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Titel
BilderMACHT. Studien zur Visual History des 20. und 21. Jahrhunderts


Autor(en)
Paul, Gerhard
Erschienen
Göttingen 2013: Wallstein Verlag
Umfang
676 S., 287 überw. farb. Abb.
Preis
€ 39,90
Rezensiert für H-Soz-Kult
Bernd Stiegler, Fachbereich Literaturwissenschaft, Universität Konstanz

Gerhard Paul gehört fraglos zu den Protagonisten der noch jungen Disziplin der Visual History. Mit dem Studienbuch „Visual History“[1], dem zweibändigen Atlas „Das Jahrhundert der Bilder“[2] sowie zahlreichen weiteren Aufsatz- und Buchpublikationen hat er dem Forschungsfeld ein klares Profil gegeben. Paul hat maßgeblich dazu beigetragen, die Visual History im deutschen Sprachraum durchzusetzen. Der im Frühjahr 2013 erschienene Band versammelt nun insgesamt 17 seiner Aufsätze und ein programmatisches Nachwort, das ältere Überlegungen aufnimmt und zuspitzt. Die einzelnen Texte wurden zumeist für diese Buchpublikation überarbeitet und erweitert. Sie folgen einer Chronologie, setzen mit der „Fée éléctricité“ um 1900 ein, um dann mit Analysen der Bildpolitik von „9/11“ und Abu Ghraib zu schließen.

Die Gegenstände sind fast durchweg kanonischer Natur und zumeist bereits gut erforscht: Lakehurst und der D-Day werden ebenso behandelt wie „Big Brother“ und Mao, das „Napalm-Girl“ und der tote Uwe Barschel in der Badewanne. Gerhard Paul, das sieht man bereits hier, kommt es nicht (nur) auf überraschende Funde, entlegene Quellen und originelle Interpretationen an, sondern mindestens ebenso auf die sorgfältige, filigrane, nachgerade enzyklopädische Rekonstruktion zentraler Bildgeschichten. Es geht ihm um die Kanonisierung einer Bildgeschichte einerseits und um die Profilierung einer neuen Disziplin andererseits. Die „diachrone Kanonisierung“ (S. 522), die Paul bei der Fotografie des toten Uwe Barschel in der Badewanne ausmacht, ist auch für seine eigenen Studien zu konstatieren. Das macht den Band zu einer erhellenden, bisweilen aber etwas überambitionierten Positionsbestimmung. Wenn man sich über Visual Culture, ihre Möglichkeiten und derzeitigen Grenzen, ihren Kanon und ihr Theoriesetting informieren will, ist man mit Pauls Sammelband jedoch sehr gut bedient. Er ist so etwas wie der Versuch, den state of the art der Visual History zu erkunden und zu dokumentieren. Und das gelingt vorzüglich.

Die Aufsätze sind dabei exemplarische Fallstudien. Sie setzen zumeist mit den Entstehungsbedingungen der einzelnen Bilder ein, um dann material- und quellenreich ihre Rezeptions- und Wirkungsgeschichten zu rekonstruieren. Das hat zwar gelegentlich etwas Ermüdendes, ist aber durchweg ebenso aufschlussreich wie erhellend. Die Fallstudien sind gut recherchierte, verlässliche und detailreiche Überblicksdarstellungen. Die mitunter verschlungene Wanderung der Bilder geht dabei häufig mit komplexen Metamorphosen einher: Die Bilder werden nicht nur in neuen Kontexten umcodiert und neu programmiert, sondern prägen ihrerseits auch historische Konstellationen und Deutungen. Nicht selten landen sie irgendwann in den Armen der Kunst, der sie gerade als Ikonen der Gegenwart willkommen sind: Das Foto Barschels in der Badewanne dient zum Beispiel als Ausgangspunkt einer subtilen Arbeit Thomas Demands, oder das „Napalm-Girl“ wird von Banksy in einem berühmten Stencil (mit Hilfe einer Schablone gesprühtes Graffito) suggestiv und provokativ aufgenommen.

In der überbordenden Fülle des Materials gehen bei Paul gelegentlich die Thesen etwas unter, die dieses Material strukturieren und organisieren könnten. Auch fehlen manchmal nicht unwichtige Details, wie etwa die Schwierigkeiten der Zuschreibung der Fotos bei Gerda Taro und Robert Capa. A propos Taro: Sie wird man im Namensregister vergeblich suchen. Damit steht sie aber nicht allein, da offenbar beschlossen wurde, das Personenregister drastisch zu reduzieren. Das ist ein schlicht ärgerlicher handwerklicher Fehler. Zu loben sind hingegen die schöne Ausstattung des Buchs und auch die sorgfältige Präsentation der Aufsätze durch den Autor. Er hat jedem Text ein Bild und eine knappe Präsentation vorangestellt, die einen ersten Überblick bietet. Auf einer guten Seite wird der Aufsatz mit seinem jeweiligen Schwerpunkt umrissen. Im Band finden sich sehr zahlreiche, oft auch farbige Abbildungen, die gut ausgewählt sind, allerdings mehr als Erinnerungsstützen fungieren, da sie zumeist sehr klein abgedruckt sind.

