F. Clavert u.a. (Hrsg.): L'histoire contemporaine à l'ère du numérique

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Titel
L'histoire contemporaine à l'ère du numérique.


Hrsg. v.
Clavert, Frédéric; Noiret, Serge
Erschienen
Bruxelles 2013: Peter Lang/Bern
Umfang
381 S.
Rezensiert für H-Soz-Kult
Guido Koller, Schweizerisches Bundesarchiv Bern

Die Geisteswissenschaften unterliegen einem steten, in jüngster Zeit aber beschleunigten Wandel. Dieser hat mittlerweile einen prägnanten Namen: Digital Humanities. Und dieser Name ist Programm – die Geisteswissenschaften sollen fit gemacht werden für das digitale Zeitalter. Im Oktober 2009 fand dazu ein vom Centre virtuel de la connaissance sur l’Europe und der University of Luxembourg organisiertes Symposium statt. Ziel war es, die neuen Quellen, Instrumente und Methoden der Zeitgeschichte in den Blick zu nehmen. Die Beiträge liegen nun in einem Sammelband vor, herausgegeben von Frédéric Clavert und Serge Noiret, zwei Protagonisten der Digital Humanities in Europa.

Sie erinnern in ihrer Einleitung an Emmanuel Le Roy Ladurie[1], der 1973 prophezeite, dass zukünftige Historiker entweder Programmierer oder dann gar nicht mehr sein werden. Ist es so gekommen? Die Herausgeber vergleichen die gegenwärtige digitale Revolution mit der Erfindung des Buchdruckes in der Renaissance. Der Wandel betrifft nicht nur die eingesetzten Ressourcen, Instrumente und Methoden, sondern wirkt sich auch auf die Epistemologie und Theorien der Geschichtsschreibung aus. Ein grundlegender Wandel also, den Clavert und Noiret als „digital turn“ bezeichnen. Sie plädieren für eine Zusammenarbeit zwischen Computerspezialisten und Historikern, um diesem Wandel zu entsprechen. Le Roy Ladurie scheint also tatsächlich Recht zu bekommen.

Eine besondere Chance und Herausforderung ist das Web 2.0. Es demontiert professionelle, zum Teil festgefahrene, Autoritäten und destabilisiert die Produktion und Vermittlung von Wissen. Das traditionelle Konzept von Autorenschaft funktioniert nicht mehr, was allerdings Michel Foucault schon lange vor dem Internet festgestellt hat.[2] Clavert und Noiret fordern, historiographische Methoden zu erneuern und sich den Digital Humanities anzuschliessen. Sie skizzieren damit eine Entwicklung, die eine Konvergenz der Methodik in den verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaft impliziert.

Marin Dacos zeigt im ersten Teil des Tagungsbandes, was das für die Infrastrukturen der Geschichts- und Geisteswissenschaften bedeutet. Sie gewährleisten den Zugang, die Stabilität, Interoperabilität und die Auswertung von Forschungsdaten.[3] Ein Beispiel ist OpenEdition, welche ein Informationssystem betreibt, das flexibel den Anforderungen der Forscher entspricht und gleichzeitig die langfristige Verfügbarkeit der Daten gewährleistet.

Grundlage für neue Forschungsanwendungen ist auch das Web 2.0. Gino Roncaglia bespricht die Schlüsselkonzepte dazu: User-generated Content, Semantik (Metadaten, Tagging), „kollaboratives Filtern“, RSS feeds, Mash-up, Apps und Design. Diese Features ermöglichen es, Informationen einfach zu klassifizieren, auszuwählen, zu teilen, zu aggregieren und zu nutzen. Sie sind die (technische) Basis für soziale Netzwerke, welche den riesigen Erfolg des interaktiven Web 2.0 ausmachen. Die Geisteswissenschaften können davon lernen, ihre Forschungen neu zu strukturieren.

