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Titel
Fremde Worte. Medien für 'Gastarbeiter' in der Bundesrepublik im Spannungsfeld von Außen- und Sozialpolitik


Autor(en)
Sala, Roberto
Erschienen
Umfang
340 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Jörg Becker, Solingen

Roberto Salas Buch „Fremde Worte. Medien für ‚Gastarbeiter‘ in der Bundesrepublik im Spannungsfeld von Außen- und Sozialpolitik“ ist eine exzellent recherchierte und auf hohem Niveau geschriebene Dissertation. Sie ist aber nicht nur eine wissenschaftliche Studie, sie ist gleichzeitig auch eine rundfunkpolitische Bombe, weil sie – wenn auch auf einem scheinbaren Nebenfeld, dem der „Gastarbeitersendungen“ – empirisch sehr detailliert und sauber den Nachweis erbringt, dass die durch Artikel fünf des Grundgesetzes geforderte Staatsferne der ARD eine politische Schimäre ist. Vielmehr gab es permanente, systemwidrige und erfolgreiche staatliche Eingriffe in die Rundfunkhoheit der Bundesländer und eine Verletzung des Gebots der Staatsferne der einzelnen ARD-Anstalten. Doch der Reihe nach.

Der Autor untersucht in dieser Arbeit die Geschichte der Medien für „Gastarbeiter“ von Anfang der 1960er- bis Ende der 1970er-Jahre, besonders im Rundfunk-, aber auch im Pressebereich (die sogenannten Gastarbeiterzeitungen). Er tut dies gestützt auf Archivmaterial aus verschiedenen Ministerien, Rundfunk- und Privatarchiven sowie zwanzig Zeitzeugeninterviews. Ein einleitendes Kapitel über den Propagandakrieg setzt den Rahmen, entwickelt Fragestellungen: Bereits hier kann Sala überzeugend zeigen, dass es für deutsche Akteure drei Motive gab, sich im Bereich von Medien für Ausländer zu engagieren. Zum ersten ging es um soziale Gründe, da sehr viele „Gastarbeiter“ unter erbärmlichen sozialen Umständen lebten. Daher war es notwendig, sie mit Ratgebersendungen in ihren eigenen Sprachen zu unterstützen. Während es die ARD in ihren vielen Selbstdarstellungen mit diesem Argument auf sich bewenden lässt, zeigt Sala zwei weitere, bislang in der öffentlichen Diskussion ausgeblendete Argumentationsstränge. Drängte beispielsweise die italienische Regierung bei der Bundesregierung auf italienischsprachige Radiosendungen für ihre eigenen Staatsbürger in Deutschland, so nutzte der Bund derartige Interventionen, um sich gegenüber den Bundesländern und ihren ARD-Anstalten rundfunkpolitisch und zugleich verfassungswidrig als zentralstaatlicher Medienakteur erfolgreich durchzusetzen. Und schließlich gab es ein drittes Argument: So fiel der Start des italienischsprachigen Programms beim WDR kaum zufällig in das Jahr des Mauerbaus 1961. Drei Jahre später legte das Bundesinnenministerium sogar explizit ein Programm zur „Abwehr der kommunistischen Infiltration im Bereich der Gastarbeiter“ auf. Die Geburtsstunde des italienischen Radios aus Köln war eben nicht nur Sozialpolitik für die „armen“ „Gastarbeiter“, sondern auch antikommunistische Abwehrpolitik auf italienische Radiosendungen aus Prag, die sich gezielt an Gastarbeiter in der Bundesrepublik gewandt hatten.

Die folgenden drei empirischen Fallstudien konkretisieren Salas Fragestellungen unter den Kapitelüberschriften: „Die Konflikte mit den Herkunftsländern“, „Ein Mittel sozialpolitischer Gestaltung“ und „Radio Colonia, eine Sendung für Italiener“. Besonders das Kapitel über die Konflikte mit den Herkunftsländern eröffnet eine außenpolitische und damit neue Perspektive im Themenbereich Medien und Migranten. Je nach Land und Anlass waren diese außenpolitischen Konflikte sehr disparater Natur und in ihnen verschränkten sich oft auf eigentümliche Weise Innen- und Außenpolitik. Im sozialdemokratischen „roten“ WDR, in der ARD arbeitsteilig für italienische und türkische Migranten zuständig, ging man von einer deutschen Verantwortung für die fremdsprachigen Radiosendungen aus, räumte den im eigenen Haus mitarbeitenden fremdsprachigen Journalisten dementsprechend nur einen sehr kleinen eigenen Gestaltungsraum ein und mischte sich ansonsten nicht in die inneren Angelegenheiten der Herkunftsländer ein. Ganz anders verfuhr der „konservative“ Bayerische Rundfunk, der für spanisch- und griechischsprachige Sendungen zuständig war. Von dort kam eine recht kritische Berichterstattung über das Spanien unter Franco (bis 1975) und das griechische Obristenregime (1967–1974), die erst nach einer Reihe von Konflikten mit Griechenland 1972 ein wenig abgemildert wurde. In die Berichterstattung des Bayerischen Rundfunks mischten sich auch deutsche Unternehmerkreise mit der Intervention ein, dass kritische Töne aus München deutsche Investitionen in Spanien gefährden könnten. Konflikte zwischen dem türkischsprachigen Programm des WDR und verschiedenen rechtsgerichteten türkischen Regierungen gipfelten Ende der 1970er-Jahre in innenpolitischen Auseinandersetzungen innerhalb von Deutschland: Rechtsgerichtete Organisationen protestierten gegen das angeblich kommunistische Radioprogramm – SPD- und Gewerkschaftskräfte organisierten Gegendemonstrationen.

