C. Spang: Karl Haushofer und Japan

Cover
Titel
Karl Haushofer und Japan. Die Rezeption seiner geopolitischen Theorien in der deutschen und japanischen Politik


Autor(en)
Spang, Christian W.
Erschienen
München 2013: Iudicium-Verlag
Umfang
1.008 S.
Preis
€ 105,00
Rezensiert für H-Soz-Kult
Andreas Weiß, ass. Mitglied SFB 640, Berlin

Die für die Drucklegung überarbeitete Freiburger Dissertation von Christian W. Spang muss als enzyklopädisch bezeichnet werden. Mit seinen zahlreichen Querverweisen zu deutsch-japanischen Debatten der Zwischenkriegszeit am rechten Rand des politischen Spektrums wird es für deutschsprachige Historiker aufgrund seines feingliedrigen Aufbaus wie der beeindruckenden Quellenarbeit ein wichtiges Buch zu Karl Haushofer und seinen Einfluss auf die deutsche und japanische Geo- wie Kriegszielpolitik vor allem der 1930er- und frühen 1940er-Jahre sein. Das Buch ist damit ein Beitrag zu der sich in letzter Zeit wieder intensivierenden Diskussion um die Außenpolitik der Nationalsozialisten, ihre theoretischen Wurzeln und den deutschen Einfluss auf die japanische Politik vor und im Zweiten Weltkrieg. Denn Haushofers Bekanntheit beruht nicht unwesentlich auf seiner schon während des Zweiten Weltkrieges besonders von US-amerikanischer Seite überschätzten Rolle als Geowissenschaftler. Diese Positionierung zu hinterfragen ist ein zentrales Anliegen des Buches.

Karl Haushofer, der sich vor dem Ersten Weltkrieg für zwei Jahre als Militärbeobachter in Japan aufgehalten hatte, widmete sein wissenschaftliches Leben nach diesem Krieg der Propagierung eines antibritischen Kontinentalblockes, der Deutschland, Russland und Japan umfassen sollte und stieg so zu einem der führenden Geopolitiker der Zwischenkriegszeit auf. Besonders aufgrund seiner Freundschaft zu Rudolf Heß und seiner Besuche im Landsberger Gefängnis 1923, bei denen er auch Adolf Hitler mit Büchern versorgte, wurde viel über seinen Einfluss auf dessen strategische Überlegungen, vor allem beim Zustandekommen des Hitler-Stalin-Paktes spekuliert. Christian W. Spang kann nun nachweisen, dass dieser Einfluss deutlich überinterpretiert wurde, zumindest für die deutsche Seite, obwohl er für die frühen zwanziger Jahre Haushofers Einfluss auf Hitler für belegt hält. (S. 388, Anmerkung 108) Denn durch seine Kontakte zu führenden japanischen Militärs und Politikern dienten seine Werke, vor allem sein Konzept der „Monsunländer“, den Propagandisten der „Großostasiatischen Wohlstandssphäre“ als Inspiration und Legitimation. Wohl auch aufgrund seiner internationalen Anerkennung (hier bliebe die Frage nach der Bedeutung des japanischen Einflusses in diesem Zusammenhang zu stellen) stieg Haushofer zu einem der wichtigsten Kulturpolitiker in den deutsch-asiatischen, vor allem aber deutsch-japanischen Beziehungen auf. Allerdings bleiben in dieser Arbeit die dafür genutzten deutschen Instrumente, wie die Deutsche Akademie, deren Präsident Karl Haushofer war, etwas blass.[1]

In der Untersuchung seiner wissenschaftlichen und privaten Kontakte findet sich das wesentlich Neue dieser Arbeit zu Karl Haushofer. Seine „Sonderstellung“, ja seine ganze akademische Karriere, ist ohne seine Verbindungen mit Ostasien und ohne seinen Japanaufenthalt undenkbar. Denn während sich wichtige japanische Politiker und Militärs der starken rassistischen Komponente der nationalsozialistischen Politik durchaus bewusst waren, schien Karl Haushofer mit seinen scheinbaren Kontakten zur nationalsozialistischen Führung geeignet, diese im Sinne Japans abzumildern, und wurde in diesem Sinne von japanischer Seite kontaktiert. Er selbst sah seine wichtigste Rolle als die eines „Mittelsmann[es] zwischen Ost und West“ (S. 423) und sein guter Ruf in Japan rührte auch daher, dass Haushofer seit 1919 Japan als militärisches Vorbild für Deutschland darstellte und die deutsche und japanische Entwicklung parallelisierte. Ebenso galt er in nationalsozialistischen Regierungskreisen als Japankenner; auch wenn seine und Hitlers Vorstellungen nicht immer übereinstimmten. Hier kam Haushofer sicherlich zugute, dass er als Dozent der Bayerischen Kriegsakademie und Veteran des Ersten Weltkrieges eng mit vielen führenden Militärs verbunden war und bewusst einen militärischen Standpunkt einnahm; ein Punkt, der ihm zeitlebens wichtig war. Nicht geleugnet werden kann dabei, in welchem Ausmaß Karl Haushofer führenden Revanchisten ideologisch nahe stand.

