V. Harris: Selling Sex in the Reich

Titel
Selling Sex in the Reich. Prostitutes in German Society, 1914–1945


Autor(en)
Harris, Victoria
Erschienen
Umfang
210 S.
Preis
€ 30,27
Rezensiert für H-Soz-Kult
Bettina Kretzschmar, Solingen

Wie werden kollektive Erfahrungen durch Geschlecht und den Blick auf das Individuum beeinflusst? Mit einer derartigen „gendered history“ will Victoria Harris dazu beitragen, die Wahrnehmung des Sexmarktes in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu überdenken. Denn das von vielen Studien gezeichnete Bild von verfolgten und stigmatisierten Frauen, die in der Prostitution Opfer patriarchalischer Unterdrückung wurden, werde laut Harris der Komplexität der Lebensbedingungen von Prostituierten nicht gerecht. Anders als viele historische Studien zur Prostitution geht Harris darum nicht dem Prostitutionsdiskurs nach, sondern rückt die Prostituierten selbst und ihre Erfahrungen ins Zentrum des Interesses.

Der Untersuchungszeitraum der Studie umfasst drei verschiedene Regierungssysteme in Deutschland zwischen 1914 und 1945. Trotz der in dieser Phase stattfindenden Regierungswechsel und Gesetzesänderungen betrachtet Harris diese Periode als Ganzes und behauptet, dass es in diesem Zeitraum mehr Kontinuitäten als Veränderungen für Prostituierte gab. Zugleich stellt sie damit das generelle Verständnis einer Verbindung zwischen Demokratie und Liberalisierung sowie Faschismus und sexueller Repression in Frage. Beispielhaft konzentriert sich Harris dabei auf die Städte Leipzig und Hamburg, für die sie umfangreiche Kriminalakten und medizinische Aufzeichnungen auswertet. Diese ordnet sie anhand von staatlichen Studien, Presseberichten und zeitgenössischen Schriften in einen größeren nationalen Kontext ein.

Harris baut ihre Studie als Bottom-up Analyse auf: Sie beginnt mit dem Lebenslauf einer Leipziger Prostituierten, auf den sie immer wieder zurückkommt; von dieser individuellen Geschichte ausgehend beleuchtet sie dann in vier Kapiteln die Erfahrungswelt der Prostituierten, das sie umgebende Milieu, die Reaktion der Gesellschaft bis hin zur Prostitutionspolitik und ihrer Auswirkung auf die Prostituierten. Diese vier Aspekte sind eingebettet in eine Analyse, welche die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Prostitution beleuchtet und dabei insbesondere danach fragt, in welcher Beziehung Veränderungen in den Erfahrungen von Prostituierten zu größeren sozialen Änderungen standen.

Im ersten Kapitel „The Prostitute Experience“ stellt Harris zeitgenössischen Stereotypen und geläufigen Hypothesen der Forschung ein detaillierteres Bild entgegen: Die Prostituierten waren weder vorwiegend jugendlich, noch ländlicher Herkunft, noch kamen sie überproportional aus der Arbeiterschicht, sondern spiegelten die Gesellschaftszusammensetzung wider. Der größte gemeinsame Nenner der Prostituierten sei die Erfahrung des Frauseins in einer Zeit, die nur geringe Bildungsmöglichkeiten und kaum finanzielle Sicherheit außerhalb der Ehe für Frauen bot.[1] Harris betont jedoch nicht die Opferrolle, sondern im Gegenteil die Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Frauen: Prostitution als Mittel zur Bewältigung ökonomischer Krisen für Frauen jeder Gesellschaftsschicht. Auch ist der Handlungsspielraum der Prostituierten laut Harris größer, als bisher von der Forschung angenommen: Aufgrund der kurzen Verweildauer im Prostitutionsgeschäft (durchschnittlich 2 bis 3 Jahre) verloren die Frauen weder ihr Ansehen, noch war der Ausstieg aus der Prostitution schwer. Harris zeichnet anhand der von ihr wenig hinterfragten Quellengattung der Polizeiakte ein Bild von selbstbewussten, starken und unabhängigen Frauen, die zu ihrer Art zu leben standen.

Im zweiten Kapitel „The Prostitute Milieu“ überprüft Harris die in der Forschung vorherrschende Meinung, dass Prostituierte zur Randschicht der Gesellschaft gehören, indem sie die Interaktionspartner und das Lebensumfeld der Prostituierten untersucht. Während sie die Zuhälter als unbedeutend einstuft, misst sie den Vermieterinnen und Kupplerinnen eine größere Rolle bei und beleuchtet daneben eine große Bandbreite an weiblichen Beteiligten. Harris zeichnet das Prostitutionsmilieu als vorwiegend von Frauen dominierte Ökonomie, die nicht auf eine Unterwelt oder das Proletariat beschränkt, sondern über die ganze Stadt verteilt gewesen sei. Sperrbezirke interpretiert Harris nur als symbolische Konstruktion, welche die Effektivität polizeilicher Maßnahmen beweisen sollte. Ähnlich wie die Prostituierten kamen auch die Freier aus allen Schichten, woraus Harris folgert, dass die bisher angenommenen Klassengrenzen entweder nicht vorhanden seien oder zu simpel interpretiert wurden.