Auch das Kapitel „Ein Mittel sozialpolitischer Gestaltung“ fördert Erstaunliches zutage. Dass Medien für Ausländer eine sozialpolitische Funktion haben sollen (Orientierungshilfe und Brücke zur Heimat) ist eine Binsenweisheit. Doch verdrängt und vergessen scheint die Tatsache, dass das Bundespresseamt, verfassungsrechtlich ebenfalls mehr als brisant, von Mitte der 1960er-Jahre bis 1971 im Bonner Heinz Möller-Verlag vier Gastarbeiterzeitungen (Corriere d’Italia, Anadolu, El Emigrante und I Elliniki) finanzierte, teils aus dem vom Deutschen Bundestag nicht kontrollierten sogenannten Reptilienfonds. Hauptaufgabe dieser Zeitungen war es, „der kommunistischen Beeinflussung entgegenzutreten“ (S. 197). Als sich dann unter der sozialliberalen Koalition eine Entspannungspolitik gegenüber den Ländern des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe durchsetzte, verschwanden diese Zeitungen von einem auf den anderen Tag.

Das letzte Kapitel über „Radio Colonia“ ist das Heimspiel des Italieners Roberto Sala, ein glanzvoller Schlussakkord über das italienischsprachige Radioprogramm des WDR, denn exemplarisch zeigt dieses Kapitel unterschiedliche Konflikte im Verlauf von zwei Generationen auf. Hatten sich die ersten italienischen Journalisten dem paternalistischen Konzept von „italienische Mitarbeiter“ versus „deutsche Aufsicht“ unterzuordnen, gehorchten die anfänglichen Sendungen einem Gebot der Einwanderungshilfe für den „Gastarbeiter“ als Opfer schlechter sozialer Umstände. Übernahmen die ersten Sendungen kritiklos das politische Material von RAI (Radiotelevisione Italiana), so entwickelte sich daraus Ende der 1970er-Jahre ein Konzept der „Normalisierung“. Der italienische Redakteur und der Migrant als seine Zielgruppe waren nicht länger Teil eines „Radios für Auswanderer“, sondern Teil eines „Radios für italienische Bürger“. Der Opferstatus war weg.

Abschließend sind folgende Sätze aus dieser Studie eventuell bemerkenswerter als dem italienischen Autor Roberto Sala selbst bewusst ist. Da schreibt er: „Ausländer sollten [in den Rundfunkanstalten] deshalb nur als Sprecher und Übersetzer beschäftigt werden. In der Praxis übten sie von Anfang an auch eine journalistische Tätigkeit aus, wurden aber von den deutschen Vorgesetzten streng kontrolliert.“ (S. 182) Und: „Die Medien für ‚Gastarbeiter‘ zeigen allgemein, dass der Prozess der Liberalisierung der Bundesrepublik ins Stocken geriet, wenn ausländische Journalisten die Freiheiten der westdeutschen Medienordnung für sich beanspruchten oder davon Gebrauch machten.“ (S. 183) Denn gelten solche Barrieren für ausländische Journalisten auch für ausländische Wissenschaftler? Ja und nein.

Es fällt auf und lässt sich auch im umfangreichen Literaturverzeichnis des Autors an den dort aufgeführten Namen gut erkennen, dass ausländische Wissenschaftler im Arbeitsgebiet Medien und Migranten kaum präsent sind. Das spiegelt einerseits einen strukturellen Rassismus wider, lässt sich andererseits gut demografisch und von den Sozialisationsmustern der Migranten der ersten, zweiten und dritten Generation erklären. Spannend sind deswegen die Ausnahmen von dieser Regel. Ein Spanier wie Manuel J. Delgado war in Deutschland der erste Wissenschaftler, der 1972 eine Monografie über Vorurteile gegen „Gastarbeiter“ in der deutschen Presse veröffentlichte. Es war eine Deutsch-Türkin wie Nesrin Z. Calagan, die 2010 eine erste wissenschaftliche Studie über die türkische Presse in Deutschland vorlegte, und es war mit Marie Mualem Sultan eine deutsch-syrische Wissenschaftlerin, die 2011 die erste wissenschaftliche Studie über den Anteil von Migranten an den Aufsichtsgremien der ARD publizierte.[1] Und mit dem Italiener Roberto Sala liegt die erste wissenschaftliche Arbeit über die Geschichte des „Gastarbeiter“-Radios vor – und er erklärt sie eben nicht (wie sonst überall in Deutschland) primär aus sozialpolitischen Gründen, sondern aus dem Geist des Kalten Krieges. Während sich namentlich der WDR bis auf den heutigen Tag vom Paradigma der Integration leiten lässt, haben Wissenschaftler mit Migrationshintergrund wie Delgado, Calagan, Mualem Sultan und Sala einen anderen Blickwinkel. Die deutsche Wissenschaft braucht ihre innovative Sicht!

Anmerkung:
[1] Vgl. Manuel J. Delgado, Die Gastarbeiter in der Presse. Eine inhaltsanalytische Studie, Opladen 1972; Nesrin Z. Calagan, Türkische Presse in Deutschland. Der deutsch-türkische Medienmarkt und seine Produzenten, Bielefeld 2010; Marie Mualem Sultan, Migration, Vielfalt und öffentlich-rechtlicher Rundfunk, Würzburg 2011.

Zitation
Jörg Becker: Rezension zu: Sala, Roberto: Fremde Worte. Medien für 'Gastarbeiter' in der Bundesrepublik im Spannungsfeld von Außen- und Sozialpolitik. Paderborn 2011, in: H-Soz-Kult, 22.02.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18969>.
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22.02.2013
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