W. J. Reese: Testing Wars in the Public Schools

Cover
Titel
Testing Wars in the Public Schools. A Forgotten History


Autor(en)
Reese, William J.
Erschienen
Cambridge, Ms. 2013: Harvard University Press
Umfang
308 S.
Preis
$45.00 / £33.95 / € 40,50
Rezensiert für H-Soz-Kult
Sigrid Hartong, Fakultät Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Fachgruppe Soziologie, Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Nicht nur in den USA wurde spätestens seit der Jahrtausendwende ein neues Zeitalter der standardisierten Schulevaluation eingeläutet. Mit Programmen wie „No Child Left Behind“ oder „Race to the Top“ hat die US-amerikanische Regierung die Schulsteuerung zunehmend an „high-stakes“-Testwerte – also solche, die Sanktionen nach sich ziehen – geknüpft und damit dem Glauben an die Effektivität evidenzbasierter Schulleistungsmessung neuen Auftrieb gegeben. Gleichzeitig wächst die Zahl der Kritiker, die die unbeabsichtigten Folgen des „Testwahns“ beklagen, während tatsächliche Verbesserungen der Schulleistung eher marginal erscheinen und mit „Testfähigkeit“ beziehungsweise dem Anhäufen unverstandenen Wissens erklärt werden.

Der Diskurs um die Bedeutung von standardisierten Bildungstests ist in vollem Gang – jedoch keineswegs neu, wie das Buch von William J. Reese zeigen möchte. Der US-amerikanische Historiker mit dem Forschungsschwerpunkt Bildungs-Policy nimmt sich hierbei eine Episode der Bildungsgeschichte vor, in der standardisierte „written examinations“ das erste Mal in großem Stil auftauchten und anschließend das amerikanische Schulwesen revolutionierten.

Das Buch von Reese bietet ein enormes interdisziplinäres Erkenntnispotential und ist nicht nur für Historiker von Interesse.

Ist also das, was heute als neuer Typus von Schulsteuerung dargestellt und entweder gepriesen oder verhasst wird, gar nicht neu?

Im Einführungskapitel führt Reese dem Leser die grundlegenden Charakteristika des „Testfiebers“ in den USA um 1900 vor Augen, während nur ein Jahrhundert zuvor niemand Schulkontrolle und Examen mit schriftlichen Tests in Verbindung brachte. Entsprechend erhält der Leser zunächst einen detaillierten Einblick in die Prüfungskultur bis Anfang des neunzehnten Jahrhunderts, die im Kern aus sogenannten „Exhibitions“ bestand. Im Rahmen dieser hauptsächlich mündlichen Rezitationen sollten die Gemeinden nicht nur den Leistungszuwachs der Schülerinnen und Schüler und damit die Früchte ihres Schulsponsorings, sondern ebenso die Lehrqualität überprüfen. Zwei für die USA grundtypische Kulturelemente sieht Reese durch diese Examenszeremonien repräsentiert: Die „art of communication“ (S. 19) und den marktlogischen Wettbewerb um Preise, Ruhm und Erfolg.

(Unintendierte) Folge dieser Form von Schulevaluation: „Teaching to the ceremony“ (S. 22), subjektive Verzerrungen, Neid und Missgunst zwischen Schülern und Lehrern. Dennoch war man stolz und überzeugt, Europa und die restliche Welt in Sachen Schulqualität weit abgeschlagen zu haben.

Die Macht innerhalb des zu diesem Zeitpunkt vollkommen uneinheitlichen, lokal kontrollierten Systems zentrierte sich bei den sogenannten Masters – Schulleiter und Oberlehrer zugleich –, die Reese entsprechend als Beharrungskräfte der Reform herausarbeitet. Ihre privilegierte Position produzierte zusammen mit den sozial-selektiv ausgewählten „visiting committees“ beziehungsweise „summer examiners“ ein höchst verzerrtes Bild der Schulen und Leistungen.

Diese Machtkonzentration beschwor zunehmend Kritik und Reformforderungen herauf. Woher diese ursprünglich kamen, bleibt dem Leser leider weitgehend verborgen, da sich Reese auf den Höhepunkt der Krise, 1844–45 in Boston, fokussiert. Im Zuge der „summer examinations“ 1845 wurde hier die radikale Wende eingeleitet, und zwar im Rahmen eines Duells zwischen den Masters und ihren Alliierten der Bildungskommission und einer Gruppe von Reformern, angeführt von Horace Mann, der in den USA bis heute als einer der Begründer des modernen öffentlichen Bildungswesens gilt.

Der detaillierten historischen Betrachtung des Diskurses von 1845 und seinem Höhepunkt in den Schultests von Boston widmet Reese den Großteil seines Werks. Hierbei erfährt der Leser viel sowohl über einzelne Personen und ihre biografischen Zusammenhänge als auch über Beiträge aus Zeitungen, Schriften und Reden. Jede Sitzung des im Jahr 1844 neu gewählten Schulkommitees, die strategischen Schritte von Horace Mann und seinen Mitstreitern und die Gegenangriffe der Master werden detailliert nachgezeichnet. Betrachtet man Reeses methodische Vorgehensweise als eine Form historischer Diskursanalyse, bleiben die Auswahlkriterien jedoch verhältnismäßig diffus; stellenweise auftauchende soziologische und politisch-strategische Erklärungen werden hingegen nur ansatzweise zu einer mehr als deskriptiven Analyse zusammengeführt. Die schiere Menge an Details wirkt an vielen Stellen überwältigend, obgleich gerade diese Vorgehensweise bezüglich ihrer Tiefenschärfe beeindruckt. Beinahe schade erscheint, dass pointierte Zusammenfassungen durchaus auftauchen, jedoch eher selten zur verdienten Blüte kommen.

