C. von Maltzan u.a. (Hrsg.): Sport, Spiel und Leidenschaft

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Titel
Sport, Spiel und Leidenschaft. Afrikanische und deutsche Perspektiven


Hrsg. v.
von Maltzan, Carlotta; Simo, David
Erschienen
München 2012: Wilhelm Fink Verlag
Umfang
278 S.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Stefan Hübner, Jacobs University Bremen

Der vorliegende Sammelband geht auf eine von den Herausgebern 2010 an der Universität Stellenbosch organisierte Konferenz zurück. Wie man schon in Kombination mit dem Titel vermuten kann, war der Anlass die Männer-Fußballweltmeisterschaft, die zum ersten Mal in einem afrikanischen Land (Südafrika) stattfand.[1] Das Ergebis ist allerdings durchaus heterogen und bei nicht allen Artikeln ist man sicher, ob die Autoren wissenschaftlichen Anspruch zu erheben versuchen. Die Herausgeber haben dementsprechend auch in der Einleitung darauf verzichtet, „Sport“, „Spiel“ und „Leidenschaft“ genauer zu definieren sowie dem Leser einige Leitfragen an die Hand zu geben, um die folgenden Aufsätze in einen größeren Kontext einordnen zu können.

Der erste thematische Block des Sammelbands handelt von der „Ästhetik des Spiels“. Jürgen Wertheimer beginnt mit „Wir spielen immer, wer es weiß ist klug“. Angelehnt an die biblischen Zehn Gebote werden neun etwas seicht-philosophische Gebote zum „Spiel“ (Glücksspiel, Massensport etc.) aufgestellt. Man fragt sich bei der Darstellung streckenweise, ob das Thema wirklich ernst genommen wird oder nicht eher ein „Spiel“ mit dem Leser betrieben wird. Es folgt Michael Hofmann. Profifußball wird hier als ein Spiegelbild der Gesellschaft untersucht. Die Globalisierung habe zum Beispiel zu einer stärkeren Heterogenität in den europäischen Nationalmannschaften geführt, in denen vermehrt Migranten spielen würden. Insgesamt stelle postmoderner, globalisierter Fußball nicht nur ein Glücksversprechen für die Fans dar, sondern diene auch der kapitalistischen Vergnügungsindustrie. Als Dritter zeigt Leo Kreutzer in seinem Vortragsmanuskript auf, wo Berthold Brecht Similaritäten zwischen Theater und Boxkampf sah. Ähnlich einem Boxkampf müsse es in einem Theaterstück um einen Kampf (wenn auch nur mit Worten) gehen. Zudem müsste das Publikum Authentizität und Realitätsnähe besitzen, was von (proletarischem) Aussehen und Verhalten abhänge.

Im zweiten Themenblock zur „Literarisierung des Spiels“ behandelt zunächst Akila Ahouli Kafkas „Der Herrenreiter“. Kafka habe hier die Absicht gehabt, (Amateur-)Herrenreiter daran zu erinnern, dass der Sieg für diese im Gegensatz zu professionellen Jockeys nicht das Primärziel sei. Serge Glitho geht auf Ödon von Horváths „Sportmärchen“ ein, in denen dieser ebenfalls den Hochleistungssport kritisiert, indem er die meisten der in den Märchen vorkommenden Athleten sterben lässt. Joseph Gomsu und Gunther Pakendorf beschäftigen sich jeweils mit Peter Handkes Erzählung „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“. Während Gomsu die Sportmotive in der Erzählung interpretiert (der Protagonist und gesuchte Mörder war ein ehemaliger Torwart), geht Pakendorf verstärkt auf Sprache und Logik ein, die die geistige Erkrankung des Protagonisten illustrien helfen. Hans-Peter Klemme wiederum behandelt Juli Zehs Roman „Spieltrieb“. Ada, eine hochintelligente Vierzehnjährige verführt, angestiftet vom intriganten Alev, ihrem Turnlehrer Smutek. Alev filmt diese und erpresst Smutek, bis dieser gewaltsam reagiert, alle von Gericht landen und leicht bestraft werden. Hauptmotiv im Roman ist die Befriedigung des Spieltriebes als kalt-rationales Spiel mit anderer Leute Gefühlen. Marinne Zappen-Thomson dagegen interpretiert Lutz von Dijks didaktisch-pädagogischen Jugendroman „Themba“ (Xhosa: „Hoffnung“). Themba wird nach einer sehr problematischen Jugend schlussendlich Mitglied der südafrikanischen Fußball-Nationalmannschaft und macht bei seinem ersten offiziellen Spiel seine AIDS-Erkrankung, die er sich zuzog, als er von einem entfernten Verwandten vergewaltigt wurde, öffentlich. Insgesamt wird der Roman als gutes Mittel gesehen, um das in Südafrika weit verbreitete AIDS in der Schule zu thematisieren.

