Cover
Titel
Audioarchive. Tondokumente digitalisieren, erschließen und auswerten


Herausgeber
Mohrmann, Ruth-E.
Reihe
Beiträge zur Volkskultur in Nordwestdeutschland 121
Erschienen
Münster 2013: Waxmann Verlag
Anzahl Seiten
155 S.
Preis
€ 24,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christoph Hilgert, Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen

Über den „Sound“ der Geschichte ist erstaunlich wenig bekannt. Der flüchtige Charakter des Akustischen stellt Hörer, potenzielle Bewahrer und Forscher seit jeher vor große Herausforderungen – zumal schriftliche Dokumentationsverfahren (literarische Beschreibungen, Notenschriften, Audiotranskriptionen) eingedenk des dabei „Unaufschreibbaren“ (Friedrich Kittler) allenfalls ansatzweise zufriedenstellen können. Erst die Erfindung (elektro)akustischer Aufzeichnungs-, Speicherungs- und Wiedergabeverfahren hat seit dem späten 19. Jahrhundert Auswege aus diesem Dilemma eröffnet. Dennoch bilden vergangene Klänge, Töne und Geräusche nach wie vor eine große Leerstelle im historischen Bewusstsein.1

Der vorliegende neue Sammelband widmet sich grundsätzlichen Problemen des archivalischen und wissenschaftlichen Umgangs mit Klangartefakten: den Herausforderungen, Möglichkeiten und Perspektiven der Bewahrung, Erschließung, Erforschung und Nutzung historischer Tondokumente in Audioarchiven. Die insgesamt 14 Beiträge, verfasst von Volkskundlern, Musik-, Medien- und Kulturwissenschaftlern sowie Vertretern in- und vor allem ausländischer Audioarchive und Rundfunkorganisationen, beruhen auf Vorträgen einer Münsteraner Tagung vom September 2011, veranstaltet auf Einladung des DFG-Projekts „Digitale Erfassung, Erschließung und Langzeitarchivierung von Beständen des Archivs für westfälische Volkskunde der Volkskundlichen Kommission für Westfalen“.2 Neben theoretischen Erörterungen zur Bedeutung, Funktion und Praxis von Audioarchiven bietet der Band vor allem konkrete Fallbeispiele, die technische Möglichkeiten, Nutzungspotenziale und Forschungsoptionen bei der Archivierung historischer Schallereignisse in Zeiten der Digitalisierung aufzeigen.

Zum Einstieg erinnert Kathrin Dreckmann an die 1899 beziehungsweise 1900 entstandenen Phonogrammarchive in Wien und Berlin. Beide Einrichtungen belegen, dass es bereits wenige Jahre nach der Vorstellung eines ersten Phonographen durch Thomas Alva Edison (1877) Bestrebungen gab, Tonaufzeichnungen systematisch zu sammeln und für die Nachwelt zu erhalten. Zugleich verweisen die höchst heterogenen Sammlungs- und Archivierungspraktiken der Häuser auf eine bis heute nicht eindeutig geklärte Funktion von Klangarchiven und des dort gespeicherten Materials. Geht es vordergründig um die exemplarische Bewahrung der vergänglichen akustischen Realpräsenz einer Person, einer musikalischen Darbietung, einer Klanglandschaft – oder auch um die produktive Erschließung und Auswertung der inhaltlichen Dimensionen einer solchen Aufzeichnung? Liegt der historische Wert einer konservierten Stimme, wie derjenigen Otto von Bismarcks, also primär in der Überlieferung der Klangfarbe und Sprechweise oder (auch) darin, welche akustischen Spuren die Medialität und Materialität der Aufzeichnungstechnik hinterlassen haben und welche inhaltlichen Aussagen in diesem Fall 1889 eigentlich in die Edison-Phonographenwalze eingeritzt wurden?3 Im Unterschied zu Schriftgut- oder Bildarchiven, Bibliotheken und Museen sei der Beitrag von Audioarchiven zum kulturellen Funktionsgedächtnis der Gegenwart oftmals (noch) gering, bilanziert Dreckmann reichlich zugespitzt. Manchem Archivar und manchem Nutzer scheinen das Erkenntnispotenzial und die methodischen Erfordernisse bei der Auswertung von Audio-Überlieferungen in der Tat aber nicht vollauf bewusst zu sein.

Auf zentrale Aspekte des quellenkritischen Umgangs mit historischen Tondokumenten kommt George Brock-Nannestad zu sprechen. So sind Schallereignis und aufgezeichnetes Schallereignis klanglich eben nicht identisch. Daher muss bei einer Analyse berücksichtigt werden, inwiefern die genutzte Aufnahmetechnik das Ergebnis beeinflusst hat. Gleiches gilt für die akustische Verfremdung der Aufzeichnung durch etwaige Kopier- und Digitalisierungsvorgänge sowie die jeweilige Wiedergabetechnik. Generell ist zu bedenken, dass sich die gegenwärtige Hörsituation und damit auch der individuelle Höreindruck raumzeitlich gravierend von der ursprünglichen Hör- und Aufzeichnungssituation unterscheiden. Diese Hinweise dürften den in äußerer und innerer Quellenkritik geschulten Historiker nicht grundsätzlich überraschen, wohl aber noch einmal sensibilisieren.

