M. Osmont u.a. (Hrsg.): Européanisation

Cover
Titel
Européanisation au XXe siècle. Un regard historique. Europeanisation in the 20th century. The Historical Lens


Hrsg. v.
Osmont, Matthieu; Robin-Hivert, Émilia; Seidel, Katja; Spoerer, Mark; Wenkel, Christian
Erschienen
Umfang
215 S.
Preis
34,80 €
Rezensiert für H-Soz-Kult
Philip Bajon, Hebrew University of Jerusalem

Eine Neue Historiographie der europäischen Integration, eine Öffnung und Modernisierung der „histoire de la construction européenne“; dieses Ziel haben die Beiträge im vorliegenden Band, der auf eine Konferenz von Nachwuchsforschern des internationalen Netzwerkes Réseau International des Chercheurs en Histoire de l’Intégration Européenne (RICHIE)[1] sowie des Deutschen Historischen Instituts Paris (DHIP) im Juli 2010 zurückgeht.

Die Herausgeber haben für ihren Tagungsband zehn prägnante Fallstudien ausgewählt, die von Christian Wenkel, Reiner Marcowitz und Éric Bussière in ihren flankierenden Beiträgen konzeptionell eingeordnet werden. Wenkel, Marcowitz und Bussière unterstreichen, wie sehr die europäische Integrationsgeschichtsschreibung von konzeptionellen Ansätzen der „Europäisierung“ profitieren kann.[2] In vergangenen Jahrzehnten war Integrationsgeschichte in realistischer und staatszentrierter Sichtweise zumeist als Addition nationaler Europapolitiken oder als supranationale Diplomatiegeschichte geschrieben worden. Die nationale oder supranationale Teleologie erschwerte dabei die historische Analyse. Mit dem Konzept der Europäisierung möchten die Herausgeber in der Integrationsgeschichte neue Wege beschreiten, um ihrem Forschungsfeld zu mehr Präsenz und analytischer Qualität zu verhelfen. Die Notwendigkeit einer methodologischen Öffnung und Erweiterung ergibt sich nicht zuletzt aus der Forschungspraxis, welche – zunehmend multiarchivisch und international – die Europäisierung vorwegnimmt (Wenkel, S. 13).

Der Weg führt in erster Linie über eine drastische Ausweitung der Forschungsagenda, sowohl in chronologischer als auch in thematischer Hinsicht. War bisher die „EUionierung“ (Marcowitz, S. 20) von Politikfeldern und institutionellen Kulturen im Fokus des Interesses, so propagieren Wirtschafts- und Sozialhistoriker wie Hartmut Kaelble mittlerweile ein breiter angelegtes Konzept der Europäisierung, welches komplexe sozio-kulturelle und sozio-ökonomische Transformationsprozesse beim Zusammengehen der europäischen Gesellschaften erfasst. Kurzum, es geht um eine moderne Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der europäischen Integration (Marcowitz, S. 23-4) – auch jenseits der Europäischen Union – und damit um eine „Versöhnung“ von Integrationsgeschichte und „histoire générale de l’Europe“ (Bussière, S. 206). Selbst im Rahmen einer engeren EU-Geschichtsschreibung verschieben sich mittlerweile die Akzente deutlich zugunsten einer „new EU history“, welche stärker die kulturelle und gesellschaftliche Dimension des Integrationsprojektes beleuchtet.[3] Konsum, Migration, Kunst und Kultur, Wissenschaft und Lebensart stehen auf der Agenda einer modernen Gesellschaftsgeschichte der europäischen Integration. Darüber hinaus profitiert die Europäisierungs-Forschung von einem erweiterten chronologischen Fokus, indem sie einerseits bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, andererseits im Bereich der Zeitgeschichte an die politikwissenschaftliche Gegenwartsforschung anschließt.

Der vorliegende Band vermittelt einen breiten Einblick in die aktuelle Europäisierungs-Forschung. Dabei ordnen die Herausgeber die Fallstudien in drei Kategorien: Ideen und Debatten, Wissenschaft und Kunst sowie spezifische Probleme und Herausforderungen als Ursprung und Stimulans der Europäisierung.

