S. Volkov: Walther Rathenau

Cover
Titel
Walther Rathenau. Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867–1922


Autor(en)
Volkov, Shulamit
Erschienen
München 2012: C.H. Beck Verlag
Umfang
250 S.
Preis
€ 22,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Wolfgang Michalka, Universität Karlsruhe

Nach Lothar Galls 2009 vorgelegter Rathenau-Biographie gibt es nun von Shulamit Volkov eine weitere.[1] Die Ursache dieser kurzen Erscheinungsfolge – weitere Arbeiten werden erwartet – ist sicherlich das ungebrochene, stets aktuelle Interesse an diesem „Repräsentant[en], Kritiker und Opfer seiner Zeit“, wie der Untertitel der von Ernst Schulin stammenden Biographie lautete.[2] Der eigentliche Grund allerdings ist das Auffinden von Rathenaus Nachlass in Moskau im Jahr 1992, der bis dahin als verschollen galt und nun vor allem der Gesamtausgabe dient. Die beiden umfangreichen Briefbände (2006) vereinigen über 3.000 Briefe und fordern zur kritischen Überprüfung unseres bisherigen Rathenaubildes auf.[3]

Wenn Gall Rathenau als Repräsentanten einer selbstbewussten „neuen“ Bürgergesellschaft seiner Epoche versteht, so stellt die renommierte israelische Historikerin, emeritierte Professorin an der Universität Tel Aviv und wohl beste Kennerin der jüdischen Geschichte in Deutschland, Rathenau als Juden in den Mittelpunkt ihrer Untersuchung. Er habe als Deutscher und engagierter Patriot die „Quintessenz der deutsch-jüdischen Geschichte“ (S. 8) verkörpert. Gleichzeitig sei er ein Modernisierer gewesen, der die Modernisierung ebenso bewunderte wie verabscheute, ein Mann der Tat, der sich zur philosophierenden Reflexion hingezogen fühlte und schließlich ein Einsamer, der die Anerkennung seiner Mitwelt suchte.

Als Walther Rathenau 1867 geboren wurde, war sein Vater Emil noch nicht der erfolgreiche Gründer und Leiter der AEG, der als Erfinder neuer Technologien und wegweisender Unternehmerstrukturen die Elektrizitätswirtschaft weltweit prägen sollte. Bis zu seinem 14. Lebensjahr erlebte Walther seinen Vater als einen rastlos Suchenden, der seine Berufung noch nicht gefunden hatte. Dann aber war Emil der viel beschäftigte und getriebene Firmenchef. Nach dem Studium in Berlin, Straßburg und wieder Berlin, wo er 1889 in Physik promovierte, und einem Ergänzungsstudium in München, leistete Walther Rathenau seinen Wehrdienst bei den noblen Berliner Gardekürassieren ab. Der Aufstieg zum Reserveoffizier wurde ihm als Juden allerdings verwehrt.

Weniger der eigenen Neigung, sondern dem Gebot des Vaters folgend, begann er im Schweizer Neuhausen als untergeordneter „technischer Assistent“ seine berufliche Lehre, für ihn eine entsagungsreiche Leidenszeit. Nach zwei Jahren wechselte er nach Bitterfeld, wo er eine elektrochemische Fabrik leitete, allerdings nicht erfolgreich. Sein Misserfolg endete mit einer Beförderung: 1898 holte ihn sein Vater in den Aufsichtsrat der AEG. 1902 bis 1907 wechselte er schließlich in den Vorstand der Berliner Handels-Gesellschaft (BHG), um dann wieder in führender Stellung in die AEG zurückzukehren. Er war angekommen: wohlhabend, inzwischen auch vom Vater unabhängig und zur wirtschaftlichen Elite zählend. Lediglich die Politik blieb ihm noch verschlossen.

Auch als Schriftsteller machte er von sich reden. 1912 erschien „Zur Kritik der Zeit“, bereits ein Jahr später „Zur Mechanik des Geistes“ und schließlich 1917 „Von kommenden Dingen“ – viel beachtete und kontrovers diskutierte Werke. In seinen zahlreichen Artikeln, anfangs in Maximilian Hardens „Die Zukunft“, dann meist in der weniger exponierten Wiener „Neue Freie Presse“, nimmt er in Artikeln immer mehr zu politischen Fragen Stellung, die sich wie „Memoranden für Politiker“ (S. 129) lesen. Bald war er auch in künstlerischen und literarischen Kreisen nicht mehr wegzudenken. Rathenaus Tagebuch und besonders sein Briefwechsel geben ein eindrucksvolles Zeugnis davon ab.

Den Beginn des Ersten Weltkriegs nimmt er mit gemischten Gefühlen auf: „In diesem Krieg klingt ein falscher Ton, es ist nicht 1813, nicht 1866, nicht 1870“ (S. 138). Er bildet für Rathenau eine Zäsur. Aufgrund seiner Anregung leitet er für acht Monate die Kriegsrohstoff-Abteilung, die den Krieg wirtschaftlich erst langfristig möglich machte. Als Mitbegründer des politischen Kreises „Deutsche Gesellschaft 1914“, in dem sich „die Elite des kulturellen und öffentlichen Lebens“ (S. 150) seiner Zeit zusammenfand, informierte er über seine kriegswichtige Tätigkeit und begründete die Notwendigkeit einer zukünftigen „Gemeinwirtschaft“ als Alternative zum Kapitalismus und zum Sozialismus: „Wirtschaft ist nicht mehr Privatsache, sondern Sache der Gemeinschaft“ (S. 175).

