B. Mazohl u.a. (Hrsg.): Frauenklöster im Alpenraum

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Titel
Frauenklöster im Alpenraum.


Hrsg. v.
Mazohl, Brigitte; Forster, Ellinor
Erschienen
Umfang
280 S.
Preis
€ 39,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Janine C. Maegraith, Cambridge

Das Interesse an Frauenklöstern hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen und besonders die Frauen- und Geschlechterforschung öffnete sich diesem Thema. Das resultierte in einer Bereicherung vor allem der Erforschung der frühen Neuzeit mit Fragestellungen, die über reine Ordensthemen hinausgehen und somit monastische Lebensentwürfe von Frauen aus ihrer historischen Marginalisierung herausholen. Zu nennen wären Anne Conrads „Zwischen Kloster und Welt“ oder Jo Ann Kay McNamaras „Sisters in Arms“, aber auch neuere exemplarische Studien zu Frauenklöstern, die den engen Rahmen der traditionellen Klostergeschichtsschreibung durchbrechen.[1]

In diesen Rahmen stellt sich auch der hier vorliegende Sammelband. In ihm werden die Beiträge einer wissenschaftlichen Tagung vorgelegt, die vom Südtiroler Kulturinstitut zusammen mit der Universität Innsbruck und der Stadtgemeinde Klausen im Jahre 2008 veranstaltet wurde. Dass das Interesse an Ordensgemeinschaften von Frauen zwar gestiegen ist, die Forschung aber noch einiges nachzuholen hat, zeigt der Umstand, dass dies nach den Worten der Herausgeberinnen die erste Tagung war, die sich ausschließlich mit den Frauenklöstern Südtirols beschäftigte. Mit der Betrachtung unterschiedlicher Frauenklöster einer ganzen Region erschließt sich eine Vielfalt an möglichen Fragestellungen und es können dadurch der Frauenklosterforschung neue Impulse gegeben werden. Für die Herausgeberinnen ist dies programmatisch: „So war es auch das besondere Anliegen der Tagung und dieses Bandes, eine Vielzahl von Perspektiven auf weibliches Klosterleben zuzulassen und fruchtbar zu machen“ (S. 10). Das ist keine leichte Aufgabe angesichts der Bandbreite unterschiedlicher Ordenszugehörigkeiten, Geschichte und politischer Stellungen der Klöster. Die Herausgeberinnen lösen diese Herausforderung mit der Klausur und dem „realen oder symbolischen Bild der Klostermauern“ als „roten Faden“: Die Frage der Perspektive bildet den gemeinsamen Fokus, um das „Innerhalb“ und „Außerhalb“ der Klostermauern bzw. das Alternieren zwischen den beiden Sphären zu analysieren (S. 10). Mit letzterem wird die These von der Durchlässigkeit der Grenzen zwischen regularem und extraregularem Raum von June L. Mecham evoziert, aber auch die Einbettung der Klostergeschichte in breitere historische Debatten ermöglicht.[2]

Die Beiträge analysieren eine ganze Bandbreite an Aspekten der ‚inneren’ Klostergeschichte, aber auch die Verbindung mit der Außenwelt wird mit Themen wie den politischen Handlungsräumen eruiert. Was leider nicht zur Sprache kommen konnte, sind wirtschaftshistorische Fragen, die fruchtbare Analysen zu den Schnittstellen nach „Außen“ zuließen.