Florian Greiner untersucht in seinem Beitrag die diskursive Konstruktion Europas in ausgesuchten britischen und nordamerikanischen Zeitungsartikeln im Zeitraum von 1914 bis 1945. Greiner analysiert, wie Europa in der allgemeinen Wahrnehmung mit den Krisen und Bedrohungen der Zwischenkriegszeit assoziiert wurde und in der alltäglichen Kommunikation zum „Referenzwert“ (S. 32) avancierte. Auch die Entstehung eines modernen europäischen Kommunikations- und Medienraumes habe dazu beigetragen, Europa im alltäglichen Denken und Kommunizieren zu verankern. Diese Europäisierungstendenzen der Zwischenkriegszeit möchte Greiner nicht zuletzt als Antriebskräfte für die Einigungsbemühungen der Nachkriegszeit verstanden wissen. Johannes Großmann widmet sich in seinem Kapitel zwei konservativen Nichtregierungsorganisationen – dem Centre européen de documentation et d’information (CEDI) sowie dem Comité international pour la défense de la civilisation chrétienne – und fragt nach deren Beitrag zur transnationalen, demokratischen Sozialisation konservativer westeuropäischer Eliten in den 1950er- und 1960er-Jahren. Großmann zeigt, dass sich in beiden transnationalen Foren die konservative Elite mit dem liberal-demokratischen Modell Westeuropas versöhnte. Denn nur über eine Anpassung ihrer politischen Strategie und Kommunikation konnte der Aufbau eines christlich-konservativen und gegen die kommunistische Bedrohung immunisierten Europas gelingen. Diese sozio-politische „Katalyse“ unterstreicht, so Großmann, die Bedeutung nicht-staatlicher Akteure im Europäisierungsprozess (S. 57). Thomas Raineaus Analyse der europäischen Gesinnung im British Civil Service im Zeitraum von 1957 bis 1972 rückt die Entscheidungen der Hohen Politik ins Blickfeld und macht deutlich, dass die Europäisierung kein Selbstläufer ist. Auch wenn sozio-ökonomische Argumente und Interessenkonvergenzen für eine Europäisierung im Sinne eines britischen Beitritts zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft sprachen, kennzeichneten Indifferenz und Feindschaft (S. 73) die Haltung weiter Teile Whitehalls gegenüber dem europäischen Projekt. Der 1972-3 erfolgte Beitritt des Vereinigten Königreichs ging auf das Engagement einer kleinen Zahl hoher Beamter unter der Führung Edward Heaths und seiner Minister zurück, welche den Durchbruch erzwangen. Auch Rémi Devémys Regionalstudie zu den Tarifpartnern und -verhandlungen in der Chemischen Industrie im Nord-Pas-de-Calais, der Wallonie und Nordrhein-Westfalen in den 1960er- und 1970er-Jahren liefert erstaunliche Ergebnisse. Obwohl alle drei Regionen im gleichen Industriebecken liegen und sich unter vergleichbaren Bedingungen rapide entwickelten, blieben die Tarifverhandlungen von nationalen Eigenheiten geprägt und konnten nicht zu einem europäischen, sozialpolitischen Integrationsprojekt ausgeweitet werden. Trotz struktureller Konvergenzen blieb die Europäisierung der Tarifverhandlungen ein Fehlschlag.

Die Sammelbandbeiträge zur Europäisierung in Wissenschaft und Kunst eröffnet Fabian Links Untersuchung der kunsthistorischen Forschung zur rheinländischen Burgenwelt vom Ende des 19. Jahrhunderts bis 1960. Links Studie zeigt, wie sehr die deutschen und französischen Kunsthistoriker nationalen Wissenskulturen verhaftet blieben und bisweilen radikale Projekte verfolgten, um sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg einer Internationalisierung zu öffnen. Einen gegenteiligen Befund liefert Sarah Ehlers Beitrag über die europäische Tropenmedizin im Angesicht der Schlafkrankheit zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Auch wenn koloniale Rivalitäten und nationale Töne in diesem Zeitraum dominierten, hatte die Konfrontation mit dieser tückischen Epidemie eine „europäisierende Wirkung“ (S. 127) auf die Experten der Kolonialnationen, welche bei der Erforschung und Bekämpfung der Schlafkrankheit nicht nur Erfahrungswerte und Strategien, sondern auch Fremd- und Selbstwahrnehmungen teilten, wie Ehlers eindrucksvoll zu zeigen vermag. Eine Tendenz zur Europäisierung, sogar über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweg, findet auch Katrin Schreiter, die in ihrem Beitrag die „ästhetische Konvergenz“ (S. 129) des west- und ostdeutschen mittelständischen Möbeldesigns zur Zeit des Kalten Krieges in den Blick nimmt. Die wirtschaftlichen und kulturellen Gravitationskräfte des Gemeinsamen Marktes bewirkten, dass sich das west- und ostdeutsche Möbeldesign mehr an europäischen Stilen und Bedürfnissen orientierte als eine jeweils nationale oder ideologisch gefärbte Ästhetik zu kultivieren.