Mit der jüdischen Religion hatte Rathenau ursprünglich wenig Berührungspunkte. Obwohl er kurzzeitig mit dem Gedanken spielte, aus der jüdischen Gemeinde Berlins auszutreten, kam für ihn die Konversion zum Christentum und die Taufe nicht in Frage. Mit Stolz bekannte er sich zum Judentum, wenn auch zu einem assimilierten. Seine erste Veröffentlichung in Hardens „Zukunft“ widmete sich der Judenfrage: „Höre, Israel!“ (1897) – ein Beitrag, den Volkov als einen „Frontalangriff auf die deutschen Juden“ (S. 56) bezeichnet. Vor allem die aus Osteuropa kommenden Juden, die seiner Meinung nach nicht zur Assimilierung bereit waren, prangerte er an: „Auf märkischem Sand eine asiatische Horde“ (S. 56). Das jüdische Thema sollte ihn nicht mehr loslassen, jedoch veränderte sich seine Haltung dazu. In „Staat und Judentum“ (1911) warf er dem preußischen Staat Ungerechtigkeiten gegen die jüdischen Mitbürger und generell eine „kontraproduktive“ Politik vor. Nicht die fähigen Bürger (damit meinte er nicht nur Juden), sondern der Adel Ostelbiens würde nach wie vor die entscheidenden politischen und militärischen Positionen okkupieren.

Die „Judenzählung“ im Ersten Weltkrieg und die Konfrontation mit antisemitischen Angriffen auf seine Person ließen die jüdische Frage für Rathenau virulent werden. Er lehnte es aber ab, sich der zionistischen Bewegung anzuschließen: „Mögen andere ein Reich in Palästina begründen: uns zieht nichts nach Asien“ (S. 156). Was das Judentum für ihn bedeutete, legte er in seiner Schrift „Streitschrift für den Glauben“ (1917) dar: „Eine Religion ohne Kirche und Dogma, ohne kanonische Schriften […] mit dem reinen Glauben an den einen Gott“ (S. 157). Auch das zeitweise bemühte Rassenthema verlor für ihn an Bedeutung. Ihm war jedoch bewusst, dass die Zugehörigkeit zum Judentum seiner politischen Karriere Grenzen setzte.

Seiner zunehmenden Isolierung und Vereinsamung wollte er mit seinen Publikationen entgehen. Als er in den letzten Kriegstagen mit seinem Artikel „Ein dunkler Tag“ General Ludendorff, den er bis dahin als den „kommenden Mann“ bewundert hatte, scharf angriff, sah er sich vollends ins politische Abseits gedrängt. Erst 1921 war sein wirtschaftlicher Sachverstand wieder gefragt. Im Kabinett Joseph Wirth war er Wiederaufbauminister und wurde 1922 schließlich Außenminister. Seine auf Zusammenarbeit mit den Westmächten ausgerichtete Verständigungspolitik, Rapallo und besonders sein Judentum wurden ihm jedoch zum Verhängnis. Am 24. Juni 1922 ermordeten ihn Rechtsradikale auf offener Straße.

Es fällt auf, dass Volkov Rathenau als aktiven Politiker nur kurz behandelt. Als „verhinderter Politiker, vehementer Prophet“ – so eine Kapitelüberschrift – im Ersten Weltkrieg hält sie ihn offensichtlich für bedeutsamer. Warum in diesem Zusammenhang die kontroverse Auseinandersetzung um seine Schriften nur am Rande behandelt wird, kann allerdings wenig überzeugen. Obwohl die Autorin betont, dass Rathenau „ungeachtet seiner zahlreichen Interessen und Ambitionen […] seine gesicherte Position als Industrieller und Geschäftsmann nie aufgab“ (S. 93), erfährt der Leser im Gegensatz zu den wirtschaftlichen Verdiensten seines Vaters über seine eigene Rolle als Unternehmer nur wenig. Eindeutig steht Rathenau als Jude und Opfer im Mittelpunkt dieser kenntnisreichen Studie.

Anmerkungen:
[1] Lothar Gall, Walther Rathenau. Portrait einer Epoche, München 2009. Vgl. Tilman Koops: Rezension zu: Gall, Lothar: Walther Rathenau. Portrait einer Epoche. München 2009, in: H-Soz-u-Kult, 08.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-175> (27.02.2013). Im englischen Original heißt Volkovs Biographie „Walther Rathenau. Weimar’s fallen Statesman“ (New Haven/London 2012).
[2] Ernst Schulin, Walther Rathenau. Repräsentant, Kritiker und Opfer seiner Zeit, Göttingen 1979, 2. verb. Aufl 1992.
[3] Walther Rathenau-Gesamtausgabe, Bd. V, 1 und 2, hrsg. von Alexander Jaser, Clemens Picht und Ernst Schulin, Düsseldorf 2006.

Zitation
Wolfgang Michalka: Rezension zu: Volkov, Shulamit: Walther Rathenau. Ein jüdisches Leben in Deutschland 1867–1922. München 2012, in: H-Soz-Kult, 14.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19023>.
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14.03.2013
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