Cover
Titel
Caliphs and Kings. Spain, 796–1031


Autor(en)
Collins, Roger
Erschienen
Chichester 2014: Wiley-Blackwell
Umfang
328 S.
Preis
€ 29,60
Rezensiert für H-Soz-Kult
Andreas Obenaus, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Universität Wien

Rund ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis die ursprünglich im Blackwell Verlag begonnene und dann von Wiley-Blackwell weitergeführte Reihe „A History of Spain“, bei der es sich um die erste mehrbändige Reihe zur Geschichte Spaniens in englischer Sprache handelt, zu Ende geführt wurde. Das hier zur Rezension vorliegende Buch „Caliphs and Kings: Spain, 796–1031“, das Anfang 2014 als Paperback und bereits 2012 als Hardcover erschienen ist, bildet dabei den vierzehnten und letzten Band. Sein Autor, der Mediävist Roger Collins, ist im Rahmen dieser Reihe kein Unbekannter. So trat er bereits als Verfasser der beiden chronologisch vorangehenden Titel, „Visigothic Spain 409–711“[1] und „The Arab Conquest of Spain, 710–797“[2], in Erscheinung. Dass gerade dieser Band, der die Epoche des späten Frühmittelalters behandelt, den Abschluss jener Reihe bildet, darf dabei nicht allzu sehr verwundern. So zählt doch gerade diese Phase spanischer beziehungsweise iberischer Geschichte sicher im Hinblick auf ihre Aufarbeitung und Darstellung zu den schwierigsten.

Roger Collins darf man als Fachmann für die Geschichte des westeuropäischen Frühmittelalters bezeichnen, wobei sein Hauptforschungsinteresse der Iberischen Halbinsel gilt. Neben den genannten Titeln verfasste er gerade in diesem Bereich unter anderem Monographien über das frühmittelalterliche Spanien[3], die Basken[4] sowie einen archäologischen Führer zu Spanien.[5]

Sein hier zu besprechendes Buch schließt inhaltlich an den Vorgängerband „The Arab Conquest of Spain, 710–797“ an, in dem die muslimische Machtübernahme in weiten Teilen der Iberischen Halbinsel, die Anfänge des umaiyadischen Emirats von Córdoba sowie des christlichen Königreichs von Asturien die beherrschenden Themen sind. Im neuen Band stellt Collins nun die historischen Entwicklungen auf der Iberischen Halbinsel vom Ende des 8. Jahrhunderts bis ins frühe 11. Jahrhundert in Überblicksform dar. Besonderes Augenmerk legt er auf die Fragen nach dem Entstehen, dem Funktionieren, dem Interagieren sowie den Konflikten der verschiedenen Herrschaftsbereiche dieses Raumes. Dabei kommt dem islamisch dominierten Al-Andalus sicher eine gewisse Hauptrolle zu, was bereits aus den Jahresangaben im Untertitel (796: Herrschaftsantritt des dritten umaiyadischen Emirs Al-Ḥakam I.; 1031: Ende des umaiyadischen Kalifats) zu erkennen ist. Trotzdem werden die sich langsam im Norden der Iberischen Halbinsel herausbildenden christlichen Herrschaftsbereiche von Collins in keiner Weise vernachlässigt. Immer wieder geht der Autor auch auf die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen dieser muslimisch und christlich beherrschten Gebiete ein und stellt manche, wie die christliche Bevölkerung von Al-Andalus, auch detaillierter vor. Politische, soziale und kulturelle Aspekte bilden also das Fundament für seine Darstellung der Geschichte der Iberischen Halbinsel im späten Frühmittelalter, wobei er gerade mit dem in der populären historischen Forschung oft propagierten Bild von einem fortschrittlichen und toleranten islamisch beherrschten Al-Andalus durchaus bricht. Seine Schlüsse zieht Collins dabei primär aus dem bekannten Corpus an schriftlichen Quellen, sowohl lateinischen als auch arabischen, die er kritisch auswertet und der Leserschaft mit ihren Stärken und Schwächen präsentiert. Archäologische Befunde werden von ihm gelegentlich erwähnt, bilden aber keine Hauptinformationsquelle. Beigefügte Stammbäume der umaiyadischen Herrscher von Al-Andalus sowie der Königshäuser von Asturien, Léon und Navarra stellen für die Leserschaft eine wichtige Ergänzung dar. Die vier abgedruckten Karten (Al-Andalus um 1030, Oberes Ebrotal um 900, Grafschaft Kastilien sowie die Katalanischen Grafschaften um 1010) hingegen sind zwar gut gemeint, aber eher schlecht ausgewählt, da zu viele im Text erwähnte Orte und Regionen darauf nicht zu finden sind. Auf sonstige Abbildungen wurde scheinbar bewusst verzichtet. Erwähnenswert sind noch ein kurzes Glossar – fast ausschließlich zu arabischen Begriffen – sowie ein umfangreiches und den aktuellen Forschungsstand widerspiegelndes Quellen- und Literaturverzeichnis.

