E. Jost u.a. (Hrsg.): Goldenes Zeitalter und Jahrhundert der Aufklärung

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Titel
Goldenes Zeitalter und Jahrhundert der Aufklärung. Kulturtransfer zwischen den Niederlanden und dem mitteldeutschen Raum im 17. und 18. Jahrhundert


Hrsg. v.
Jost, Erdmut; Zaunstöck, Holger
Erschienen
Umfang
176 S.
Preis
€ 24,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Eveline G. Bouwers, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte, Mainz

Es gibt wenige Straßen, welche die Geschichte Berlins ähnlich stark prägen wie Unter den Linden. Dennoch, ihr Ursprung liegt jenseits Deutschlands Westgrenze. Als der Reitweg, welcher das Berliner Stadtschloss mit dem Tiergarten verband, während des Dreißigjährigen Krieges zerstört wurde, entschloss sich Kurfürst Friedrich Wilhelm für einen Neubau. Johann Moritz von Nassau-Siegen, Statthalter von Kleve und Mark, riet ihm zu einer ‚Allee nach Holländischer Art‘ komplett mit Lindenbäumen; er hatte die Lange Voorhout in Den Haag im Auge. Dass es zu diesem Import aus der Republik kam, war weder ein Zufall, noch war Unter den Linden das einzige Beispiel eines niederländisch-deutschen Kulturaustauschs.

Der vorliegende, von Edmund Jost und Holger Zaunstöck herausgegebene Band zeigt, dass Souvenirs der niederländischen Republik im mitteldeutschen Raum vielerorts zu finden sind. Er geht auf eine Tagung zurück, die vom zweiten bis vierten September 2010 in Halle und Oranienbaum stattfand und deren Ziel es war, den „intensiven Austauschprozessen“ (S. 11) zwischen der niederländischen Republik und dem mitteldeutschen Raum – vor allem Brandenburg-Preußen und Anhalt-Dessau – während des 17. und 18. Jahrhundert nachzugehen. Die Autoren betonen die Vielzahl von Gebieten, in denen ausländische Einflüsse zu spüren waren: sowohl auf der Ebene der praktischen Anwendung (Architektur, Porzellan, Waisenhaus) als auch im intellektuellen Bereich (Medizin, Philosophie, Theologie). Die Existenz eines derartigen Austauschs ist keine Neuentdeckung. Interessant ist aber der Versuch, anhand des von Espagne/Werner übernommenen Kulturtransferkonzepts[1] die etablierte Periodisierung (S. 12) dieses Austauschs – (1) niederländische Dominanz bis zum ‚Katastrophenjahr‘ 1672, (2) Ausgleich um 1700, (3) Vorbildhaftigkeit deutscher Kultur ab 1750 und (4) kulturelle Überlegenheit ab 1800 – erneut unter die Lupe zu nehmen.

Bisherige Studien zum deutsch-niederländischen Verhältnis haben sich meist den politischen Traditionen beider Länder [2] und der mühsamen Überwindung der Feindschaft nach 1945 [3] gewidmet. Auch wurde dem Einfluss der Republik im 17. Jahrhundert [4] und der Rolle der Nassauer Dynastie [5] als Vermittler nachgegangen. Dahingegen leistet „Goldenes Zeitalter und Jahrhundert der Aufklärung“ den Versuch, die Wechselseitigkeit kultureller Einflüsse während der Frühen Neuzeit zu betonen. Salopp gesagt: Die Autoren wollen analysieren, wie Ideen nicht nur von Leiden nach Jena reisten, oder vom Huis ten Bosch nach Oranienburg, sondern auch umgekehrt. Dazu werden folgende vier Ebene des Austauschs erhellt: (a) Akteure und Institutionen, durch welche Ideen kultureller und wissenschaftlicher Art vermittelt wurden, (b) Formen/Wege dieser Kommunikation, (c) Aufnahme in der Zielkultur, und (d) Verflechtungsprozesse dies- und jenseits der Grenze.

Zu den bekanntesten Vermittlern niederländischer Kultur im mitteldeutschen Raum gehörten die Oranierprinzessinnen Louise Henriette (verheiratet mit dem Großen Kurfürsten) und Henriette Catharina (Frau von Johann Georg II. von Anhalt-Dessau). Beide Heiraten hatten, so Michael Rohrschneider, eine „katalysatorische Wirkung“ (S. 21) auf den Transfer niederländischer Kultur. Besonders auffällig sind die Schlossgründungen, welche Freek Schmidt als Mittel zur „Konstruktion prinzlicher Identität und [zur] Kommunikation dynastischer Ambitionen“ (S. 38) beschreibt. Dass gerade ‚Netherlandism‘ (S. 38) in einer Zeit des abnehmenden niederländischen Einflusses für dynastische Selbstinszenierung genutzt wurde, erscheint als merkwürdiger jedoch nicht weiter verfolgter Widerspruch. Neben Prinzessinnen waren auch Wissenschaftler wichtige Vermittler niederländischen Knowhows. In ihrem lesenswerten Beitrag geht Bettina Noak der Frage nach, wie der Arzt Steven Blankaart nicht nur die Schriften Descartes übersetzte, sondern sich durch seine praktischen Anwendungen der cartesianischen Lehre als Wegbereiter empirischer Forschung im mitteldeutschen Raum entpuppte.