Es folgt der dritte Block, dieser zu „Politisierung des Spiels oder Spiel als Befreiung“. Ibrahima Diagne beginnt mit einer Analyse von Fußball im Rahmen von postkolonialer Identität. Frankreichs Sieg in der Fußball-WM 1998 mit einer hauptsächlich aus Migranten bestehenden Mannschaft habe im öffentlichen Diskurs Frankreich als erfolgreiches Integrationsland dargestellt. Der Sieg Senegals über Frankreich bei der WM 2002 wiederum wurde in Senegal als eine Art von fortan jährlich zu zelebrierender Kolonialrevanche gesehen. Anschließend geht Rolf Annas auf Sport und Nation Building in Südafrika ein. Der Sieg der „Springboks“, der Rugby-Nationalmannschaft, in der in Südafrika abgehaltenen Rugby-WM 1995 habe die Nation symbolisch geeint. Während der Apardheit (bis 1994) war die Mannschaft aufgrund des Ausschlusses schwarze Spieler zweitweise international geächtet und innerhalb der schwarzen südafrikanischen Bevölkerung abgelehnt worden. Lacina Yeo geht ebenfalls auf Fußball ein und untersucht diesen als Integrationsinstrument. Die Globalisierung schaffe langsam ein über nationale Grenzen hinausgehendes internationales Bewusstsein von Fußballkonsumenten. Im nächsten Aufsatz gibt Matthias Middell eine kurze transnationale Übersicht zum Sport in West- und Ostdeutschland. Zunächst habe die BRD ihren Alleinvertretungsanspruch durch eine gemeinsame deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen durchsetzen können. Ab dem Mauerbau 1961 wurde dies allerdings signifikant schwerer, wodurch am Ende die DDR 1968 mit eigener Mannschaft antreten und diese ab 1972 mit kompletten Staatsinsignien versehen durfte. Isabel de Santos schließt sich hieran mit einer Darstellung der Entwicklung des Frauensports in der Weimarer Republik an, dem traditionelle Sichtweisen von Frauen als Mütter und Hausfrauen teilweise entgegenstanden.[2]

