U. Meier u.a. (Hrsg.): Sakrale Räume

Titel
Sakrale Räume. Formen, Bedeutungen, Praktiken


Hrsg. v.
Meier, Ulrich; Priever, Andreas
Erschienen
Umfang
311 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Gerd Schwerhoff, Institut für Geschichte, Geschichte der Frühen Neuzeit, Technische Universität Dresden

Seit langem bildet die vielfältige Landschaft der landes- und regionalhistorischen Zeitschriften ein zentrales Standbein der deutschsprachigen Geschichtswissenschaft. Dass sie nicht nur bei der Quellenerschließung unverzichtbar sind, sondern auch konzeptuelle Anregungen aus der aktuellen historiographischen Debatte aufgreifen können, zeigt das jüngste Themenheft der Lippischen Mitteilungen zu sakralen Räumen.[1] Seine Beiträge werden von den Schwerpunktherausgebern Ulrich Meier und Andreas Priever in aktuelle Forschungskontexte gerückt, namentlich Rudolf Schlögls „Vergesellschaftung unter Anwesenden“ und die konstruktivistischen Ansätze des „spatial turn“. Auf sehr unterschiedliche Weise wird in den Aufsätzen die Tatsache reflektiert, dass sakrale Räume sowohl baulich Träger von Herrschafts- und Repräsentationsansprüchen waren als auch Arenen sozialer, politischer und natürlich auch religiös-konfessioneller Kommunikation. Den besonderen Reiz des Themenbandes macht die Konzentration auf den begrenzten Raum der Grafschaft Lippe, ja zum Teil auf spezielle Orte, aus. Immerhin drei der Aufsätze thematisieren aus verschiedenen Blickwinkeln die Lemgoer Nicolaikirche.

Mit der spätromanischen Gründung und den gotischen Umbauten von St. Nicolai beschäftigt sich der bauhistorische Aufsatz von Holger Kempkens. Dabei geht es vordergründig um die Frage, ob diese Gründung bereits um 1195/1200 erfolgte oder ob der Baubeginn erst ab 1220 anzusetzen ist. Da archivalische Quellen fehlen, ist die Forschung auf stilgeschichtliche Befunde angewiesen. Kempkens plädiert auf dieser Grundlage für eine Spätdatierung. Damit stand die Kirche in einer Reihe mit anderen vom Geschlecht der lippischen Edelherrn initiierten Sakralbauten: Bernhard II. zur Lippe hatte diese Tradition in Orientierung an dem modernen westfranzösischen ‚Style Plantagenêt‘ in Marienfeld und Lippstadt begründet; die Nicolaikirche erscheint aber nach Kempkens’ Untersuchungen eher als Ausfluss einer zweiten Generation dieser Bautradition, die im Auftrag seiner männlichen und weiblichen Nachfahren weiterentwickelt wurde. Mag die Datierung auch umstritten bleiben, so ist die ‚Familienarchitektur‘ der lippischen Edelherrn jedenfalls Ausdruck der ambitionierten Selbstdarstellung dieses Hochadelsgeschlechts, das einer ganzen Region sichtbar ihren Stempel aufzudrücken suchte.

Ein prominentes Ausstattungsstück der Nicolaikirche in Lemgo rückt der Beitrag von Christina Niemann in den Blick: das Epitaph des lippischen Landdrosten Moritz von Donop (1543–1585), eines streitbaren Lutheraners, der gegen die Türken ebenso wie im Gefolge Ludwigs von Nassaus in den Niederlanden gegen die katholischen Spanier gekämpft hatte. Den Mittelteil des Grabdenkmals schmückt mit der von der Cranach-Schule seit 1529 entwickelten ‚Gesetz-und-Gnade‘-Allegorie ein zentrales Element lutherischer Bildpropaganda. Freilich scheint diese Bildtradition in Lippe kaum verbreitet, überdies am Ende des 16. Jahrhundert bereits veraltet gewesen zu sein. Die Autorin deutet ihr Aufgreifen als eine Stellungnahme der Familie von Donop im Kontext der drohenden Zweiten Reformation in Lippe durch den dem Reformiertentum zuneigenden Grafen Simon VI. ab 1579, mithin nicht nur ein Ausdruck christlicher Frömmigkeit, sondern auch eine Markierung konfessionellen Eigensinns.

