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Titel
Herodes. König im Heiligen Land. Eine Biographie


Autor(en)
Baltrusch, Ernst
Erschienen
München 2012: C.H. Beck Verlag
Umfang
448 S.
Preis
€ 26,95
Rezensiert für H-Soz-Kult
Timo Klär, Institut für Alte Geschichte, Universität des Saarlandes Saarbrücken

Die Gestalt des Herodes, der von Flavius Josephus als „der Große“ bezeichnet worden ist, hat in den letzten Jahrzehnten nichts von ihrer Faszination verloren. Erst jüngst ist die Herodesdiskussion mit der höchstwahrscheinlichen Auffindung seines Grabes im Jahr 2007 durch den israelischen Archäologen Ehud Netzer im Herodeion erneut entfacht worden. Die erste Biographie über Herodes, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügte, wurde von dem Althistoriker Walter Otto 1913 in der RE publiziert.[1] Seither sind Arbeiten von Althistorikern, Archäologen, Judaisten und Theologen zu Herodes erschienen, die verschiedene Aspekte seiner Persönlichkeit beleuchten. Vor allem ist hier das Werk von Abraham Schalit aus dem Jahre 1969 zu nennen, das für viele nachfolgenden Arbeiten als Referenz galt, aber inzwischen überholt ist.[2]

In die Tradition dieser wissenschaftlichen Beschäftigung mit Herodes reiht sich der Berliner Althistoriker Ernst Baltrusch mit seiner Biografie ein. Baltrusch präsentiert eine neue Herangehensweise an die Person des Königs, indem er dessen Identitäten nachgeht. Er möchte das „System von Identitäten“ untersuchen, die Herodes „in seinem ganzen Reich oder in Teilen seines Reiches annahm und die die politische Neugestaltung des Reiches bestimmten“ (S. 25). Durch die Konzentration auf die Identitäten ergeben sich für Baltrusch vier Vorteile: Die „Identitäten erklären, erstens, wie der König seine Herrschaft gewann und stabilisierte; sie ermöglichen, zweitens, eine Interpretation aller von Josephus und den Parallelquellen übermittelten Praktiken, Ritualen, Gesten, Handlungen im sich herausbildenden herodianischen System; sie erklären, drittens, aber auch die Widersprüche, die das politische Handeln des Herodes oft unerklärlich machten, und ermöglichen, viertens, einen neuen, methodisch abgesicherten, nicht spekulativen Zugriff auf die ‚Geisteskrankheit‘ am Ende seines Lebens“ (S. 26).

Der Identitätsbegriff hat in den letzten Jahrzehnten Eingang in die wissenschaftliche Beschäftigung gefunden. Mittlerweile widmen sich unterschiedliche Forschungszweige dem Problem der Identitätsidee. Daraus sind wichtige Konzepte entstanden, so beispielsweise die Erkenntnis, dass Identität wandelbar ist und entscheidend von der sozialen Orientierung des Einzelnen abhängt.[3] Wie sinnvoll es auch für die Altertumswissenschaften ist, den Identitätsbegriff aufzunehmen, zeigt nun Baltruschs Herodesbiografie. Der Berliner Althistoriker reflektiert allerdings nicht theoretisch über den Identitätsbegriff, wie er selbst in einer Anmerkung formuliert. Jedoch tritt gerade in der Monografie die Wandelbarkeit der Identitäten des Herodes in Abhängigkeit von seiner Rolle in der Gesellschaft klar zu Tage.