Im letzten ernstzunehmenden Block, „Medialisierung des Spiels“, zeigt zunächst Mamadou Diop anhand des senegalesischen traditionellen Ringkampf „Lamb“ auf, wie Professionalisierung und Kommerzialisierung zu einem sozial und kulturell problematischen Wertewandel führten. Julia Augart demonstriert anhand einer Analyse der Filme „Das Wunder von Bern“ (2003) und „Fußball ist unser Leben“ (1999) wie im ersten Fall Fußballleidenschaft als positiv und verbindend wirkend (Annäherung von Sohn und Spätheimkehrer-Vater) und im zweiten Fall zu Exzessen (familiäre Probleme, Entführung etc.) führend dargestellt wird. Hiernach analysiert Amanda de Beer den Dokumentarfilm „Football under Cover“ (2006). Dieser dreht sich um ein Spiel der iranischen Frauen-Fußballnationalmannschaft gegen den deutschen Migrantinnenverein Al-Dersimspor aus Berlin-Kreuzberg, wofür erstere zum ersten Mal in ihrem Stadion spielen durften. In vom Koran vorgegebener Kleidungsordnung spielend und unter Ausschluss männlicher Zuschauer hätten iranische Spielerinnen und Fans ihrem Unmut gegen ihre Unterdrückung Luft gemacht. Wichtiger noch erscheint mir de Beers kritische Frage, ob der Film wirklich als Dokumentation angesehen werden kann, da die Regisseure davon ausgingen, dass ohne die Filmabsicht das Spiel gar nicht zustande gekommen wäre (S. 210). Janina Wozniak vergleicht nachfolgend die Darstellung von südafrikanischer Rugby-Nationalmannschaft und Fußball-Nationalmannschaft („Bafana Bafana“) in der Tageszeitung „Sowetan“ zwischen 2008 und 2010. Diese stellte unter anderem Nationalstolz und wirtschaftlichen Aufschwung als kompatibel dar (die Autorin kritisiert dies eher) und sah die Siege der (oben schon erwähnten) „Springboks“ als Vorbild für „Bafana Bafana“. Im letzten Aufsatz schildert Ralf Hermann Transfers zwischen Fußballsprache und anderen Diskursfeldern. Seit dem Zweiten Kaiserreich würden in der Fußballsprache viele militärische Wörter benutzt. Seit den 1960er-Jahren wären verstärkt Elementen des Künstlerischen und schlussendlich des Politischen hinzugekommen. In letzter Zeit habe aber auch die Fußballsprache auf die Politik zurückgewirkt, wie der Autor im Titel des Aufsatzes – „Steilpass für Merkel“ – zu verdeutlichen sucht.

In einem „Nachspiel“ schildert Dakha Dème noch ein fiktives Fußballweltmeisterschaftsendspiel 2010 zwischen Deutschland und Südafrika. Südafrika gewinnt. Einige kurze einführende Sätze, dass der Text im Sinne der Kinetik sprachwissenschaftlich auf geschilderte Mimik und Gestik der Akteure untersucht werden könnte, dient wohl als wissenschaftliches Feigenblatt.

Insgesamt bietet der Sammelband sowohl Historikern wie auch Literaturwissenschaftlern die Möglichkeit, selektiv die für ihr Arbeitsfeld relevanten Aufsätze herauszuziehen. Für die Afrikanistik ist der vergleichsweise hohe Anteil an Texten zu dem sonst oft vernachlässigten Kontinent sicherlich erfreulich. Ob der Sammelband insgesamt dazu dient „Sport, Spiel und Leidenschaft“ als wissenschaftliche Forschungsfeld(er) weiter zu etablieren ist dagegen eher ungewiss.

Anmerkungen:
[1] Zur verstärkten Neigung von „Schwellenländern“ durch sonst (fast) immer nur in „entwickelten“ Ländern abgehalte Sport-Weltereignissen ihr internationales Prestige zu vergrößeren und eine nationale Identität zu untermauern siehe zum Beispiel: David Black / Byron Peacock, Catching up. Understanding the Pursuit of Major Games by Rising Developmental States, in: International Journal of the History of Sport 28 (2011) 16, S. 2271-2289.
[2] Nicht in der Bibliographie (vielleicht, weil bei Abgabe des Manuskripts noch nicht verfügbar), aber eine sehr gute Übersicht zum Sport als soziales Phänomen in der Weimarer Republik: Erik N. Jensen, Body by Weimar. Athletes, Gender, and German Modernity. Oxford 2010.

Zitation
Stefan Hübner: Rezension zu: von Maltzan, Carlotta; Simo, David (Hrsg.): Sport, Spiel und Leidenschaft. Afrikanische und deutsche Perspektiven. München 2012, in: H-Soz-Kult, 23.11.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18061>.
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Veröffentlicht am
23.11.2012
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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