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Titel
Erwin Strittmatter. Die Biographie


Autor(en)
Leo, Annette
Erschienen
Berlin 2012: Aufbau Verlag
Umfang
447 S., 61 Abb.
Preis
€ 24,99
Rezensiert für H-Soz-Kult
Helmut Peitsch, Institut für Germanistik, Universität Potsdam

Von 82 Jahren des Lebens des Schriftstellers Erwin Strittmatter erhalten sechs Jahre mehr als ein Viertel der Erzählzeit. Auf 120 von 400 Seiten, in drei der dreizehn (nicht so genannten) Kapitel werden die Jahre von 1938 bis 1945 behandelt. Der chronologische Aufbau nach unterschiedlich langen Zeitabschnitten (1912–1929, 1930–1938, 1945–1950, 1951–1960, 1961–1989) wird vor dem letzten Kapitel unterbrochen durch Kapitel zu Freundschaften, zu Frauen und Kindern sowie zu Strittmatters Leben auf einem Bauernhof im brandenburgischen Dollgow, wo er seit 1957 bis zu seinem Tod 1994 lebte. Strittmatter war in der DDR ein, in den 1950er-Jahren auch mit Kinderbüchern („Tinko“ 1954), sehr erfolgreicher Verfasser von Romanen (zuletzt dreibändig: „Der Laden“ 1982–93), von denen nur „Ole Bienkopp“ (1963) anfänglich kontrovers aufgenommen worden war. Die Historikerin Annette Leo beschreibt ihre Biographie Strittmatters als „Versuch“, „die Furcht meiner Eltern in mir zu überwinden, ganz nah heranzugehen, genau hinzuschauen und versuchen zu verstehen“ (S. 34). Denn sie rechnet ihn einleitend zu den Menschen, „vor denen meine Eltern sich wohl immer gefürchtet haben“. Sie beansprucht, diese Furcht mit Blick auf Strittmatter „begriffen“ zu haben (S. 34), indem sie mit Blick auf ihn die von ihren Eltern „unausgesprochen[e]“ „Frage – was hat der oder die während der NS-Zeit getan?“ – zu beantworten versucht hat.

Die biographische Erzählerin begründet auf diese Weise die Erzählweise ihres Buchs, für die sie „[t]rotz allen Strebens nach Sachlichkeit und Objektivität“ geltend macht: „das bin immer ich […], die die einzelnen Mosaiksteine auswählt und zu einem Bild zusammenzusetzen versucht.“ (S. 33) Hieraus folgt nicht nur, dass aus dem Leben der Erzählerin und (ausgiebiger) über ihre Recherchen erzählt wird. Hieraus folgt auch, dass die Erzählperspektive, die Position dieses Ichs mit Bezug auf seine Familie, doppelt bestimmt wird: als „Blickwinkel der Nachgeborenen, der zweiten Generation“ (S. 33f.) und „einer Familie, deren Mitglieder während der NS-Zeit zu den Verfolgten gehörten“ (S. 34). Die auf diese Weise generationell bestimmte Subjektivität verbindet die Verfasserin mit einem Anspruch auf Objektivität, den sie folgendermaßen begründet: „Der Abstand zu den Zeiten des Krieges wie zu den Zeiten des Verschweigens ist heute groß genug, um ohne Zorn und Eifer – weder mit dem Gestus der Anklage noch dem der Rechtfertigung – an die Geschehnisse heranzugehen.“ (S. 15)

Annette Leo fasst die Nachkriegsjahrzehnte, in denen Strittmatter zum DDR-Schriftsteller wurde, als „Zeiten des Verschweigens“ der „Zeiten des Krieges“ auf. Dadurch richtet sich ihr von Anklage und Rechtfertigung abgegrenzter wissenschaftlicher Anspruch auf „Dokumente […] und Zeitzeugenberichte“, die es ermöglichen, „die Lebensgeschichte Erwin Strittmatters […] quer zu seinen literarischen Selbstkonstruktionen [...] neu zu erzählen“ (S. 33). Sie hat darauf verzichtet, die öffentliche Kontroverse um Strittmatters Zeit im Polizei-Gebirgsjäger-Regiment 18, die im Jahr 2008 einsetzte, zu analysieren, die bewies, dass der zeitliche Abstand keineswegs „Zorn und Eifer“, „Anklage“ oder „Rechtfertigung“ per se ausschließt. [1] An die Stelle einer Verortung in der Gegenwart nach 2008 tritt ein familiengeschichtlicher Ansatz, der das Deutungsmuster „Generation“ für die Konstruktion von Strittmatters Leben dominant setzt: „Mir war von Anfang an klar“, sagte Leo in einem Interview nach Erscheinen des Buchs, „dass diese Geschichte einer Verstrickung die Geschichte einer ganzen Generation ist, die sich da in der Person von Erwin Strittmatter spiegelt.“ [2]

