R. Grunert: Der Europagedanke faschistischer Bewegungen

Cover
Titel
Der Europagedanke westeuropäischer faschistischer Bewegungen 1940–1945.


Autor(en)
Grunert, Robert
Erschienen
Umfang
318 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Wolfgang Burgdorf, Historisches Seminar, Ludwig-Maximilians-Universität München

Das lesenswerte Buch von Robert Grunert ist thematisch dem von Sebastian Liebold über die „Kollaboration des Geistes“ verwandt[1], bietet aber inhaltlich mehr und vor allem Neues. Als Quellen dienen im Wesentlichen die in den nationalen Archiven erhaltenen Bestände der einschlägigen Parteien, zeitgenössisches und autobiographisches Schrifttum und auf deutscher Seite, SD-Berichte, ferner Akten der jeweiligen Militärverwaltungen. Der Titel des Werkes verspricht etwas zu viel, da die faschistischen Bewegungen Portugals, Spaniens sowie Italiens nicht behandelt werden. Es werden nur die sich teilweise gegenseitig ausschließenden Europakonzeptionen der faschistischen Bewegungen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich thematisiert. Hierbei gilt die besondere Aufmerksamkeit des Autors den transnationalen Aspekten des Europagedankens und des faschistischen „Internationalismus“ (S. 19), wobei die Inszenierung des Krieges als Weltanschauungskrieg eine bedeutende Funktion hatte. In der Propaganda des Weltanschauungskrieges wurden weite Teile der Argumentation des späteren Kalten Krieges vorweggenommen. In dieser Sichtweise war eine deutsche Niederlage gleichbedeutend mit einem Finis Europae.

Das Buch ist in sechs große Kapitel gegliedert. Im ersten Kapitel werden die wesentlichen faschistischen Bewegungen vorgestellt, die Nationaal-Socialistische Beweging in den Niederlanden, Rex und die Amis du Grand Reich Allemand in Belgien und Parti populaire Français sowie das Rassemblement National Populaire in Frankreich. Diese Vereinigungen hatten jeweils höchstens ein paar Tausend Mitglieder. Ursprünglich waren diese Bewegungen eher am italienischen als am deutschen Vorbild orientiert. Schließlich propagierte Mussolini seit Mitte der 1930er-Jahre die „faschistische Internationale“. Auch Antisemitismus war ursprünglich kein integraler Bestandteil der Programmatik dieser Bewegungen. Man war überzeugt von der Notwendigkeit einer kontinentalen Einigung zum Zwecke der Behauptung Europas im Weltgeschehen. In der einen oder anderen Form glaubten die Exponenten dieser Bewegungen an das dringende Gebot der „Errichtung einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“ (S. 48). Zudem sollte die Mitarbeit an der europäischen Integration auch der Wiedererlangung staatlicher Souveränität in einem von Deutschland dominierten Europa dienen. Man sah sich deshalb genötigt, aktiv am Aufbau eines neuen Europas mitzuarbeiten, da ihre Länder sonst Gefahr liefen, Protektorate des Deutschen Reiches zu werden. Besonders in Frankreich war der Europagedanke anfangs weniger geistig-kulturell als pragmatisch begründet. Vor allem hatte man Deutschland gegenüber ein tiefes Schuldgefühl aufgrund des als ungerecht empfundenen Versailler Vertrages. Das zweite – recht kurze – Kapitel ist den nationalsozialistischen Europavorstellungen vor 1940 gewidmet. Insgesamt kann man hier drei Gruppen als Träger des Europabewusstseins unterscheiden: 1. die Paneuropäer, die Anhänger des Grafen Richard Coudenhoven-Kalergi, 2. die Pragmatiker aus Wirtschaft und Politik sowie 3. die Gegner einer auf Gleichberechtigung basierenden europäischen Integration. Ein wichtiges Referenzwerk des damaligen Europadenkens war Gislher Wirsings Buch „Zwischeneuropa und die deutsche Zukunft“ von 1932.[2] Es sah eine deutsche Hegemonie in einem Europa vor, das sich von den Ideen der französischen Revolution abwandte. Karl Haushofers geopolitische Arbeiten und Carl Schmitts Großraumgedanken sowie die diffuse Reichsidee standen zudem im Hintergrund aller deutschen Europakonzeptionen der Zeit. Das dritte Kapitel behandelt die Grundlinien der Organisation und Besatzungspolitik nach dem Westfeldzug 1940. Das intelligenteste Konzept entwickelte der NS-Funktionär und Wirtschaftsführer Werner Daitz. Er gründete die „Gesellschaft für europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft“ und war Leiter des „Europa-Instituts“ in Dresden. „Wir müssen grundsätzlich immer nur von Europa sprechen, denn die deutsche Führung ergibt sich ganz von selbst aus dem politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, technischen Schwergewicht Deutschlands und seiner geographischen Lage“ (S. 61). Statt einer wirtschaftlichen Integration wie sie die intelligenteren Akteure anstrebten, erschöpfte sich die deutsche Europapolitik jedoch de facto in Plünderungsmaßnahmen. Hierdurch wurden die möglichen Ansprechpartner einer deutschen Europainitiative völlig diskreditiert. Sie erschienen als Kollaborateure der deutschen Plünderer. Die Kapitel vier bis sechs behandeln die Europakonzeptionen der faschistischen Bewegungen in den drei Ländern. Das abschließende siebente Kapitel zieht „Bilanz“.

