A. Cabantous u.a. (Hrsg.): Mer et Montagne

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Titel
Mer et montagne dans la culture européenne (XVIe-XIXe).


Hrsg. v.
Cabantous, Alain; Jean-Luc Chappey; Renaud Morieux; Nathalie Richard; François Walter
Umfang
282 S.
Preis
€ 18,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Bernd Giesen, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Abteilung Geschichte, Universität Bielefeld

Lucien Febvres Buch über den Rhein, Fernand Braudels Werk über das Mittelmeer oder Alain Corbins etwas neuere Kulturgeschichte über die Entdeckung der „Meereslust“ in Westeuropa im 18. und 19. Jahrhundert zeugen von der traditionell hohen Sensibilität der französischen Geschichtswissenschaft für landschaftsgeschichtliche Phänomene. Die französischen Historiker Alain Cabantous, Jean-Luc Chappey, Renaud Morieux, Nathalie Richard und der Schweizer Historiker François Walter haben nun einen Sammelband vorgelegt, der zum ersten Mal verschiedene europäische Meeres- und Gebirgslandschaften vom 16. bis 19. Jahrhundert in vergleichender Perspektive untersucht.

Alain Cabantous und François Walter haben hierzu eine anspruchsvolle und voraussetzungsreiche Einleitung verfasst, die unverständlicherweise nicht auf die eben genannten französischen Standardwerke Bezug nimmt. Stattdessen berichten die beiden Historiker zunächst von einem bereichernden persönlichen Treffen und Austausch in der Toskana und ihrer gemeinsamen Tagung in Paris, die der Publikation des Bandes vorausgegangen ist. Die inhaltliche Einführung beginnt mit einer kurzen Auseinandersetzung mit den Definitionen der Begriffe „Mer“ und „Montagne“ in Wörterbüchern des 17. und 21. Jahrhunderts. In kurzen, aber prägnanten Worten stellen sie die soziale und kulturelle Strukturiertheit der Begriffsdefinitionen heraus und versuchen anschließend die spezifischen Formen der kulturellen Aneignung von Meeres- und Gebirgslandschaften in drei Themenkomplexe zu gruppieren: Der erste Bereich soll die religions- und wissenschaftsgeschichtlichen Formen der Interpretation und Aneignung der Naturlandschaften umfassen. Hier geht es etwa um die Rolle der Berge und Meere in der biblischen Schöpfungsgeschichte und ihre Bedeutung als bevorzugte Orte wissenschaftlicher Erkundungen. Der zweite Themenkomplex zielt auf die sozialgeschichtliche Dimension der beiden Naturräume ab, die einerseits als wirtschaftlich benachteiligte Rand- und Durchgangszonen kaum positive Beachtung gefunden haben. Andererseits galten im 18. Jahrhundert die abseits gelegenen Bergregionen und die Südsee als Horte freiheitlicher und egalitärer Gesellschaften, wobei es sich hierbei kaum mehr um „soziale Realitäten“ (S. 9), sondern vielmehr um utopische Zuschreibungen handelt. Als drittes Themengebiet sprechen Cabantous/Walter die politischen Implikationen von Berg- und Meeresgebieten an, das heißt vor allem ihre Bedeutung bei der Ausbildung und Umgrenzung fürstlicher und königlicher Territorien im Verlauf des 17. Jahrhunderts. Einige weitere Überlegungen kreisen um diverse wahrnehmungsgeschichtliche Aspekte. Sie betonen den Stellenwert des 18. Jahrhunderts als Phase der positiven Umdeutung der Berg- und Küstengebiete. An dieser Stelle vermisst man neben einem Verweis auf Corbin (siehe oben) auch einen Hinweis auf das wichtige neuere Buch von Jon Mathieu und Simona Boscani Leoni über die Wahrnehmungsgeschichte der Alpen.[1] Abschließend erläutern Cabantous/Walter in knappen Worten die dreiteilige Gliederung des Bandes. Im dritten Teil („Représentations et stéréotypes“) soll es um wahrnehmungsgeschichtliche Phänomene und Stereotypbildungen gehen, wobei diese – in Anlehnung an die einschlägigen Arbeiten von Roger Chartier und Bernard Lepetit – stets in ihre sozialhistorischen Entstehungskontexte einzubetten seien. Die anderen beiden Teilen des Bandes sollen sich hingegen mit den Modalitäten und Wirkungen des Erwerbs von Berg- und Meereswissen („Les sciences entre mer et montagne“) beziehungsweise den verschiedenen Formen der sozialen Inanspruchnahme der Naturräume, etwa in religiöser oder touristischer Hinsicht („Éclatement des pratiques sociales“), beschäftigen.

Die Einzelbeiträge des Bandes fügen sich insgesamt sehr gut in das weitgefasste Programm der Einleitung ein. Fast allen Beiträgen gelingt es, spezifische historische Verbindungslinien zwischen Berg- und Küstenregionen herauszustellen, wobei sozial- und kulturhistorische Aspekte gleichermaßen Berücksichtigung finden. Gilbert Butis besonders gelungener Aufsatz beschreibt anhand literarischer Quellen, vor allem Reisebeschreibungen, die gegenseitige Perzeption der Berg- und Küstenbevölkerungen in der Provence im 18. und 19. Jahrhundert, einer Region, die durch die massive Zuwanderung aus den Berggebieten nach Marseille und Toulon in dieser Hinsicht eine besondere Dynamik erfuhr. Überzeugend sind auch die Beiträge von Michèle Janin-Thivos, die sich mit Migrationsströmen aus dem alpinen Briançonnais nach Lissabon und anderen portugiesischen Küstenstädten im 18. Jahrhundert beschäftigt hat, und von Andrea Zannini, der die wirtschafts- und politikgeschichtlichen Implikationen der Expansionsbestrebungen Venedigs in den waldreichen Ostalpen im 16. bis 19. Jahrhundert nachzeichnet. Anne-Marie Granet-Abisset und Carole Carribon widmen sich einer Reihe von tourismus- und medizingeschichtlichen Entwicklungen in Frankreich im 19. Jahrhundert, wobei Carribons Ausführungen zur Komplementarität von Meeres- und Gebirgsräumen und zur Konkurrenzsituation der französischen und mitteleuropäischen Alpen- und Meeresdestinationen besonders interessant sind. Olivier Hoibian und Denis Jallat runden den ersten praxisorientierten Teil des Bandes mit einem innovativen Vergleich der sozialen Struktur und Aktivitäten des französischen Alpenclubs und des französischen Yachtclubs am Ende des 19. Jahrhunderts ab.