Den ersten Teil, „Chronik und Geschichte“, beginnt Julia Hörmann-Thurn und Taxis mit einem Überblick über die Gründungen weiblicher Ordensgemeinschaften in Tirol und im Trentino und liefert damit nicht nur eine umfassende historische Einleitung des Bandes mit den Anfängen und der politisch-sozialen Einbettung der Klöster, sondern zeigt auch die Grenzen, die die Vielzahl der Gründungen und deren unterschiedlicher Verlauf einer summarisch-vergleichenden Analyse setzen. Dieser Überblicksdarstellung einer sehr heterogenen Klosterlandschaft folgen drei Beiträge, die sich mit der Geschichtsschreibung in den Frauenklöstern befassen und damit die noch wenig verwendete Quellengattung der Konventschroniken herausgreifen.[3] Stefan Benz liefert mit der allgemeinen Einordnung der Frauenklosterchroniken des Alpenraumes als historiographische Texte und Zeugnisse von Geschichtsbewusstsein eine Grundlage für die beiden exemplarischen Analysen überlieferter Chroniken. Dabei zeigt Christine Schneider anhand ihres Vergleichs der österreichischen Ursulinenchroniken ordensspezifische Charakteristika auf. Sie weist auf die große Bedeutung der Konventschroniken für die Frauenklosterforschung hin, die über die innerklösterlichen Verhältnisse hinaus (wie sie Ingrid Facchinelli am Beispiel Kloster Säbens eindrücklich schildert) besonders auch die Beziehungsgeflechte zwischen Konvent und Außenwelt beleuchten können.

Der zweite Teil, „Innerhalb und außerhalb der Klausur“, vereint vier Beiträge mit unterschiedlichen Standorten in Relation zur Klausur. Zunächst widmet sich Erika Kustatscher anhand einer quantitativen Analyse der Personendaten des Brixner Klarissenklosters den Fragen nach Alltag und spirituellen Idealen innerhalb der Klausur und ermittelt damit wertvolle Ergebnisse zur innerklösterlichen Struktur. Besonders die Beschreibung der Ämterstruktur wirft die Frage nach der Bildung auf, woran Eva Cescutti anknüpft. Die Geschichte der Mädchenbildung und die Rolle der Frauenklöster bilden ein zentrales Thema nicht nur der Ordensgeschichte, das noch viele Desiderate aufweist. Die Autorin versteht es hervorragend, das Fallbeispiel der Tertiarschwestern in den Kontext der Geschichte der frühneuzeitlichen Mädchenbildung zu stellen und damit die große Bedeutung von Frauenklöstern als Bildungsanstalten auch für nichtadelige Mädchen zu akzenturieren. Ihre These lautet dabei, dass nicht-klausurierte Frauenkongregationen als „kulturhistorische Katalysatoren“ (S. 167) bei der Entwicklung von alternativen Berufsbildern von Frauen agierten. Diese Kontextualisierung in größere historische Debatten wird mit der Frage nach der Stellung der Frauenklöster innerhalb politischer Handlungsräume fortgesetzt. Ellinor Forster untersucht anhand der Klöster Meran und Sonnenburg deren Einbindung in Herrschaftspolitik und beleuchtet so eine noch kaum untersuchte Frage. Sonnenburg und Meran hatten beide Sitz und Stimme im Landtag, Sonnenburg konnte zudem die Gerichtsherrschaft in Teilen seines Territoriums wahren. Mit der Analyse der politischen Netzwerke und im Falle Sonnenbergs der Konstruktion von Herrschaft durch das Mittel der Huldigung macht die Autorin die differenzierten Ebenen der frühneuzeitlichen Herrschaftsverflechtungen sichtbar und knüpft auch an die Frage der politisch-symbolischen Kommunikation an. Politisches Handeln erforderte das Jonglieren von „Innen“ und „Außen“ und das Entwickeln von eigenen Strategien. Das wird auch im Beitrag von Christine Rolio über das Kloster Säben deutlich, wo die Klosterfrauen während der Krise der Säkularisierungsepoche eine eigene Überlebensstrategie entwickelten, auch wenn eine Kontextualisierung im Beitrag leider ausbleibt.

Zu Beginn des dritten Teils stellt Sigurd Paul Scheichl der klösterlichen Perspektive mit dem literarischen Blick die Perspektive von außen gegenüber. Dem schließt sich Selma Mahlknecht für den filmischen Blick hinter die Klostermauern an. In ihrer erfrischenden Analyse der filmischen Klischees erörtert die Autorin anhand filmtheoretischer Kriterien die Rolle der Nonne in der Filmgeschichte. Sie deckt dabei am Beispiel von acht Filmen unterschiedlicher Genres eine starke Verzerrung des Nonnenbildes auf. Die wiederkehrenden Stereotypen von Nonne und Kloster erinnern an die Klosterkritik der Aufklärung und man fragt sich, inwiefern wir hier von einer Kontinuität sprechen können. Doch anstatt eines historischen Rückblicks liefert die Autorin einen Ausblick für den (Nonnen-)Film und schlägt für zukünftige Arbeiten einen „Drahtseilakt zwischen den Klischees“ vor (S. 244).

