J. Peters (Hrsg.): Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners

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Titel
Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg.


Hrsg. v.
Peters, Jan
Erschienen
Göttingen 2012: V&R unipress
Umfang
234 S.
Preis
€ 29,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Günter Krüger, Historisches Institut, Universität Mannheim

Der Dreißigjährige Krieg war ein europäischer Konflikt – für die deutsche Geschichtsschreibung und das Geschichtsbewusstsein war der „große Krieg in Deutschland“ (Konrad Repgen) die Urkatastrophe schlechthin. Die großen Hauptakteure dieses Traumas, die Ferdinands, Gustav Adolfs und Wallensteins sind wohlbekannt. Anders hingegen verhält es sich mit den kleinsten Gliedern und Rädern der sich gleichermaßen nährenden wie ernährenden Kriegsmaschinerie. Verglichen mit den großen Kriegstreibern und -führern, sind Soldaten und Söldner namen- und konturlos geblieben – ihre persönlichen Schicksale lassen sich nur unzusammenhängend aus staatlichem und städtischem Verwaltungsschriftgut – etwa militärischen Registern oder Steuer-, Wohnungs- und Einwohnerlisten – recherchieren, wie dies zum Vergleich Jan Lindegren am Beispiel schwedischer Soldaten exerziert hat.[1] Nur wenige schriftliche Zeugnisse wurden von den Landsknechten selbst hinterlassen; umso mehr konnte der Zufallsfund durch den Frühneuzeithistoriker Jan Peters im Jahr 1988 als eine kleine Sensation bezeichnet werden: Peters entdeckte in diesem Jahr in der Handschriftenabteilung der Berliner Staatsbibliothek den Bericht eines Söldners über seine Eindrücke und Erlebnisse, die dieser zwischen 1625 und 1649 während seiner Odyssee durch halb Europa sammelte.

Peter Hagendorf, auch dies gelang es Peters nachzuweisen, der Autor des Tagebuchs, war ein Söldner der untersten Befehlsebene. Er gehörte nicht dem Offizierstand an, konnte aber dennoch auf eine solide Grundbildung zurückgreifen. Bildungsmäßig und kulturell stand er durch seine realistische Auffassungs- und Beobachtungsgabe wie auch seiner Neugierde weit über dem Söldnerdurchschnitt. Auch dies mag ihn mit Ausrufung des Friedens dazu angeregt haben, seine Beobachtungen und Erinnerungen zu Papier zu bringen. Als einfacher Landsknecht war Hagendorf freilich den Launen der Fortuna in besonderem Maße ausgeliefert. Die große Dynamik der ihm widerfahrenen Erlebnisse war zu einem großen Teil durch das von Hagendorf selbst reflektierte „flüchtige Ausleben und das kurze Vergessen in der Nähe von Angst und Tod“ (Peters, S. 182) bedingt. Sie wird dem Leser immer wieder drastisch vor Augen geführt, etwa wenn Hagendorf davon schreibt, ein Pferd erbeutet zu haben, das bei erster Gelegenheit mit Kameraden im Wirtshaus „versoffen“ (S. 108) wird, um im nächsten Moment fast totgeschossen zu werden.

Peter Burschel, der die Edition durch Peters wie auch deren erstmalige Vorstellung und die Selbstzeugnisforschung insgesamt würdigte[2], konstatierte hierzu: „Es ist das Tagebuch des nüchternen Beschreibens und akribischen Buchhaltens; ein Tagebuch des unbefangenen Blicks und oft staunenden Sehens; ein Tagebuch wacher, undressierter Neugier und leiser Ironie – ein Selbstzeugnis, das Einblicke in die soziale und mentale Welt einer Randgruppe gewährt, die bislang nicht möglich waren.“[3]