Es verschönert die Lektüre nicht, dass der Autor dem zeitgenössischen Abkürzungsfuror folgt. Aber wie sollte er sich anders helfen bei der Vielzahl der Parteien, Bewegungen, Abspaltungen, Gegenbewegungen und Gegen-Gegenbewegungen und all den deutschen Dienststellen. Das beigefügte Abkürzungsverzeichnis (S. 313f.) gehört zu den wichtigsten Seiten des Buches. Ohne sie wäre das Opus unlesbar. Eine Übersicht über die verschiedenen Akteure auf der deutschen Seite wäre sehr hilfreich gewesen. Kaum fassbar ist die Gemengelage der in Hinblick auf die Nachkriegsordnung, auf die Konzeption Europas nach dem Endsieg, agierenden deutschen Stellen. Auch die Faschisten in den besetzten Ländern verzweifelten angesichts des deutschen „Dienstellenchaos“ (S. 132). Die Polykratie im NS-Staat spiegelte sich auch in den deutschen Besatzungsregimen.

Insgesamt zeigt sich, dass die deutschen Protagonisten keine gemeinsame Europakonzeption besaßen. Lange Zeit besaßen sie überhaupt keine. Man hatte fast ganz Europa erobert, ohne eine Vorstellung, was man damit machen wollte, außer dass man die Ressourcen nutzen wollte, solange es noch einen Rest zu erobern gab. Die „germanischen“ Gebiete sollten angeschlossen werden, ohne dass das Herrenvolk seine Stellung an der Spitze der Hierarchie teilen wollte, die restlichen Gebiete sollten in irgendeiner Art der Zulieferung dienen. Eines der Haupthindernisse der großdeutschen Europapolitik war, dass die nationalsozialistischen Rassenlehre „außenpolitisch kein Exportartikel“ war. Dies stellte man selbst im SS-Hauptamt fest (S. 203).

