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Titel
Europe – On Air. Interwar Projects for Radio Broadcasting


Autor(en)
Lommers, Suzanne
Erschienen
Umfang
326 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult
Edgar Lersch, Tübingen

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts erforderten die sich ausweitenden internationalen Handelsströme und die sich verdichtenden Kommunikationsnetze grenzüberschreitende Kooperationen – und dies trotz der Rivalitäten der Nationalstaaten im Zeitalter des Imperialismus. Es waren in erster Linie politikferne Expertengremien, die entsprechende Infrastrukturen aufbauten und Regelwerke abstimmten, um den länderübergreifenden Eisenbahn-, Post-, Telegrafen- sowie leitungsgebundenen Telefon- und – seit Anfang des 20. Jahrhunderts – auch Funkverkehr zu ermöglichen. Nach dem Ersten Weltkrieg benötigte das sich rasch entfaltende Rundfunkwesen wegen der grenzüberschreitenden Eigenschaften der Rundfunkwellen supranationale Absprachen und Zusammenarbeit, sollte es nicht im Chaos sich gegenseitig störender Frequenzen versinken.

Wie und mit welcher über das reine technische Anliegen hinausgehenden Motivation Rundfunktechniker aus den europäischen Staaten auf einer informellen, nichtstaatlichen Ebene sich dieser Aufgabe annahmen und bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs auch in den Jahren zunehmender Spannungen erfolgreich vor allem eine transnationale Frequenzordnung errichteten, ist Gegenstand der Studie von Suzanne Lommers. Sie ist als Dissertation im Rahmen des übergeordneten Projektes „Transnational Infrastructures and the Rise of Contemporary Europe“ (TIE) an der Technischen Universität Eindhoven entstanden. Daraus ergibt sich die Perspektive der Betrachtung: Der Rundfunk gerät primär als Teil der erwähnten internationalen Infrastrukturprojekte in den Blick.[1] Die handelnden Personen werden dabei als technokratische ‚internationalistische‘ Elite charakterisiert, die sich einer zivilisatorischen Mission von Friedenswahrung und Verständigung verpflichtet fühlte.

Die Autorin entfaltet das Thema nach einem einführenden ersten Kapitel, in dem sie ihre Fragestellungen darlegt und ihre Vorgehensweise erläutert, in weiteren fünf Abschnitten. Im zweiten Kapitel stellt sie dar, wie es zur Gründung der „International Broadcasting Union“ (IBU) im April 1925 kam. In dieser Phase des sich etablierenden Rundfunks konnte angesichts einer noch nicht völlig geklärten Gemengelage zwischen privat-kommerziellem Engagement und zunehmender staatlicher Kontrolle aus den Reihen der Rundfunkpioniere die Initiative für eine supranationale und politikferne Institution ergriffen und erfolgreich realisiert werden. Im dritten Kapitel werden die Arbeiten an den Frequenzplänen und der Aufbau eines allmählich europaweiten leitungsgebundenen Übertragungsnetzes behandelt. Dabei musste die informelle Struktur der IBU wegen der Absprachen mit der Internationalen Telegrafenunion (ITU) und den nationalen Postverwaltungen in Teilen aufgegeben werden, was die Flexibilität der IBU etwas einschränkte.

Im vierten Abschnitt analysiert Lommers die Beziehungen der IBU zu Sowjetrussland, Luxemburg, dem 1929 erst souverän gewordenen Vatikanstaat (mit eigener Radiostation) und dem Radiosender des Völkerbundes. Letzterer wurde ebenso wie die drei genannten Staaten nicht Mitglied der IBU, doch kam es vermittels der weit gespannten persönlichen Netzwerke der IBU-Führungscrew zu informellen Feinabstimmungen vor allem für die Frequenzordnungen. Im Anschluss werden die Bemühungen der IBU-Repräsentanten beschrieben, das Ansehen des Rundfunks in den meinungsführenden Kreisen der Mitgliedsländer zu verbessern. Ihnen war sehr daran gelegen, dass das neue, grenzüberschreitende Medium in Zukunft nicht durch nationale Propagandasendungen zur Segregation der Staatenwelt beitrüge. Dieses Engagement wurde seit dem Beginn der nationalsozialistischen Diktatur in Deutschland und den zunehmenden zwischenstaatlichen Spannungen immer schwieriger. Als selbst in der Regel über den technischen Sachverstand hinaus hochkultivierte Experten wandten sie sich zweitens gegen die verbreitete Einschätzung, das neue Medium verbreite lediglich niveaulose Unterhaltung. Supranationale Kooperationen und Gemeinschaftssendungen sollten zur kulturellen Reputation des Rundfunks beitragen und darüber hinaus aktiv die Verständigung unter den Völkern und Staaten fördern.