Kernaussage der Analyse des Falls Boston: Zum ersten Mal wurde ein standardisierter schriftlicher Test von Schulbuchinhalten durchgeführt, der über monatelange, strategisch-diskursive Vorarbeit legitimiert wurde: Das Heraufbeschwören einer durch die Macht der Master verschleierten, miserablen Schulqualität, Forderungen nach Gleichheit und Fairness, die Skandalisierung körperlicher Züchtigungen durch die Master, die Anklage desaströser schulischer Infrastruktur sowie das Zeichnen eines glanzvollen Preußens als Vorbild in Sachen Schulpolitik. Der Report des Testadministrators Samuel Gridley Howe führte erstmalig anhand komplexer Statistiken und Rankings das Versagen der Schule vor Augen; gleichzeitig wurde die Position der nun öffentlich desavouierten Master nachhaltig delegitimiert.

Obgleich die Beharrungskräfte weiter wirkten und der schriftliche Test im Verlauf der folgenden Jahre zunächst wieder ins Hintertreffen geriet, war die Idee, Schulleistung standardisiert zu messen und damit das Verborgene objektiv sichtbar zu machen, geboren. Sie wurde schließlich im Verlauf der kommenden Jahrzehnte von unterschiedlichen Akteuren der Schulpolitik aufgenommen und verbreitet.

Eng hiermit zusammen – und daher rührt mitunter der allgemeine Mythos um Mann – hängt die Etablierung eines öffentlichen, staatlich kontrollierten Schulsystems in den USA: Der Superintendent als Testbeauftragter, das Ziel einer qualitativ hochwertigen Infrastruktur der Bildungseinrichtungen, standardisierte Tests als Qualitäts- und Fairnessgarant sowie eine dauerhafte Professionalisierung der Lehrkräfte und Inspektoren.

Im Vergleich zur Analyse des Falls Boston wirkt die Darstellung der Dekaden 1850–1900 mitunter blass – hier geht es um die langsame Ausweitung des Testgedankens, begleitet von Kritik und Widerstand, Bildungsnostalgie und Reformpädagogik. Einzelne Personen und Beiträge werden angeführt; die Bedeutung der diskursiven Ereignisse nach 1845 erscheint aber insgesamt eher ungeklärt.

Zunehmend werden schon damals die unintendierten Folgen der Testfokussierung sowie der Bewertung von Lehrkräften anhand von Testwerten deutlich, was an einer Stelle (schnell zu überlesen) im Begriff der „written recitations“ (S. 178ff.) pointiert wird.

Eine entscheidende Frage liegt dabei permanent in der Luft, wird von Reese jedoch genauso wenig beantwortet wie von den Reformkritikern heute: Warum wird trotz nachweislich negativer Konsequenzen am Test als Königsdisziplin der Schulevaluation festgehalten? Am Ende unterstellt die Darstellung eine tendenziell einseitige Diffusion (von Europa über Boston nach Amerika) sowie ein stark pfadabhängige Entwicklung; Wechselwirkungen, makrosoziale Mechanismen und Zusammenhänge rücken dabei tendenziell in den Hintergrund, die Trennung der materiellen versus der diskursiv-symbolischen Instrumentalisierung von Testevaluation wird hingegen nicht immer vollzogen.

Die Bedeutung des vergessenen Abschnitts der Testgeschichte kann angesichts der aktuellen Entwicklungen kaum überbewertet werden. Wenn Reese im Epilog seines Buches damals und heute gegenüberstellt, bleibt er vorsichtig: „[…] [W]e live in a different age, and the past and present are not interchangable“ (S. 230) beziehungsweise „[…][The nineteenth century] does seem far removed from contemporary debates on testing and academic standards“ (S. 226). Gerade die Parallelen und Ähnlichkeiten zwischen beiden Zeitepochen sind es jedoch, die das historische Buch so bedeutsam für die gegenwärtige Debatte machen. Obgleich es Reese dem Leser weitestgehend schuldig bleibt, eine Brücke zu schlagen und dabei auch das zwanzigste Jahrhundert mit einzubeziehen – was ist passiert, dass datenbasiertes Testen Anfang des einundzwanzigsten Jahrhundert erneut als verheißungsvolle Innovation und die Konsequenzen erneut als überraschend in Erscheinung treten konnten? – so liefert er ein Ergebnis, das die Debatten über Tests als Schulevaluation nicht nur in den USA in ein neues Licht rücken kann.

Die Ereignisse von Boston 1845 erinnern bedrückend stark an die Blamage durch PISA, die Länder wie die Schweiz, Deutschland oder Österreich kürzlich erfuhren und die seitdem ihre Bildungspolitik zumindest in der folgenden Hinsicht auf Linie mit den USA gebracht haben: „The solution to the problems associated with testing was always the same: more testing“ (S. 220).

Zitation
Sigrid Hartong: Rezension zu: Reese, William J.: Testing Wars in the Public Schools. A Forgotten History. Cambridge, Ms. 2013, in: H-Soz-Kult, 22.07.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-20291>.
Redaktion
Veröffentlicht am
22.07.2013
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Michael Geiss und Joachim Scholz). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/
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