Anders als das Donop-Epitaph ist der Gedenkstein für den Arzt und Asienreisenden Engelbert Kaempfer (gestorben 1716) in der Lemgoer St.-Nicolai-Kirche ein Artefakt der Gegenwart: Er stammt aus dem Jahr 2009. Der Beitrag von Gisela Wilbertz erzählt aber nicht nur von der Wiederentdeckung des zwischenzeitlich in Vergessenheit geratenen Grabes unter der Orgel im Nordostchor von St. Nicolai, wo der Lutheraner Kaempfer, obwohl er außerhalb der Stadt in reformiertem lippischen Territorium wohnte, lange Jahre einen Kirchenstuhl besessen hatte. Der Aufsatz eröffnet zugleich ein anschauliches Panorama der frühneuzeitlichen Bestattungskultur in einem städtischen Gotteshaus, konfessionelle und verwandtschaftliche Konflikte im Umfeld der Begräbnisse inklusive.

Ins benachbarte Blomberg führt der Beitrag von Neithard Bulst. Er stellt einen Zyklus von 18 Predigten vor, die der Stadtpfarrer Justus Piderit dort 1581/82 im Zug einer Pestepidemie gehalten hatte und die bald darauf von seinem Sohn Johannes für den Druck bearbeitet und erweitert wurden. So ungewöhnlich breit angelegt das Werk erscheint, so dezidiert einseitig wirkt aus heutiger Sicht seine inhaltliche Schwerpunktsetzung. Auch wenn sich Piderit einer Auseinandersetzung mit praktischen Fragen nicht völlig entziehen kann, zielt er vor allem auf eine theologische Deutung der Pest als Strafe Gottes. Gleichzeitig versteht er die Seuche als eine Mahnung zur Umkehr, zur Annahme eines christlichen Lebenswandels und zur tätigen Nächstenliebe.

Etwas aus dem Rahmen der anderen Beiträge fällt der Beitrag von Katharina Koselleck über die Elfenbeinkrümme aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Sie gehörte offenbar zu einem verloren gegangenen silbernen Stab des Abtes Heinrich von Rodenberg, der von 1358 bis 1381 Vorsteher des Benediktinerklosters Liesborn war. Auch in diesem Fall geht es, neben den heilsgeschichtlichen Dimensionen der Elfenbeinschnitzerei (Kreuzigung, Vierge glorieuse, Erbsünde, Ermahnung zur Demut) um politische Markierungen im sakralen Raum, sah sich das Kloster Liesborn seit 1360 doch im Zentrum von Auseinandersetzungen über die Herrschaftsrechte zwischen den Grafen von Tecklenburg, den Grafen von der Mark und den Edelherrn zur Lippe, die bisher die Vogteirechte ausgeübt hatten. Die acht vergoldeten Silberrosetten, die die szenischen Darstellungen rahmen, deutet die Autorin als lippische Rosen und damit als öffentliche Unterstützung des Liesborner Abtes für die edelherrlichen Ansprüche. 1383 fiel die Klostervogtei trotzdem endgültig an die Tecklenburger.

Das Themenheft, so konzedieren die Schwerpunktherausgeber in ihrer Einleitung, sei kein geschlossener wissenschaftlicher Sammelband zum Sakralraum. Landeskundliche Zeitschriften müssen ein gewisses Maß an inhaltlicher Offenheit und Breite bewahren, wollen sie für ihre Zielgruppen attraktiv bleiben. Gleichwohl bleibt der Band ein imponierendes Zeugnis dessen, was eine ambitionierte geschichtliche Landeskunde zu leisten vermag.

Anmerkung:
[1] Ankündigung und Inhaltsverzeichnis in der Zeitschriftendatenbank bei H-Soz-u-Kult: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/zeitschriften/ausgabe=6507> (26.03.2012).

Zitation
Gerd Schwerhoff: Rezension zu: Meier, Ulrich; Priever, Andreas (Hrsg.): Sakrale Räume. Formen, Bedeutungen, Praktiken. Bielefeld 2011, in: H-Soz-Kult, 13.04.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18476>.
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13.04.2012
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