Allerdings zeigte der Angriff auf die Sowjetunion endgültig, dass Adolf Hitler der „Rassenkampf“ viel wichtiger war als eventuelle strategische Vorteile. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass Spang davon ausgeht, dass auf japanischen und chinesischen Druck die sogenannten „Nürnberger Gesetze“ entschärft formuliert wurden und sich nur noch auf Juden und Deutsche bezogen (S. 414f.).[2] Doch auch die japanische Politik gegenüber dem Deutschen Reich war keine lineare. Die Annäherung an Deutschland bedingte sich aus der Situation in Südostasien, als die europäischen Kolonien nach den ersten deutschen Siegen 1939/40 den Japanern schutzlos ausgeliefert waren. Zwar gingen Teile der japanischen Führung klar von einem Weltkrieg zwischen Japan und den späteren Alliierten aus, wobei auch hier die UdSSR die Rolle des „Erzfeind(es)“ einnahm (S. 640). Doch Hitler griff, laut Spang, die UdSSR auch deshalb an, weil Japan sich an die USA anzunähern schien (S. 451). Nach dem Überfall auf die Sowjetunion (und dem Heß-Flug) spielte Haushofer allerdings keine Rolle mehr in der NS-Außenpolitik. Dies zeigt, wie sehr seine Rolle oft überbewertet wurde und wie unabhängig Hitler von seinen Beratern agierte, wollten doch auch Teile der Wehrmacht einen Zweifrontenkrieg eigentlich vermeiden. Allerdings bleibt Spang in diesem (und anderen) Abschnitt(en) nicht ganz widerspruchsfrei, was sicher auch an der sprunghaften Außenpolitik des „Dritten Reiches“ liegen dürfte.

Dem Buch ist eine englische Übersetzung zu wünschen, die dazu genutzt werden sollte, den Text zu straffen und Redundanzen zu entfernen. Auch wünscht man sich gelegentlich pointiertere Aussagen vor allem zum Rassismus; hier bleibt Spang manchmal etwas schwammig, auch wenn er sich in der zweiten Hälfte des Textes stärker positioniert. Doch bleibt das Buch eine wahre Fundgrube an Namen, Querverweisen, Literatur für die Beziehungen zwischen Deutschland und Japan in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wobei die eindeutigen Stärken und der wesentliche Beitrag auf der Untersuchung der japanischen Seite liegen. Ein präzises Resümee mit Ausblick und ein exzellenter Anhang, der fast ein Drittel des Gesamtumfanges ausmacht, runden das Buch ab. Insgesamt handelt es sich um einen gelungenen Versuch, der Komplexität der Figur Haushofer, seiner Vorstellungen und seines politischen und wissenschaftlichen Einflusses gerecht zu werden. Bemerkenswert ist, dass Spangs Buch zwar „nur“ das Ziel hat, bisher zu wenig reflektierte Querverbindungen aufzuzeigen, zusätzlich aber interessante Beziehungen zwischen den neuen Disziplinen Geographie, Politologie und den entstehenden Regionalwissenschaften nahelegt. Zusammenfassend handelt es sich um eine lesbare Monographie zu einer Person, deren Lebenslauf sowohl singulär wie gleichzeitig paradigmatisch für die deutsch-japanischen Beziehungen zwischen etwa 1900 und 1945 steht. Spang zeigt hierbei auf, von welchen Zufällen, aber auch Netzwerken und Unterstützern die Karriere Haushofers abhing, nicht zuletzt der materiellen Zuarbeit seiner Frau, und wie wenig langfristiges, planvolles Handeln hinter seinem Werk stand.

Anmerkungen:
[1] Dieser Aspekt wurde zum Beispiel in neueren Arbeiten zum Bild des Faschismus in Asien untersucht: Maria Framke, Achse Delhi-Rom-Berlin. Die indische Wahrnehmung von Faschismus und Nationalsozialismus 1922–1939, Darmstadt 2013, insb. S. 66–80.
[2] Allerdings machten einige Deutschjapaner deutlich negativere Erfahrungen mit der Rassenpolitik des „Dritten Reichs“; vgl. Herbert Worm, War Karl Florenz ein Verehrer Adolf Hitlers? Eine deutsche Preisverleihung in Tokyo, in: Nachrichten der Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens 44 (1988), S. 31–58, hier S. 48 und Anmerkung 57 mit weiterführender Literatur.

Zitation
Andreas Weiß: Rezension zu: Spang, Christian W.: Karl Haushofer und Japan. Die Rezeption seiner geopolitischen Theorien in der deutschen und japanischen Politik. München 2013, in: H-Soz-Kult, 19.11.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21295>.
Redaktion
Veröffentlicht am
19.11.2013
Beiträger
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Land (Publikation)
Sprache (Publikation)