Es ist durchweg ein faszinierendes Egodokument, weswegen die erste Auflage von 1993, insbesondere wegen der adäquaten Kommentare und Beobachtungen seitens des Herausgebers, rasch vergriffen war. Dem Wunsch nach einer zweiten Auflage konnte Peters, bedingt durch anderweitige Projekte, erst 2011 nachkommen. Die Publikation erlebte er indes nicht mehr. Jan Peters starb kurz nach Fertigstellung des Bandes. Die zweite Auflage, die, wie man es vom Verlagshaus Vandenhoeck & Ruprecht gewohnt ist, in einem geschmackvoll ansprechenden Äußeren erschienen ist, bietet mehr Übersichtlichkeit im Inhaltsverzeichnis; so werden die Hauptkapitel nun systematisch mit allen Unterkapiteln aufgeführt. Die Quelle liegt zum einen in der Originalfassung vor, zum anderen in einer standardsprachlichen, leicht lesbaren, Sekundärfassung. Dabei sind zu ersterer Anmerkungen des Herausgebers, zu zeitgenössischer Silbentrennung, Groß- und Kleinschreibung, Interpunktion, Kürzel, und Fehlschreibungen vorangestellt. Die nachfolgenden Sektionen liegen den Beobachtungen am Bericht zugrunde, also der Deutung und Analyse der Quelle. Die darin enthaltenen drei Unterkapitel: „Lebenswege: Chronik eines Söldnerweges im Dreißigjährigen Krieg“, „Lebensweise: Alltag und Soldatenkultur“ und „Lebenswerte: Gedanken- und Gefühlswelt eines Söldners“, sind, durch die systematische Nachzeichnung des Söldnerlebens von Hagendorf durch Peters, hierbei besonders hervorzuheben. Die Anmerkungen zur Textbehandlung, zum Text selbst und zu den anschließenden Analysen, wie auch alle Register, Erläuterungen und Karten blieben unverändert. Zeitgenössische Radierungen und Drucke sowie eine herausnehmbare Karte, die den Marschweg des Söldners anschaulich dokumentieren, runden den Band ab. Im Unterschied zur ersten Auflage wurde diese Ausgabe im Analyseteil um ein zusätzliches Kapitel ergänzt, welches sich mit Militärgeschichtsschreibung im Kontext der Historischen Anthropologie sowie Selbstzeugnisforschung und Söldnergeschichte unter Berücksichtigung neuer Forschungsperspektiven der Militär- und Sozialgeschichtsschreibung auseinandersetzt. Aufschlussreich sind hierbei die ersten beiden Kapitel, in welchen die Tendenzen der Forschung zur Militärgeschichtsschreibung und die Entwicklung der Zugangsweise zu historisch-anthropologischen Themen zur Selbstzeugnisforschung von Seiten unterschiedlichster Disziplinen anbelangt bilanziert werden.

Das editierte Tagebuch des Söldners Peter Hagendorf, das immer noch einzige seiner Art, ist eine herausragende Quelle für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Sie hat nicht nur weiterhin Aufmerksamkeit seitens der Zunft der forschenden Militär- und Sozialhistoriker verdient, sondern sollte – insbesondere wegen ihrer anschaulichen Illustrierung zeitgenössischer Lebenswelt, Lebensweise und Lebenswerte – auch im Rahmen der Lehre den Studierenden des Fachs zugänglich gemacht werden.

Anmerkungen:
[1] Jan Lindegren, Frauenland und Soldatenleben. Perspektiven aus Schweden und dem Dreißigjährigen Krieg, in: Benigna von Krusenstjern / Hans Medick (Hrsg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, Göttingen 1999, S. 135–158.
[2] Jan Peters, Aus dem Tagebuch eines Söldners des Dreißigjährigen Krieges, in: Sozialgeschichtliche Informationen 19 (1990), S. 71–77; Peter Burschel, Krieg als Lebensform. Über ein Tagebuch, in: Göttingische Gelehrte Anzeigen 246 (1994), S. 263–272.
[3] Peter Burschel, Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges, in: Benigna von Krusenstjern / Hans Medick (Hrsg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, Göttingen 1999, S. 181–194, hier 181f.

Zitation
Günter Krüger: Rezension zu: Peters, Jan (Hrsg.): Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg. Göttingen 2012, in: H-Soz-Kult, 05.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19258>.
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05.12.2012
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