M. Hille: Providentia Dei

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Titel
Providentia Dei, Reich und Kirche. Weltbild und Stimmungsprofil altgläubiger Chronisten 1517-1618


Autor(en)
Hille, Martin
Erschienen
Göttingen 2010: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
672 S.
Preis
€ 91,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Matthias Rekow, Forschungszentrum Gotha für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien, Universität Erfurt

Mit dieser Studie legt der Passauer Historiker Martin Hille seine Habilitationsschrift vor. In ihr wird erstmals systematisch die religiöse Einfärbung von Weltbild, Gegenwartsdiagnose und Geschichtsbewusstsein der so genannten Altgläubigen im 16. Jahrhundert analysiert. Nach wie vor wird die Reformationszeit von der historischen Forschung als ein zumeist evangelisches Phänomen untersucht. Über die Lebenswelt altgläubiger Christen, die nach dem Auftreten Martin Luthers und seiner Anhänger erst eine „katholische“ Identität ausbilden mussten, ihre Stimmungen und Weltkonstruktionen, ist bisher nur Bruchstückhaftes – etwa im Bereich der Kontroverstheologie – bekannt. Damit ist zugleich ein Forschungsdesiderat benannt, das auch die vorliegende Untersuchung motivierte (S. 24).

Forschungsgeschichtlich schließt die Studie von Hille an die Arbeiten zur spätmittelalterlichen Bistumsgeschichtsschreibung und zu den Tagebüchern, Familienchroniken und Hausbüchern des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit an. Ein Pendant findet sie in der Monographie von Matthias Pohlig, die sich auf die Identitätsbildung der Lutheraner durch die Geschichtsschreibung konzentriert. Als Vorläufer kann sie dagegen für Untersuchungen zum jesuitischen Historismus und zur katholischen Historiographie des Barock gelten.[1] Diese beziehen sich eher auf die intellektuellen Repräsentanten der Zeit. Hille nimmt sich dagegen ganz bewusst der lesenden und volkssprachlich schreibenden Stadtbürger und Geistlichen des altgläubigen Umfeldes an.

Martin Hille geht in seiner dreiteiligen Arbeit davon aus, dass der Vorsehungsglaube, die Providentia Dei, das frühneuzeitliche Weltbild begründete (S. 15). Das führt ihn zu der Frage, wie die politisch-religiöse Umwälzung seit 1517 die Gegenwartsdiagnose altgläubiger Chronisten im Säkulum bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 bestimmte. Sein Interpretationsansatz stützt sich dabei auf die Lebenswelt und das historisch-biographische, nähere wie weitere Umfeld der Zeitbuchreferenzen. Die Arbeit fragt nach der druckmedialen Durchdringung des Raums und der sozialen Reichweite der Chronistik. Hierbei greift Hille Anregungen des „linguistic turns“ und der „interpretativen Wende“ in den Geistes- und Sozialwissenschaften auf. So werden Werkentstehung und Motivation sowie Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Schreiber an Brüche und Zäsuren in ihrer Vita zurückgebunden, die wiederum an parallele Erfahrungen und Traumata ihrer Zeitgenossen anschließen. Dabei zweifelt Hille nicht an der Fähigkeit der Chronisten, historische Zusammenhänge und Realphänomene aus verschiedenen Blickwinkeln zu erfassen und weist so die oft von „radikalen Vertreter[n] der postmodernen Geschichtstheorie“ (S. 22) vertretene These zurück, hier lägen bloße Geschichtskonstruktionen vor.

Hilles Quellenbasis bilden zumeist volkssprachige Gegenwartschroniken der Klöster und Stifte, Landes-, Bistums- und Stadtgeschichtsschreibung, persönliche Aufzeichnungen sowie kontroverstheologische Schriften und Kolportageschrifttum. In einem historisch-biographischen Aufriss (Teil B), der gut ein Drittel der Studie ausmacht, liefert Hille einen skizzenhaften Katalog der Verfasser und ihrer Elaborate. Hier gliedert er das Jahrhundert von 1517 bis 1618 in drei Epochen: die Reformationsepoche bis 1555, die Zeit zwischen dem Augsburger Religionsfrieden und Kölner Krieg (1583-1588) sowie die Epoche bis zum Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges. Zusätzlich werden die Quellen nach vier geographischen Großregionen geordnet: der Süden des Reiches inklusive der habsburgischen Erblande, die Eidgenossenschaft, die mitteldeutschen Territorien sowie der Norden und die nordwestlichen Regionen des Reiches. Die Chronisten und Autoren entstammen, abgesehen von der monastischen Geschichtsschreibung, der schreib- und lesekundigen Minderheit mittlerer und größerer Städte. Mit einem zusammenfassenden Relief der Biogramme und Werkskizzen schlägt der Autor dann die Brücke zum systematischen Teil der Arbeit (Teil C und D).

Der anregendste Teil der Arbeit (Teil C) beginnt mit der Analyse der providentiellen Dimension der politisch-religiösen Gegenwartsdiagnosen. Hille unterscheidet hier zwei unterschiedliche Lesarten des Vorsehungsglaubens: eine direkte, von Gottes Gegenwart in den Zeit- und Welthändeln ausgehende Sichtweise, die an die Themen Reformation, Türkengefahr und Jahrhundertteuerungen der Jahre 1529/35 und 1569/74 rückgebunden wird, und eine indirekte, auf die verborgene Präsenz des Allmächtigen zentrierte Perspektive. Die zeitgenössische Astrologie, speziell die Unheilsprognosen auf die Jahre 1524 und 1588, sowie Zeichen und Wunder, insbesondere Himmelszeichen, konfigurieren hier den Wahrnehmungsraum der Chronisten.

