D. van Reybrouck: Kongo. Eine Geschichte

Cover
Titel
Kongo. Eine Geschichte


Autor(en)
van Reybrouck, David
Erschienen
Berlin 2012: Suhrkamp Verlag
Umfang
783 S.
Preis
€ 29,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Esther Helena Arens, Institut für Niederlandistik, Universität zu Köln

Zehn Jahre lang hat Adam Hochschilds „Schatten über dem Kongo“ international das historische Bild dieses Landes im Herzen Afrikas geformt. Gleichzeitig wurde in Belgien die koloniale Vergangenheit vorrangig in Fotoalbenmanier aufgeblättert. Darum schien 2010, also 50 Jahre nach der politischen Unabhängigkeit der Republik Kongo, ein kleines Buch ein kleines Buch mit dem Titel „Kongo für Anfänger“ marktfähig.[1] David Van Reybrouck gehört zu einem Kreis von Wissenschaftler/innen und Künstler/innen, die seit einigen Jahren an einer kulturhistorisch geprägten Neu-Erzählung der belgisch-kongolesischen Beziehungen arbeiten. Vor zwei Jahren publizierte der Amsterdamer Verlag De Bezige Bij sein Opus Magnum über die Geschichte des Kongo, das in 15 Kapiteln den Zeitraum von 1870 bis 2010 behandelt. Nun liegt es in deutscher Übersetzung vor.

Das Vorwort beginnt mit einer Art Kameraschwenk aus dem Weltall auf den Fluss Kongo bis in einen Hinterhof von Kinshasa, führt in die Problematik von Blickwinkeln und Erzählmaßstäben ein, und reflektiert die Bedeutung von Forschungsstand, Quellen, Erinnerung und Zeitzeugenschaft. Im letzten Kapitel und in der Danksagung verweist Van Reybrouck auf seinen Anspruch, kongolesische Geschichte als Weltgeschichte zu schreiben (S. 652), und erläutert den Versuch, zugleich eine „Geschichte von unten“ mit den kombinierten Mitteln „von oral history und material culture studies“ zu entwerfen (S. 664).

Das Buch ist chronologisch gegliedert. Die Kapitel orientieren sich an herkömmlichen Periodisierungen entlang politischer Ereignisse (Freistaat unter König Leopold II. und belgischer Kolonialstaat, Weltkriege und Weltwirtschaftskrisen, Dekolonisierung, Kalter Krieg und Mobutu-Regime, Globalisierung), greifen auf publizierte Quellen wie wissenschaftliche Sekundärliteratur zurück und sind mit Karten illustriert. Die Erzählung bewegt sich von Erinnerungsorten des Kolonialismus wie Sklaverei und Kautschuk über Ikonen des Kalten Krieges wie Patrice Lumumba und Joseph Mobutu und popkulturellen Highlights wie dem „Rumble in the Jungle“ zum katastrophalen „Großen Afrikanischen Krieg“ der Gegenwart. Van Reybrouck legt dar, wie „der Kongo“ und dessen „Stämme“ in Wissenschaft, Politik und Mission in der Kolonialzeit konstruiert wurden (S. 138ff.), analysiert die Auswirkungen dieses Tribalismus im Jahr der Unabhängigkeit 1960 (Kapitel 8), stellt Mobutus authenticité-Politik in diesen Kontext (S. 416ff.) und beschreibt die Ethnisierung des militärischen Konflikts in den Provinzen Nord- und Südkivu seit den 1990er-Jahren (Kapitel 12).

Eine europäische Dimension der Geschichte des Kongo zeigt sich, wenn Van Reybrouck die deutschen Verflechtungen mit dem Mobutu-Regime erwähnt – vom Bundesforschungsministerium mitfinanzierte Raketentests und Zwangsumsiedlungen in den 1970er-Jahren (S. 434), die progressive Haltung des deutschen IWF-Bankers Erwin Blumenthal zur Staatsverschuldung 1978 (S. 444ff.) oder die geschäftliche Beteiligung der auf Geldnoten spezialisierten Druckerei Giesecke & Devrient an der Hyperinflation in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre (S. 482). Eine politische Dimension entfaltet sich, wenn der Autor mit vergleichendem Blick auf Südafrika und Rhodesien die „unsichtbare Rassenschranke“ in der kongolesischen Kolonialgesellschaft der 1930er-Jahre dekonstruiert (S. 213), die Mechanismen von Parallelwirtschaft und Korruption in den 1980er-Jahren analysiert (S. 461) oder die Kapitulation der westlichen Medien vor der militärisch-politischen Komplexität im Gebiet der Großen Seen seit dem Ersten Kongokrieg 1996/97 kritisiert (S. 518f.).