Baltrusch gliedert die Biographie in zwei Hauptteile: In einem ersten Teil, der den größeren Umfang der Monografie ausmacht, widmet er sich dem Leben des Herodes anhand von fünf Identitäten, die auch gleichzeitig die Kapitelüberschriften bilden: Herodes als Idumäer, als Römer, als Jude, als Hellenist und als Familienvater. Im letzten Kapitel des ersten Teils werden alle Identitäten im letzten Jahrzehnt der Herrschaft des Herodes zusammengeführt. Der zweite Teil widmet sich dem Erbe des Herodes: Baltrusch präsentiert zunächst die Entwicklung der Herodianischen Dynastie nach Herodes dem Großen und erörtert dann die Rezeption des Königs. Abgerundet wird die Darstellung des Herodes durch eine Zeittafel und ein Literaturverzeichnis. Dem ersten Teil sind eine Einleitung und ein Praeludium vorgeschaltet, das als biografische Einführung gedacht ist. Da das Werk nicht chronologisch aufgebaut ist, stellt dies einen sehr nützlichen Passus dar, gibt er doch dem Leser die Möglichkeit, sich mit den wichtigsten Gegebenheiten im Heiligen Land im 1. Jahrhundert v.Chr. vorab vertraut zu machen.

Durch die Einbettung der Biographie des Herodes in seine Identitäten gelingt es dem Autor, die Person des Königs in all ihren Facetten darzustellen. Baltrusch zeigt klar, dass seine idumäische Identität, die vor allem seine ersten rund dreißig Lebensjahre bis zur Ernennung zum König durch die Römer umfasst, die Grundvoraussetzungen für seine Erfolge, aber auch Misserfolge bildet. Herodes’ Herrschaft war ein Königtum von Roms Gnaden. Er verstand es, sein Königtum in genau dieser Form „auszurichten“, nämlich als römischer Klientelkönig mit dazugehörigen Rechten und Pflichten. Dies wird überzeugend durch die römische Identität verdeutlicht. Davon profitierten sowohl Rom als auch Herodes, denn der König vertrat einerseits die römische Oberherrschaft in Palästina, andererseits durfte er weitgehend selbstständig sein Königtum ausüben, da er sich immer um ein gutes Verhältnis zum jeweiligen römischen Machthaber bemühte. Darüber hinaus konnte Rom daraus Nutzen ziehen, dass Herodes die Verhältnisse im Land, gerade zwischen den einzelnen religiösen Gruppen, genau kannte, weshalb die Römer so lange an Herodes festhielten, wie dieser sein Reich unter Kontrolle hatte. Daraus resultierte, dass Herodes in der Regierungszeit des Augustus zum „dritten Mann“ hinter dem Kaiser und Agrippa im Imperium Romanum aufsteigen konnte, wie Flavius Josephus berichtet.

Dem Ursprung aller innenpolitischen Konflikte geht Baltrusch im dritten Kapitel „Herodes als Jude“ nach. Jener ist darin zu suchen, dass Herodes von Anfang an aufgrund seiner idumäischen Herkunft bei den Juden als nicht zur Herrschaft legitimiert angesehen wurde, da er nicht dem alten hasmonäischen Herrschergeschlecht angehörte und deshalb nicht die Hohepriesterwürde bekleiden konnte. Herodes war Jude, und Idumäa war von Johannes Hyrkanos I. zwangsjudaisiert worden. Dementsprechend versuchte Herodes in der Hohepriesterfrage zunächst einen Kompromiss zu finden. Auch bemühte er sich, bei den Juden durch Steuererleichterungen und Sozialpolitik zu punkten, baute den Jerusalemer Tempel neu, beachtete das Bilderverbot und intensivierte die Beziehungen mit der Diaspora. Doch übertrat Herodes auch jüdische Religionsgesetze, indem er etwa die Speise- und Reinheitsgesetze der Juden nicht immer einhielt. Auf einer Reise nach Rom nahm er an Prozessionen und Opfern teil; zudem opferte er vor der Schlacht bei Philadelphia 31 v.Chr. Nach jüdischer Tradition hätten jedoch Opfer außerhalb des Tempels in Jerusalem nicht stattfinden dürfen.