Ins Blickfeld rückt anschließend die Qualifizierung des aktuellen Zeitgeschehens durch die Chronisten (Teil D). Ausgehend von den normativen politisch-religiösen Grundlagen, ideellen Maßstäben und Referenzhorizonten durchleuchtet Hille abschließend die zeitgenössischen Lagebeurteilungen des Zustandes von Kaiser, Reich und Kirche.

Überzeugend weist die an Ergebnissen reiche Arbeit nach, dass die altgläubigen Chronisten und Polemiker stark unter den politisch-religiösen Veränderungen ihrer Zeit, der Erfahrung historischen Wandels, litten. Reformation und Bauernkrieg, der Vorstoß des osmanischen Heeres nach Wien 1529 und die Teuerung der Jahre 1529-35 weckten das Bedürfnis nach Selbstvergewisserung und Vertiefung des Geschehens im Vorsehungsglauben (S. 533). Die neuen Herausforderungen, die mit ihnen verbundenen diffusen Ängste und Erwartungen regten sie zu auffallend religiös konturierten Reflexionen über den Verlauf der Geschichte an. In der Folge wurde die Historiographie bis in die 1550er-Jahre hinein vorübergehend retheologisiert, die katholische Geschichtsschreibung sogar bis etwa 1580 (S. 396). Aber bereits in der Schreibergeneration nach 1555 ändert sich dies: Gottes Wirken in der Welt erschien jetzt rätselhafter und undurchsichtiger, Zweifel schoben sich dazwischen. Die Kontingenz der Zeitläufe führt zur Krise der Providenz – die Kategorie der Zeit trat langsam hervor. Gott entfernte sich aus der Geschichte. Ferner macht Hille eine deutliche Regionalisierung und Territorialisierung der Geschichtsschreibung aus. Kaiser und Reich verloren als Bezugspunkte an Bedeutung, da sich die in sie gesetzten Hoffnungen – Stichwort Kaisermythos – nicht erfüllten. Selbst die gegenreformatorische Papstkirche nach dem Tridentinum konnte ihre neu gewonnene Autorität bis in das frühe 17. Jahrhundert hinein kaum geltend machen (S. 544), obwohl die Wiederbelebung alter Bräuche und Prozessionen freudig begrüßt wurde.

Hervorzuheben ist neben der breiten Quellen- und Literaturbasis der stringente Aufbau des Buches und seine ausführliche Gliederung. Die gute Verständlichkeit der Studie wird durch die Zwischenbilanzen und Resümees noch verstärkt. Wiederholungen bleiben dabei im abschließenden „Resultate“-Kapitel (S. 533, Teil E) nicht aus, sind aber offenbar durchaus beabsichtigt. Ein 18-seitiges Orts- und Personenregister erschließt die Studie. Wertvoll sind die über die Arbeit verstreuten und oft in Fußnoten versteckten Hinweise auf Forschungsdesiderate. So dürfen wir auf weitere Forschungen im Bereich der Sozial- und Kulturgeschichte des altkirchlichen Lagers in der Reformationszeit gespannt sein.[2]

Diese ausgezeichnete Studie hätte ein aufmerksames Lektorat verdient gehabt, mit dem auch die, gemessen am Umfang der Arbeit, wenigen Flüchtigkeitsfehler hätten ausgemerzt werden können. So zieht sich etwa der fehlerhafte Ortsname in der Nennung der Chronik des Klosters Ribnitz(!) durch die Arbeit (S. 83f., 348, 425 und 668). Eine Mechthild von Bingen (S. 256 und 664) ist dem Rezensenten unbekannt – vermutlich eine fehlerhafte Quellenübertragung. Des Weiteren beziehen sich die Fußnotenangaben (S. 433, Anm. 215-218) auf die Chronik des Göbel Schickenberges und nicht auf die Sendersche Chronik. Angesichts der Qualitäten der Arbeit fallen solche Versehen jedoch kaum ins Gewicht.

Anmerkungen:
[1] Markus Müller, Die spätmittelalterliche Bistumsgeschichtsschreibung. Überlieferung und Entwicklung, Köln 1998; Harald Tersch, Österreichische Selbstzeugnisse des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit (1400-1650), Wien 1998; Matthias Pohlig, Zwischen Gelehrsamkeit und konfessioneller Identitätsstiftung. Lutherische Kirchen- und Universalgeschichtsschreibung 1546-1617, Tübingen 2007; Jan Marco Sawilla, Antiquarianismus, Hagiographie und Historie im 17. Jahrhundert. Zum Werk der Bollandisten. Ein wissenschaftshistorischer Versuch, Tübingen 2009 und Stefan Benz, Zwischen Tradition und Kritik. Katholische Geschichtsschreibung im barocken Heiligen Römischen Reich, Husum 2003.
[2] Etwa das Dissertationsprojekt von Marc Mudrac (Universität Heidelberg und EHESS Paris) zu den deutschen und französischen Altgläubigen der Reformationszeit. Vgl. <http://catholiccultures.hypotheses.org/dissertationsprojekt>[6.11.2012].

Zitation
Matthias Rekow: Rezension zu: Hille, Martin: Providentia Dei, Reich und Kirche. Weltbild und Stimmungsprofil altgläubiger Chronisten 1517-1618. Göttingen 2010, in: H-Soz-Kult, 13.11.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19255>.
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Veröffentlicht am
13.11.2012
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