A. Nagel: Hitlers Bildungsreformer

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Titel
Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934–1945


Autor(en)
Nagel, Anne Christine
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Fischer Taschenbuch Verlag
Umfang
448 S.
Preis
€ 12,99
Rezensiert für H-Soz-Kult
Gerhard Kluchert, Institut für Erziehungswissenschaften, Universität Flensburg

Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gilt als bildungshistorisch gut erforscht. Neben Überblicksdarstellungen liegen eine Vielzahl von Spezialstudien zu zentralen Einrichtungen und Akteuren des NS-Bildungs- und Erziehungssystems wie den Jugendorganisationen, den Ausleseschulen oder dem Nationalsozialistischen Lehrerbund vor. Eine Einrichtung hat in der Forschung bislang allerdings wenig Beachtung gefunden: das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Diese Tatsache dürfte nicht zuletzt der gängigen Auffassung geschuldet sein, dass dem Ministerium in den Jahren seines Bestehens keine große Bedeutung für die Gestaltung von Erziehung und Bildung zukam, dass es seinen Einfluss gegenüber konkurrierenden staatlichen und Parteistellen kaum zur Geltung zu bringen vermochte und dass es in Bernhand Rust auch einen ideenarmen und wenig durchsetzungsfähigen Leiter besaß. Genau dieses Urteil will die Gießener Historikerin Anne C. Nagel in ihrer Studie einer kritischen Prüfung unterziehen. Dass mit dieser Prüfung letztlich eine Revision des bisherigen Bildes beabsichtigt ist, lässt dabei schon der Titel erahnen, der die Tätigkeit des Ministeriums begrifflich in einen Horizont mit den Bildungsreformbestrebungen der Weimarer Zeit und der Bundesrepublik rückt – eine Provokation, die wohl nicht nur auf verkaufsstrategische Überlegungen des Verlags zurück geht.

Dem entsprechend durchzieht die Frage nach Kontinuität und Diskontinuität die Darstellung wie ein roter Faden – zumindest mit Blick auf die ‚Vorgeschichte‘. Sie drängt sich im vorliegenden Fall auch in besonderem Maße auf, handelte es sich beim Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung doch um eine Erweiterung des entsprechenden preußischen Ministeriums, mit dem es auch bis zu seinem Ende verbunden blieb. Dieser Genealogie trägt Nagel Rechnung, indem sie zunächst den Bau „Unter den Linden“ einschließlich seiner Erweiterungen als „Ort des Geschehens“, dann in einem knappen Abriss seine führenden Figuren in Kaiserreich und Weimarer Republik samt der von ihnen betriebenen Politik, schließlich den im Februar 1933 die Leitung des Hauses übernehmenden nationalsozialistischen Minister Bernhard Rust sowie den personellen Umbau und die ersten Maßnahmen nach dem Machtwechsel vorstellt. Im zweiten Kapitel beschäftigt sie sich mit den Interna des neuen Reichsministeriums (Struktur, Haushalt) und mit seinem Verhältnis zu den Kultusministerien der Länder. Das dritte Kapitel hat die neue Führungsriege im Ministerium und ihre Gegenspieler im Amt Rosenberg, im Propagandaministerium und in diversen Parteistellen zum Thema. Kapitel 4 ist dann der vom Ministerium betriebenen Bildungspolitik, Kapitel 5 der Wissenschaftspolitik und das abschließende Kapitel 6 der Entwicklung beider im Krieg gewidmet. Ein umfangreicher Anmerkungsapparat, Quellen- und Literaturverzeichnis sowie Personenregister runden die Darstellung ab, der zudem eine Reihe von Fotografien beigegeben ist, auf denen man vor allem den ‚Hausherrn‘ bei unterschiedlichen Anlässen zusammen mit anderen NS-Größen zu sehen bekommt.

Die Autorin der Studie ist bislang vorwiegend mit Arbeiten zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte hervorgetreten. Jüngere wissenschaftsgeschichtliche Arbeiten, vor allem zur Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und zur Deutschen Forschungsgemeinschaft, bilden denn auch den Ausgangspunkt für ihre Neubewertung der Leistungen des Reichserziehungsministeriums. Diese Arbeiten hätten gezeigt, so Nagel, dass hier „vielfach niveauvolle Forschung, in einzelnen Sektoren sogar international konkurrenzfähige ‚Spitzenforschung‘ stattfand“ (S. 18), deren Koordination eben in den Händen des Ministeriums gelegen habe. Letzteres wird durch die Auswertung der Akten des Reichsministeriums, die Nagel vorgenommen hat, bestätigt. Dem Ministerium gelang es demnach in der Tat die Forschung auf (fast) allen rüstungs- und kriegswichtigen Gebieten einer einheitlichen Steuerung zu unterwerfen und dafür zu sorgen, dass das eigene Haus trotz konkurrierender Einflussnahmen die Fäden in der Hand behielt. Schon auf dem benachbarten Gebiet der Hochschulpolitik fällt Nagels Bilanz für das Reichsministerium allerdings weit bescheidener aus. So musste es in Personal- und Berufungsfragen das Mitspracherecht der Münchener Parteizentrale anerkennen und sich daneben mit dem auf stärkere ‚Nazifizierung‘ der Hochschulen drängenden NS-Dozentenbund arrangieren. Das ungeklärte Verhältnis zu den Ländern wie die sehr unterschiedlichen Verhältnisse an den Hochschulen des Reiches setzten zudem allen Vereinheitlichungs- und Zentralisierungsbemühungen auf diesem Feld enge Grenzen.

