A. Leo u.a. (Hrsg.): Den Unterdrückten eine Stimme geben?

Cover
Titel
Den Unterdrückten eine Stimme geben?. Die International Oral History Association zwischen politischer Bewegung und wissenschaftlichem Netzwerk. Mit einem Nachwort von Lutz Niethammer


Hrsg. v.
Leo, Annette; Maubach, Franka
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Umfang
378 S., 8 Abb.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Linde Apel, Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg

Mündliche Quellen haben in der Geschichtswissenschaft eine lange Tradition. Dennoch war die Oral History, die sich in den 1980er-Jahren auch in den bundesdeutschen Universitäten durchzusetzen begann, anfangs sehr umstritten. Das ist sie heute zwar nicht mehr, doch Oral History als Methode, Quelle und interdisziplinäres Forschungsfeld bleibt ein anspruchsvolles Unterfangen. Wie aufschlussreich der Umgang mit narrativen, lebensgeschichtlich angelegten Interviews und anderen biografischen Selbstzeugnissen sein kann, zeigt das auf Anregung von Lutz Niethammer entstandene, von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter der Leitung von Annette Leo durchgeführte Forschungsprojekt über die Vorgeschichte der International Oral History Association (IOHA)[1], die als Netzwerk, Freundeskreis und politische Bewegung analysiert wird. Von der Volkswagen-Stiftung finanziert, führten die Bearbeiter/innen Interviews mit 32 Personen aus dem „inner circle“ der IOHA. Befragt wurden 19 Männer und 13 Frauen aus elf Ländern, mit Abstand die meisten von ihnen aus Italien. Darüber hinaus standen ihnen etliche Privatarchive der beteiligten Protagonisten zur Verfügung. Ihr Anspruch, „ein Stück Intellektuellengeschichte des vergangenen Jahrhunderts“ zu schreiben (Leo, S. 7), ist sicherlich gelungen, auch wenn nicht alle Aspekte behandelt werden konnten. Eine der zahlreichen Herausforderungen bestand darin, dass sich die Autorinnen und Autoren mit der Geschichte einer Organisation befassen, die zunächst eben noch keine Organisation war, sondern eher ein informeller Zusammenhang oder auch eine „Mafia“, wie es Lutz Niethammer zuspitzend formuliert (S. 296).

Nach Annette Leos Einleitung beleuchten sechs Beiträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Vorgeschichte der IOHA in den Jahren 1976 bis 1997. Zur Abrundung geht Leo schließlich auf die besonderen Erfahrungen ein, die die Forschergruppe mit den erfahrenen Interviewer/innen im Interview machte, und Lutz Niethammer als Initiator des Projekts sowie zugleich als Beforschter steuert ein ausführliches, teils selbstkritisches Nachwort aus subjektiver Perspektive bei.

Manja Finnberg hat sich auf der Basis lebensgeschichtlicher Interviews und anderer Selbstzeugnisse mit den Biografien einiger zentraler Akteure der IOHA beschäftigt, um sich deren Selbstverortungen als „randständige Intellektuelle“ zu nähern und die Auswirkungen zu analysieren, die ihr politisches Engagement bzw. ihre politischen Erfahrungen auf ihre wissenschaftlichen Interessen und Methoden hatten – in der Zeit der Studentenbewegung, aber auch bereits etwa ein Jahrzehnt davor. Die Verbindung von selbst zugewiesener Außenseiterposition bei zugleich eher privilegierten Lebensumständen und der Verlust von politischen Perspektiven führte unter anderem zur Beschäftigung mit mündlichen Quellen und zu hohen Ansprüchen an die eigene wissenschaftliche Arbeit.[2]

Christian König und Julie Boekhoff widmen sich mit unterschiedlicher Akzentsetzung dem auf Freundschaftsbeziehungen basierenden Netzwerk bis 1996/97. Während König die 20 Jahre der Vorgeschichte als „Invisible College“ charakterisiert, in dem die Beteiligten ihre Randständigkeit durchaus auch kultivierten, hat Boekhoff ausgewählte Konferenzen betrachtet, die sie in der Entwicklung weg von oligarchischen Strukturen hin zur Gründung und Institutionalisierung für zentral hält. Agnès Arp zeichnet den Weg zur Internationalität der jetzigen IOHA nach, die sie bis in die 1990er-Jahre hinein als eher transatlantisch kennzeichnet. Der Aufhebung der nationalen Isolation der Oral Historians schreibt sie eine wichtige, auch emotionale Bedeutung zu, die die Gruppe lange zusammengehalten habe. Zugleich schlüsselt sie auf, dass sich hinter dem positiv konnotierten Begriff der Internationalität bestimmte Machtverhältnisse und Machtverschiebungen verbargen. Silvia Musso widmet sich dem Stellenwert von Interdisziplinarität – im Sinne einer Aufgeschlossenheit der IOHA-Protagonisten, verschiedene disziplinäre Impulse aufzunehmen und miteinander über Themen und Methoden zu diskutieren.

