C. M. Flick (Hrsg.): Wem gehört das Wissen der Welt

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Titel
Wem gehört das Wissen der Welt.


Autor(en)
Flick, Corinne Michaela
Erschienen
Frankfurt am Main 2011: Frankfurter Verlagsanstalt
Umfang
302 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Isabella Löhr, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

Mit der titelgebenden Frage, wem das Wissen der Welt gehöre, begibt sich der von Corinne Michaela Flick herausgegebene Sammelband in die Mitte aktueller Kontroversen über die immer wieder neu zu verhandelnde, dynamische Grenze zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen, den Zugang zu Wissen und Kultur zugunsten des Fortschritts von Bildung und Wissenschaft möglichst offen zu halten, und individuellen Forderungen, Wissens- und Informationsgüter im Sinne privater und wirtschaftlicher Interessen mithilfe rechtlicher Instrumente künstlich zu verknappen. Denkt man beispielsweise an die seit Jahresbeginn europaweit heftig geführten Debatten über die einschneidenden Konsequenzen, die auf Öffentlichkeit und Internetnutzer bei der Ratifizierung des Antipiraterie-Abkommen ACTA zukämen, wird schnell deutlich, dass diese Diskussionen mit einer gehörigen politischen Brisanz versehen sind. Der Sammelband ging aus einem Forum der von Corinne M. Flick gegründeten Stiftung Convoco! hervor, auf dem Vertreter aus Gesellschaft, Politik, Recht und Wissenschaft unterschiedliche Perspektiven auf und Lösungsansätze zu diesem Problemfeld vorstellten und diskutierten. Dementsprechend darf der neugierig gewordene Leser von diesem Buch keine historisch und systematisch umfassende Auseinandersetzung mit dem weiten Feld der Wissensgeschichte oder mit politischen und rechtlichen Maßnahmen zur gesellschaftlichen Verteilung von Kultur-, Wissens- und Informationsgütern erwarten. Ein Blick in das Autorenverzeichnis zeigt vielmehr, dass sich hier einflussreiche Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft – letztere zumeist mit Beraterfunktionen in nationalen Ministerien oder UN-Organisationen – zu einem Meinungsaustausch getroffen haben, um der Leserschaft auf der Grundlage von mehr oder weniger Sachkenntnis ihre Vorschläge für einen zukünftigen und, wie den ganzen Band hindurch betont wird, verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Wissen mitzuteilen.

In zwei Teile gegliedert, präsentiert der erste Teil vier so genannte „Lectures“ zum Thema Globalisierung und Wissen, die auf der Abschlusssitzung dieses Expertenkreises öffentlich bzw. für ein größeres Publikums gehalten wurden. Die Beiträge von Corinne Flick, Eckhard Cordes und Jürgen Renn beschäftigen sich mit dem Austausch von Information und Wissen als einem historisch nicht sonderlich neuem Phänomen, das die Autoren dementsprechend als eine Konstante und Grundlage gesellschaftlicher Entwicklung verstanden wissen wollen. So sehr dieser grundsätzlichen Beobachtung zuzustimmen ist, die besonders Renn historisch kenntnisreich zu untermauern weiß, leiden diese Texte allerdings an einer begrifflichen Unschärfe, die den Leser am Ende der Lektüre bisweilen ratlos zurücklässt. Denn so präsent Begriffe wie Globalisierung, Globalität, globales Handeln, Austausch, Vernetzung, Europa, Asien in den Texten auch sind, werden sie nicht reflektiert, so dass sie in ihrer Verwendung oftmals unspezifisch bleiben – wanderndes Wissen scheint per se als Globalisierung begriffen zu werden – und damit normativ aufgeladen werden. Eine erfrischende Ausnahme bietet die Lecture von Thomas Hoeren, der präzise die derzeitigen Überforderungen des Urheberrechts analysiert (Ausdehnung von Schutzfristen, des Schutzumfangs, von Leistungsschutzrechten oder das so genannte „Rechtebuyout“), Lösungsvorschläge kritisch diskutiert und am Ende für Informationsfreiheit als regulative Idee plädiert, die in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Rechteinhaber und zu Ungunsten der Urheber und der Öffentlichkeit verloren gegangen sei, und die alleine eine gesellschaftliche Diskussionen um eine offene und gerechte Verteilung von Informationsrechten anleiten könne.