Noch magerer fällt die Bilanz im schulpolitischen Bereich aus. Zwar vermag Nagel zu zeigen, dass im Ministerium weitreichende Pläne für eine Gesamtregelung des Schulwesens im Reich entwickelt wurden. Sie gipfelten in der Vorlage eines Entwurfs zu einem ‚Schulaufbaugesetz‘, das vor allem wegen des in ihm sich dokumentierenden Planungswillens bemerkenswert erscheint. Der Nachweis dieser Initiativen stellt durchaus eine Bereicherung und bis zu einem gewissen Grade auch eine Korrektur des herrschenden Bildes der NS-Schulpolitik dar. Die Darstellung ihres weiteren Schicksals bestätigt allerdings eher das Letztere: Zusammen mit den Plänen zur Reichsreform verschwand das Schulaufbaugesetz bald in den Schubladen und an die Stelle des ‚großen Wurfes‘ traten Detailregelungen für die verschiedenen Zweige des Schulwesens. Diese führten zwar zu größerer Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit (vor allem im Bereich des höheren Schulwesens), bestätigten im Ganzen aber die dreigliedrige Grundstruktur, die sich seit dem Kaiserreich herausgebildet hatte. Auch mit dem Ausbau des Berufs- und Fachschulwesens und mit der Reform der Volksschullehrerbildung verließ das Ministerium zumindest strukturell nicht die herkömmlichen Bahnen preußischer Schulpolitik. Und wo der NS schulpolitisch tatsächlich neue Akzente setzte, wie bei der Einführung der Adolf-Hitler-Schulen, geschah dies auf Initiative von Parteistellen und am Reichsministerium vorbei, das mit Beginn des Krieges dann auf diesem Gebiet immer mehr an Einfluss verlor, wie die gegen seinen Willen erfolgende Herabstufung der Volksschullehrerbildung auf Fachschulniveau und die Abschaffung der sechsjährigen Mittelschule zugunsten einer vierjährigen ‚Hauptschule‘ belegen. Man mag die verhaltene Reaktion des Ministeriums auf diese Entscheidungen nicht als Ausdruck von Schwäche, sondern, wie Nagel dies tut, als „erprobte Haltung aus Nachgiebigkeit und hinhaltendem Widerspruch“ (S. 344) bezeichnen, am Lauf der Dinge vermochte sie in jedem Fall nichts zu ändern. Und die Entwicklungen der Kriegszeit als „Rückschläge im Reformprogramm“ (S. 341) zu etikettieren, lässt den Aktivitäten des Ministeriums zumindest auf schulpolitischem Sektor bis zu dieser Zeit denn doch entschieden zu viel Ehre angedeihen.

Fragwürdig an Nagels Darstellung erscheint jedoch nicht nur die Kategorisierung von Rust und seinen Beamten als ‚Bildungsreformer‘; fragwürdig erscheint auch ihre Akzentuierung und Gewichtung. Dass sich Nagel auf das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und seine Aktivitäten konzentriert und zu ihrer Rekonstruktion in erster Linie auf dessen Aktenüberlieferung zurückgreift, bringt zweifellos auch Nutzen, werden so doch über tief greifende personelle und weltanschauliche Veränderungen hinweg Kontinuitätslinien sichtbar, die in der Funktionsweise bürokratischer Apparate wurzeln. Auf der anderen Seite droht dabei jedoch das Spezifische, das Gewalttätige des nationalsozialistischen Herrschaftssystems aus dem Blick oder zumindest an den Rand des Blickfelds zu geraten. Wohl bleiben die Zwangsmaßnahmen gegen die politischen und weltanschaulichen Gegner bei Nagel nicht unerwähnt und die aktive Beteiligung des Ministeriums an der Ausgrenzung und Verfolgung aus rassischen Gründen wird auch nicht völlig verschwiegen. Beide werden aber eher nebenher behandelt. Auf den Ausschluss der jüdischen Schüler aus dem deutschen Schulwesen verwendet die Autorin so gerade einmal gut eine Seite. Zudem wird sie bei der Darstellung der Verfolgungsmaßnahmen nicht müde hervorzuheben, dass man im Ministerium sehr auf ein bürokratisch geordnetes Verfahren bedacht gewesen sei, als gelte das nicht für das gesamte Arbeiten der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Das berechtigte Anliegen von Anne C. Nagel, das negative Image des Reichsministeriums einer sachlichen Überprüfung zu unterziehen, gewinnt an solchen Stellen unter der Hand und wohl gegen die Absicht der Autorin revisionistische Züge. Dabei gibt ihre Darstellung zu Korrekturen dieses Bildes im Detail durchaus Anlass. Für eine grundlegende Neubewertung, wie sie der Titel des Buches und mehr noch der reißerische Klappentext nahe legen, bietet es hingegen keine Basis.

Zitation
Gerhard Kluchert: Rezension zu: Nagel, Anne Christine: Hitlers Bildungsreformer. Das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung 1934–1945. Frankfurt am Main 2012, in: H-Soz-Kult, 21.05.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-17885>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.05.2013
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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