Serge Noiret macht daraus „Digital History 2.0“. Er orientiert sich dabei kritisch an Wikipedia, einem Informationsangebot, das sehr viele User anzieht, gleichzeitig aber wenig „akademischen Inhalt“ enthält. Es gelte, die Hypertext-Architektur mit ihrer je logischen, sichtbaren und aktiven Ebene sorgfältig zu analysieren. Das Web bietet eine ausgezeichnete Möglichkeit für Public History, in der sich das Verhältnis zwischen Historikern und Publikum neu formiert. Noiret zeigt in vielen Beispielen, wie Menschen sich beteiligen und so ganze „Geschichtslandschaften“ bauen, die früher nie denkbar gewesen wären.[4]

Das Buch enthält in seinem zweiten Teil weitere Bespiele von Projekten für die Auswertung von Quellen: Das Archiv des Europäischen Parlamentes (Andreas Bagias), die französische Presse (Annick Batard) und die belgische Justiz (Aurore François). Von besonderem Interesse ist das Projekt Parallel Archive, welches Quellen aus verschiedenen Archiven Ungarns einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich macht (Eva Deák). Motiv und Ziel dieses Experimentes lassen sich im Motto von Parallel Archive ablesen: „Turn matters of fact into matters of concern“. Es lohnt sich, dieses Experiment zu verfolgen, weil es doch mit etlichen offenen methodischen Fragen verbunden sein dürfte. Daneben wurden in diesem Teil der Tagung wichtige Fragen der bibliothekarischen Digitalisierung (Stefan Halikowski-Smith), digitale Fotos (Patrick Peccatte) und der „Heterographie in der Geschichtsschreibung“ thematisiert (Genaro Vilanova Miranda de Oliveira).

Die Tagung widmete sich eingehend Fragen der Methode und des Schreibens. Sie bilden den dritten Teil des Bandes. Ein Beispiel ist Olivier Le Deuff, der das Risiko von „Infopollution“ in der Geschichte betont. Er ist skeptisch, ob Wissenschaft und Web 2.0 wirklich zusammen kommen können. Demgegenüber betont Tito Menzani den grossen Nutzen des Web für den „wissenschaftlichen Output“. Die Historiographie der Kooperativen in Italien litt bis anhin unter der Tatsache, dass die Quellen in hunderten kleiner Archive verstreut waren. Jetzt hilft das Web, sie virtuell zu einem Verbund zu aggregieren, damit Recherchen zu erleichtern und die Kommunikation ihrer Ergebnisse zu verbessern. Der „Vertrieb der Produkte“ historischen Arbeitens ist auch das Thema weiterer Beiträge: Die Geschichte (und Erinnerung) regionaler Migration (Philippe Rygiel), des Fliessbandes bei Renault (Alain Michel, Shadia Kilouchi), jüdischer Traditionen (Gerben Zaagsma) und des Kampfes gegen Holocaust-Leugner (Tsuriel Rashi, Isaac Hershkovitz).

Das Highlight in diesem methodischen Teil des Sammelbandes ist der Beitrag von David J. Bodenhamer. Er setzt beim spatial turn in der Geschichtsforschung an und verbindet ihn mit dem Potential des Web 2.0. Raum als „komplexe soziale Formation“ kann mit Hilfe von Geographischen Informationssystemen (GIS) die Distanz zwischen Betrachter und Betrachtetem reduzieren, die Vergangenheit so dynamisch und kontingent wie die Gegenwart erscheinen lassen. Dies erfordert es, Geschichte als Praxis zu sehen. Zeit ist dann eine Serie von Gegenwarten, die sich um einen bestimmten Ort gruppieren. Geographie verortet uns auf einer physikalischen Landkarte, Geschichte in der Zeit. Beides, Struktur und Aktivität, gilt es zu verbinden, um der „dichten Kontingenz“ allen sozialen Lebens gerecht zu werden. Wenn wir Zeit in Bewegung verwandeln, sehen wir dynamische Muster, die wiederum gemeinsame Gründe oder kausale Beziehungen erkennen lassen. Das „geospatiale Web“ bildet den Kern eines möglichen „universal humanities GIS“ (Trevor Harris), in dem die Teilnehmer zugleich Produzenten und Konsumenten von Daten sind. Eine „deep map“ würde jedes Objekt – Brief, Foto, Bericht et cetera. – in Zeit und Raum verankern und so jede einzelne Sicht auf unseres kulturelles Erbe zu erhalten erlauben. Faszinierend!