Erst als der Kriegsverlauf sich zu Ungunsten des Reiches entwickelte, tastete man sich zaghaft an föderative Europavorstellungen heran, die teilweise mit jenen der faschistischen Bewegungen der besetzten Gebiete korrespondierten. Erst 1943 wurde im Auswärtigen Amt ein „Europa-Ausschuss“ etabliert. Nun, da die Niederlage Deutschlands absehbar war, waren diese Bewegungen, die nie über viel Rückhalt in der Bevölkerung verfügt hatten, jedoch vollends diskreditiert. Als man sich von deutscher Seite ernsthaft mit Europakonzeption beschäftigte, fand man in den besetzten Staaten keinen Ansprechpartner mehr. Teilweise hatte man die potentiellen Partner selbst demontiert, da man ihnen in den Zeiten des Erfolges an den Fronten die Anerkennung als „nationalsozialistische“ Bewegungen verweigerte. Diese Charakterisierung sollte der NSDAP vorbehalten bleiben. Zudem hatte man teilweise verschiedene Bewegungen in den einzelnen Ländern gegeneinander ausgespielt oder diverse deutsche Dienststellen hatten in Konkurrenz zueinander unterschiedliche Formationen in den einzelnen Ländern protegiert und so im Ergebnis mögliche Partner der eigenen Europapolitik neutralisiert. Am flexibelsten zeigte sich auf deutscher Seite die SS, eigentlich die „Elite“ der deutschen Herrenmenschen, die angesichts der dramatisch ungünstigen Entwicklung auf den Kriegsschauplätzen schnell dazu überging, in den besetzten Ländern eigene Verbände aufzustellen. Die SS wurde durch ihre Öffnung für Nichtdeutsche eine „europäische Kampfgemeinschaft“ (S. 255). Für die faschistischen Parteien in den besetzten Ländern führte dies zu einem unlösbaren Dilemma. Durch den freiwilligen Einsatz an der Ostfront wurde die Zahl ihrer politischen Aktivisten erheblich reduziert und ihr Handlungsspielraum eingeschränkt.

Die faschistischen Bewegungen in den Niederlanden, Belgien und Frankreich interpretierten die Niederlage ihrer Länder 1940 als gemeinsamen faschistischen Sieg über Demokratie und Liberalismus um. In den besetzen Ländern waren europapolitische Überlegungen für die Nachkriegszeit in der Regel kontaminiert durch eigene Expansionspläne. In den Niederlanden schwadronierte man von einem „Großdietschen Reich“, das sich schwerlich mit dem existierenden Großdeutschen Reich vertrug und zumindest den flämischen Teil Belgiens mit umfassen sollte. In Belgien träumte man von einem neuen Burgund, unter Einschluss der Niederlande und Teile Frankreichs. Zudem konkurrierten in Belgien verschiedene ethnisch ausgerichtete Bewegungen in Wallonien und Flandern, die zu keiner gemeinsamen Konzeption und Organisation fanden. Französische Faschisten wollten das französische Kolonialreich in das neue Europa einbringen. Als sich die Kolonien gegen die Vichy-Regierung wandten, hatte man nur noch wenig anzubieten. Auch die niederländischen Faschisten betrachteten die Kolonien des Landes als einzubringendes Kapital. Parallel zum Madagaskar-Plan entwickelten sie den Guyana-Plan für die „Lösung der Judenfrage“. Italien hoffte Korsika, Nizza und Tunis zu annektieren.

Grunert zeigt, dass die Ziele all dieser Bewegungen im Wesentlichen auf die Regierungsübernahme in den eigenen Ländern gerichtet waren. Das Regime von Vidkun Quisling in Norwegen war für sie Vorbild. Da „Quisling“ heute in mehreren Sprachen ein Synonym für Kollaboration und Hochverrat ist, zeigen sich gerade hierin die Aporien von faschistischen Bewegungen unter nationalsozialistischer deutscher Besatzung.

Für alle, die sich mit dem Europagedanken beschäftigen, ist Grunerts Buch empfehlenswert, und zwar nicht nur in historischer Perspektive. Denn es ist auch ein durchaus aktuelles Buch. Man kann mit seiner Hilfe lernen, wie der Gedanke der europäischen Einigung Nationalisten vermittelt werden könnte.

Anmerkung:
[1] Sebastian Liebold, Kollaboration des Geistes. Deutsche und französische Rechtsintellektuelle 1933–1940, Berlin 2012.
[2] Giselher Wirsing, Zwischeneuropa und die deutsche Zukunft, Jena 1932.

Zitation
Wolfgang Burgdorf: Rezension zu: Grunert, Robert: Der Europagedanke westeuropäischer faschistischer Bewegungen 1940–1945. Paderborn 2012, in: H-Soz-Kult, 30.08.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19180>.
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Veröffentlicht am
30.08.2013
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