Einige der Aufsätze haben einen Zug zum Programmatischen, so die beiden letzten zu „9/11“ und Abu Ghraib. Sie kann man als Pauls Programm einer Visual Culture in nuce lesen. Was hier und in den anderen Texten jedoch mehr implizit als explizit und insgesamt eher vorsichtig und zurückhaltend verhandelt wird, findet dann im Resümee „BilderMACHT“ seine meines Erachtens problematische Zuspitzung. Der Titel ist bereits Programm: Bilder haben, so Paul, eine besondere „Kraft oder gar Macht“ (S. 629). Sie liegt, so der Autor weiter, darin begründet, dass sie über ein Eigenleben und eine „aktiv-gestaltende Kraft“ verfügen (S. 630). Paul übernimmt hier zentrale Thesen von W.J.T. Mitchell, einem der wichtigsten Vertreter der Visual Culture Studies, und insbesondere von Horst Bredekamp, der in seiner Bildakt-Theorie versucht hatte, die Sprechakttheorie auf die Bildwissenschaft zu übertragen.[3] Dabei wurde diese aber gewissermaßen vom Kopf auf die Füße gestellt. Während bei der Sprechakttheorie Austins und Searles die Sprache als Handlung bestimmt wird und somit Teil einer Handlungstheorie wird, ersetzt Bredekamp den Menschen als Träger der Handlung durch die Bilder. Nun ist es nicht länger, wie noch bei Austin und Searle, der Mensch, der mit der Sprache Handlungen ausführt, sondern es handeln eben die Bilder. Der Performative Turn wird so lange weitergedreht, bis der Mensch vom Agenten zum Medium geworden ist. Früher wurde er von Texten „geschrieben“ und durch Diskurse konstituiert, nun wird die Geschichte zum Effekt der handelnden Bilder.

Diese Umcodierung der Handlungstheorie hat durchaus dramatische Konsequenzen, da nun die Geschichte an die Bilder delegiert wird. Nicht nur der Mensch, sondern auch (oder sogar vorrangig) sie sind es, die Geschichte machen, prägen und formen. Eine solche Bestimmung ist politisch wie theoretisch problematisch. Man fühlt sich ein wenig in die Texttheorie der 1970er- und 1980er-Jahre zurückversetzt – damals waren es die Texte, die Geschichte schrieben und als deren Agent auftraten. Diese Zeiten schienen vorbei, feiern nun aber in der Bildtheorie fröhliche Urständ. Damit sind zugleich die Möglichkeiten, die eine Handlungstheorie der Bilder bieten könnte, verschenkt. Wir sollten ihre Gebrauchsweisen analysieren und nicht ihr vermeintliches Eigenleben proklamieren. Und wir sollten heute nicht bloß die Bilder an die Stelle der Texte setzen. Ansonsten laufen wir Gefahr, nicht nur Theoriegeschichte der 1970er- und 1980er-Jahre in neuer Gestalt zu wiederholen, sondern auch einer Bildmagie Vorschub zu leisten, die dem Menschen das Heft des Handelns aus der Hand nimmt. Auch der Anbruch der Posthistoire, der seinerzeit konstatiert wurde, wäre der Visual History nicht zu wünschen.

Gerhard Paul übernimmt Horst Bredekamps Bildakt-Theorie ohne Not, da seine Aufsätze weitgehend ohne eine solche theoretische Positionierung auskommen und filigran wie überzeugend die Bilder als Medien der Geschichte in den Blick nehmen. Diese sind fraglos Teil von Handlungen und deren Medien und Mittel, nicht aber deren Subjekte. Damit ist zugleich das eigentliche Problem der Visual History benannt: Sie tendiert dazu, die Bilder als „aktive bzw. generative Kraft“ zu verstehen, wie es bereits im Klappentext heißt, und die Geschichte als ihren Effekt. Damit nehmen Bilder die Position ein, die dereinst von „Diskursen“, „epistemischen Ordnungen“ oder „Regimen“ besetzt wurde. Sie sollten aber vielmehr als Elemente von Handlungen verstanden werden, die gesellschaftliche Ordnungen formieren, umgestalten und bestimmen. Man sollte nicht das Eigenleben der Bilder fasziniert wie gebannt betrachten, sondern sie als Teil gesellschaftlichen Lebens und Handelns untersuchen. Als Medien von Handlungen werden sie bewusst eingesetzt, manipuliert, umcodiert und verbreitet. Wie das geschieht und welche Konsequenzen es hat, ist Gegenstand der Visual History. Will diese eine kritische Wissenschaft sein, so tut sie gut daran, das Handeln nicht den Bildern zu überlassen.

Anmerkungen:
[1] Gerhard Paul (Hrsg.), Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006 (rezensiert von Miriam Y. Arani, 16.11.2006: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2006-4-127> [10.11.2013]).
[2] Ders. (Hrsg.), Das Jahrhundert der Bilder, 2 Bde., Göttingen 2008/09 (rezensiert von Wolfgang Ullrich, 14.8.2009: <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-129> [10.11.2013]).
[3] Horst Bredekamp, Theorie des Bildakts. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2007, Frankfurt am Main 2010 (rezensiert von Jens Jäger, 14.7.2011:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-3-037> [10.11.2013]).

Zitation
Bernd Stiegler: Rezension zu: Paul, Gerhard: BilderMACHT. Studien zur Visual History des 20. und 21. Jahrhunderts. Göttingen 2013, in: H-Soz-Kult, 29.11.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20132>.