Franka Maubach, die Mitherausgeberin des Bandes, beschäftigt sich mit der Bedeutung des Sprechens und Schweigens – nicht nur im Interview, sondern auch in den Biografien der Protagonisten. Sie prüft, inwieweit der moralische Imperativ, den Sprachlosen eine Stimme zu geben (der sich leicht umformuliert und mit einem Fragenzeichen versehen im Titel des Bandes wiederfindet), auch den wissenschaftlichen Ansatz geprägt hat und ob er gegenwärtig noch gilt. Sie arbeitet heraus, dass diese Pathosformel lange spürbaren Einfluss auf die informelle Vorgeschichte der IOHA hatte. Zum einen brachte dies eine heute fast kurios wirkende Rangfolge der Länder mit Schweigegeschichte hervor, die auf den Diktatur- und Gewalterfahrungen in den Ländern basierte; so galten beispielsweise Schweden und Großbritannien als weniger interessant. Zum anderen wirkte sich der moralische Imperativ bis in die Entscheidung aus, innerhalb der Organisation neben dem als dominant geltenden Englisch auch Spanisch zur Verkehrssprache zu machen.[3] Darüber hinaus verweist Maubach auf die Tatsache, dass die Oral History nicht nur der Emanzipation bzw. Sichtbarkeit benachteiligter Gruppen dienen sollte, sondern ebenso der Aufhebung der eigenen Marginalisierung als Wissenschaftler/innen. Dies sei tatsächlich in allen geführten Interviews zur Sprache gekommen.

Streckenweise äußerst amüsant zu lesen ist Annette Leos Beitrag, in dem sie beschreibt, wie die langjährigen Oral Historians als Interviewte reagierten. Das Spektrum reichte von relativ deutlicher Gesprächsverweigerung über Chaotisierung der Interviewsituation („der explodierende Spinat“) und Zurückweisung jeglicher privater, biografisch angelegter Fragen bis hin zu offener Zuwendung, aber auch Kritik an der Durchführung der Interviews. Die mehr oder weniger bewusst vonstattengegangene Hierarchisierung – hier erfahrener Oral Historian, dort (vermeintlich) unerfahrener „Nachwuchs“ – wird für die Interviewer/innen des Projekts nicht immer angenehm gewesen sein. Allerdings wirkt dieser aufschlussreiche Einblick in die Interviewsituation mit all ihren Facetten etwas angehängt, da in den vorangegangenen Beiträgen nicht immer ein Bezug hergestellt wird zwischen dem Gesagten sowie dem Kontext und der Form, in dem es gesagt wurde.

Schade ist auch, dass die „Sturm- und Drang-Zeit“ (Leo, S. 273) der IOHA nicht unter Gender-Aspekten analysiert wird. Allein aus den wenigen schlaglichthaft ins Buch aufgenommenen Begriffen wie „old-boys-network“ oder „suberotische Familie“ (Leo, S. 17), mehr noch aus den teils ausführlich abgedruckten Zitaten wird sichtbar, wie lohnend das gewesen wäre. Diese selbstkritisch im Band erwähnte Leerstelle ist zugleich zu bedauern und zu begrüßen, öffnet sie doch das Feld für weitere Untersuchungen. Denn die Interviews werden im Projekt-Archiv der Forschungsgruppe „Erinnerung – Macht – Geschichte“[4] an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena verwahrt. Zu hoffen ist, dass sie für eine wissenschaftliche Folgenutzung zugänglich sind.

Anmerkungen:
[1] Die International Oral History Association ist im Internet präsent unter: <http://www.iohanet.org> (01.10.2013).
[2] Vgl. für den bundesdeutschen Kontext Detlef Siegfried, Die Rückkehr des Subjekts. Gesellschaftlicher Wandel und neue Geschichtsbewegung um 1980, in: Olaf Hartung / Katja Köhr (Hrsg.), Geschichte und Geschichtsvermittlung. Festschrift für Karl Heinrich Pohl, Bielefeld 2008, S. 125–146.
[3] Die von der IOHA herausgegebene Zeitschrift mit dem programmatischen Titel: „Words and Silences / Palabras y Silencios“ erscheint seit 2002 in englischer und spanischer Sprache. Siehe <http://palabrasysilencios.org> (01.10.2013).
[4] <http://www.jenacenter.uni-jena.de/Erinnerung___Macht___Geschichte.html> (01.10.2013).

Zitation
Linde Apel: Rezension zu: Leo, Annette; Maubach, Franka (Hrsg.): Den Unterdrückten eine Stimme geben?. Die International Oral History Association zwischen politischer Bewegung und wissenschaftlichem Netzwerk. Mit einem Nachwort von Lutz Niethammer. Göttingen 2013, in: H-Soz-Kult, 04.11.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-18992>.