Die IBU selbst verständigte sich nach langen internen Diskussionen darauf, dass diese Ziele durch ein von allen Mitgliedern zu bestimmten Zeiten gleichzeitig übertragenes Angebot (via der von der IBU geschaffenen technischen Infrastruktur) von qualitativ hochwertiger Musik zu leisten wäre, und setzte sie auch praktisch um. Dabei hörten bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs und dem Ende dieser Ringsendungen die Diskussionen darüber nicht auf, was denn ein gutes europäisches Programm ausmache (S. 287).

Die Studie trägt eine Fülle interessanter Fakten zusammen, gleichwohl bleiben Wünsche offen. Die Verfasserin behandelt das bisher nicht bearbeitete Thema eher deskriptiv: Mit Ausnahme einiger Schlussfolgerungen in Bezug auf das Europa-Konzept bietet sie dem Rundfunk-/Medienhistoriker relativ wenig anschlussfähige Erkenntnisse, was auch für den Problemkreis der außenpolitischen Beziehungen im Europa der 1920er- und 1930er-Jahre gilt. Darüber hinaus hätte das Konzept der supranationalen ‚Expertokratie‘ auf der empirischen Ebene durchaus noch fruchtbarer gemacht werden können: So verbleibt der im zweiten Kapitel angesprochene soziokulturelle Hintergrund der maßgeblichen IBU-Protagonisten im Allgemeinen und trägt insgesamt wenig dazu bei, ihr spezifisches Engagement zu erklären.

Lommers behandelt das Thema quellennah und im Wesentlichen aus der Binnensicht der IBU. Das liegt daran, dass sie sich nahezu ausschließlich auf deren Aktenüberlieferung (verwahrt heute bei der European Broadcasting Union (EBU) in Genf) stützt. Die mit Blick auf eine überschaubare Handhabbarkeit der Dissertation nachvollziehbare Entscheidung, allenfalls noch Unterlagen aus dem Umfeld des Völkerbundes heranzuziehen[2], bringt auf der inhaltlichen Ebene Nachteile mit sich. Insbesondere wird das Spannungsfeld nicht wirklich deutlich, in dem die jeweils auch in ihren nationalen Rundfunkorganisationen verankerten Fachleute agierten. Hier wäre es hilfreich gewesen, wenn wenigstens exemplarisch (in Bezug auf alle Mitgliedsstaaten wäre dies gewiss nicht zu leisten gewesen) auch Material aus nationalen Rundfunküberlieferungen einbezogen worden wäre – und sei es mit dem möglichen Ergebnis, dass der erwähnte Personenkreis tatsächlich weitestgehend unabhängig agierte. Erst so ließe sich über die allgemeinen Feststellungen hinaus erklären, wie im Detail es der Gruppe von Fachleuten gelang, die beschriebene Kooperation auf informellem Wege zustande zu bringen. Die vorherrschende IBU-Binnenperspektive führt auch dazu, dass aus den Unterlagen aus heutiger Sicht weniger relevante Diskussionsgegenstände der IBU (wie etwa das Europa-Konzept) ausführlich referiert werden.

Ungeachtet dessen ist es gut, dass die Studie von Suzanne Lommers die bisher wenig erhellte Seite der internationalen Rundfunkgeschichte über die intensiver behandelte, meines Erachtens überschätzte Rundfunkpropaganda hinaus aufgearbeitet hat. Damit sind nicht zuletzt auch Voraussetzungen dafür geschaffen, die Brüche und die Kontinuitäten der komplizierten supranationalen Rundfunkkooperation nach 1945 besser herauszuarbeiten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu Alexander Badenoch / Andreas Fickers (Hrsg.), Materializing Europe. Transnational Infrastructures and the Project of Europe, Basingstoke 2010; vgl. die Rezension von Ralf Roth, in: H-Soz-u-Kult, 22.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-4-212> (15.02.2012).
[2] Ausgewertet wurden auch Unterlagen des Völkerbundarchivs, die die Kooperation und die Konflikte mit Unterkomitees des Völkerbundes und der Internationalen Telegrafenunion belegen.

Zitation
Edgar Lersch: Rezension zu: Lommers, Suzanne: Europe – On Air. Interwar Projects for Radio Broadcasting. Amsterdam 2012, in: H-Soz-Kult, 15.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19193>.
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15.03.2013
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