Auf der anderen Seite kreuzt und verwebt Van Reybrouck diese sachbezogene Ebene von Beginn seiner Darstellung an mit personalisierten und emotionalisierten Reise-, Recherche- und Interview-Erfahrungen und nutzt narrative Techniken von Bühne und Film: „Auszoomen. Kameraschwenk. Erneut kadrieren. Neuer Fokus […]“ (S. 432). So wird das 7. Kapitel „Ein Donnerstag im Juni“ über die Unabhängigkeits-Zeremonie am 26. Juni 1960 zum dramatischen Höhepunkt, und das 8. Kapitel verweist explizit auf die Wucht von Thronkämpfen im Theater (S. 334).

Zusammengenommen erzeugen Programm und Methode nicht nur erzählerische Spannung, sondern auch inhaltlichen Mehrwert, ob in klassischen Feldern wie der Wirtschafts-, Sozial- und Konsumgeschichte oder neuen Gebieten wie der transnationalen Geschichte religiöser Bewegungen und der Geschichte des Auditiven. So kann Van Reybrouck etwa über seinen Zugang zu kongolesischen Quellen und Zeitzeugen die Rohstoff- und Bergbaugeschichte nicht in den Büros der Union Minière in der Provinz Katanga, sondern in den Häusern der Bergarbeiter, deren Familienleben und Unterhaltung in der cité indigène von Elisabethville, dem heutigen Lubumbashi verorten (S. 151ff., S. 291ff.). In Vignetten ziehen auf diese Weise Industrialisierung und Proletarisierung, Migration, Urbanisierung und Modernität, Streiks und Emanzipation vorbei, bis hin zum Fußball als Disziplinierungsinstrument für eine neue schwarze Arbeiterklasse (S. 209). Regelmäßig verweist die Musik auf gesellschaftliche Veränderungen: In den 1920er-Jahren schuf die Rumba eine transatlantische Verbindung von der Karibik zurück in den Kongo (S. 203), griechische Migranten trieben in den 1950er-Jahren das Musikgeschäft voran (S. 256), Mobutu förderte die Musikindustrie als einheimischen Kulturzweig in den 1970er-Jahren (S. 418), in den 1990er-Jahren eroberte Heineken den Biermarkt mithilfe des Superstars Werrason (S. 560ff.), in den 2000er-Jahren wurde in Kisangani der Hiphop zu einer Plattform für politische Kritik (S. 601). Van Reybrouck nutzt wiederkehrende Dinge wie Transistorradio oder Fernsehen als roten Faden für Mikrogeschichten, um den belgisch-europäisch-westlichen Überlieferungen kongolesische Erzählungen entgegenzustellen und Modernität wie Normalität einer kongolesischen Zivilgesellschaft jenseits der Klischees vom verlorenen dunklen Kontinent zu erzeugen. Am Ende steht die Demobilisierung von Kindersoldaten in Gummistiefeln und der Aufbruch kongolesischer Kleinunternehmerinnen ins chinesische Guangzhou (S. 628ff.) – Subjekte und Agenten der Globalisierung. In der niederländischen Ausgabe spiegelt sich diese konkretisierende und individualisierende Haltung auch im Titelfoto, das einen der wichtigsten Interviewpartner Van Reybroucks zeigt, den inzwischen verstorbenen Etienne Nkasi, während auf dem Cover der deutschen Version das stereotype Porträt eines melancholisch dreinschauenden schwarzen Mannes zu sehen ist.