Gegliedert ist dieser Band – neben einer kurzen Einleitung – in neun große Kapitel. Die Einleitung bildet dabei einen gewissen Anschluss zum Vorgängerband, wobei Roger Collins bewusst neue Forschungsergebnisse im Hinblick auf die muslimische Machtübernahme und die frühe Phase der umaiyadischen Herrschaft präsentiert. Das erste und zweite Kapitel sind danach Al-Andalus im Zeitraum von 796 bis 888 und dem Königreich von Asturien im Zeitraum von 791 bis 910 gewidmet. Interessant ist hier vor allem die Darstellung des umaiyadischen Emirats als eher instabiles Herrschaftsgefüge, das sich in einem fast permanenten Kriegszustand mit äußeren Feinden und inneren Aufständischen befand. Im dritten und vierten Kapitel stehen soziale und kulturelle Phänomene im Vordergrund. So beschreibt Collins einerseits die christliche Bevölkerung von Al-Andalus und andererseits das Mönchtum, dessen Wissens- und Kulturvermittlung sowie die zunehmende Heiligenverehrung (vor allem den Kult um den heiligen Jakobus) im christlichen Norden. Das fünfte Kapitel zeigt Al-Andalus von 888 bis 928 in einer Phase, in der sich die Zentralmacht von Córdoba nur langsam gegen lokale Machthaber und Aufständische, wie die Banū Ḥafṣ, durchsetzen konnte. Die Entstehung des Königreichs Léon aus dem asturischen Königreich heraus sowie seine Entwicklung von 910 bis 1037 bildet den Inhalt des sechsten Kapitels. Das siebente Kapitel präsentiert Al-Andalus einerseits am politischen und kulturellen Höhepunkt in den ersten Jahrzehnten nach der Ausrufung des umaiyadischen Kalifats im Jahr 929, andererseits aber auch in einer Phase von Bürgerkriegen, die zum Zerbrechen und faktischen Ende des Kalifats im Jahr 1031 führten. Den Abschluss bilden schließlich zwei weitere Kapitel, die die Entstehung des Königreichs von Navarra, der Pyrenäenherrschaften (Aragón, Pallars und Ribagorza, Katalanische Grafschaften) von 799 bis 1035 sowie der Grafschaft von Kastilien von circa 860 bis 1037 im Überblick darstellen.

Zusammenfassend lässt sich anmerken, dass Roger Collins mit seinem Buch ein fachlich fundierter, teilweise kritisch neu bewertender und vor allem sehr leserlich geschriebener Überblick über die Geschichte der Iberischen Halbinsel im späten Frühmittelalter gelungen ist. Will man auf einige Mängel Hinweisen, so wäre ein teilweise unaufmerksames Lektorat, das doch etliche Tippfehler übersehen hat, die nicht unbedingt gelungene Kartenauswahl und auch die etwas unsaubere Verwendung des Begriffs Spanien (besser wäre wohl oft die Verwendung des Begriffs „Iberische Halbinsel“ gewesen) zu erwähnen. Insgesamt ist das Werk von Roger Collins jedoch sicher eine Bereicherung für die Fachwelt, aber auch eine sehr nützliche Einstiegslektüre für StudentInnen. Dabei werden die oft schon eingefahrenen Bahnen der spanischen und französischen Mediävisten und Arabisten im Hinblick auf die Aufarbeitung der Geschichte der Iberischen Halbinsel – und vor allem von Al-Andalus – im Frühmittelalter gekonnt vermieden.

Anmerkungen:
[1] Roger Collins, Visigothic Spain 409–711, Oxford 2004.
[2] Roger Collins, The Arab Conquest of Spain, Oxford 1989.
[3] Roger Collins, Early Medieval Spain: Unity in Diversity, 400–1000, London 1983.
[4] Roger Collins, The Basques, Oxford 1986.
[5] Roger Collins, Oxford Archaeological Guide to Spain, Oxford 1998.

Zitation
Andreas Obenaus: Rezension zu: Collins, Roger: Caliphs and Kings. Spain, 796–1031. Chichester 2014, in: H-Soz-Kult, 05.03.2014, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21760>.
Redaktion
Veröffentlicht am
05.03.2014
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Land (Publikation)
Sprache (Publikation)