Schauen wir uns die Kanäle des Transfers an, sind außer medizinischen Traktaten, politischen Flugblättern oder Gemälden auch Reiseberichte zu nennen. Ein spannendes Beispiel stellen die Notizen August Hermann Franckes zu seiner ‚Hollandreise‘ im Jahre 1705 dar. Das Interesse, welches der Pietist an der Republik hatte, war, so zeigt Udo Sträter überzeugend, schon acht Jahre zuvor deutlich geworden, als er seinen Assistenten Neubauer mit der Aufgabe in die Niederlande schickte, sich detailliert über die Organisation von Armen- und Waisenpflege zu informieren; Francke nutzte die Ergebnisse für die Konstruktion seines Waisenhauses. Er war jedoch nicht nur am Import niederländischer Ideen beteiligt. Auf seiner Reise predigte er auch für niederländische Lutheraner und wurde zum Vermittler pietistischer Ideen in der Republik. Eine ähnliche Verflechtungsgeschichte lässt sich für die Porzellanindustrie aufzeichnen. Wie Suzanne M. R. Lambooy darstellt, wurde Delfter Fayence anfangs sowohl durch den Import von Fertigprodukten als auch durch die Auswanderung niederländischer Hersteller in den mitteldeutschen Raum verbreitet. Später verschob sich die Produktion, und mit der Erfindung des Porzellans durch Böttger auch die Innovation, zunehmend nach Sachsen; ab 1750 wurde Meißner Porzellan prägend für ‚Dutch design‘. Damit war die Richtung des Kulturtransfers umgedreht.

Die Herausgeber wollen zeigen, dass der Kulturtransfer mehr als eine ‚Einbahnstraße‘ (S. 20) war und das Pendel des Austauschs um 1750 zwar zugunsten eines Ost-West-Transfers umschlug, die kulturelle Dominanz der Niederlande aber länger anhielt (S. 14). Auch wenn einige Beiträge diese Thesen bestätigen, ist deren Anzahl gering. Mehrheitlich würdigen sie nicht den Kulturtransfer als dynamischen Transformationsprozess, sondern identifizieren ausländische Kulturmerkmale vor Ort. Ein weiterer Kritikpunkt und zugleich eine Ironie ist, dass der Import niederländisch-republikanischer Einflüsse laut mancher Autoren maßgebend auf nassauische Dynastieverbindungen zurückzuführen sei. Damit schleicht sich eine Elitenperspektive ein, durch welche die breitere öffentliche Wirksamkeit ausländischer Einflüsse verdeckt wird. Hierfür hätte man etwa auf die Aufnahme von Grotius‘ Staatsrechtlehre und der Alltagsmalerei von Rembrandt oder auf die protestantische Flugblattkultur schauen können.

Die Vielfalt der Themen hätte letztlich zu einer stärkeren Reflexion über das genaue Ausmaß und die Bedeutung des Kulturaustauschs führen sollen. Es ist auch zu kritisieren, dass nicht die Frage gestellt wird, worin sich die Rezeption niederländischer Kultur im mitteldeutschen Raum von Zielkulturen in anderen Ländern unterschied. Zudem wird kaum thematisiert, dass im Osten andere Ideen importiert wurden als im Westen: Galt dort die Republik als Ausgangsort für vieles – sei es Kunst, Medizin, Sozialdenken, religiöse Toleranz oder Philosophie –, wurden aus dem deutschen Raum hauptsächlich philosophische und theologische Schriften importiert.

Johan Huizinga hat 1934 [6] bemerkt, dass die Grenze zwischen West- und Mitteleuropa über Delfzijl und Vaals läuft, d.h. zwischen Deutschland und den Niederlanden. Auch wenn es den Autoren dieses Bandes nur bedingt gelungen ist, neue Erkenntnisse zum frühneuzeitlichen Kulturaustausch zwischen der Republik und dem mitteldeutschen Raum herauszuarbeiten, so zeigen sie doch, dass die Grenze zwischen den beiden Kulturräumen hybrider war. Der Bezugspunkt der Niederländer lag historisch nicht nur, wie Huizinga meinte, ‚auf und über dem Meer‘ – er lag auch, und sei es nur ein bisschen, im Herzen Deutschlands.

Anmerkungen:
[1] Michel Espagne / Michael Werner (Hrsg.), Transferts. Les Relations Interculturelles dans l’Espace Franco-Allemand (XVIIIe et XIXe Siècle), Paris 1988.
[2] Hermann W. von der Dunk / Horst Lademacher, Deutsch-Niederländische Nachbarschaft: vier Beiträge zur politischen Kultur, München 1999.
[3] FrisoWielenga, Vom Feind zum Partner. Die Niederlande und Deutschland seit 1945, Münster 2000.
[4] Horst Lademacher, Phönix aus der Asche? Politik und Kultur der niederländischen Republik im Europa des 17. Jahrhunderts, Münster 2007.
[5] Friedhelm Jürgensmeier (Hrsg.), Nassau-Diez und die Niederlande. Dynastie und Oranierstadt Diez in der Neuzeit, Wiesbaden 2012; Horst Lademacher (Hrsg.), Onder den Oranje Boom. Niederländische Kunst und Kultur im 17. und 18. Jahrhundert an deutschen Fürstenhöfen (Ausstellungskatalog), München 1999.
[6] Johan Huizinga, Verzamelde Werken, Band 7: Geschiedwetenschap, Hedendaagsche Cultuur, Haarlem 1950.

Zitation
Eveline G. Bouwers: Rezension zu: Jost, Erdmut; Zaunstöck, Holger (Hrsg.): Goldenes Zeitalter und Jahrhundert der Aufklärung. Kulturtransfer zwischen den Niederlanden und dem mitteldeutschen Raum im 17. und 18. Jahrhundert. Halle 2012, in: H-Soz-Kult, 06.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-19888>.
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06.03.2013
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