Kategorisiert als „literaire non-fictie“ und „Doku-Drama“, hat „Kongo. Eine Geschichte“ im niederländischsprachigen Raum vier bedeutende Literaturpreise erhalten und eine Auflage von 200.000 Exemplaren erreicht; die Übersetzung ist im deutschen Feuilleton bereits begeistert rezensiert worden.[2] Allerdings forderte das Genre an der Schnittstelle von Reportage, Wissenschaft und Literatur auch Widerspruch heraus: Zwei flämische Autoren monierten die einseitige Charakterisierung von Lumumba im Besonderen und die eurozentrischen Verengungen durch die Literarisierung im Allgemeinen[3], während ein wissenschaftlicher Essay die Darstellung des Sklavenhandels im 19. Jahrhundert als Weiterführung kolonialen Objekt-Denkens kritisierte.[4] Ein Satz wie „Dass er außerdem noch einen Spitzenbeamten des Außenministeriums bat, ihm eine blonde Escort-Dame zu besorgen, kam auch nicht besonders gut an“ (S. 358), den der Autor im Zusammenhang mit Lumumbas USA-Reise formuliert, ist ohne explizite Quellenkritik problematisch. Van Reybrouck schreibt selbst, dass er die Anekdote als Erkenntnismittel favorisiert (S. 614). Größtenteils fallen Autor und Erzähler in der ersten Person zusammen. An einigen Stellen benutzt Van Reybrouck jedoch eine allwissende Erzählerfigur zur Verdichtung und Veranschaulichung, beispielsweise in der Darstellung von Mobutus Machtverlust um 1990 (S. 430f., S. 464f.). Damit bewegt er sich auf einem problematischen Grat empathischer Darstellung und verlagert die Aufgabe (moralischer) Bewertung auf die Seite der Lesenden.[5] In der Gesamtschau erscheint das Werk als post-koloniale Aktualisierung dreier Wissensformen europäischer-außereuropäischer Begegnung seit dem 16. Jahrhundert, nämlich des Reiseberichts, der Geschichte von Aufstieg und Fall eines Staatswesens sowie der Kriegsberichterstattung. Entstehen konnte es nur mithilfe eines belgisch-kongolesischen Netzwerks (wie die Danksagung offenbart) und den Qualitäten kongolesischer Oralität. Eine Art Afrikanisierung als einseitiger Transfer? Die französische Übersetzung, die das Buch für eine breitere Leserschaft im Kongo selbst und den Nachbarländern erschließen würde, soll diesen Herbst herauskommen.

„Kongo. Eine Geschichte“ ist höchst anschaulich und empfiehlt sich gerade wegen seiner Komplexität und Ambivalenz als Einstieg in die Geschichte Zentralafrikas. Der ausführliche Anhang mit kommentierter Bibliografie zu den einzelnen Kapiteln, Literaturverzeichnis und ausführlichem Personen- und Sachregister macht das Buch auch zu einer wichtigen Referenz für eine vergleichende Geschichte europäisch-afrikanischer Beziehungen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Adam Hochschild, Schatten über dem Kongo. Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen Menschheitsverbrechen, 9. um ein Nachwort erw. Aufl. Stuttgart 2012 (1. Aufl. 2000); Tony Busselen, Congo voor beginners, Antwerpen 2010, frz.: Une histoire populaire du Congo, Bruxelles 2010.
[2] Vgl. die Pressestimmen auf <http://www.suhrkamp.de/buecher/kongo-david_van_reybrouck_42307.html> (31.07.2012).
[3] Vgl. Joris Note, David Van Reybrouck tegen Lumumba. Was dat nu wel nodig?, in: De wereld morgen vom 27.03.2011 (<http://www.dewereldmorgen.be/artikels/2011/03/27/david-van-reybrouck-tegen-lumumba-was-dat-nu-wel-nodig>, 31.07.2012), sowie Ludo de Witte, David Van Reybrouck masseert westerse bemoeienissen in Congo weg, in: Apache vom 18.05.2010 (<http://www.apache.be/2010/05/18/david-van-reybrouck-masseert-westerse-bemoeienissen-in-congo-weg/>, 31.07.2012).
[4] Johnny Van Hove, Narrating Violence Empathetically. A Narratological Investigation of the Slave Trade, in: David Van Reybrouck, Congo. A History, veröffentlicht am Institute for Postcolonial and Transcultural Studies (INPUTS), Universität Bremen (<http://www.fb10.uni-bremen.de/inputs/pdf/narrating_violence_empathetically.pdf>, 31.07.2012).
[5] Ein Verfahren, das in einem postmodernen Roman über die Zeitgeschichte des Kongo sehr gut funktioniert: Vgl. Barbara Kingsolver, The Poisonwood Bible. A Novel, New York 1998.

Zitation
Esther Helena Arens: Rezension zu: van Reybrouck, David: Kongo. Eine Geschichte. Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 27.09.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18980>.
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27.09.2012
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