Die Juden sahen auch in der Gesetzgebung des Herodes einen Anstoß. Der König erließ eine Bestimmung, dass Einbrecher und Diebe durch den Verkauf ins Ausland hart zu bestrafen seien. Doch auch dies war ein Verstoß gegen das jüdische Gesetz, da Juden nicht in die Sklaverei von Nichtjuden verkauft werden durften. Ein weiterer Punkt, der die Akzeptanz bei den Juden erschwerte, war das Bauprogramm des Herodes in Jerusalem und die Spiele zu Ehren des Augustus. Die Juden sahen in dem Festungs-, Theater-, Amphitheater- und Hippodrombau eine Manifestation der Fremdherrschaft und des Nichtjüdischen. Der König bemühte sich allerdings um ein gutes Verhältnis zu den Juden und nach Möglichkeit auch um Gesetzestreue. Dass ihm dies in Ansätzen gelang, davon zeugen die im Neuen Testament erwähnten „Herodianer“, Anhänger des Herodes aus dem Judentum. Doch das schwierige Verhältnis zwischen Herodes und den Juden blieb bis zum Tod des Herrschers bestehen, wie die ‚Adleraffäre‘ zeigt: Dabei ging es um einen goldenen Adler, der über einem Tempeltor angebracht worden war. Kurz vor Herodes’ Tod wurde dieser Adler durch einige Juden als Symbol römischer Herrschaft und Verstoß gegen das Bilderverbot zerstört, woraufhin Herodes die Anstifter umbringen ließ.[4]

Die Auseinandersetzung mit „Herodes als Hellenist“ wird nach Baltrusch in der heutigen wissenschaftlichen Literatur sehr gerne geführt (S. 219): Historiker beschäftigen sich mit hellenistischen Grundlagen der herodianischen Politik, Archäologen mit hellenistischer Architektur im Herodesreich, Judaisten suchen nach hellenistischen Abweichungen von der jüdischen Religion und Religionswissenschaftler nach hellenistischen Elementen im Religionsverständnis. Baltrusch merkt dazu an: „Jede dieser Disziplinen arbeitet dabei mit einer inhärenten Vorstellung davon, was Hellenismus sei, ohne diese freilich offen darzulegen“ (S. 219). Er führt weiter aus, dass Herodes als ein hellenistischer König im engeren Sinne dargestellt werde, der von der Lebensweise des östlichen Mittelmeerraums geprägt sei: dies zeige sich in der Konkurrenz mit anderen Fürsten, in einem politischen Monarchiekonzept, in städtischen Zentren, architektonischen Vorbildern, polytheistischen Religionsstrukturen und der griechischen Sprache (S. 219). Baltrusch schlägt vor, in dieser Frage das auf Machterhalt ausgerichtete Wesen herodianischer Politik und nicht eine bestimmte politische oder kulturelle Richtung zu betrachten: „Herodes wollte also nicht ‚hellenistisch‘ regieren, er tat es einfach, weil dies der Zeit und dem Herrschaftsraum entsprach und weil es sich bewährt hatte“ (S. 220). Sein Königtum erlaubte es Herodes, über ein heterogenes System von Untertanen zu herrschen. Im hellenistischen System hatte der König staatsrechtlich volle Souveränität über das königliche Gebiet inne. Seine Untertanen waren hingegen begrenzt autonom, wie Baltrusch betont.[5] Das hellenistische Königtum war seit Alexander dem Großen stark auf militärischen Erfolg hin ausgerichtet. Das Königtum des Herodes war allerdings gerade in dieser Hinsicht durch seine Abhängigkeit von Rom stark eingeschränkt: Herodes durfte selbst keine Kriege führen, deshalb musste er andere Wege finden, seine Erfolge darzustellen. Darin liegt nach Baltrusch das Besondere des hellenistischen Herrschaftssystems. Auch Herodes’ Identität als Familienvater, die bereits die antiken Autoren beschäftigt hat, fehlt in der Monografie nicht: Baltrusch folgt Josephus in der Annahme, dass die herodianische Familie eine wichtige politische Rolle während der Regierungszeit des Herodes spielte.

In einem letzten Kapitel mit dem Titel „Identitäten im Widerstreit. Das kurze Jahrzehnt des Scheiterns 12 bis 4 v. Chr.“ werden alle Identitäten, die idumäische, römische, jüdische, hellenistische und familiäre, zusammengeführt. Ausgehend von familiären Schwierigkeiten, die vor allem in der Nachfolgeregelung ihren Ursprung hatten[6] und in der Hinrichtung der drei Herodessöhne Alexander, Aristobul und Antipater kulminierten, weist der Autor nach, dass Herodes der Große in dieser Zeit immer mehr an Akzeptanz verlor.