Im dritten Kapitel „The Prostitute and Society“ untersucht Harris Reaktionen auf die Prostitution, wobei sie zwei Typen unterscheidet. Kritiker des ersten Typs äußerten sich öffentlich in der Presse oder in Petitionen, die auf weitreichende Reformen zielten. Sie verbanden moralische Sorgen über Prostitution mit Ängsten vor Sittenverfall, Kontrollverlust des Staates und Bevölkerungsproblemen und versuchten traditionelle Geschlechterrollen wieder zu bestärken. Da diese „moral panics“ meist in Krisenzeiten auftraten, sieht Harris ihre Ursache nicht in der Prostitution selbst, sondern im sozialen Wandel und in der zunehmenden Emanzipation von Frauen. Der zweite Typ umfasst Beschwerdebriefe an die Polizei von Nachbarn, Vermietern oder Geschäftsinhabern, die die Lösung akuter Probleme forderten. Jedoch versuchten auch diese Kritiker angemessene soziale Grenzen und „normales“ Benehmen zu definieren und sich selbst als rechtschaffend darzustellen. Gegnerschaft oder Befürwortung erklärt Harris also mit einer Mischung aus ökonomischen Interessen und einem Wunsch nach Respektabilität und moralischen Werten.

In Kapitel vier „The Prostitute and the State“ analysiert Harris schließlich die Sittenpolizei und die im Ersten Weltkrieg entstandene „Gefährdetenfürsorge“. Besonders fokussiert Harris darauf, wie sich der Streit um Macht und Ressourcen zwischen diesen Institutionen auf die Erfahrungen der Prostituierten auswirkte und widerspricht Interpretationen, die soziale Arbeit für Prostituierte als Fortschritt ansehen. Harris betont vielmehr, dass die Reglementierung nur Teil eines gesamten Überwachungsstaates gewesen sei und das Wohlfahrtssystem sogar eine Erweiterung des staatlichen Zugriffs auf das Leben der Bürger darstellte; den Sozialarbeiterinnen unterstellt sie ein paternalistisches, repressives, ja sogar antifeministisches Verhalten. Hier stellt sich die Frage, ob Harris damit nicht eine zeitgenössische Meinung und darin widergespiegelte nationale Ressentiments perpetuiert. Auch das Gesetz zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten von 1927 interpretiert Harris als negativ. Zwar wurde die Sittenpolizei abgeschafft, jedoch den neu geschaffenen Gesundheitsbehörden ein größerer Zugriffsspielraum eingeräumt: Alle Frauen mit häufig wechselndem Geschlechtsverkehr gerieten als mögliche Infektionsquelle in den Fokus einer verstärkten Internierungs- und Ausschlusspolitik. Dass nun erstmals auch Männer ins Blickfeld der staatlichen Überwachung gerieten und die Entkriminalisierung der Prostitution neue Handlungsspielräume für Prostituierte eröffnete, die auch genutzt wurden, übergeht sie in ihrer Argumentation. Vielmehr betont Harris, dass sich das Gesetz wenig auf den Alltag der Prostituierten auswirkte, da die Ausführung Ländersache war und die zuständigen Behörden personell gleich besetzt blieben. Diese personelle Kontinuität sei auch im Dritten Reich zu beobachten, weswegen Harris eine Repression der Prostituierten durch die Nationalsozialisten nicht per se bestätigen kann: Vielmehr sei diese von lokalen Persönlichkeiten und subjektiven Entscheidungen abhängig. Zwar wurde die Aktion gegen Prostituierte unter den Nationalsozialisten radikaler, jedoch hätten sowohl die demokratische Regierung in der Weimarer Republik, als auch die faschistische Regierung im Dritten Reich eine Balance zwischen progressiven und konservativen Sichtweisen und somit liberalen und repressiven Praktiken hinsichtlich der Prostitution angestrebt. Trotz verschiedener Gesetzgebungsversuche sei die Prostitution im Untersuchungszeitraum weitgehend unverändert geblieben, was Harris besonders auf ökonomische Faktoren zurückführt.

Harris regt mit ihrer facettenreichen Studie sowohl zum Nachdenken als auch zum Widerspruch an. Begrüßenswert ist ihre Forderung nach einer neuen Forschungsmethode, welche die Interaktion zwischen sozio-ökonomischer Position, Status und Geschlecht berücksichtigt. Harris kommt vor allem der Verdienst zu, eine neue und aufschlussreiche Gruppe an Primärquellen erschlossen zu haben und damit den Blick auf die Welt der Prostituierten in einigen wichtigen Details zu korrigieren. Vor allem die Auswirkungen des Konkurrenzkampfes zwischen Sittenpolizei und Sozialer Fürsorge auf den Alltag der Prostituierten stellt Harris eindrücklich dar. 1927 war jedoch ein deutlicherer Schnitt, als Harris annimmt: Prostituierte nutzten ihre neuen Rechte, unter anderem um gegen die Polizei zu klagen. Hier und an anderen Stellen macht sich ein etwas nachlässiger Umgang mit der Sekundärliteratur bemerkbar. So muss Harris selbst zugeben, dass es vor Gericht zunehmend zu Freisprüchen von Prostituierten kam und die Polizei im Dritten Reich wieder gestärkt wurde. Während also die Ergebnisse über Herkunft und Umfeld sehr erhellend sind, sind Deutungen hinsichtlich subjektiver Aussagen Prostituierter und ihre Einschätzung der unveränderten Lebenswelt der Prostituierten eher mit Vorsicht zu genießen.

Anmerkung:
[1] Harris blendet die männliche Prostitution bedauerlicherweise vollkommen aus ihrer Untersuchung aus.

Zitation
Bettina Kretzschmar: Rezension zu: Harris, Victoria: Selling Sex in the Reich. Prostitutes in German Society, 1914–1945. Oxford 2012, in: H-Soz-Kult, 19.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19307>.
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19.12.2012
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