Im zweiten, wissensgeschichtlich ausgerichteten Teil stellt Renaud Morieux einige ganz interessante Beobachtungen zu den europaweit geführten gelehrten Debatten über die Herkunft der Fossilien im 17. und 18. Jahrhundert an. Er bezieht mit Gewinn einige kartographische Darstellungen in seine Untersuchung ein. Dasselbe gilt für Caroline Seveno und Lucile Haguet, die ganz anregende Beiträge über die Darstellung des Meeres und der Berge in englischen, französischen und spanischen Kartierungen der Antillen aus dem 17. und 18. Jahrhundert beziehungsweise in verschiedenen kartographischen Darstellungen Ägyptens aus dem 15. bis 18. Jahrhundert vorlegen. Federico Ferrettis Studie zur Bedeutung und Repräsentation von Meeren und Bergen in der Nouvelle Géographie universelle von Elisée Reclus aus dem 19. Jahrhundert enthält überzeugende Überlegungen zur geographischen Identität Europas, die gewiss auch gut in den dritten Teil über „Représentations et stéréotypes“ gepasst hätten. Dies gilt auch für Frank Lestringants Beitrag über meist negativ konnotierte religiöse und philosophische Deutungen von Bergen und Inseln in der Zeit zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert. In diesen Themenbereich verortet sich auch der Aufsatz von Émilie-Anne Pépy über einsame Gebirgs- und Meeresregionen als bevorzugte Rückzugsorte von kontemplativen Ordensgemeinschaften und neuen Formen der Naturwahrnehmung im 18. Jahrhundert.

Pépys Studie gehört endgültig zum dritten Teil des Bandes, in dem Jacques Pérets Beitrag zur Wahrnehmung und der Umgang mit den Dünenlandschaften beziehungsweise „montagnes de sable“ in der Gironde vom 15. bis 19. Jahrhundert schon aufgrund seines ungewöhnlichen Untersuchungsgegenstandes besonders positiv auffällt. Die weiteren Beiträge dieses Teils reichen von Cabantous Studie über die Beschreibung des Baskenlands in einem Reisebericht des Bordelaiser Inquisitors Pierre de Lancre Anfang des 17. Jahrhunderts, über Yasmine Marcils vergleichende Untersuchung von paradiesischen Zuschreibungen für die Alpen und die Südsee, wie sie in französischen Zeitschriften aus dem 18. Jahrhundert greifbar sind, bis hin zu François Walters aufschlussreicher Untersuchung der Wechselwirkungen in der wissenschaftlichen Erkundung von Meeres- und Gebirgsräumen. Walter und Odile Parsis-Barube, die sich mit der Reisekorrespondenz von Victor Hugo aus den Jahren 1825 bis 1843 beschäftigt hat, bringen in ihren Untersuchungen eine ganze Reihe von Metaphern vor, die die beiden im Fokus stehenden Naturräume in kreativer Weise kombinieren – wie etwa das sogenannte „mer de glace“ in den französischen Alpen – und somit für die kreuzweise Deutung und Wahrnehmung von Bergen und Meeren besonders aufschlussreich sind. Abgeschlossen wird der Band durch ein sehr kurz gehaltenes Nachwort von Vincent Guigueno, der einige weitere touristische und politische Implikationen der Berg- und Küstenregionen bis in die heutige Zeit aufzeigt.

In der Gesamtschau stellt sich heraus, dass das vorliegende Buch dank seines breiten, sozial- und kulturgeschichtliche Fragestellungen verschränkenden Ansatzes und der transnationalen Perspektive eine bereichernde Ergänzung und Weiterentwicklung der älteren Landschaftsgeschichtsschreibung bietet. Dem Band kommt das Verdienst zu, eine Reihe von neuen fruchtbaren Untersuchungsgegenständen erschlossen zu haben. Kritisch anzumerken ist allenfalls, dass die Herausgeber den Mehrwert der landschaftsvergleichenden Perspektive vor allem in der Einleitung noch etwas besser herausarbeiten und auf eine höhere Qualität der Abbildungen achten hätten können.

Anmerkung:
[1] Jon Mathieu / Simona Boscani Leoni (Hrsg.), Die Alpen! Les Alpes! Zur europäischen Wahrnehmungsgeschichte seit der Renaissance. Pour une histoire de la perception européenne depuis la Renaissance, Bern u.a. 2005.

Zitation
Bernd Giesen: Rezension zu: Cabantous, Alain; Jean-Luc Chappey; Renaud Morieux; Nathalie Richard; François Walter (Hrsg.): Mer et montagne dans la culture européenne (XVIe-XIXe). Rennes 2011, in: H-Soz-Kult, 21.12.2012, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20123>.
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21.12.2012
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