Der dritte Abschnitt des Sammelbandes behandelt Europäisierungstendenzen als Antwort auf spezifische Probleme und Herausforderungen. Olga Sparschuh widmet sich der nationalen und transnationalen Arbeitsmigration am Beispiel süditalienischer Migranten in Turin und München zwischen den 1950er-Jahren und dem Beginn der 1970er-Jahre. Die große Konvergenz von interner und grenzüberschreitender Migration nach Einführung der EWG-Freizügigkeit im Jahre 1962 lädt zu vergleichenden Untersuchungen ein. Sparschuhs Analyse von Debatten und politischen Strategien an den beiden Zielorten zeigt, dass weniger die Nationalität als vielmehr der Gegensatz von städtischer und ländlicher Kultur das Verhältnis zwischen den Migranten und ihrer neuen Umwelt bestimmten. Laurent Schmit interessiert sich für die Europäisierung der Umweltpolitik. Die Problematisierung des Waldsterbens (als Folge saurer Niederschläge) in deutschen und französischen Debatten der 1980er-Jahre sowie die schwierigen Verhandlungen über geeignete Gegenmaßnahmen, so Schmit in seiner Studie, haben einen wesentlichen Beitrag zur Entstehung eines europäischen Umweltbewusstseins geleistet und schlussendlich zur Durchsetzung europäischer Umweltschutzstandards geführt. Abschließend untersucht Klára Paardenkooper die Europäisierung im Transportsektor, genauer: den Container als Stimulans der Wirtschaftsintegration. Nach Einführung der Containerisierung suchte der Hafen von Rotterdam seine führende Stellung in Europa durch die infrastrukturelle Entwicklung seines Hinterlandes – in erster Linie der Ruhr-Region – auszubauen. Die Initiativen zur Liberalisierung im Transportsektor, so Paardenkoopers Befund, gingen dabei von den Unternehmen und Lobbys und nicht etwa von der höchsten politischen Ebene aus.

Auch wenn die Beiträge thematisch stark divergieren, vereint der vorliegende Band unter der konzeptionellen Klammer der Europäisierungs-Forschung eine Reihe von lesenswerten, empirisch soliden und methodologisch innovativen Fallstudien und ist eine lohnende Lektüre nicht nur für den Integrations- und Zeithistoriker.

Anmerkungen:
[1] Ein weiterer RICHIE Workshop zur Europäisierung („Européanisation, du milieu du XIXe siècle à nos jours. Croiser les approches nationales, internationales et transnationales“) fand im September 2012 in Kreisau statt.
[2] Grundlegend hierzu die Beiträge in Martin Conway / Kiran Klaus Patel (Hrsg.), Europeanization in the Twentieth Century. Historical Approaches, Basingstoke 2010.
[3] Wolfram Kaiser / Brigitte Leucht / Morten Rasmussen, Origins of a European polity. A new research agenda for European Union history, in: Wolfram Kaiser / Brigitte Leucht / Morten Rasmussen (Hrsg.), The History of the European Union. Origins of a trans- and supranational polity 1950-1972, London 2009, S. 1-11.

Zitation
Philip Bajon: Rezension zu: Osmont, Matthieu; Robin-Hivert, Émilia; Seidel, Katja; Spoerer, Mark; Wenkel, Christian (Hrsg.): Européanisation au XXe siècle. Un regard historique. Europeanisation in the 20th century. The Historical Lens. Bern 2012, in: H-Soz-Kult, 16.11.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19266>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2012
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Epoche
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Land (Publikation)
Sprache (Publikation)