In der gesamten Darstellung wird deutlich, dass die Identitäten untrennbar mit der Person des Königs verbunden waren und er diese Identitäten zu leben und für seine Zwecke zu benutzen wusste. Am Ende seines Lebens, als die Identitäten immer stärker zu bröckeln begannen, verlor er aber die Kontrolle über seine Herrschaft. Eine Konsequenz daraus war, dass das Reich des Herodes in seiner Nachfolge zerfiel und schließlich unter Agrippa II. von Rom endgültig okkupiert wurde. Diese Entwicklung nach Herodes’ Tod wird im ersten Kapitel des zweiten Teils aufgegriffen. Den Abschluss der Biografie bilden zwei Kapitel, die sich mit der Rezeption der Herodesfigur beschäftigen: Zunächst wird die christliche Rezeption in Mittelalter und Neuzeit am Beispiel des Kindermordes von Bethlehem erläutert. Baltrusch weist nach, wie die ahistorische Geschichte des Matthäusevangelisten dazu geführt hat, Herodes bis in die heutige Zeit als einen Tyrannen darzustellen und ihn in ein schlechtes Licht zu rücken. Der Kindermord von Bethlehem ist durch die Jahrhunderte hindurch auch ein beliebtes Motiv in der Kunst gewesen. Der Rezeption in Kunst, Film und Theater wird deshalb in ausführlicher Weise zum Abschluss des Buches Rechnung getragen.

Baltrusch ist mit seiner Herodesbiografie ein überzeugender und lesenswerter Beitrag zu einer der faszinierendsten Gestalten der Antike gelungen, die vor allem durch die Konzentration auf die Identitäten interessante Aspekte präsentieren kann. Eine vorzügliche Ergänzung des biografischen Teils gelingt durch die verschiedenen Rezeptionsaspekte am Ende der Darstellung.

Anmerkungen:
[1] Walter Otto, Art. „Herodes“, in: Realencyclopedie der classischen Altertumswissenschaft Suppl. 2 (1913), Sp. 1–158.
[2] Abraham Schalit, König Herodes. Der Mann und sein Werk, Berlin 1969. Herodes hat man auch unter psychologischen Gesichtspunkten zu erforschen versucht, vgl. dazu Aryeh Kasher, King Herod. A persecuted Persecutor. A Case Study in Psychohistory and Psychobiography, Berlin 2007. Hier muss unbedingt Baltrusch zugestimmt werden, der eine psychiatrische Diagnose der Geisteskrankheit des Herodes für schlichtweg unmöglich hält.
[3] Wolfgang Aschauer, Identität als Begriff und Realität, in: Wolfgang Heller (Hrsg.), Identität – Regionalbewusstsein – Ethnizität, Paderborn 1996, S. 1–16.
[4] Die Zerstörung des Adlers kann als ein Zeichen der Unzufriedenheit der Juden mit dem König gedeutet werden. Zehn Jahre zuvor – bei Anbringung des Adlers – war diese Unzufriedenheit so noch nicht gegeben, wie Baltrusch überzeugend nachweist (S. 192f.).
[5] Dies ist als „System abgestufter Souveränitäten“ bezeichnet worden, vgl. Christian Mileta, Der König und sein Land, Berlin 2008, S. 78.
[6] Es sind insgesamt sieben Testamente des Herodes aus den Berichten des Josephus identifiziert worden, die die Unsicherheiten dieser Jahre belegen können, vgl. Peter Richardson, Herod, Columbia 1996, S. 32–36.

Zitation
Timo Klär: Rezension zu: Baltrusch, Ernst: Herodes. König im Heiligen Land. Eine Biographie. München 2012, in: H-Soz-Kult, 11.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19668>.
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11.03.2013
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