T. Wesolowski: Verleger und Verlagspolitik

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Titel
Verleger und Verlagspolitik. Der Wissenschaftsverlag R. Oldenbourg zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus


Autor(en)
Wesolowski, Tilmann
Erschienen
München 2010: Martin Meidenbauer
Umfang
434 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Matthias Berg, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Es tut nicht mehr Not, für die Verlagsgeschichtsschreibung zu werben. Ihre besondere Bedeutung für die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte ist erkannt, ihre Ergebnisse bereichern seit einigen Jahren zunehmend Fragestellungen und Erkenntnisse zu den Bedingungen der „Wissensproduktion“.[1] Der Münchner Oldenbourg Verlag entwickelte sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten deutschen Verlage, anlässlich seines 150. Gründungsjubiläums 2008 widmete Reinhard Wittmann der Verlagsgeschichte Oldenbourgs eine sicher nicht erschöpfende, jedoch in vielerlei Hinsicht anregende Darstellung.[2] Die nun von Tilmann Wesolowski vorgelegte Studie konzentriert sich auf den Wissenschaftsverlag Oldenbourg, für die Entwicklung des Verlagshauses ebenfalls wesentliche Unternehmungen wie der Schulbuchverlag oder die Bayerische Staatszeitung werden nur am Rand berücksichtigt. Zeitlich beschränkt der Autor seine Darstellung, die aus einer Dissertation hervorgegangen ist, auf die Geschichte Oldenbourgs zwischen der Wende zum 20. Jahrhundert und dem Untergang des Nationalsozialismus 1945. Einleitend skizziert Wesolowski sehr kurz die Entwicklung Oldenbourgs von der Verlagsgründung bis zum Beginn seines Untersuchungszeitraums, umreißt den Forschungsstand und konstatiert, das eine „wissenschaftliche Arbeit über den Verlag Oldenbourg fehlt“ (S. 22). Deutlich, gegenüber einer in Intention, Anspruch und Profil kaum vergleichbaren Arbeit wohl eine Spur zu deutlich, grenzt sich Wesolowski von der Festschrift Wittmanns ab. Seine eigene Studie, so erläutert er, sei zudem weniger eine Verlags- denn eine Verlegergeschichte, er wolle die „handelnden Akteure“ und die „Verlagswerke selbst“ (S. 29) in den Blick nehmen. Gegliedert ist die Arbeit entlang der politischen Systemwechsel, beginnend mit dem wilhelminischen Kaiserreich.

Am „Ende des goldenen Verlagszeitalters“, so die Kapitelüberschrift, habe die Aufmerksamkeit des Verlages vor allem den wichtigen Fachzeitschriften gegolten. Etwas unvermittelt setzt die Darstellung Wesolowskis mit diesem Aspekt ein, der für die Geschichte Oldenbourgs in der Tat bereits seit Verlagsgründung von besonderem Rang gewesen war. Die Abwehr von Konkurrenzgründungen, die Pflege der bereits verlegten Zeitschriften, die prägende Rolle der jeweiligen Redakteure und ihre Beziehungen zum Verlag – sowohl im Allgemeinen wie für einige speziellere Beispiele konturiert Wesolowski diesen wichtigen Bereich der Verlagspolitik. Anschließend widmet er sich den Versuchen Oldenbourgs, sich „im technischen und historischen Feld“ (S. 66) weiter zu profilieren, mithin das Verlagsprogramm zu spezialisieren, geht aber auch auf die Etablierung der Bayerischen Staatszeitung und des Schulbuchverlages sowie den Antritt der dritten Verlegergeneration der Familie Oldenbourg ein. Einzelne Verlagsprojekte, vor allem im aufstrebenden technischen Bereich, aber auch das von Friedrich Meinecke und Georg von Below herausgegebene „Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte“, folgen. Sicher, die Unternehmungen des Verlages waren vielfältig, auch kann Wesolowski für die einzelnen Aspekte durchaus interessante Quellen vor allem aus dem Verlagsarchiv präsentieren. Die disparate Fülle der angerissenen Aspekte deutet es jedoch an, in diesem Abschnitt hätte eine analytische, auch darstellerische Straffung einer präziseren Nachzeichnung der Konturen der Verlagspolitik sicher gedient. So verschütten zahllose, manchmal sehr kleinteilige und vor allem für die Argumentation nicht immer notwendige Informationen den spannenden Befund einer, gleichsam „krisenfesten“, Doppelstrategie des Verlages mit der parallelen Förderung von Natur- und Technikwissenschaften auf der einen, Geistes- und vor allem Geschichtswissenschaften auf der anderen Seite, sowie einem beide Bereiche kennzeichnenden Zug zur Wissenschaftspopularisierung.

Den Abschluss des ersten Kapitels bildet eine knappe Skizze der zunehmenden Mangelwirtschaft des Ersten Weltkrieges wie der „Wirren der Nachkriegszeit“. Die Krisis der deutschen Wissenschaft, ihre internationale Isolation und finanzielle Bedrängnis, blieben selbstredend auch für den Wissenschaftsverlag Oldenbourg nicht folgenlos. Wesolowski konstatiert zudem eine zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit der Wissenschaftler von den Verlagen, in deren Folge vormalig wenig beeinflussbare Großordinarien Oldenbourg nun auf „Augenhöhe“ (S. 141) begegnen mussten. Zur prägenden Verlegerfigur wurde in der Weimarer Republik Wilhelm Oldenbourg. Seinen besonderen Einfluss schildert Wesolowski sehr nachvollziehbar und überzeugend, wenngleich die oftmalige Betonung „ideeller“ Motive für verlegerisches Handeln auch zweifelnder bewertet werden könnte. Die Darstellung, die auch die bald einflussreichen Verlagsberater bzw. -mitarbeiter Manfred Schröter und Wilhelm von Cornides einbezieht, gewinnt in diesem Abschnitt durch die Konzentration auf die den Verlag führenden Protagonisten deutlich an Struktur und Klarheit. Es sind, nicht zuletzt in persönlichen Motiven, Interessen und Anschauungen begründete, Entscheidungen von Verlegern, die Oldenbourg prägen – ein allerdings nicht übermäßig überraschendes Ergebnis.