Den Text dominiert die Deutung Strittmatters als Repräsentant einer Generation von DDR-Bürgerinnen und -Bürgern, die im Faschismus nicht zu den Verfolgten gehört und in der DDR über ihre individuelle Vergangenheit geschwiegen hätten, der „Kriegsgeneration“ (S. 26). Diese Deutung stützt sich für die Verallgemeinerung von Texten des Autors auf „die Generation“ immer wieder auf eine nicht weniger zweifelhafte, weil vereinheitlichende Erklärungskategorie, den „Zeitgeist“: vom „Geist der dreißiger Jahre“, „ein[em] bisschen Blut-und-Boden-Romantik“ (S. 64), und dem „Zeitgeist des Herrenmenschentums“ (S. 175) über den „Geist der Nachkriegszeit“ (S. 25) und den „Zeitgeist“ (S. 349) der sechziger bis zu dem „Zeitgeist der DDR der achtziger Jahre“ (S. 67).

Auf andere Weise als „Zeitgeist“ vereinheitlicht ein weiterer Lieblingsbegriff der Verfasserin, den sie zusammen mit dem der Generation einführt: der Begriff der „Symbiose zwischen den heimgekehrten Soldaten, den enttäuschten Hitlerjungen und -mädchen und den an die Macht gelangten Kommunisten“. (S. 15f.) Leos spätere Rede von der Symbiose von „Fiktion und Realität“ (S. 30) und der von „Schriftsteller und Funktionär“ (S. 234) ist in der ersten Verwendung von Symbiose für Strittmatter schon enthalten, wenn es über seine Generation heißt: „Auf ihren Aufbau-Aktivismus, ihren antifaschistischen Gedenk-Eifer, verbunden mit der Übereinkunft des Schweigens, gründete sich die DDR. Sie zerfiel, als diese Generation sich in den Ruhestand verabschiedete, und gleichzeitig stand damit auch der bisherige Umgang mit der NS-Vergangenheit zur Disposition.“ (S. 16) Aus der generationellen Gleichsetzung von Antifaschismus, Schweigen und politischem Aktivismus und dem Desinteresse an der Untersuchung eines damit „zur Disposition“ gestellten antifaschistischen Umgangs mit der NS-Vergangenheit erklärt sich die Weise, wie Leo ihre Quellen liest.

Schon die an einer Stelle vorgenommene Unterscheidung zwischen den drei Quellengruppen Kaderakten, Interviews und Romanen ist fragwürdig. Denn für Kaderakten und Interviews setzt Leo einen direkten „Bezug zum gelebten Leben“ voraus, während sie nur den Romanen zuschreibt, durch Zuschreibung einer Rolle für sich „und/oder“ Helden zu „deuten“ und insofern nur „Spuren der vergangenen Realität“ (S. 103) zu bieten. Sie geht davon aus, dass jede Deutung ein Schweigen über die Fakten sei, an denen die Historikerin interessiert ist. Diese Annahme buchstabiert die Verfasserin an einer Kernstelle aus – und damit den Kern ihrer Weise, literarische Texte zu lesen. Strittmatter hatte 1945 an eine thüringische SPD-Zeitung seine Erzählung „Der Sargträger“ geschickt. Dieser Erzählung wirft sie „ein[en] Vorgang“ vor, „der in der Literatur immer geschieht“: „Offenbar war es ihm unmöglich, das Ereignis einfach als Augenzeuge zu schildern, obwohl das sowohl für die Leser des Jahres 1945 als auch für uns heute viel interessanter gewesen wäre.“ (S. 194)

Dass es aber der Verfasserin nicht um Fakten, die der Augenzeuge „einfach“ hätte „schildern“ müssen, sondern um eine bestimmte Deutung der Fakten geht, gesteht sie an einer betont subjektiv formulierten Stelle ein. Hier setzt sie die ansonsten durchgängige Unterscheidung von Erlebnis und Erfindung im Begriff der Erfahrung außer Kraft, weil sie der Deutung zustimmt, die sie aus Franz Fühmanns Novelle „Kameraden“ liest: „Die Handlung mag so erlebt worden, sie mag aber auch komplett erfunden sein. Für mich ist sie eine eindrucksvolle Metapher für das, was Fühmann über seine Erfahrungen in diesem Krieg vermitteln will: das Gefühl, unentrinnbar verstrickt zu sein in Schuld, die immerfort neue Schuld zeugt, das Gefühl, verloren zu sein, unabhängig davon, wie man sich entscheidet.“ (S. 106)