Den Lectures folgen im zweiten Teil so genannte Resümees, die aus den internen Diskussionen der Teilnehmer des Forums hervorgegangen sind. Wie schon im ersten Teil decken auch diese Beiträge eine große Bandbreite ab – inhaltlich und qualitativ. Gemeinsam ist diesen Texten der Versuch, die Änderungen, die Internet und digitale Medien für Kommunikation, Informationsflüsse und die Präsenz von Wissensgütern im Alltag bedeuten, zu beschreiben und eine Einschätzung abzugeben, ob und wie das Internet die Struktur von Wissen verändert und ob wir tatsächlich Zeugen von „Plattenverschiebungen“ (S. 93), das heißt einer neu entstehenden Wissensordnung sind. Der in Oxford lehrende Rechtswissenschaftler Victor Mayer-Schönberger eröffnet diesen Teil mit zehn Datenvisualisierungen, mit denen die „Struktur von bestimmten Teilbereichen des Wissens der Welt“ (S. 122) abgebildet werden sollen. Dies geschieht entlang der Themen Alphabetisierung, Verbreitung des Internets, Verteilung von Tageszeitungen, Orte akademischer Wissensproduktion, Englisch als Wissenschaftssprache, Verteilung von Verlagsstandorten, die Benutzung der Foto-Plattform Flickr, die geographische Verteilung sowohl von Wikipedia-Einträgen als auch von biographischen Einträgen in Wikipedia und schließlich die Herkunft der Nutzer, die bei Google Maps Ergänzungen produzieren. Leider liegen diese zehn Karten dem Band nicht bei, so dass der Leser sich auf sein Vorstellungsvermögen und auf die wenigen Angaben zur Herkunft der Daten verlassen muss, um resümierenden Sätzen wie „Europa ist besser als sein Ruf. Asien ist schlechter.“ (S. 130) beizukommen. Über die Frage hinaus, ob beispielsweise die Verwendung von Impact-Faktoren für die Ermittlung der Orte, an denen wissenschaftliches Wissen produziert wird, die institutionelle Heterogenität akademischer Wissensproduktion womöglich verfehlt, springt dem Leser die polarisierende Rede von Europa und Asien ins Auge. Auch in anderen Beiträgen taucht dieser essentialisierende Umgang mit geographischen Begriffen auf und angesichts der derzeitigen, durchaus leidigen Konjunktur von Synthesen zum Thema „Great Divergence“ wundert man sich als Leser doch, warum die Autoren auf diese Diskussion nicht explizit und konstruktiv Bezug nehmen.

Lesenswert sind dagegen die Beiträge von Paul-Bernhard Kallen und Burkhard Schwentker, die aus der Perspektive von zwei großen Unternehmen, Hubert Burda Media Holding KG und Roland Berger Strategy Consultants, Einblick in die Rolle und Bedeutung von Wissen und der Regulierung von Wissen für die globale Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen geben. Diese beiden Texte gehören zweifelsfrei in die Abteilung Lobbyarbeit. Das schmälert aber nicht die teilweise klare Analyse derzeitiger Probleme im Bereich von Wettbewerbs- und Urheberrecht und vor allem sind diese Einblicke in Unternehmensstrategie und -politik für den Leser durchaus interessant. Von den wissenschaftlichen Beiträgen sind der von Stefan Korioth über die zunehmend widersprüchlichen Anforderungen an den Staat, als Produzent und Garant von Wissen sowie als zentrale Institution zur Steuerung von Wissensflüssen aufzutreten, und der Beitrag von Hannes Siegrist über die Globalisierung geistiger Eigentumsrechte in historischer Perspektive empfehlenswert.

Am Ende der Lektüre bleibt der Leser mit einem gespaltenen Eindruck zurück: Die an manchen Stellen massiven inhaltlichen Verkürzungen und bisweilen freizügig gewählten (historischen) Beispiele sind in Teilen gewiss dem Format der Veranstaltung und der Entscheidung der Herausgeberin geschuldet, dieses in der Publikation beizubehalten, die Beiträge also, abgesehen von kleinen Ausnahmen, im Vortragsstil zu belassen. Das hat auf der einen Seite den Vorteil, dass der Leser einen lebendigen Eindruck bekommt, welches Anliegen die Convoco! Lectures verfolgen und welches Publikum hier adressiert wird – wirtschaftliche, politische, wissenschaftliche und gesellschaftliche Entscheidungsträger, die unter sich und freizügig ihre Weltwahrnehmung zur Diskussion stellen. Das ist manchmal instruktiv, manchmal erschreckend, in jedem Fall bietet es aber dem Leser, der sich mit Kultur- , Informations- und Wissensflüssen in der Moderne beschäftigt, einen Einblick in das Denken über diese heute so zentralen Themen außerhalb der einschlägigen und oftmals doch kleinen Expertenzirkel im akademischen Betrieb.

Zitation
Isabella Löhr: Rezension zu: Flick, Corinne Michaela: Wem gehört das Wissen der Welt. Frankfurt am Main 2011, in: H-Soz-Kult, 05.10.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18444>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.10.2012
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Diese Rezension entstand im Rahmen des Fachforums geschichte.transnational. http://geschichte-transnational.clio-online.net/
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