A. Barjonet u.a. (Hrsg.): Writing the Holocaust Today

Titel
Writing the Holocaust Today. Critical Perspectives on Jonathan Littell’s _The Kindly Ones_


Hrsg. v.
Barjonet, Aurélie; Razinsky, Liran
Erschienen
Amsterdam 2012: Rodopi
Umfang
265 S.
Preis
€ 55,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Konstanze Hanitzsch, Interdisziplinäres Zentrum für Geschlechterforschung, Universität Greifswald

Nationalsozialistische Täter wurden oftmals als sexuell deviant imaginiert. Mittlerweile werden solche Imaginationen scharf kritisiert, da sie der Schuldverschiebung und der Entlastung dienen.[1] Nichtsdestotrotz erschien 2006 in Frankreich ein belletristisches Werk, in dessen Mittelpunkt ein sexuell und psychisch als abnorm gezeichneter Täter steht, der als Ich-Erzähler auftritt: Dabei handelt es sich um den fiktiven SS-Offizier Max Aue in Jonathan Littells Roman „Die Wohlgesinnten“ (im französischen Original „Les Bienveillantes“, auf Englisch „The Kindly Ones“). In der Konstruktion der Erzählung wird Aue auf Grund seiner homosexuellen Praktiken in den Sicherheitsdienst (SD) gezwungen; zudem wird er zum Mörder seiner Mutter und liebt seine Zwillingsschwester. Die private Geschichte ist in diesem Roman, der auf die Orestie und den Muttermörder Orest verweist, mit der nahezu dokumentarisch dargestellten Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der Shoah verbunden.

Viel ist über die Hauptfigur und den Roman diskutiert worden. Nun ist ein Sammelband erschienen, der auf eine internationale Tagung zu Jonathan Littell zurückgeht: „Writing the Holocaust and WWII Today. On Jonathan Littell’s ‚Les Bienveillantes‘“. Die Konferenz fand 2009 an der Hebrew University in Jerusalem statt.[2] Der interdisziplinäre Band zeichnet die Wurzeln und Vorläufer des Romans nach. Mit intertextuellen literatur- und kulturwissenschaftlichen sowie historiographischen Forschungsansätzen wird der Roman als Phänomen untersucht, das an der Schnittstelle dieser drei Disziplinen anzusiedeln ist.

Die Literaturwissenschaftlerin Aurélie Barjonet und der Kulturwissenschaftler Liran Razinsky heben in ihrer Einleitung die internationale Bedeutung des Romans hervor, der nach seinem Erscheinen unter anderem in den USA, in Israel, Frankreich und Polen diskutiert worden ist. Die Wahl der Täterperspektive als Erzählform ist für die Herausgeberin und den Herausgeber von besonderem Interesse, tritt doch die fiktive Literatur mehr als sechs Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verstärkt an die Stelle der Zeitzeug/innenberichte: Die Ich-Perspektive ist nicht mehr primär an die Opferposition gebunden. Die Verknüpfung einer erfundenen individuellen Tätergeschichte mit einer historisch präzisen Darstellung der nationalsozialistischen Verbrechen wirft ethische Fragen nach dem verantwortungsvollen Umgang mit der deutschen Geschichte in der Literatur auf, denen sich die Beitragenden auf unterschiedliche Art stellen.