Bei den weiteren Beiträgen des Bandes handelt es sich um Skizzen zur historischen Genese einzelner Schallarchive sowie – vor dem Hintergrund aktueller Digitalisierungsvorhaben – um konkrete Erfahrungs- und Projektberichte zumeist volkskundlich orientierter Audioarchive und -sammlungen. Nachgezeichnet werden etwa die Entstehung des dänischen Staatsarchivs für historische Filme und Stimmen Anfang des 20. Jahrhunderts und die Motive einer „institutionelle[n] Inwertsetzung von Volksmusik-Sammlungen“ in der Schweiz. Die Historisierung von Audioarchiven, ihrer Entstehungsbedingungen und Arbeitspraktiken erweist sich als lohnendes Unterfangen. Vorgestellt werden aber auch die Zielsetzungen und aktuellen Herausforderungen des Deutschen Volksliedarchivs in Freiburg, des Regensburger Volksmusik-Portals, des Archivs des Österreichischen Volksliedwerkes (in der Österreichischen Nationalbibliothek), des Volkslied- und Tonarchivs des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe, des Archivs für alltägliches Erzählen in Hamburg oder des Archivs erzählter Geschichte in Jena. Schade ist, dass die Expertise von geschichtswissenschaftlichen Oral-History-Archiven, Vertretern der deutschen Rundfunk(schall)archive oder des sehr umtriebigen Sound Archive der British Library nicht zur Verfügung stand. Bei aller Heterogenität wird jedoch das große (geschichts)wissenschaftliche Potenzial deutlich, das in der Verfügbarmachung originär historischer Tondokumente sowie im Forschungsprozess aufgezeichneter Lebenserinnerungen steckt.

Myriam Blieck, Mark de Geest und Brecht Declerq stellen etwa die Runderneuerung des belgischen „Eleven November Archive“ vor. Die dort aufbewahrten, vorwiegend in den 1970er-Jahren aufgezeichneten Zeitzeugeninterviews zum Ersten Weltkrieg wurden mittlerweile restauriert, digitalisiert und inhaltlich erschlossen. Unter anderem wird die Flämische Rundfunkgesellschaft VRT im Rahmen des Zentenariums 2014–2018 mit diesem Material trimediale Programmangebote gestalten. Zudem sollen ausgewählte Bestände über renommierte Online-Plattformen wie EUScreen und Europeana der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden. Durch die systematische Modernisierung der Archivinfrastruktur und der Zugänglichkeit könne das Archiv nunmehr einen wichtigen Platz im kollektiven audiovisuellen Gedächtnis Flanderns einnehmen, schließen die Autoren. Ob dies tatsächlich der Fall sein wird, bleibt freilich abzuwarten.

Ein interessantes Beispiel für neue Analysemöglichkeiten, die sich mit der Digitalisierung von Tondokumenten sowie ihrer Begleit- und Metadaten ergeben haben, liefert Louis Peter Grijp. Durch eine systematische, computergestützte Auswertung von Volksliedvarianten, wie sie in der „Dutch Song Database“ erfasst sind, lässt sich etwa die regionale Verbreitung und Wanderung bestimmter Melodien und Texte nachvollziehen. Mit den Ansätzen und Möglichkeiten der „digitalen Geisteswissenschaften“ sind wohl gerade auch in Audioarchiven noch manche Schätze zu heben.

Insgesamt besticht der Band durch seine Vielfalt an Beispielen für und Perspektiven auf einen sehr dynamischen Bereich der interdisziplinär angelegten Klanggeschichtsforschung. Diese Fülle kann Leser, die sich bislang nicht oder nur wenig mit den im Buch behandelten Fragen beschäftigt haben, aber auch abschrecken. Das sehr knappe Vorwort gibt jedenfalls keine ausreichende Einführung in die nachfolgenden Beiträge. Die teilweise detaillierten Einblicke in die technischen Schwierigkeiten von Audioarchiven während des Digitalisierungsprozesses, die von der Fragilität der ursprünglichen Datenträger über die Entscheidung für einzelne Dateiformate bis hin zur bedarfsgerechten Adaption von Open-Source-Datenbanken reichen, sind dennoch aufschlussreich, weil sie auf die Nutzbarkeit entsprechender Bestände für die Forschung entscheidenden Einfluss haben. Manche Theorieanleihe wirkt bei einer solchen Konkretion freilich aufgesetzt. Die Herausgeberin Ruth-E. Mohrmann will „eine Basis für zukünftige Perspektiven und Überlegungen“ im Umgang mit Audioquellen geben (S. 7). Dies ist gelungen. Zugleich hofft man auf eine baldige Verbreiterung dieser Basis, vielleicht auch unter Einbeziehung weiterer Archive und von klanggeschichtlich arbeitenden Historikern, damit durch eine systematische Erschließung der überlieferten Audiodokumente im Austausch mit den Bedürfnissen der Forschung der „Sound“ der Geschichte näher ergründet werden kann.

Anmerkungen:
1 Welches Potenzial eine systematische Klanggeschichtsschreibung birgt und mit welchen Schwierigkeiten sie konfrontiert ist, wurde unter anderem auf dem 49. Deutschen Historikertag in Mainz deutlich. Siehe dazu meinen Bericht zur Sektion „Sound History“, in: H-Soz-u-Kult, 26.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=4457> (08.07.2013).
2 Siehe den Bericht von Frederik Grundmeier, Audioarchive: Bewahren – Erschließen – Erforschen – Nutzen. 14.09.2011–16.09.2011, Münster, in: H-Soz-u-Kult, 10.12.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3947> (08.07.2013).
3 Die Wiederentdeckung von 1889 beziehungsweise 1890 erstellten Stimmproben Otto von Bismarcks und Helmuth von Moltkes fand im vergangenen Jahr einige öffentliche Aufmerksamkeit. Siehe – und höre – dazu etwa: Katja Iken, Sensationelle Tonaufnahmen: So klang Bismarck!, in: einestages. Zeitgeschichte auf Spiegel-Online, 31.01.2012: <http://einestages.spiegel.de/static/topicalbumbackground-xxl/24306/so_klang_bismarck.html> (08.07.2013).