Die Weltwirtschaftskrise schließlich ließ auch die Verlagsbranche und mit ihr den Oldenbourg Verlag nicht ungeschoren, die sich ab 1933 vermeintlich bietenden Chancen wollte man auch deshalb nicht ungenutzt lassen. Angesichts des zweifelhaften Erfolgs dieser Bemühungen betitelt Wesolowski sein Kapitel zur Zeit im Nationalsozialismus treffend mit „Angepasst und doch verschmäht“. Ausführlich widmet sich Wesolowski dem bereits untersuchten Wechsel der Herausgeberschaft der Historischen Zeitschrift von Friedrich Meinecke zu Karl Alexander von Müller [3], ohne jedoch aus der gesonderten Perspektive seiner „Verlegergeschichte“ mit neuen Erkenntnissen aufwarten zu können. Historiographiegeschichtlich kann und will Wesolowski dem Gegenstand keine neuen Seiten abgewinnen, eine ökonomische Motivation Oldenbourgs hält er für überschätzt. Letztlich verbleibt, dass der Verleger den Wechsel aus „persönlichen und politischen Gründen“ gewünscht, aus Angst vor Verlust des im Ansehen der Zeitschrift beinhalteten „symbolischen Kapitals“ aber zögerlich agiert habe (S. 288f). Ein doch sehr allgemeiner Befund, angesichts des postulierten besonderen Gewinns einer Betrachtung der Perspektive des Verlegers, hier für den Wandel geisteswissenschaftlicher Zeitschriften im Nationalsozialismus. Wenn Wesolowski schließlich annimmt, für Historiker wie Albert Brackmann, Willy Andreas oder Heinrich von Srbik habe Oldenbourg die Möglichkeit geboten, „ihrer Geschichtsauffassung durch das Verlagssignet fachliches Ansehen zu verschaffen“ (S. 278), wird deutlich, das er zumindest in diesem Fall die Bedeutung seiner Untersuchungsperspektive überschätzt. Das ist schade, denn in anderen Abschnitten des Kapitels kann Wesolowski sehr wohl zeigen, wie wichtig und unverzichtbar diese sein kann.

Insgesamt offeriert Tilmann Wesolowski in seiner gut lesbaren Geschichte des Wissenschaftsverlags Oldenbourg zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus eine Vielzahl von interessanten, zu weiteren Forschungen anregenden Ergebnissen, deren Erschließung durch das dankenswerter Weise angefügte Personen- und Institutionsregister erheblich erleichtert wird. Indes kann die gewählte Untersuchungsperspektive insgesamt nur zu Teilen überzeugen. Ein grundlegendes Problem der Untersuchung liegt in ihrer weitgehend auf das Verlagsarchiv beschränkten Quellenbasis, dieser offenbar bewusst gewählten „Perspektive quasi aus dem Blickwinkel des Verlags“ (S. 29) hätten korrigierende, nicht aus dem Verlag oder der Korrespondenz mit ihm stammende Überlieferungen fraglos gut getan.[4] Die gewählten analytischen Instrumente können die disparaten Wissensfelder der Verlagstätigkeit nicht immer hinreichend fassen, die bloße Fülle dargestellter Verlagsprojekte kann für eine wünschenswerte analytische Tiefe nicht sorgen. Zwar wollte Wesolowski seine Verlegergeschichte nicht biographisch verstanden wissen (S. 29), doch wird seine Untersuchung vor allem in der Darstellung persönlicher Prägungen und Motive ertragreich, auch seine resümierende Schlussbetrachtung spiegelt dies wider. Für kommende Verlags- und Verlegergeschichten kann, dies hat Tilmann Wesolowski überzeugend verdeutlicht, eine Biographie Wilhelm Oldenbourgs als besonders wünschenswert bezeichnet werden.

Anmerkungen:
[1] So zuletzt unter anderem: Olaf Blaschke, Verleger machen Geschichte. Buchhandel und Historiker seit 1945 im deutsch-britischen Vergleich, Göttingen 2010.
[2] Reinhard Wittmann, Wissen für die Zukunft. 150 Jahre Oldenbourg Verlag, München 2008.
[3] Vgl. Gerhard A. Ritter, Die Verdrängung von Friedrich Meinecke als Herausgeber der Historischen Zeitschrift 1933-1935, in: Dieter Hein (Hg.), Historie und Leben. Der Historiker als Wissenschaftler und Zeitgenosse. Festschrift für Lothar Gall zum 70. Geburtstag, München 2006, S. 65-88.
[4] So hätte, angesichts des omnipräsenten Friedrich Meinecke, bei der Darstellung der geschichtswissenschaftlichen Verlagsprojekte eine Konsultation seines gut erschlossenen Nachlasses im Geheimen Staatsarchiv Berlin-Dahlem nahegelegen, um die „Innensicht“ der Verlagspolitik zu überprüfen.

Zitation
Matthias Berg: Rezension zu: Wesolowski, Tilmann: Verleger und Verlagspolitik. Der Wissenschaftsverlag R. Oldenbourg zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. München 2010, in: H-Soz-Kult, 05.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18494>.