„Was bleibt?“ bildet den Abschluss des Bandes. Herta Arnold nimmt diese Frage in materieller Form auf und schildert Handwerk und Kunst im „Klösterle“ der Dominikanerinnen in Lienz. Eindrücklich wird die materielle Kultur hinter den Klostermauern gezeigt. Mit der aufgezeigten Fülle an Kunsthandwerk und Gebrauchsgegenständen wird allerdings implizit die Notwendigkeit deutlich, materielle Kultur (und Konsum) der klösterlichen Gemeinschaften intensiver zu erforschen. Das letzte Wort erhält Sr. Klara Rieder mit der Perspektive von innen. Sie beschreibt dabei ganz im Sinne des „roten Fadens“ des Bandes eine Grenzen überschreitende Strategie, bei der sie Parallelen mit dem „Außen“ zeigt, wenn sie beispielsweise Probleme des Miteinanders als nicht nur klostertypisch entlarvt.

Die Gegenüberstellung von historischer Analyse und Gegenwartsproblemen der Klostergemeinschaften gibt diesem Band eine zusätzliche Dimension zur interdisziplinären Zusammenschau von historischen, literarischen, filmtheoretischen und kunsthandwerklich-materiellen Ansätzen. Dieser große komparative Rahmen hat – um Julia Hörmann-Thurn und Taxis zu zitieren – „den Vorteil, dass die Forschungslücken transparenter werden und sich offene Fragen deutlicher fassen lassen“ (S. 15). Die Untersuchung einer Region und einer heterogenen Gruppe von Frauenklöstern ermöglicht es, unterschiedliche aktuelle Forschungsfragen zu Frauenklöstern zu diskutieren. Dies ist eine Chance, verschiedene Orden und Strukturen unter einem gemeinsamen Blickwinkel zu betrachten, wie das Beispiel der klösterlichen Geschichtsschreibung zeigt. In diesem Band wird die Region quasi als Experimentierfeld verschiedener Ansätze erfolgreich nutzbar gemacht und damit das weitere Potential der Frauenklosterforschung aufgezeigt. Diese räumliche Gruppierung hat aber auch den Nachteil, dass bestimmte Ansätze nur am Rande berührt werden können und eine Vertiefung ausbleiben muss. Dies trifft zum Beispiel für wirtschaftshistorische Fragen zu. Doch kann dies auch als eine Forschungsanregung dienen und es ist zu hoffen, dass dieser Band dazu beiträgt, die noch wenig erforschten Untersuchungsstränge wie beispielsweise die Mädchenbildung, die politischen Handlungsräume und die materielle Kultur der Frauenklöster aufzugreifen und weiterzuverfolgen. Damit ist dieser Band ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der Frauenklöster, der zugleich Ansätze in der Klosterforschung mit historischen Debatten verknüpft und damit das Thema aus der Marginalisierung herausholt.

Anmerkungen:
[1] Jo Ann Kay McNamara, Sisters in arms. Catholic nuns through two millennia, Cambridge 1996; Anne Conrad, Zwischen Kloster und Welt. Ursulinen und Jesuitinnen in der katholischen Reformbewegung des 16./17. Jahrhunderts, Mainz 1991.
[2] June L. Mecham, Cooperative Piety among Monastic and Secular Women in Late Medieval Germany, in: Church History and Religious Culture 88 (2008), 4, S. 581–611.
[3] Zum Beispiel K. J. P. Lowe, Nuns’ chronicles and convent culture in Renaissance and Counter-Reformation Italy, Cambridge 2003, oder Charlotte Woodford, Nuns as historians in early modern Germany, Oxford 2002.

Zitation
Janine Maegraith: Rezension zu: Mazohl, Brigitte; Forster, Ellinor (Hrsg.): Frauenklöster im Alpenraum. Innsbruck 2012, in: H-Soz-Kult, 14.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19204>.
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14.03.2013
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