Die erste der insgesamt fünf Abteilungen des Bandes – „The Book’s Provocation“ – versammelt vier Beiträge. Georges Nivat stellt Bezüge zum literarischen Geschwisterinzest bei Robert Musil und Vladimir Nabokov her. Er analysiert Aues Inzest als eine Form des psychologischen Zusammenbruchs, der parallel zum katastrophalen Ende des Zweiten Weltkriegs erzählt wird.[3] Peter Kuon untersucht die Ästhetik der Gewalt und vertritt die These, dass die dokumentarische Präzision des Romans dessen größte Schwäche sei, da sie unmittelbar mit dem ästhetisierenden Blick des Ich-Erzählers verbunden sei. Liran Razinsky analysiert, wie die Ich-Figur des Romans zum einen ständig Vergleiche zwischen Gräueltaten anstellt und Ähnlichkeiten betont – und wie der Roman diese Strategie zum anderen kritisch vorführt. Cyril Aslanov widmet sich der Bedeutung der deutschen Sprache und der ikonischen Überhöhung der menschlichen Stimme. Der nahezu fetischartige Umgang mit deutschen Begrifflichkeiten, die auch in nichtdeutschen Ausgaben unübersetzt bleiben, hat ihr Pendant in der nationalsozialistischen Auffassung, das Deutsche sei eine „Ursprache“ (S. 61), die auch der Roman verhandelt. Aslanov zeigt, dass die Sprache der meisten Opfer – das Jiddische – in „Die Wohlgesinnten“ ganz fehlt, obwohl es (wie die deutsche Sprache) seinen Ursprung im Mittelhochdeutschen hat.

Catherine Coquio geht in der Sektion „The Perpetrator’s Point of View“ der Frage nach, an wen sich die Ich-Erzählerinstanz des Romans richte. Sie kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der Überlagerung der psychischen und der politischen Katastrophe der Andere, an den sich die Erzählfigur wende, sowohl ein Jude als auch eine Frau sei. Luc Rasson widerspricht in seinem Beitrag der These, „Die Wohlgesinnten“ sei dominiert durch einen Täter-Erzähler; vielmehr enthalte der Roman Gegendiskurse, die die Stellung des Ich-Erzählers und die nationalsozialistische Ideologie eindeutig anfechten würden. Aurélie Barjonet argumentiert, dass die Leserin oder der Leser gezwungen sei, sich zu der fehlerhaften Erinnerung des Ich-Erzählers zu verhalten, ebenso gegenüber dessen zum Teil menschenfeindlichem Verhalten: Gerade daraus ergebe sich ein ethisches Lesen des Texts.

Martin von Koppenfels vergleicht als einer der drei Beitragenden in der Abteilung „Memory & Intertexts“ die „negative identification“ (S. 131) als Beziehung zwischen Leserschaft und Text, die Littell und Louis-Ferdinand Céline in ihren Werken herstellten. Leona Toker untersucht die Selbstdarstellung des Ich-Erzählers als Opfer und schließt James Joyce’ auf die Literatur bezogenen Begriff der „verbrannten Erde“ („scorched earth“, S. 155) in ihre Überlegungen ein. Mit Bezug auf Hannah Arendt, Bruno Bettelheim und Judith Butler stellt Sandra Janßen dar, dass das Tätersubjekt – die Ich-Figur Max Aue – als ein totalitäres Subjekt erzählt werde, dessen Muttermord Janßen als Beweis seiner Loyalität gegenüber der herrschenden nationalsozialistischen Gesellschaft interpretiert.

Unter dem Titel „Historical Perspectives“ beschreibt Jeremy Popkin den Unterschied zwischen historischen und kultur- oder literaturwissenschaftlichen Forschungsinteressen in Bezug auf „Die Wohlgesinnten“. Das disziplinbedingte Unbehagen der Historikergilde sei in den kultur- und literaturwissenschaftlichen Bezügen des Romans begründet, die auf symbolischer Ebene auch der Frage nachgingen, weshalb „das Böse“ in der Welt sei. Im Gegensatz dazu bestehe das Interesse der historischen Forschung in der Analyse, unter welchen Umständen und in welcher Weise Menschen zu Täter/innen werden. Mit Verweis auf die Darstellungen deutscher Vergangenheit bei Albert Speer, Joachim Fest und Hans Jürgen Syberberg kommt Hans-Joachim Hahn zu dem Schluss, dass Littells Roman einem intertextuellen Spiel mit früheren Repräsentationen des Nationalsozialismus gleichkomme und damit auch die auktorialen Erzählungen von Historikern wie Fest in Frage stelle.

