf die Pfarrer von oben durch ständige neue Verordnungen und von unten durch das Misstrauen der Gemeinden gegen die Pfarrer als Exekutoren und Verkünder unpopulärer Verordnungen verstärkt.

Eva-Maria Seng beschäftigt sich in ihrem reich und sinnvoll bebilderten Beitrag mit Kirchenneubauten und Pfarrgründungen im Zusammenhang schnell wachsender Städte in der Zeit der Industrialisierung. An den Beispielen Halle an der Saale und Stuttgart arbeitet sie heraus, dass der Staat versuchte, sich aus der Finanzierung der Neubauten und auch der Pfarrstellen herauszuziehen. Initiative und Finanzierung seien Angelegenheiten insbesondere der Pfarrgemeinden und einzelner Bürger gewesen, die sich durch Einzelspenden oder Mitgliedschaft in Kirchenbauvereinen engagieren konnten.

Der Beitrag von Antonius Liedhegener ist weitgehend der Neuabdruck eines Aufsatzes von 2001 über Forschungsstand und Forschungsperspektiven zu Religion und Kirchen vor dem Hintergrund der Urbanisierung Deutschlands an der Wende zum 20. Jahrhundert, den der Autor mit einem kurzen Nachwort zu den letzten zehn Jahren erweitert hat. Hier bedauert Liedhegener, dass sich die Forschung im Zuge des cultural turn von der historisch-empirischen Behandlung der Säkularisation mit ihren quantitativen wie qualitativen Methoden abgewendet habe. Zudem verdiene der Zusammenhang von Religion und Zivilgesellschaft verstärkte Aufmerksamkeit.

Hans-Walter Schmuhl behandelt den Kirchenkreis Bielefeld und hier speziell die Stadt Bielefeld von 1817 bis in die Gegenwart. Für den im Zuge der Industrialisierung und Urbanisierung notwendig gewordenen Gemeindeausbau sei ein typischer Dreischritt zu beobachten: Errichtung einer Pfarrstelle – Bau einer Kirche – Abpfarrung, wobei der letzte Schritt mit deutlicher Verzögerung typischerweise erst nach 1945 erfolgt sei. Schmuhl stellt zudem die Bedeutung der Inneren Mission für das Fallbeispiel Bielefeld heraus.

Der letzte Beitrag ist einem Ausblick gewidmet, in dem der Theologe Reinhard Feiter insbesondere Überlegungen zu den Herausforderungen anstellt, vor welche die Kirchen derzeit vor allem in den Städten gestellt werden. Das Problem der Unterfinanzierung führe zu drei Typen neuer parochialer Strukturen: Kooperationen von Pfarreien, Verbandspfarreien und Großpfarreien. Allen Typen sei gemeinsam, dass sie zu einem größeren pastoralen Raum führen. Um den Umbau sinnvoll gestalten zu können, fordert Feiter zwei Perspektivenwechsel ein: Die Veränderung der Pfarrstrukturen solle nicht nur als innere Angelegenheit der Kirche wahrgenommen werden, sondern müsse stärker die Bedürfnisse der Städte berücksichtigen. Zudem sei eine innere Differenzierung notwendig, denn auch Gemeinden unterhalb der Pfarreiebene hätten sich als lebensfähig und eigenverantwortlich erwiesen. Hierfür sei mehr Vertrauen der Bischöfe und Pfarrer in die Gläubigen notwendig.

Der Sammelband nimmt sich mit dem Fragekomplex des Zusammenhangs von religiöser und politischer Stadtgemeinde eines eher klassischen Felds der vormodernen Städtegeschichtsforschung an und verlängert es in die moderne Städtegeschichte. So liegt der besondere Reiz des Buches darin, ein klar umrissenes Thema über die etablierten Epochengrenzen hinweg in der longe durée in den Blick nehmen zu können. Mittelalter, Frühe und Späte Neuzeit sind gleichermaßen vertreten. Zudem sind die Beiträge – mit wenigen Ausnahmen einzelner Unterkapitel – erfrischend konsequent am übergeordneten Thema „Pfarre in der Stadt“ ausgerichtet. Den Autoren gelingt es bei aller Vielfalt der konkreten Fragestellungen ein Gesamtbild zu zeichnen, so dass es sich lohnt, diesen Sammelband nicht nur als Steinbruch zu nutzen, sondern auch einmal von Buchdeckel zu Buchdeckel durchzulesen. Konfessionell ist der Band nicht zu eng gefasst, da evangelische wie katholische Beispiele behandelt werden. Für weitere Betrachtungen dieser Art wäre eine Ausweitung auf reformierte, aber auch jüdische und für die Zeitgeschichte aufgrund der Entwicklungen der letzten Jahrzehnte selbst muslimische Gemeinschaften zwingend.

Zitation
Dennis Hormuth: Rezension zu: Freitag, Werner (Hrsg.): Die Pfarre in der Stadt. Siedlungskern – Bürgerkirche – Urbanes Zentrum. Köln 2011, in: H-Soz-Kult, 02.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17718>.
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02.10.2012
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