Der vierte Teil des Bandes widmet sich der „digitalen Umgebung“. Richard Hacken bespricht in seinem Beitrag über die „Online Primary Documentation“ in Anlehnung an Walter Benjamin die Frage der Authentizität im digitalen Zeitalter, das eine originalgetreue Kopie nunmehr sehr einfach macht. Enrica Salvatori nutzt Wikipedia, Facebook und Second Life für ihre Mittelalter-Vorlesungen. Sie plädiert leidenschaftlich für die Ausbildung von „Digital Humanists“, um die neuen attraktiven digitalen Möglichkeiten für die Gestaltung und Vermittlung von Geschichte einsetzen zu können. Weitere Beispiele für die Nutzung der „digitalen Umgebung“ sind Museen (Marie-Pierre Besnard), Bibliotheken (Milagros García Pérez, Cristina Blanco Sío-López) und die Musik (Elodie Nowinski).

„Ermöglicht das Web ein besseres Verständnis von Geschichte?“ Diese Frage stand hinter allen Beiträgen dieses Symposiums. Neue Techniken und neue Medien eröffnen neue Möglichkeiten. Die Beiträge zeigen, dass dies 2009 vor allem beim Zugang zu Quellen und bei der Vermittlung historischer Themen der Fall war. Für die Organisation von Forschungen und die Vermittlung von Resultaten wurde das Web zu diesem Zeitpunkt noch erstaunlich wenig eingesetzt. Das hat sich in der Zwischenzeit stark geändert. Die Geisteswissenschaften sind dabei, Forschungsinfrastrukturen aufzubauen, um den Zugang zu Quellen, die Sicherung von Daten und die Vermittlung von Ergebnissen integral zu erleichtern. Dabei zeichnet sich ein neuer Trend ab: die datengetriebene Forschung, welche die Geisteswissenschaften wohl noch näher an die Sozialwissenschaften rücken wird.[5] Ob das, wie an der Hamburger Konferenz 2012 postuliert[6], in einem „empirical turn“ enden wird, ist zurzeit noch offen.

Die Tagung zeigte eindrücklich die Realität des „digital turn“ in den Geisteswissenschaften und welche Ängste er auslösen kann. Vielleicht hängen diese Ängste mit der unglaublichen Geschwindigkeit zusammen, mit der dieser Wandel von Statten geht. Aber mittlerweile ist klar, wie Frédéric Clavert im Schlusskapitel betont, dass die digitale Welt die Produktion und Vermittlung von Information und Wissen revolutioniert. Daten, Algorithmen und Design stellen unsere althergebrachte Vorstellung von Geschichte in Frage. Wir erkennen, endlich: Geschichte ist für alle da!

Anmerkungen:
[1] Emmanuel Le Roy Ladurie, Le territoire de l’historien, Paris 1973.
[2] Vgl. dazu Guido Koller, Foucault revisited for the Digital Humanities, 10.05.2012, in: Hypotheses <http://wethink.hypotheses.org/280> (16.09.2013).
[3] Die European Science Foundation hat dazu einen ausgezeichneten Bericht veröffentlicht: Research Infrastructures in the Digital Humanities, in: Science Policy Briefing, Nr. 42, September 2011.
[4] Vgl. dazu Guido Koller, We think History, <http://wethink.hypotheses.org/> (16.09.2013); eine interessante Analyse der Chancen kollaborativen Arbeitens am Beispiel Wikipedia: Guido Koller, We think: Charles Leadbeater and the Digital Humanities, 06.03.2012, in: Hypotheses <http://wethink.hypotheses.org/24> (16.09.2013).
[5] Vgl. Guido Koller, Digital_Humanities: THE Book!, 28.11.2012, in: Hypotheses <http://wethink.hypotheses.org/854> (16.09.2013).
[6] Vgl. Guido Koller, Empirical turn in the Humanities? The Frankfurter Allgemeine on the results of the Hamburg conference 2012, 31.07.2012, in: Hypotheses <http://wethink.hypotheses.org/542> (16.09.2013).

Zitation
Guido Koller: Rezension zu: Clavert, Frédéric; Noiret, Serge (Hrsg.): L'histoire contemporaine à l'ère du numérique. Bruxelles 2013, in: H-Soz-Kult, 02.10.2013, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21365>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.10.2013
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann). http://www.infoclio.ch/
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