Wolfgang Asholt beschäftigt sich in der letzten Abteilung „The Reception of the Novel“ mit der deutschen Rezeption, die sich vor allem auf die Relevanz des Romans im Hinblick auf die „deutsche Vergangenheitsbewältigung“ und die literarische Qualität des Romans bezog. Größtenteils sei die deutsche Kritik polemisch und abwertend gewesen. Helena Duffy analysiert demgegenüber die mehrheitlich positive polnische Rezeption. Diese könne darin begründet sein, dass in dem Roman polnische Menschen nicht als Täter/innen in Erscheinung träten.

Unklar bleibt, weshalb die Artikel zur Rezeptionsgeschichte des Romans am Ende stehen, statt den Band zu eröffnen. Gerade in einem internationalen Sammelband hätte die Rezeptionsgeschichte in verschiedenen Ländern vor dem Hintergrund der jeweiligen nationalen Vergangenheits- und Geschichtspolitik besondere Beachtung verdient. Misslich ist zudem, dass sich viele Beiträge zumindest in Teilen wiederholen: Eine sorgfältige Überarbeitung hätte die Beiträge präziser aufeinander abstimmen können. Leider fehlt auch eine verstärkt und nicht nur punktuell auf Methoden und Theorien der Gender Studies fußende Auseinandersetzung; dies verwundert in Anbetracht der Tatsache, dass sich Littell intensiv mit den Theorien des Männlichkeitsforschers Klaus Theweleit beschäftigt hat.[4]

Die Beiträge des Sammelbands zeigen jedoch in aufschlussreicher Weise, wie es möglich ist, sich aus der Perspektive eines fiktiven NS-Täters heraus mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Ob dies als neuer Ansatz beispielsweise in politischer Bildungsarbeit aufgegriffen werden kann, müssen weitere Diskussionen zeigen. Die Leser/innen des Bands erhalten dezidierten Einblick in den Prozess der Erinnerung, der historischen Darstellung und des Sinn-Machens: in das „Schreiben des Holocaust heute“, das mittlerweile eine Jahrzehnte währende Tradition besitzt.

Anmerkungen:
[1] Neuere Forschungen haben die Zusammenhänge von Geschlecht und nationalsozialistischer Täter/innenschaft genauer ausdifferenziert. Eine der jüngsten Veröffentlichungen zu diesem Themenfeld: Anette Dietrich / Ljiljana Heise (Hrsg.), Männlichkeitskonstruktionen im Nationalsozialismus. Formen, Funktionen und Wirkungsmacht von Geschlechterkonstruktionen im Nationalsozialismus und ihre Reflexion in der pädagogischen Praxis, Frankfurt am Main 2013.
[2] Programm unter <http://bienveillantes.huji.ac.il/bienveillantes.pdf> (26.02.2013).
[3] Zur Bedeutung des Inzests vgl. Konstanze Hanitzsch, Der Inzest als Symptom der Shoah: Zur Wiederkehr des Verdrängten in Max Frischs ‚Homo faber‘ und Ingeborg Bachmanns ‚Malina‘, in: Ute Frietsch u.a. (Hrsg.), Geschlecht als Tabu. Orte, Dynamiken und Funktionen der De/Thematisierung von Geschlecht, Bielefeld 2008, S. 155–170.
[4] Siehe umgekehrt auch Klaus Theweleit, On the German Reaction to Jonathan Littell’s ‚Les bienveillantes‘, in: New German Critique 36 (2009) H. 1, S. 21–34.

Zitation
Konstanze Hanitzsch: Rezension zu: Barjonet, Aurélie; Razinsky, Liran (Hrsg.): Writing the Holocaust Today. Critical Perspectives on Jonathan Littell’s _The Kindly Ones_. Amsterdam 2012, in: H-Soz-Kult, 01.03.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20248>.