Dieses generationelle Deutungsmuster sich fortzeugender Schuld entspricht der einleitend exponierten Erzählposition der Verfasserin. Gerade deshalb ist ihr Desinteresse an Strittmatters Umgang mit der Schuldfrage in den „Jahre[n] seiner kommunistischen Gläubigkeit“ (S. 176) auffällig. Sie wird konsequent ausgeblendet in der überwiegend religiöse Metaphorik benutzenden Erzählung von der „Bekehrung“ (S. 377) zu einer „schnell“ „neu erworbene[n] Weltsicht“ (S. 213), die den „raschen Wechsel“ (S. 107) des wiederholt „frisch bekehrt“ (S. 103) genannten Autors für „heutige Leser“ (S. 220) „einfach Kompromisse“ (S. 221) nennt. Umso überraschender müssen dann spätere beiläufige Äußerungen sein, wo es z.B. scheinbar selbstverständlich über Strittmatters Freundschaft mit Peter Jokostra heißt: „Beide verband ein tiefes Gefühl der Mitschuld an den deutschen Verbrechen. […] Aus einem ähnlichen Impuls der Wiedergutmachung heraus waren sie in die Partei [die SED] eingetreten.“ (S. 286) Dabei war von Strittmatters Umgang mit der Schuldfrage in den ersten Nachkriegsjahren nur einmal als von einem „offensichtlich von außen angetragenen Schuldgefühl“ die Rede gewesen. (S. 104)

Leos Biographie nutzt zwar die ihr durch die Öffnung von Strittmatters Privatarchivs – im Unterschied zu ihren Vorgängern [3] – gegebenen Möglichkeiten zur Präzisierung von Strittmatters Beteiligung am Völkermord. Sie verschenkt jedoch die gerade deshalb erforderliche Analyse seines privaten und öffentlichen Schreibens über die Frage der Schuld. Sie tut dies erstens durch den vorgegebenen generationellen Deutungsrahmen, der das ‚Schweigen‘ der ‚antifaschistisch‘ gewordenen DDR-‚Kriegsgeneration‘ voraussetzt, und zweitens durch die daraus folgende Unwilligkeit, Texte anders als im Hinblick auf ‚verschwiegene‘ ‚Fakten‘ zu lesen.

Ein krasses Beispiel für diesen Unwillen zur Analyse sind Leos Ausführungen zu Strittmatters Gedicht „Den toten Kameraden“, das zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Fabrikzeitung der Zellwolle AG gedruckt worden war. Leo zitiert dieses Gedicht sekundär nach Günther Drommer, analysiert es überhaupt nicht, sondern gelangt stattdessen zu grotesken Verallgemeinerungen: „Der Mann, der diese Zeilen verfasste, wollte vermutlich vor allem gedruckt werden, er wollte dazugehören, mitlaufen, mitschwimmen im allgemeinen Strom, in den so viele Deutsche gerieten, die keine überzeugten Nazis waren, die sich aber doch arrangierten, einrichteten, gewöhnten – an das Regime, an den Krieg, an die SS, an die Zwangsarbeiter im Werk, an die Leute mit dem Judenstern auf der Brust und an vieles andere mehr. Das Milieu der sozialdemokratischen Arbeiterkultur, in dem Strittmatter aufgewachsen war, hatte offenbar keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen, gegenüber den neuen mächtigen Einflüssen bot es wohl wenig Schutz.“ (S. 91) Etwas mehr als 50 Seiten vorher hatte Leo das Herkunftsmilieu „dieses Manns“ noch wie folgt charakterisiert: „Erwin Strittmatter entstammte einer Lebenswelt von kleinen Händlern und Gewerbetreibenden, die sich mit allerlei Nebenverdiensten und Lebenskünsten durchschlugen.“ (S. 36)

Anmerkungen:
[1] Vgl. auch die entsprechende Rezeption von Leos Biographie als „Widerlegung“ der „Verteidigung“ durch Günther Drommer, Erwin Strittmatter und der Krieg unserer Väter. Fakten, Vermutungen, Ansichten – eine Streitschrift, Berlin 2010; z.B. bei Cornelia Geißler, Ein Ritt durch die Geschichte. Annette Leo ergründet das Leben des deutschen Schriftstellers Erwin Strittmatter. In: Frankfurter Rundschau vom 21./22.7.2012.
[2] „Sein Verhalten wird nachvollziehbar“. Annette Leo über ihre Strittmatter-Biographie, die sie heute in Potsdam vorstellt, in: Potsdamer Neueste Nachrichten vom 26.8.2012.
[3] Vgl. Günther Drommer, Erwin Strittmatter. Des Lebens Spiel. Eine Biographie, Berlin 2000.

Zitation
Helmut Peitsch: Rezension zu: Leo, Annette: Erwin Strittmatter. Die Biographie. Berlin 2012, in: H-Soz-Kult, 21.06.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19555>.
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21.06.2013
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